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Täter und Opfer - Wolfgang Priklopil folterte Natascha Kampusch mit Essensentzug (Filmszene).
Täter und Opfer - Wolfgang Priklopil folterte Natascha Kampusch mit Essensentzug (Filmszene).(Foto: Constantin Film Verleih GmbH/Jürgen Olczyk)

Beklemmung im Kinosessel: Natascha Kampuschs "3096 Tage"

Von Volker Probst

Nun hat die tragische Geschichte von Natascha Kampusch auch die Kinosäle erreicht. Basierend auf der Autobiografie der Österreicherin gibt "3096 Tage" Einblick in ihr mehr als achtjähriges Martyrium. Ein ganz und gar zwiespältiges Kino"vergnügen".

Man kann bei diesem Film nur mit gemischten Gefühlen ins Kino gehen. Wie oft hat man sich nicht Verbrechen, Gewalt, ja, sogar Folter nur zur puren Unterhaltung angesehen. Das fängt beim einfachen "Tatort" an und endet bei Horrorfilmen wie "Saw". Viele Streifen leben gerade von dem Thrill, eine fremde, kranke und aberwitzige Welt zu zeigen. Und weil ja alles nur Fiktion ist, kann man sie problemlos Popcorn futternd genießen.

Die 10-jährige Kampusch wurde am 2. März 1998 entführt (Filmszene).
Die 10-jährige Kampusch wurde am 2. März 1998 entführt (Filmszene).(Foto: Constantin Film Verleih GmbH/Jürgen Olczyk)

Bei "3096 Tage" ist das anders. Ganz anders, auch wenn der Streifen über das mehr als achtjährige Martyrium der Natascha Kampusch natürlich bei Weitem nicht der erste Film ist, der den Rahmen der reinen Fiktion sprengt. Kinoadaptionen, die "auf wahren Begebenheiten" beruhen, und "Doku-Dramen" gibt es wie Sand am Meer. Und auch der Trend, Geschichten, die das Leben geschrieben hat, immer schneller und zeitnaher in Drehbücher umzumünzen, ist alles andere als neu. Von der Facebook-Gründung bis zum Film "The Social Network" vergingen sechs Jahre. Nur fünf Jahre dauerte es, bis nach dem 11. September 2001 der Aufstand der Passagiere des Flugs "United 93" im Kino nacherzählt wurde. Und um die Eliminierung Osama bin Ladens in "Zero Dark Thirty" auf die Leinwand zu bringen, benötigte Hollywood noch nicht einmal mehr zwei Jahre.

Werden tragische Geschehnisse wie die Anschläge von "9/11" realitätsnah nachgestellt, kann einem das durchaus nahegehen. Dass sich im Falle von "3096 Tage" und des Schicksals von Natascha Kampusch in besonderem Maß Beklemmung einstellt, hat mehrere Gründe, die ihren Ursprung sowohl auf als auch außerhalb der Leinwand haben. Die geografische wie zeitliche Nähe des Falls -  die Flucht der Österreicherin vor ihrem Entführer Wolfgang Priklopil ereignete sich am 23. August 2006 - ist dabei nur ein externer Faktor. Ein anderer ist, dass Kampusch selbst als Kronzeugin fungieren kann. Vorlage für den Film "3096 Tage" war nicht nur ihre gleichnamige Autobiografie. Ihr zufolge kommen die gezeigten Szenen auch "ziemlich an die Realität heran". Ob sich indes etwa die Ereignisse an Bord von "United 93" tatsächlich so oder so ähnlich wie im Kino dargestellt zugetragen haben, kann niemand mehr zweifelsfrei bezeugen.

"Die wahre Geschichte"

Aus seinem Anspruch auf Authentizität macht "3096 Tage" auch keinerlei Hehl. Von einem Beruhen auf "wahren Begebenheiten" oder einer auf dem Schicksal Kampuschs "basierenden Geschichte" ist hier nicht die Rede. Nein, Natascha Kampusch heißt im Film Natascha Kampusch. Ihr Entführer, dessen Namen sie heute im realen Leben nicht mehr aussprechen will, outet sich im Film zumindest als "Wolfgang". Und auch das auf der Leinwand gezeigte räumliche Umfeld gleicht natürlich dem Schauplatz im österreichischen Bezirk Gänserndorf, im dem der echte Wolfgang Priklopil sein Opfer jahrelang einsperrte und festhielt. "3096 Tage" soll keine Annäherung sein. Laut Untertitel erzählt der Film vielmehr "die wahre Geschichte der Natascha Kampusch".

