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Zwei Herzen im Dreiviertel-Takt: Inga & Tomm (Foto: ©Das Kowalski Komitee)i
Zwei Herzen im Dreiviertel-Takt: Inga & Tomm (Foto: ©Das Kowalski Komitee)i

Wir waren fürchterlich- juhuuh!: Platz ist in der kleinsten 2Raumwohnung

Madonna und Lenny Kravitz. Haben sie selbst mal gesagt über sich. Sie sind aber eher eine Zauberfee und ein Prinz mit lockigem Haar. Denn 2Raumwohnung scheinen die Mittel zu haben, die Zeit anzuhalten, so jung klingen sie. Dagegen spricht einzig, dass ihre Texte von einer gewissen Erfahrung erzählen. Ein Interview mit dem privaten und öffentlichen Paar Inga Humpe und Tommi Eckart über ihr neues Album "Achtung Fertig". Und los.

Sie mussten mal raus, weg, weit weg. Nach Kalifornien, um genau zu sein. Für die Aufnahmen zu ihrem siebten Studioalbum "ACHTUNG FERTIG" brauchten Inga Humpe und Tommi Eckart einen "druckfreien Raum". In Kalifornien, weit weg von Berlin, gab es diesen Raum, inklusive Abstand - zu sich selbst, zum Lärm, zum nächsten Exzess. Dabei heraus gekommen ist ein Album, das über Liebe, Freiheit, Bewusstsein, Sex, Tod und Lachen Auskunft gibt. Erwachsene Themen, aber mit dieser typischen 2Raum-Leichtigkeit eben. Inga Humpe und Tommi Eckardt sind das entspannteste Paar, das man sich vorstellen kann - wir möchten uns eine Scheibe abschneiden von der Gelassenheit, die die beiden ausstrahlen, als wir sie in einer Kreuzberger Hinterhof-Etage treffen.

n-tv.de: "Wir machen Musik für Leute, die die Sinnfrage stellen, die nicht so RTL-geprägt sind", hast du anno 2002 mal gesagt, Inga. 1. Was ist die Sinnfrage? 2. Was ist RTL-geprägt und 3. Ich bin von n-tv. Also auch quasi RTL, können wir trotzdem sprechen?

Inga Humpe: (lacht) Ja, was ist die Sinnfrage? Die ist ja bei jedem anders. Aber insgesamt ist es wohl, den Sinn des Lebens rauszubekommen, oder? Wir versuchen mit der Musik dazu zu kommen, dass man etwas empfindet, etwas zu spüren. Dass das ein Wert ist, an den man sich manchmal erinnern muss, immer wieder zwischendurch. Wir sind alle so auf Leistung getrimmt, so zielorientiert, da hilft Musik vielleicht dabei, so einen Moment der Besinnung zu erleben. Und RTL-geprägt ist jetzt natürlich übergreifend gemeint, ich hätte auch einen anderen Privatsender nennen können. Aber was ich meinte war, dass man sich nicht einfach nur passiv irgendwo hinsetzt, sondern aktiv mitgestaltet, sich nicht einfach bedienen lässt, berieseln. Außerdem ist das Leben oder die Welt ja schon schlecht genug, wenn dann noch das TV-Drama in Form von Scripted Reality dazu kommt, dann ist doch alles nur noch traurig. Man ist so reduziert auf "Oh Gott, wie schrecklich!" Aber: Ich will gar nicht moralisieren, ich glaube nämlich noch immer an die Veränderung der Menschheit und der Menschen. Das kann sich alles weiter bewegen.

Klingt sehr positiv - woher nimmst du dein positives Denken? Oder besser gefragt: Woher nehmt ihr beide die Kraft dafür?

I.H.: Naja, wir sind nicht von Natur aus so ständig positiv ...

Tommi Eckart: Nein, bestimmt nicht ...

I.H.: ... da muss man immer wieder an sich arbeiten. Bei mir funktioniert viel über Sport, aber auch an der persönlichen Einstellung.

T.E.: Ich finde, das ist auch eine Vernunftsentscheidung. Es macht ja gar keinen Sinn, ständig an allem rumzumeckern. Es gibt eh schon so viel schwere Situationen und Probleme, die man lösen sollte, und wenn man das noch weiter dramatisiert, dann sind aus einem Problem ja schon zwei geworden.

Wer glaubt ihr, ist euer Publikum? Für wen macht ihr Musik?

I.H.: Wir erreichen Leute, indem wir Anti-Frust-Musik machen (lacht), für Leute, die sich nicht der Frustration hingeben, oder die in der Lage sind, dieses Gefühl eben auch mal auszuhalten. Und ich denke, wir erreichen Leute, die nicht jeden Mist mitmachen, vollkommen unabhängig davon, wie alt sie sind.

Und auch unabhängig davon, welche Sprache, oder?

Ja, ich habe auch den Eindruck, dass, selbst wenn wir im Ausland spielen, wir verstanden werden. Die Musik ist einfach eine universelle Sprache. Wir achten darauf, dass unsere Songs ankommen können, auch, ohne den Text zu verstehen.

