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Jules (Samuel L. Jackson) und Vincent (John Travolta) aus Tarantinos Meisterwerk "Pulp Fiction".
Jules (Samuel L. Jackson) und Vincent (John Travolta) aus Tarantinos Meisterwerk "Pulp Fiction".(Foto: Kinowelt GmbH)

Nackte Füße in der Postmoderne: Tarantino, der DJ des Kinos

Von Markus Lippold

Tarantino ist fast schon der Name eines eigenen Filmgenres: gewalttätig, ironisch, mit coolem Soundtrack und Fußfetisch. Seit 20 Jahren mischt der Regisseur verschiedenste Einflüsse zu einem eigenen Stil. Der will vor allem hip sein, ist manchmal unterhaltsam, gerät aber auch immer wieder zum Manierismus.

"Hast du den neuen Quentin Tarantino schon gesehen? - Ja, ich mag Filme", heißt es in einem Song der Goldenen Zitronen. Wobei die ironische Stoßrichtung des Liedes durch die Aussprache von Tarantino noch unterstrichen wird: Täränteino. Denn der vermeintlich coolste Regisseur des Universums muss eben auch besonders cool ausgesprochen werden. Und 1996, als der Song erschien, war Quentin Tarantino der jüngste, der frischeste, der coolste Star des Kinos.

Tarantino bei der Berliner Premiere von "Django Unchained".
Tarantino bei der Berliner Premiere von "Django Unchained".(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Zwei Jahre zuvor hatte sein "Pulp Fiction" für Furore gesorgt. Nicht nur wegen seiner expliziten Darstellung von Gewalt und Drogenkonsum oder der Glorifizierung von Gangstern und Unterwelt. Nein, auch die nichtlineare, verschachtelte Erzählung mit zahlreichen Rückblenden und verschiedenen verknüpften Handlungssträngen war wegweisend - bis heute gilt der Film völlig zu Recht als Klassiker. Tarantino gewann dafür die Goldene Palme von Cannes, den Oscar für das Originaldrehbuch und galt fortan als der bedeutendste Regisseur seiner Generation.

Die ewige Jugend

Seitdem sind fast zwei Jahrzehnte vergangen und man hat den Eindruck, dass der US-Amerikaner, der im März seinen 50. Geburtstag feiert, immer noch zu den jüngsten, frischesten und coolsten Regisseuren Hollywoods gehört. Vielleicht ist diese ewige Jugend ja so ein Generationen-Ding, denn genau wie Tarantino werden auch Brad Pitt, mit dem er in "Inglourious Basterds" zusammenarbeitete, und Johnny Depp in diesem Jahr 50. Und beide machen ebenfalls den Eindruck von Berufsjugendlichen.

Mit Pam Grier brachte Tarantino in "Jackie Brown" seine alte Filmheldin wieder auf die Leinwand.
Mit Pam Grier brachte Tarantino in "Jackie Brown" seine alte Filmheldin wieder auf die Leinwand.(Foto: Kinowelt GmbH)

Vielleicht aber liegt diese ewige Jugend auch darin begründet, dass Tarantino mit "Pulp Fiction" so unkonventionell und visionär war, dass Hollywoods Nachwuchs-Filmemachern einfach nichts Besseres einfällt, abgesehen von digitalen Effekten und 3D. Ja, erzählerisch ist Tarantino nach wie vor ein hoher Maßstab. Seine Drehbücher erhielten schon immer mehr Preise als seine Regiearbeit. Das gilt auch für Tarantinos neuesten Film "Django Unchained", für den er am Wochenende den Golden Globe für das beste Originaldrehbuch erhielt. In dieser Kategorie kann er sich nun auch begründete Hoffnungen auf den Oscar machen. Als bester Regisseur ist er dagegen nicht nominiert.

Mix verschiedenster fremder Einflüsse

Das könnte an Tarantinos Art liegen, aus der Filmgeschichte zu schöpfen, sich bei seinen Kollegen zu bedienen, sie gegebenenfalls bis hin zu Einstellungen und Dialogen zu kopieren. Seine eigene Handschrift ergibt sich erst aus dem Mix verschiedenster fremder Einflüsse: Tarantino ist ein DJ des Kinos. Die unzähligen Verweise auf B-Movies, das Genrekino der 70er Jahre, asiatische Martial-Arts-Streifen, den Italowestern, aber auch die französische Nouvelle Vague (seine Produktionsfirma A Band Apart benannte er nach einem Godard-Film) waren schon immer sein Kennzeichen und begründeten seinen Ruhm in einer postmodernen Welt, in der immer mehr Verweise und Anspielungen auf immer weniger Originalideen treffen.