Sie spielen Natascha Kampusch als Mädchen und Jugendliche: Amelia Pidgeon (l.) und Antonia Campbell-Hughes.
Sie spielen Natascha Kampusch als Mädchen und Jugendliche: Amelia Pidgeon (l.) und Antonia Campbell-Hughes.(Foto: Constantin Film Verleih GmbH/Jürgen Olczyk)

All das dürfte zu der betretenen Stimmung während der Pressevorführung des Streifens beigetragen haben. Wirklich niemand wagte zu tuscheln, zu rascheln oder gar mal zu lachen. Oftmals werden noch so schreckliche Geschichten im Kino durch einen Anflug von Ironie gebrochen. Wegen des realen Martyriums von Natascha Kampusch bietet "3096 Tage" dazu jedoch keinerlei Raum. Bei einem anderen Film würde man über die Skurrilität der Szene, in der ein Polizist die soeben vor ihrem Peiniger geflohene Frau erst einmal nach ihrem Ausweis fragt, vermutlich schmunzeln. Hier bleibt einem das Lachen im Halse stecken.

Unterstützt von Star-Kameramann Michael Ballhaus ist es Regisseurin Sherry Hormann gelungen, Kampuschs Geschichte in einem schauderhaft eindringlichen Zeitraffer einzufangen. Es ist eine Geschichte von Gewalt, Folter, Missbrauch und Dominanz. Sowohl Amelia Pidgeon als kleine Natascha als auch Antonia Campell-Hughes, die das abgemagerte Mädchen als Jugendliche verkörpert, spielen erschreckend überzeugend. Aber auch die Darstellung von Wolfgang Priklopil durch den Dänen Thore Lindhardt ist nicht minder hervorzuheben. "3096 Tage" war das letzte Projekt von Filmmogul Bernd Eichinger, ehe er 2011 überraschend starb. Sein unvollendetes Drehbuch wurde von Ruth Thoma vollendet.

Begreifbar und ergreifend

In der Natur der Sache liegt es, dass das Wesen des Films über weite Strecken einem düsteren Kammerspiel gleicht. Hierin liegt zweifellos ein weiterer Schlüssel für das außerordentliche Unbehagen, das die Geschichte auslöst. Es ist die Geschichte eines individuellen Schicksals. Das Leid eines Einzelnen ist für den außenstehenden Betrachter generell intensiver zu erfahren als das einer eher anonymen Masse. Das macht es begreifbarer - und damit in der Rezeption auch ergreifender.

Bei der Premiere in Wien kam sie - und schwieg: die "echte" Natascha Kampusch.
Bei der Premiere in Wien kam sie - und schwieg: die "echte" Natascha Kampusch.(Foto: picture alliance / dpa)

Die größte Leistung des Films ist es, dass er eine Ahnung von dem psychologisch komplexen Beziehungsgeflecht zwischen Täter und Opfer vermittelt. Kampuschs Verhaltensmuster gegenüber ihrem Peiniger wirken bis heute für manche unverständlich. Ausgerechnet ihr Vater hat just zum Kinostart von "3096 Tage" ein Buch veröffentlicht, in dem er ihr schwere Vorwürfe macht und ihre Darstellung von der Zeit in der Gewalt Priklopils massiv in Zweifel zieht. "3096 Tage" indes eröffnet einem eine Vorstellung von dem perversen Abhängigkeitsverhältnis, in dessen Strudel Opfer wie Kampusch zu ihrer einzigen Bezugsperson - dem Täter - geraten können. Natürlich nur eine vage. Wirklich begreifbar sind manche Dinge, wenn man sie nicht selbst erlebt und erlitten hat, für den Außenstehenden wohl nie.

Auch Kampuschs öffentliche Aufarbeitung ihrer Geschichte können viele nicht nachvollziehen. Dass diese nun auch noch in einen Kinofilm mündet, sorgt bei ihnen erst recht für Unverständnis. Aber natürlich ist das mehr als nur naiv. "Bitte gehen Sie weiter, hier gibt es nichts zu sehen" - dass diese Aufforderung noch nie Wirkung gezeigt hat, lässt sich bei jedem x-beliebigen Verkehrsunfall beobachten. Dementsprechend ist eine Geschichte wie die von Natascha Kampusch selbstredend ein gefundenes Fressen für Öffentlichkeit, Medien und Filmemacher. Das wäre sie auch ohne das Zutun und den Willen - und damit auch ohne den Einfluss - der heute 25-Jährigen gewesen.

Kampusch selbst indes hat jedes Recht, die Aufarbeitung so vorzunehmen, wie sie es für richtig hält und - vor allem - wie es ihr gut tut. Ebenso darf jeder für sich entscheiden, ob er sich dem aussetzen will. Niemand wird gezwungen, den Weg ins Kino auf sich zu nehmen. Wer es doch tut, sollte wissen, dass es kein leichter ist.

"3096 Tage" läuft ab sofort in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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