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Der Gendarm von Saint Tropez wurde zu de Funès' Paraderolle.
Der Gendarm von Saint Tropez wurde zu de Funès' Paraderolle.(Foto: picture alliance / dpa)

Louis de Funès - Napoleon unter Strom: Nein! Doch! Ohhh!

Von Markus Lippold

Subtil war sein Humor nicht. Mit hektischer Sprache und wirbelnder Gestik wurde Louis de Funès zum beliebten Komiker. Doch auch wenn seine Filme oft in Klamauk ausarten - wie er die engstirnige Spießbürgerlichkeit seiner Mitbürger auf die Schippe nimmt, amüsiert auch noch 30 Jahre nach seinem Tod.

Sind wir nicht alle ein bisschen Cruchot? Wollen wir nicht alle ein bisschen mehr Ordnung in diese Welt bringen? Die Verbrecher fangen, die Verkehrssünder maßregeln, die Nudisten einkleiden? Ja, ein kleiner Gendarm steckt in uns allen. Vielleicht ist das der Grund des großen Erfolges von Louis de Funès: Jeder Zuschauer konnte sich in ihm wiedererkennen. Jeder erkannte in ihm einen Teil des eigenen Charakters, und sei es nur das bisschen Ungeduld an der Bushaltestelle oder der Supermarktkasse.

Louis de Funès auf der Jagd nach "Fantomas" - es war eine seiner bekanntesten Rollen.
Louis de Funès auf der Jagd nach "Fantomas" - es war eine seiner bekanntesten Rollen.(Foto: picture alliance / dpa)

Keiner hat den pedantischen Spießbürger mit seiner Neigung zur Explosion besser dargestellt als de Funès, der vor 30 Jahren, am 27. Januar 1983, starb. Und das nicht nur als penibler Gendarm in Saint Tropez, den er immerhin in sechs Filmen spielte. Genauso gut gab er den cholerischen Patriarchen, den ewig nörgelnden Familienvater, den pingeligen Feinschmecker im Kampf gegen Fertiggerichte oder den Kommissar auf der Jagd nach Fantomas. Diese zutiefst bürgerliche Welt war die Welt von de Funès. Und er nahm sie gehörig auf die Schippe.

Das ist vielleicht auch der Grund, warum der Sohn spanischer Einwanderer, der am 31. Juli 1914 in der Nähe von Paris geboren wurde, so lange auf seinen Durchbruch warten musste. Er musste erst heranreifen, im wahrsten Sinne des Wortes hineinwachsen in die Rolle, die ihm zum Star machen sollte. Erst mit ergrauender Halbglatze, mit Falten im Gesicht und kleinem Bauch war er wie geschaffen für den bürgerlichen Choleriker, für den typisch französischen Patriarchen.

Energiebündel par excellence

In Dutzenden Filmen hatte de Funès bereits mitgespielt - meist in kleinen Nebenrollen -, ehe er Mitte der 50er Jahre auf sich aufmerksam machen konnte, etwa in "Zwei Mann, ein Schwein und die Nacht von Paris". Doch es dauerte fast ein weiteres Jahrzehnt, bis er 1964 erstmals zwei seiner bekanntesten Figuren verkörperte: Einerseits dies des Cruchot in "Der Gendarm von Saint Tropez", andererseits ging er erstmals auf die Jagd nach Fantomas. Beide Filme waren große Erfolge und katapultierten Louis de Funès in die erste Riege der französischen Filmkomiker, seine Rollen wurden ihm fortan auf den Leib geschrieben.

Bilderserie

Wobei er seinen ganz eigenen Stil entwickelte. Er hatte nicht die subtile Gesellschaftskritik eines Jacques Tati, die Schlitzohrigkeit eines Fernandel oder die freundliche Naivität von Bourvil. Nein, der nicht sehr große de Funès war ein Energiebündel par excellence, ein Napoleon unter Strom. Nie stand er still, nie kamen seine Arme zur Ruhe. Erst recht nicht, wenn ein weiterer Wutanfall bevorstand. Unterstützt wurde dies durch das faltenreiche Gesicht, das regelmäßig zur lebendigen Knautschzone wurde. Seine Grimassen sind legendär, keinem entglitten die Gesichtszüge so wie de Funès.

Und keiner sprach so schnell. Die hektische Sprache, die ihre Sätze wie Maschinengewehrfeuer heraushaut, wurde zu seinem Markenzeichen. Der Wortwechsel "Nein! Doch! Ohhh!" (zum Vergleich die Originalversion) aus "Hasch mich, ich bin der Mörder" ist legendär. Dass der Franzose mit seinen Filmen in Deutschland so beliebt wurde, ist dabei übrigens nicht zuletzt Gerd Martienzen zu verdanken, der die meisten von de Funès' Rollen synchronisierte - und seine Wortakrobatik perfekt nachahmte.

