Unterhaltung
Dienstag, 29. März 2011

Inspiration und Leuchtturm: Ohne Country kein Dylan

von Manfred Bleskin

Viel ist sinniert worden über die musikalischen Wurzeln des wohl größten US-amerikanischen Songschreibers der Gegenwart. Doch eines steht fest: Ohne Country ist Bob Dylan nicht zu verstehen.

Kein Zweifel: Der kommunistische Folkbarde Woody Guthrie ist eine der Hauptsäulen in Dylans musikalischen Wurzeln. Aber ohne die zumeist unpolitische Countrymusik ist Robert Zimmerman nicht zu verstehen. Sicher: Das erste Album, auf dem der Meister Countrymusik aufnahm, war "Nashville Skyline" aus 1969, auf dem er dann auch gleich das Legende gewordene "Girl From The North Country" gemeinsam mit dem größten Countrysänger des Landes interpretieren musste. Eines der Photos im beiliegenden Büchlein zeigt Dylan bei seinem Auftritt in der Johnny-Cash-Show, in der beide just den Song darboten.

Aber bevor Dylan der große Dylan wurde, spielte er bei vielen Auftritten Songs von – leider – längst vergessenen Interpreten wie Jimmie Rodgers, dem "yodeling cowboy". Dessen "Blue Yodel No. 8" wurde später unter dem Titel "Muleskinner Blues" bekannt und unzählige Male gecovert, so auch von Woody Guthrie und Anfang der Sechziger einer Band namens The Fendermen. Schade, dass wir diesen wundervollen Song nie auf einer der regulären Dylan-Alben zu hören bekamen. Das gilt auch für Klassiker wie "Oh, Lonesome Me" von Don Gibson, das in den späten Fünfzigern in deutschen Gefilden unter dem Titel "Oh, das wär' schön" ("Blaues Boot im Sonnenschein") in der Interpretation von Sonja Siewert und Armin Kämpf 1958 ein netter Kitschschlager wurde. Fehlen darf natürlich ein gewisser Hank Williams nicht, der Anfang besagter fünfziger Jahr der strahlende Stern der Countryszene war, mit einem dramatisch guten Mix aus Blues, Country, was man damals wohl noch "old time music" oder Hillbilly nannte, und ein paar New-Orleans-Jazz-Gewürzen. "Hey, Good Looking" und einige Nummern mehr sind Standards geworden. Für den suchenden Dylan wurden sie zum Leuchtturm, an dem er sich orientierte.

Eines der Highlights auf dem Doppelalbum ist "El Paso" von Marty Robbins, dem Vertreter der "gun fighter music" par excellence. Elvis ist dabei - mit einem Cover von "I Forgot To Remember To Forget", das später die Beatles bei ihren Liveauftritten in Hamburg und Liverpool 'rauf und runter dudeln sollten.

Ja, und natürlich Johnny Cash mit unvergesslichen Liedern: "I Walk The Line","Five Feet High And Rising" u.v.a.m. Fast hätte ich's vergessen. Der unbeschreibliche Hank Snow fehlt selbstverständlich nicht. Sein "I'm Movin' On" sollte nicht nur Dylan inspirieren, sondern auch die Rolling Stones.

Kurzum: Ohne die hier vorliegenden Songs gäbe kein Dylan und vielleicht keine Beatles und keine Stones. Das macht die Edition schon zu einem wichtigen Dokument der Geschichte der Populärmusik.

Bob Dylan's Country Selection, 2CD, Chrome Dreams

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen