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Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser!(Foto: dpa)
Donnerstag, 12. April 2012

Das Treffen der Generationen: Phänomen Die Ärzte

von Linus Volkmann

Nachhaltigkeit - längst ein Modewort, das sich von der eigentlichen Bedeutung zur bloßen Phrase abgekoppelt hat. Da müssen erst drei verdiente Berliner Punks wieder aufblitzen, um dem Begriff neues Leben einzuhauchen. Die Ärzte sind mit einem neuen Album auch 2012 noch generationsübergreifend weisungsbefugt - und schlichtweg ein Phänomen.

"Ich geb ja zu, unsere Karriere ist uns gut gelungen /

doch manchmal ist es an der Zeit weiterzugeh‘n /

du kannst nicht dein Leben lang nur auf eine Band steh’n /

Es war ein Fehler, uns Liebe und Treue zu schwör’n /

denn es gibt Besseres zu tun, als die Ärzte zu hör’n."

 

Bela B. und Rodrigo Gonzales - wie in einem Spaghettiwestern.
Bela B. und Rodrigo Gonzales - wie in einem Spaghettiwestern.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die neuste Single der Berliner Pop-Punk-Institution Die Ärzte postuliert, es sei Zeitverschwendung, sich der Band hinzugeben - oder wie es in ihrem orthografischen Duktus zwischen Quatsch und Gestaltungswillen heißen muss: "zeiDverschwÄndung". Die Erfolgsgeschichte der Band behält auch in den zehner Jahren Gültigkeit. Wie schon in den 80ern, 90ern und den nuller Jahren. Das neue Album "auch" erscheint am 13.4.2012 - Platz Eins der Verkaufscharts dürfte mehr als gewiss sein.

Aber – warum ist das so? Was haben Die Ärzte, was andere Bands nicht haben? Wie kann das sein, dass ihr einst sich selbst verliehener Titel der "besten Band der Welt" immer noch so felsenfest sitzt? Warum wachsen stetig neue Hörer nach?

Mussten doch die zeitgleich gestarteten Toten Hosen ihre Pausenhofkompatibilität längst eintauschen – gegen stete Begleiter, große Brüder und mitgealterte Berufsjugendliche. Und Campino wirkt auf echte Jugendliche mit dem hemdsärmeligen SPD-Pathos eher wie Gerhard Schröder – wobei die "echten Jugendlichen" natürlich gar keine Ahnung haben, wer Gerhard Schröder überhaupt sein soll. Aber Die Ärzte, die kennen und verehren alle. Die Spurensuche, warum das so ist, möge beginnen.

Die Band selbst (ist dabei allerdings keine Hilfe!): "Für mich wäre es mit 16, 17 nicht in Frage gekommen, so End-Vierziger anzuhimmeln" sagt Bela B. in einem aktuellen Interview.

Die Historie der Provokation

Die Herren B. und Urlaub bei der Arbeit.
Die Herren B. und Urlaub bei der Arbeit.(Foto: dpa)

Apropos Gerhard Schröder: Eine der auffälligsten Superkräfte der Band ist es sicher, Autorität nicht nur infrage zu stellen, sondern dabei nie selbst wie eine aufzutreten. Also nie der Versuchung erlegen zu sein, die Fremdzuschreibung als integre Künstlerfigur auf sich selbst anzuwenden. Die Ärzte waren nie Mahner, nie betroffenheitsduselig, gerieten nicht vom Rebellen zur öden Oberlehrerfigur. Das bekam auch Gerhard Schröders Vorgänger als Bundeskanzler zu spüren: "Hannelores Tag ist grau / denn Helmut Kohl schlägt seine Frau" ist nur eins der nicht gerade harmlosen Stücke der Band, das in den 80er-Jahren indiziert wurde und dadurch den Weg auf die dem Ärzte-Mythos sehr zuträgliche "Ab 18"-Compilation fand. Zeit ihres Bestehens gelang es der Punk-Boygroup, mit ihren Texten pointiert zu provozieren, aufzuwirbeln – und nicht nur so zu tun als ob. "Schrei nach Liebe" und "Ein Song namens Schunder" flankierten beispielsweise nicht die allgemeine Lichterkettenbetroffenheit während der Hetzjagden auf Asylbewerber der 90er-Jahre, nein, sie demonstrierte viel mehr, dass "gegen rechts" auch anders geht. Mit Überzeugung und Witz die Zähne zeigen, statt das Lichtlein zu schwenken. In den Nullern überraschten "Die Ärzte dann mit dem Song "Junge". Im Text machte sich Farin Urlaub kongenial gleichermaßen die Position der von der Elterntribüne genervten Teenies zu Eigen - wie umgekehrt. Ein Generationskonflikt, in dem es nach 3 Minuten 24 auf beiden Seiten nur Gewinner gibt, ohne dass die große Konsensmaschine angelaufen wäre.