Filme für den Massengeschmack

Angesichts der extrovertierten Mimik und Gestik von de Funès ist es nicht verwunderlich, dass seine Filme einen starken Hang zum Klamauk haben und spätere Wiederholungen im Fernsehen vor allem bei Kindern beliebt waren. Ihm ging es nicht um Filmkunst, er drehte für den Massengeschmack. "Mich interessieren nur Filme mit mehr als 500.000 Zuschauern", sagte er einmal. Die Nouvelle Vague, die zur gleichen Zeit das französische Kino erneuerte, fand woanders statt - ein geplantes Projekt mit Claude Chabrol kam nie zustande.

Noch heute ist die Figur des Gendarms von Saint Tropez sehr beliebt, wie hier beim Karneval in Nizza.
Noch heute ist die Figur des Gendarms von Saint Tropez sehr beliebt, wie hier beim Karneval in Nizza.(Foto: picture alliance / dpa)

Doch es waren nicht nur de Funès' Überdrehtheit und ausufernde Gestik, mit denen er seine Zuschauer zum Lachen brachte. Es waren auch seine Rollen, die so untypisch für einen Filmkomiker waren: De Funès spielte nicht den unterlegenen Schelm, der den Kampf gegen die Obrigkeit aufnimmt. Vielmehr verkörperte er selbst jene Obrigkeit, ob als Polizist, reicher Industrieller oder Politiker. Unnachahmlich demontierte er dabei das Gesellschaftssystem und seine Rangordnung. Man denke nur an Gendarm Cruchot, der seine Untergebenen tritt, aber gegenüber dem Reviervorsteher gehörig buckelt - lustiger hat wohl keiner die bürgerliche Bigotterie dargestellt.

Es ist diese Heuchelei, die in den Filmen zum Zusammenbruch der vermeintlich heilen Welt führt. Das Bürgertum in Gestalt von de Funès schafft sich selber ab - vielleicht wurde er deshalb auch in der DDR regelmäßig im Kino gezeigt. Wobei de Funès' Figuren dabei das Chaos, das sie zu bewältigen versuchen, meist erst selbst auslösen. In "Die Abenteuer des Rabbi Jacob" - einem seiner besten und vielleicht seinem politischsten Film - nimmt er etwa den grassierenden Rassismus aufs Korn, indem er einen ausgesprochenen Antisemiten in die Rolle eines Rabbis schlüpfen und mit einem Araber fliehen lässt.

Flucht ins Weltall

In "Balduin, der Sonntagsfahrer" landet er wiederum mit zwei Trampern auf einer Pinie über einem Abgrund und löst damit einen Eheskandal aus. In "Der Querkopf" spielt er einen Bürgermeister und Industriellen, der durch die Gier nach mehr Gewinn sein Haus demoliert und seine Frau vertreibt, die ihn schließlich bei der folgenden Wahl besiegt. In "Das große Restaurant" ist er ein diktatorischer Restaurant-Besitzer, der in ein Mordkomplott verwickelt wird (und eine großartige Hitler-Parodie abliefert). In "Brust oder Keule" schließlich nimmt er die Lebensmittelindustrie und die Verbreitung von Fast Food aufs Korn, karikiert aber gleichzeitig die abgehobene französische Feinschmeckerwelt.

Dass jene bürgerlichen Gestalten am Ende geläutert werden und sich eines Besseren besinnen, versteht sich von selbst. Sie brechen aus dem Leben, aus der Position, die ihnen die Gesellschaft vorgibt, aus. Besonders schön ist das in "Louis und seine außerirdischen Kohlköpfe" - dem Furzfilm schlechthin - dargestellt. Der alte Bauer, der sich gegen den Abriss seines Hofes wehrt, wird am Ende samt Haus von Außerirdischen gerettet. Vielleicht sehnten sich auch de Funès' Zuschauer nach solch einer Flucht aus einer komplizierter werdenden Welt.

Heute sind de Funès' Filme, die jahrzehntelang unter teils kuriosen Namen feste Sendeplätze am Sonntagnachmittag hatten, seltener im Fernsehen zu sehen. Vielleicht, weil das Bürgertum, wie es de Funès symbolisierte, kaum noch existiert. Die Mittelschicht treibt heute eher die Angst vor dem Verlust des Jobs um als die Furcht vor dem Verlust des Ansehens. An eine heile bürgerliche Welt glaubt wohl keiner mehr. Es ist eher die Zeit von Bud Spencer und Terence Hill, die sich mit den Fäusten ihren Weg bahnen. Vielleicht ist das ja ein untrügliches Anzeichen, dass das Zeitalter Bürgertum am Ende ist.

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Quelle: n-tv.de

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