Unterhaltung

Schräg, kompatibel und restpunkig : Nick Cave und der Hotelbarjazz

von Manfred Bleskin

2001 veröffentlicht Nick Cave mit "No more shall we part" sein sauberstes Album. Doch nicht jeder kann mit Songs wie "Hallelujah" etwas anfangen. Zehn Jahre und ein paar Platten später sieht das schon wieder anders aus.

Die Werkschau geht weiter: Mute Records veröffentlich den dritten Schwung neu gemasterter Alben des australischen Ausnahmekünstlers Nick Cave. Diesmal decken die Veröffentlichungen den Zeitraum von 1994 bis 2001 ab. Die vier Neuausgaben lohnen sich aber nicht nur wegen der aufgefrischten Originalbänder: Alle Luxuspacks enthalten als Bonus eine DVD, die mit einem Dolby 5.1-Mix, sämtlichen dazugehörigen Musikvideos und einer liebevoll recherchierten Dokumentation aufwartet.

Ist es nicht erstaunlich, dass vor genau zehn Jahren viele dachten,"ach, da hat der Bryan Ferry aber wieder ein schönes Lied gemacht", als sie "As I sat sadly by her side" zum ersten Mal im Radio hörten? So kann man sich irren. Aber dass Nick Cave im Jahr 2001 tatsächlich klang, als wolle er mit dem Album "No more shall we part" dem früheren Roxy-Music-Frontmann den wahren Hotelbarjazz beibringen, lässt sich kaum verleugnen. Jene Platte mag Caves bis dahin sauberste gewesen sein; es war zugleich auch eine seiner am wenigsten erfolgreichen. Nicht jeder Fan des australischen Lebemanns konnte mit Erbauungsarien wie "Hallelujah", "Oh my God" oder "God is in the House" etwas anfangen. Mit einer Dekade Abstand sieht das schon etwas anders aus: "No more shall we part" war der Höhepunkt der musikalischen Reise Caves vom ehemaligen Krawallbruder zum massenkompatiblen Entertainer.

Grundstein mit Kylie Minogue

Den Grundstein für seine Breitenwirkung hatte der nie lächelnde Anzugträger fünf Jahre zuvor gelegt, als er im Duett mit Discodarling Kylie Minogue weltweit die Top Ten eroberte. "Where the wild roses grow" war 1996 Teil eines Konzeptalbums namens "Murder Ballads", in dem es, wie der Titel schon vermuten lässt, um Geschichten rund um das vorsätzliche Töten geht. Es war Caves perfektes Album: Bitterböse Worte, ernstgemeintes Pathos, furchterregende Arrangements und ein kleiner Rest Punk, der Cave zwar nie war, aber immer hätte sein können. So darf auch der Einstürzende Neubau Blixa Bargeld auf "Murder ballads" zeigen, wie man sich eine Gitarre richtig umhängt. "Stagger Lee", eine der wenigen Nummern, die in den Credits alle Bad Seeds aufzählt, schafft den Spagat von den Berliner Industrialpionieren zu den späten The Clash und kommt gesanglich sogar an den Johnny Cash der 60er Jahre heran.

Nur ein Jahr später wagte sich Cave mit einer Produktion an die Öffentlichkeit, die so minimalistisch und trübselig war, dass jeder einzelne Track den dramatischen Höhepunkt einer Hollywoodschnulze hätte untermalen können. Dass es "People ain´t no good" Jahre später auf den Soundtrack von "Shrek 2" geschafft hat, stützt diese These. Nicht zu vergessen, dass Cave den Opener "Into my arms" auf der Beerdigung von INXS-Sänger Michael Hutchence zum Besten gab. "The boatman´s call", so der Titel des vornehmlich pianobasierten Albums, wird noch heute unter den 30 besten australischen Produktionen aller Zeiten gelistet. Warum auch immer.

Nicht ganz zu dieser durchaus nachvollziehbaren Trilogie passt "Let love in", Caves achtes Studioalbum aus dem Jahr 1994. Es markiert das Ende des jungen Nick Cave, des unstet dreinblickenden Expressionisten; Gitarrist Bargeld nannte es seinerzeit ein "sehr erwachsenes Album". Und es war ja auch das letzte seiner Art, laut und gewaltig wie seine drei Vorgänger "Tender prey", "The good son" und "Henry´s dream". Indieklassiker wie "Do you love me?", "Loverman" und das unvergängliche "Red Right Hand" stehen noch heute für einen Nick Cave, der noch nicht die Wurzeln anderer erkundet und stattdessen seine eigenen geschlagen hatte.

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Quelle: n-tv.de

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