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Von engelsgleich zu teuflisch böse: Em ist von einem jüdischen Dibbuk besessen.
Von engelsgleich zu teuflisch böse: Em ist von einem jüdischen Dibbuk besessen.(Foto: Studiocanal)

Ole Bornedal, Sam Raimi, Sly und ein Totengeist: "Possession: Das Dunkle in dir"

Von Thomas Badtke

Ein Dibbuk ist dem jüdischen Volksglauben zufolge ein böser Totengeist, der in den Körper eines Lebenden fährt. Dort klammert er sich einem Parasiten gleich an dessen Seele. Das Opfer beginnt sich zu verändern, wird aggressiv, spricht wirr, tötet irgendwann. Der Dibbuk ist kein Hirngespinst. Es gibt ihn - ein Nummer-1-Kinohit aus den USA ist der Beweis.

"Possession - Das Dunkle in dir" bringt Studiocanal in die deutschen Kinos.
"Possession - Das Dunkle in dir" bringt Studiocanal in die deutschen Kinos.(Foto: Studiocanal)

Für Sylvester Stallone ist es der reine Horror. Oder noch besser: Wenn Stallone das geahnt hätte, er wäre wohl aus seiner Haut gefahren: Als der erste "Expendables"-Film 2010 Premiere feiert und sich die Spitze der US-Kinocharts erballert, weiß noch keiner, dass es mit dieser Wiederauferstehung der Action-Herrlichkeit bereits kurz darauf wieder vorbei ist. "Der letzte Exorzismus" kommt in die Kinos und vertreibt Stallone samt seinen Genre-Altstars vom Thron. Im Sommer 2012 bringt Stallone "Expendables 2" in Stellung. Und? Krach, Bumm - Platz 1 der US-Kinocharts. Sie ahnen, was kommt? Richtig, irgendwie scheinen die Geister und Dämonen dieser Welt etwas gegen den "Rocky"- und "Rambo-Darsteller zu haben: Bereits eine Woche nach der Premiere muss das Action-Feuerwerk seinen Platz an der Sonne räumen. "Possession - Das Dunkle in dir" nimmt ihn ein. Gegen einen auf der Erde wandelnden Totengeist helfen keine Maschinengewehre, Martial Arts oder Dynamit. Gegen einen uralten jüdischen Totengeist schon einmal gleich gar nicht. Auch wenn alles ganz harmlos anfängt.

Clyde (Jeffrey Dean Morgan) liebt seine Töchter über alles.
Clyde (Jeffrey Dean Morgan) liebt seine Töchter über alles.(Foto: Studiocanal)

Die kleine Emily (Natasha Calis; "Last Impact") findet auf einem Flohmarkt eine wunderschöne, kleine, alte Holzschatulle. Sie schüttelt sie, um festzustellen, ob etwas darin ist - und will sie haben. Unbedingt. Ihr Vater Clyde (Jeffrey Dean Morgan; "Texas Killing Fields") kauft sie ihr. Eigentlich hat er auch keine Wahl. Die Scheidung von Stephanie (Kyra Sedgwick; "Der Dämon in mir") liegt zwar schon rund ein Jahr zurück, trotzdem hat Clyde noch immer ein schlechtes Gewissen, Em und ihre ältere Schwester Hannah (Madison Davenport; "Strangers") zu vernachlässigen, nicht genug für sie da zu sein. Er bezahlt und Em ist glücklich für den Rest des Wochenendes, an dem die Mädchen Clyde besuchen.

"Mein Schatz ..."

Gemeinsam schauen sich Em und ihr Vater die mysteriöse Box zu Hause an. Drehen sie. Begutachten das Schloss. Irgendetwas scheint auch auf der antiken Holzkassette zu stehen, aber lesen können es beide nicht. Als Clyde sie nicht öffnen kann, stellt sie Em zur Seite. Als sie in der Nacht plötzlich wach wird, versucht sie es erneut. Die Box öffnet sich wie von Geisterhand. Em greift hinein, findet einen alten Zahn, eine Art Figur und einen Ring, den sie sich auch gleich ansteckt. Sie schließt die Box, legt sich wieder hin und schläft friedlich ein.

Doch bereits am nächsten Morgen scheint sich etwas verändert zu haben. Die sonst so fröhliche Em sitzt teilnahmslos herum, spricht kaum und will in Ruhe gelassen werden. Als Clyde die beiden Mädchen wieder bei seiner Ex-Frau abliefert, gilt Ems größte Sorge der Box: Keiner außer ihr darf sie berühren, ihren "Schatz". Noch denken sich die beiden Eltern nichts dabei.

Das ändert sich, als auch Em sich immer mehr verändert. In der Schule ist sie abwesend, träumt vor sich hin. Sie wird verschlossener, bekommt Albträume, wird unausstehlich. Sie spricht mit der Box und will ansonsten nichts und niemanden um sich haben. Em nimmt sie überall mit hin, auch mit in die Schule. Als dort ein anderer Schüler die Box berührt, rastet Em aus, schreit, schlägt wild um sich, verletzt einen Mitschüler. Die Lehrerin ist entsetzt. Sie nimmt Em die Box weg - und unterschreibt damit ihr Todesurteil. Am nächsten Morgen wird sie grauenvoll zugerichtet und tot in der Schule gefunden.

Der Dibbuk fährt in Ems Körper und nimmt Besitz von ihrer Seele.
Der Dibbuk fährt in Ems Körper und nimmt Besitz von ihrer Seele.(Foto: Studiocanal)

Als Clyde Em später dann fragt, was denn los gewesen sei, fragt sie ihn fast engelsgleich, ob er ihr nicht die Box aus der Schule holen könne. Es sei schließlich ihre und eine Frau wohne darin. Clyde ist perplex. Was redet Em da? Er besorgt sich die Holzschatulle und besucht einen alten Unikollegen. Der schaut sich die Box an und tischt Clyde etwas von einem alten jüdischen Dämon auf, einem Totengeist, einem Dibbuk. Die Box war sein Gefängnis.