Die Attitüde

Weil ich 'n Mähähähädchen bin!
Weil ich 'n Mähähähädchen bin!(Foto: dpa)

Das komplette Auftreten der Berliner unterscheidet sich, sieht man genau hin, signifikant von ähnlich in Ehren gereiften hiesigen Rockstars: Wo die anderen beispielsweise ein halbes Jahr nach der Album-Veröffentlichung neuerdings eine "Deluxe-Version" nachschieben (derselbe Inhalt wie vorher, nur im Artwork aufgehübscht plus eine Bonus-CD mit Remix-Stücken und Demo-Aufnahmen), gab es bei den Ärzten (und zwar ausschließlich für kleines Geld auf Konzerten) vom letzten Album "Jazz ist anders" alle Songs einfach noch mal in übergeschnappten Schrottversionen oder CDs gleich in kleinen Pizzakartons. Und wo vergleichbare Acts fürs Überbrückungsgeld schon wieder auf die nächste uninspirierte Live-Platte schielen, geben Die Ärzte Sonderkonzerte, einmal nur für Männer und am Tag drauf nur für Frauen, gestalten eine Unzahl origineller Nebenprojekte. Aus dem Abseitigen, aus dem Spaß am eigenen Spaß ergibt sich so trotz aller Ironie mehr Glaubwürdigkeit als die komplette pomadige Beständigkeit der regulären Rockkräfte zu erzeugen vermag.

Der Look

Ebenfalls ein nicht zu unterschätzender Faktor, bei dem den Ärzten die stets immanente Cartoonhaftigkeit und Selbststilisierung zugute kommt: Bela B. als Gentleman aus der Gruft erscheint ebenso zeitlos wie der ewig bübische Farin Urlaub, dessen Grinsekatze-Mimik alles in Grund und Boden zu strahlen vermag. Selbst die etwas stillere und blassere Nummer drei, Rod Gonzales, hat sich emanzipiert, wirkt beruhigend neben den beiden Mega-Egos und sieht aus wie der Gute in einem Spaghetti-Western.

Die Kontrolle

Die Band hat – im Gegensatz zu vielen ihrer Kollegen – aus ihrer Medienpräsenz nie eine Mördergrube gemacht, hat sich nie verschlissen durch das sonst weit verbreitete Profilneurosentum. TV-Sendungen besuchen sie ausgewählt und bedacht, die Gefahr, zum alles kommentierenden Talkshow-Inventar zu werden, war so nie gegeben. Hinter den Kulissen arbeitet ihre eigene Plattenfirma extrem verbindlich und steuert die Darstellung der Band. Fotos und Interviews werden strenger abgenommen als anderswo, Berichterstattung vor gewissen Daten untersagt. Bei allem anarchischen Spaß lassen Die Ärzte sich den Faktor Kontrolle nicht nehmen.

Das Ende

Zum Schluss das Ende. Und auch hier wieder müssen "die anderen Bands" als negatives Beispiel antanzen: Wie bedürftig wirken aber auch sogenannte Popstars, denen man anmerkt, es geht ihnen längst viel mehr um das Bewahren des eigenen Status als um die Sache an sich? Jeder Act, der mal einen Song in den Top Ten hatte, sieht darin heutzutage ein Mandat für eine lebenslange Karriere, mit der er trotz schwindender Qualität ewig nerven darf. Dass die Ärzte aktuell mit "zeiDverschwÄndung" ihre eigene Bedeutung infrage stellen, mag Koketterie sein, die immer wieder geäußerten Trennungsgerüchte sind es nicht. Schon einmal enthauptete sich die Band auf dem Gipfel des Erfolgs und 2012 sprechen einige Anzeichen dafür, dass es diesmal wieder – und dann wohl endgültig – so sein könnte.

Ein finaler Schachzug, der die Legende der "Ärzte" wohl endgültig in den Pop-Olymp spülen dürfte. Das alles wird Bands wie Revolverheld, Silbermond und Co. nie glücken – und das ist auch gut so.

Quelle: n-tv.de

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