Ihr macht ja schon eine Weile zusammen Musik - hilft euch da die Lebenserfahrung?

T.E.: Es hilft schon, ja, aber man muss sich dennoch immer wieder neue Sachen einfallen lassen, um selbst angeregt zu werden. Daher kam auch die Idee, im Ausland zu produzieren. Auch, dass wird dieses Mal mit so vielen anderen und uns fremden Menschen zusammen gearbeitet haben ist ganz anders als sonst. Und am Anfang hätten wir am liebsten auch ganz oft alles wieder gestrichen. Von unseren ersten drei Ideen für das Album waren wir sogar ganz und gar nicht begeistert, da mussten wir ne Menge dran ändern.

Was war das, was euch nicht so begeistert hat?

I.H.: Manchmal ist man zu sehr in seinem eigenen Konzept gefangen.

Daher seid ihr ausgewichen nach Kalifornien?

Beide: Hm-hm ...

Ausdiskutieren war gestern, 2Raumwohung lassen ein paar Dinge mal lieber im Raum stehen.
Ausdiskutieren war gestern, 2Raumwohung lassen ein paar Dinge mal lieber im Raum stehen.

Das ist ja so ein Sehnsuchtsland - was macht Kalifornien denn mit einem'?

T.E.: Ich glaube, das Gleiche was einem Kalifornier in Berlin passiert: Abstand von zu Hause finden (lacht).

I.H.: Los Angeles ist so eine richtige Arbeitsstadt, da ist alles Arbeit. Selbst essen gehen ist Arbeit, oder wenn man in einer der wenigen Bars ist, auch das ist Arbeit. Das haben uns die Leute, mit denen wir dort zusammen gearbeitet haben, so auch vorgelebt. Die Arbeit ist das zentrale Ding. (zögert) Obwohl das ja keine Arbeit ist, was wir machen (lacht) ....

Sondern?

I.H.: Wir setzen unsere Ideen um und verwirklichen alle möglichen Utopien. Und dann bekommen wir auch noch Geld dafür, weil wir nette Fans haben, die unsere Sachen kaufen. Im klassischen Sinne "Arbeit" klingt für mich immer wie etwas, das man eigentlich nicht so gerne macht. Das man nur für's Geldverdienen macht und um Rente zu bekommen. Nee, also wir machen keine Arbeit.

Da hab ich ja auch Glück. Ich mach' jeden Tag etwas Neues ...

I.H.: Ja, das ist doch superspannend.

Seid ihr in Los Angeles auch mal gelaufen? Dort fährt man ja eigentlich nur Auto, und wenn man läuft, dann joggt man ...

I.H.: Nee, wir sind auch mal gelaufen. Und Fahrrad gefahren. Ganz Los Angeles ist ja quasi ein Fitnesstudio.

Inga, seit ungefähr fünf oder sechs Jahren bist du in der Presse überwiegend 53 Jahre alt - ist das deine Lieblingszahl oder sagst du einfach seit ein paar Jahren auf die Frage nach deinem Alter: "53"?

I.H.:  (lacht) Also ich spreche eigentlich nie über mein Alter, das machen immer die anderen. Es steht ja auch überall, wir alt ich bin. Ich bin doch nicht beim Arzt und muss mein Alter angeben. Ich tue auch ne Menge für mich: ich mach' wahnsinnig viel Sport. Ich mach' das mit einer Trainerin zusammen, und ich bin einfach eitel genug, das zu tun, aber es geht dabei nicht nur um das Aussehen, sondern um die Fitness, die Gesundheit.

Und nervt es dich sehr, auf das Alter angesprochen zu werden?

I.H.: Ehrlicherweise muss man doch sagen, dass das Gejammer ab 30 losgeht. Aber irgendwann ist doch mal gut. Ist doch gut, dass man alt wird. Ich möchte übrigens 108 werden.

Wie Johannes Heesters ...

T.E.: Jeder Mensch hat doch dasselbe Problem damit. Außer die, die früher sterben. Wir leben jeden Tag genau einmal, das ist doch total gerecht.

Wirst du als Mann auch so oft darauf angesprochen, und auch auf euren Altersunterschied?

Ja, ich werde jetzt 50, und natürlich denkt man über sein Leben nach. Und darüber, ob man ständig eine Brille tragen muss ... (lacht) ich will das nicht! Aber ich möchte auch nicht wieder 20 sein mit allem was dazu gehört. Vielleicht will man ja nicht, dass der Körper älter wird, aber vernünftig und weise will man doch sein! (lacht)

Wie schafft ihr euer Leben zusammen als Paar? Arbeit und Leben teilen ist doch gar nicht so einfach ...

I.H.: (lacht) Die Macht der Gewohnheit, und bis jetzt ist immer alles gut gegangen. Wir brauchen uns auch in der Musik.

T.E.: Wir könnten wahrscheinlich auch ein Restaurant zusammen betrieben, oder einen Club. Oder einen Fernsehsender. (lacht)

Wenn ihr merkt, dass Stress ansteht - habt ihr da Vermeidungstaktiken?