Clyde bekommt es mit der Angst zu tun, mit der Angst um seine kleine Em. Er fängt an, im Netz zu recherchieren. Er schaut sich Videos an, wacklige Filmaufnahmen von Exorzismen. Was er da sieht, gefällt ihm gar nicht. Er geht mit der Box zu einer jüdischen Gemeinde. Ihr Entsetzen, als sie die Schatulle sehen, macht ihm noch mehr Angst. Helfen, den befreiten Dibbuk wieder einzufangen, wollen sie ihm aber nicht: Viel zu gefährlich sei das, Kind hin oder her. Nur Tzadok (Matisyahu), Sohn des Rabbis, erbarmt sich. Gemeinsam sagen sie dem Dibbuk den Kampf an. Was sie als Erstes brauchen, ist der Name des Dämons …

"Don't open the box!"

Eines vorweg: Dibbuks gibt es wirklich. Das sollten sie sich klarmachen! Es heißt, dass eine jüdische Seele, die zu Lebzeiten ihre Aufgabe nicht erfüllen konnte, eine weitere Möglichkeit dazu erhält - in Form eines Dibbuks. Glauben Sie die jahrtausendealten Geschichten - und auch die neuen: 2004 stößt der "Los Angeles Times"-Reporter Leslie Gornstein selbst auf eine solche. Ein Mann hat bei Ebay eine seltsame Schatulle ersteigert. Danach geht der Terror los: Albträume und Haarausfall sind noch die kleinsten Übel. Plötzliche Erkrankungen, Stimmen im Kopf und andere verrückte Visionen folgen. Und das, so recherchierte Gornstein, passiert jedem Besitzer dieser Box.

Menschen mit übernatürlichen Fähigkeiten aus aller Welt werden auf die Box aufmerksam. Der Uni-Professor Jason Haxton nimmt sich des Spuks an. Er dokumentiert den Weg der Schatulle und ihrer Besitzer. Am Ende seiner Forschungen gibt er die Box einem 103 Jahre alten Überlebenden des Holocausts zurück, der sie einst nach dem Zweiten Weltkrieg mit nach Amerika gebracht hat - gemeinsam mit der todernst gemeinten Warnung: "Don’t open the box. Never!"

"Weiche! Verlasse diesen Körper!" Tzadok versucht zu helfen.
"Weiche! Verlasse diesen Körper!" Tzadok versucht zu helfen.(Foto: Studiocanal)

Als Gornstein seine Geschichte veröffentlicht, gehen die Reaktionen so weit, dass besorgte Leser anrufen und die Zeitung bitten, das Bild der Box aus dem Internet zu löschen. Sie befürchten, dass der Dibbuk das Internet als eine Art Portal nutzen könnte, um sich wieder aus der Box zu befreien - mit allen nur erdenklichen schrecklichen Folgen.

Engelsgleich und teuflisch

Auf diese Geschichte stößt irgendwann Sam Raimi, bekannt geworden als "Spiderman"-Regisseur, groß herausgekommen aber im Horror-Genre, wo er mit "Tanz der Teufel" Anfang der 1980er bereits als Regisseur auf sich aufmerksam macht. Mit "Drag Me To Hell" (Regisseur) und "The Grudge" (Produzent) hat Raimi bereits bewiesen, dass er für Dämonen und Geister ein Händchen hat.

Mit dem dänischen Regisseur Ole Bornedal, der Mitte der 1990er mit dem Film "Nachtwache" den Durchbruch schafft und seitdem sich auch immer mehr zur festen Größe in Hollywood mausert, wie jüngst auch "Deliver Us From Evil" bewiesen hat, ist "Possession - Das Dunkle in dir" bestens aufgestellt. Bornedals Gespür für Stimmungen und seine Bildsprache überzeugen wieder einmal absolut. Die pointiert gesetzten Soundeffekte sorgen im dunklen Kinosaal garantiert für Gänsehaut, Herzklopfen und nervöse Zuckungen.

Mit Jeffrey Dean Morgen ist zudem ein Schauspieler mit im Boot, der bereits mit "Texas Killing Fields" bewiesen hat, dass seine charismatische Ausstrahlung und sein schauspielerisches Können den Zuschauer in den Bann ziehen können.

Noch stärker ist jedoch die Leinwandpräsenz von Natasha Calis. Im wahren Leben 13 Jahre alt, spielt Calis die 10-jährige Em so facettenreich, dass man sicher sein kann, dass der Oscar nur eine Frage der Zeit sein wird. Sie ist engelsgleich, unschuldig und liebreizend - zu Beginn des Films. Aber je mehr der Dibbuk von ihrer Seele Besitz ergreift, desto verzweifelter, böser, ekliger und furchteinflößender wird sie. Man will ihr nicht im Dunkeln begegnen.

"Possession - Das Dunkle in dir" ist ein rundum gelungener Horrorfilm für Fans des Genres und Zuschauer, die einmal ihre nervlichen Grenzen austesten wollen - also auch für Sylvester Stallone. "Expendables 3" ist in der Planung, aber Stallone kann sicher sein: Es wird wieder einen Horrorfilm geben, der dessen Kinoerfolg toppen wird. Sam Raimis Neuauflagen von "Tanz der Teufel" (im Original "Evil Dead") oder "Poltergeist" dürften Stallone dahingehend den Angstschweiß auf die Stirn treiben. Und auch das offene Ende von "Possession" birgt Potenzial ...

"Possession - Das Dunkle in dir" startet am 8. November in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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