Unterhaltung

Neuauflagen von Who und Small Faces: Musik, die niemals stirbt

Von Manfred Bleskin

Als Mods bezeichnete man seit den späten 50ern die Anhänger einer aus der jugendlichen Arbeiterklasse entstandenen Subkultur, deren wichtigste musikalische Vertreter die Who und die Small Faces waren. Drei Neueditionen dokumentieren jetzt Etappen der Entwicklung einer Stilrichtung, die sich nicht hinter Beatles, Kinks und Rolling Stones zu verstecken braucht.

The Who gehören unbestritten zu den wichtigsten und besten Bands jenes musikalischen Aufbruchs im Britannien der frühen 60er, welcher der Welt den Rock 'n' Roll zurückbrachte und bis heute prägend ist für gute Populärmusik. Schon ihre erste, nunmehr wieder aufgelegte Platte "My Generation" legt Zeugnis ab von einer ungewöhnlichen Spielweise. Dabei wollte die Band – zumindest musikalisch – nach Aussage von Pete Townshend, Komponist, Gitarrist und gelegentlichem Sänger, eigentlich gar nicht anders sein als die Kinks, an deren Riffs von "You Really Got Me" und "All Day And All Of The Night" sich die erste Single "I Can't Explain" (1965) orientierte.

Doch schon das Album "My Generation" (1965) zeigte, dass die Band eigene Wege beschreiten wollte. Der Titelsong mit Townshends röhrender Gitarre, den Basssoli von John Entwistle, dem brüllenden Gesang von Roger Daltrey und dem hämmernden Schlagzeug von Keith Moon war etwas bis dato nie Dagewesenes. Textlich geht es wie in vielen der frühen Tracks um Jugendprobleme. Der Song mit der fragwürdigen Textzeile "Hope I die before I get old" wurde zum Credo der Mods, einer Subkultur, die Ende der 50er Jahre in Kreisen jugendlicher Arbeiter entstanden war.

Auf der Höhe des Ruhmes

Der Erfolg der Band kann sicher nicht linear mit dem der Beatles verglichen werden. Aber kurioserweise lehnte die Emi, die Plattenfirma der Fab Four, die Who ab. Eine eklatante Fehlentscheidung, wie sich erweisen sollte. Die Mannen um Master Pete landeten dann bei Decca, jener Firma, die drei Jahre zuvor John, Paul, George und den damaligen Drummer Pete Best abgewiesen hatte.

Das Doppelalbum "Live At Hull 1970" zeigt eine Band, die sich auf der Höhe ihres Ruhmes bewegt. Die Aufnahmen entstanden am 15. Februar, nur einen Tag nach dem – bislang – berühmteren "Live At Leeds". Das Line-up ähnelt dem von Leeds. Neben Eigenkompositionen wie "I Can't Explain", "I'm A Boy", Substitute" und ein fast 16minütiges "My Generation" spielten die Who auch Klassiker des Rock 'n' Roll wie Eddie Chochrans unvergessliches "Summertime Blues" und "Shakin' All Over" der frühen englischen Beatband Johnny Kidd & The Pirates. CD 2 enthält eine fast vollständige Aufnahme der Rockoper "Tommy", welche die Band 1969 aufgenommen hatte. Zurzeit befinden sich die beiden überlebenden Bandmitglieder Townshend und Daltrey auf einer ausgedehnten Tour durch die USA. Das Hopsen auf der Bühne gelingt Townshend nicht mehr so richtig, aber die kreisenden Anschläge auf der "Rickenbacker" kriegt er immer noch gut hin. Und Sänger Daltrey schwingt das Mikro immer noch so wie damals in Hull. Vielleicht ändert Pete ja jetzt die historische Zeile aus "My Generation" in "Hope we’ll never die! Even if we're dead!" Grund genug gäbe es dafür.

Berühmte Tabakdose darf nicht fehlen

Die Small Faces stammen ebenso wie die Who aus London und gehörten wie diese zur Mod-Szene. Das jetzt neuaufgelegte Album "Ogdens' Nut Gone Flake" entstand 1968 und gehört wie "Tommy" von den Who in die Reihe der Konzeptalben, die 1966 mit "Pet Sounds" von den Beach Boys ihren Anfang genommen hatte. Es landete auf Platz 1 der UK Album Charts, ein Erfolg, den die Who bis dahin nicht erreicht hatten. Das gelang Townshend & Co. erst 1971 mit "Who's Next?".

Die jetzige Ausgabe von "Ogdens' Nut Gone Flake" zeigt auf dem Cover natürlich die berühmte Tabaksdose: Eingebunden in die Edition ist ein Büchlein mit Fotos und einem Text über die Band um die zu früh verstorbenen Steve Marriott (Gitarre, Gesang) und Ronnie Lane (Bass). Drummer Kenney Jones ging nach dem Tod von Keith Moon zu den Who, dessen wunderbar dynamische Spielweise er allerdings nur bedingt erreichte. Die erste Seite des Originalvinyls beinhaltet zumeist Songs in radiofähiger Länge, darunter den im heimischen Cockney-Slang gesungenen Hit "Lazy Sunday".

Die Rückseite der Scheibe aber bringt dann das eigentliche Highlight: die vom Comedian Stanley Unwin erzählte Geschichte vom Happiness Stan, der die andere Hälfte des Mondes sucht und dabei von einem Schwarm Fliegen zu Mad John geflogen wird, der ihm dann nicht nur das Ding mit der zweiten Mondhälfte verklickert, sondern auch noch die eigentliche Philosophie des Lebens. Äußerst amüsant das Ganze, umso mehr als der Storyteller die Geschichte in Gobbledygook darbietet, einem nur schwer verständlichen, aber eben lustigen Kauderwelsch. Resümee: Kultur kann so schön sein.

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Quelle: n-tv.de

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