I.H.: Immer stehen lassen. Wir sind nicht so die Diskutierer ...

T.E.: Ansprechen, aber nicht ausdiskutieren. Diese Erfahrung habe ich auch immer in den Bands gemacht, das führt nur zu Rechthabereien, und das ist unproduktiv.

"Bei dir bin ich schön" - wie ist es zu dem Text gekommen?

Bei mir biste scheen!
Bei mir biste scheen!

In dem Lied geht es darum, dass das Sehen des Anderen nur mit Gefühl geht. Und wenn man mit einem positiven Gefühl angesehen wird, dann fühlt man sich selbst gleich viel besser. Im Idealfall ist das in einer Beziehung so. Man sollte den anderen mit dem Herzen sehen. Wir setzen es viel zu wenig ein, dass wir einen anderen wissen lassen, wie wir ihn spüren, das ist schade.

Es ist mehr als die reine Optik, es ist also das Große Ganze.

I.H. und T.E.: (nicken)

T.E.: Es ist fast das Gegenteil von der Optik, es geht darum, wie man sich fühlt. Aber wenn man sich gut fühlt, dann sieht man auch gleich viel besser aus und strahlt etwas anderes aus.

I.H.: Schönheit ist doch auch vergänglich ...

T.E.: ... und vollkommen subjektiv.

I.H.: Da muss eine andere Schönheit entstehen.

Ihr habt einen "druckfreien" Raum gesucht - verspürt ihr zu Hause so viel Druck?

I.H.: Das geht doch jedem so, wir leben in einer Leistungsgesellschaft, und wir alle sind diesem Druck permanent ausgesetzt. Deswegen gehen die Leute gerne aus, feiern und tanzen, weil das der Moment ist zum Loslassen. Das wollten wir auch, loslassen, deswegen Kalifornien.

T.E.: Musik kann diesen druckfreien Raum ermöglichen. Ich finde, kaum etwas kann einen so frei machen wie Musik. Manchmal hört man nur fünf  Töne und bekommt schon Tränen in den Augen.

Welche Musik macht euch privat frei?

I.H.: Ich höre viel Instrumentalmusik, weil mich dann nur die Beats interessieren.

T.E.: Je ähnlicher die Musik unserer Musik ist, desto abstrakter muss ich darüber nachdenken, deswegen hör' ich ganz andere Sachen. Aber ich höre vieles (lacht). Jazz und Ravi Shankar zum Beispiel lassen mich gut abschalten, weil ich diese Musik gar nicht dechiffrieren will.

Ihr wollt mit eurer Musik dem Leben das Drama nehmen, habt ihr mal gesagt. Wie macht ihr das?

I.H.: Wenn man in einer dramatischen Situation ist, dann heißt das eigentlich meist, dass man schon vorher etwas verpasst hat. Man hat den Ausweg verpasst. Man hat etwas nicht wahrgenommen. Wenn man aber Ruhe hat, dann kann man die Dramen vermeiden, dann rast man da nicht so rein, weil man nichts mehr merkt.  Musik kann da helfen.

Noch so ein schöner Satz von euch: "Ausbrechen aus den eigenen Regeln" – ich dachte immer, ihr gehört eher zu den Leuten, die gar nicht so viele Regeln haben? Ist das ein Trugschluss?

I.H.: Ja, sonst haben wir alles immer zu zweit gemacht, doch man muss sich davon lösen und die Dinge anders angehen. Wir haben in Kalifornien mit vielen Fremden gearbeitet, und das war toll, weil wir uns öffnen mussten.

"Achtung Fertig" heißt das Album – und los? Habt ihr das Gefühl fertig zu sein? Auch weil ihr zu euren Anfängen – mehr Elektronik – zurück gekehrt seid?

I.H.: Ankommen ist nicht das Thema. Wir steigen aus dem Zug und biegen ab, aber das geht immer weiter.

T.E.:  Aber wir sind schon auch angekommen, einfach, weil man nicht mehr das Gefühl hat, so einen riesigen Berg abarbeiten zu müssen. Auch, weil man nicht mehr so viel beweisen muss. Man wird ja ruhiger und gelassener.

Ich hab' das Gefühl, dass es früher mehr Kategorien in der Musik und im Leben gab - man war Popper oder Punker, Öko oder Muckibuden-Proll. War das einfacher? Oder ist es jetzt besser, wo die Übergänge fließender sind?

I.H.: Ich find's jetzt schöner, das ist viel inspirierender, wenn die verschiedenen Genres sich gegenseitig befruchten. Ich empfinde das mehr als Freiraum.

Habt ihr ein Lieblingsstück auf dem neuen Album?

T.E.: Das hängt von der Tagesform ab. Heute so, morgen so.

Ich musste sehr lachen bei "Wir waren fürchterlich", das spricht mir aus der Seele.

I.H.: Ja, ist es nicht herrlich, sich einzugestehen, dass man fürchterlich war? Juhuuh!

Mit Inga Humpe und Tommi Eckart von 2Raumwohnung sprach Sabine Oelmann

Quelle: n-tv.de

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