Seinen Durchbruch feierte Tarantino mit "Reservoir Dogs".
Seinen Durchbruch feierte Tarantino mit "Reservoir Dogs".(Foto: Studiocanal)

Bei Tarantino geht das so weit, dass er Schauspieler einsetzt, die ihn in seiner Kindheit und Jugend prägten: John Travolta, Pam Grier, Kurt Russell und David Carradine verdanken ihm neue Bekanntheit. Da spiegelt sich das Scheidungskind, das seine Freizeit gerne bei B-Filmen im Kino verbrachte. Und da spiegelt sich der Angestellte einer Videothek mit umfangreichem Filmwissen. Weniger bekannt ist, dass Tarantino da bereits eine Schauspielausbildung begonnen und wieder abgebrochen hatte - wobei er bis heute wenige große Rollen, aber mehrere kleine Auftritte auch in eigenen Filmen hatte.

In jener Zeit begann er auch, erste Drehbücher zu verfassen und nahm in Sundance an einem Regie-Workshop mit Robert Redford teil. Auf dem Filmfestival der Stadt in Utah feierte er 1992 schließlich mit seinem Debüt "Reservoir Dogs" den Durchbruch - das amerikanische Independent-Kino hatte einen neuen Superstar. Ursprünglich als No-Budget-Film geplant, wurde der blutige Gangsterfilm mit der finanziellen Unterstützung von Schauspieler Harvey Keitel ein großer Erfolg. Er bestach vor allem durch die Zeichnung seiner Charaktere, die durch Unsicherheit und Verrat in einen Strudel der Gewalt geraten.

"Kill Bill" ist ein zweiteiliges, fulminant inszeniertes Racheepos mit Uma Thurman in der Hauptrolle.
"Kill Bill" ist ein zweiteiliges, fulminant inszeniertes Racheepos mit Uma Thurman in der Hauptrolle.(Foto: Kinowelt GmbH)

Das ist nun etwas mehr als 20 Jahre her. Studiocanal nimmt das zum Anlass, um einen umfangreichen Karriereüberblick auf DVD und Blu-ray herauszubringen: "Tarantino XX - 20 Years of Filmmaking" versammelt auf acht Discs (und einer umfangreichen Bonusdisc) die bisherigen Regiearbeiten Tarantinos. Nur der Episodenfilm "Four Rooms", zu dem Tarantino ein Viertel beitrug, fehlt. Andererseits wurde in die schön gestaltete Box "True Romance" von Tony Scott aufgenommen, für den Tarantino das Drehbuch lieferte. Auf "Natural Born Killers" von Oliver Stone wurde dagegen wohlweislich verzichtet. Tarantino schrieb hierfür zwar das ursprüngliche Drehbuch, distanzierte sich jedoch vom fertigen Streifen. "From Dusk Till Dawn" hätte sich dagegen ebenfalls noch einen Platz in der Box verdient. Der Splatterfilm stammt zwar von Robert Rodriguez, wird aber stark mit Drehbuchautor, Darsteller und Produzent Tarantino in Verbindung gebracht.

"Inglourious Basterds", unter anderem mit Brad Pitt, ist Tarantinos erfolgreichster Film an den Kinokassen - "Django Unchained" dürfte aber noch mehr einspielen.
"Inglourious Basterds", unter anderem mit Brad Pitt, ist Tarantinos erfolgreichster Film an den Kinokassen - "Django Unchained" dürfte aber noch mehr einspielen.(Foto: MMIX Visiona Romantica, Inc.)

Dass die Box unter der Marke "Arthaus" erscheint, ist dabei keineswegs erstaunlich. Zweifellos ist Tarantino einer der bedeutendsten Autorenfilmer unserer Tage. Von Drehbuch und Regie bis zur selbst zusammengestellten Musik und dem unbedingten Einsatz von analogem Film legt er großen Wert auf Kontrolle. Wo Tarantino draufsteht, ist auch Tarantino drin. Das sieht man schon an den vielen wiederkehrenden Elementen: Nicht nur Schauspieler und ihre Rollen, auch selbst erfundene Marken für Burger und Zigaretten tauchen immer wieder auf. Hinzu kommen die fetischistische Darstellung nackter Füße und der berühmte Trunk-Shot, der Blick aus dem Kofferraum, der in jedem Film verwendet wird.

Andererseits werden diese Elemente zum Problem, wenn sie zum reinen Manierismus ausarten. Tarantinos Filme sind mitunter überbordende Zitate-Vehikel, denen der tiefere Sinn allzu oft abhandenkommt. Man wird das Gefühl nicht los, dass Tarantino vor allem cool und hip sein will. Seine Filme setzen Trends, jeder spricht darüber, jeder kennt die Zitate. "Hast du den neuen Quentin Tarantino schon gesehen?" ist eben eigentlich eine rhetorische Frage. Natürlich hat man den neuesten Tarantino schon gesehen. Ob er etwas taugt, ist eine ganz andere Frage, die aber viel seltener gestellt wird. Denn auch das offenbart die Box: Tarantinos Filme schwanken in ihrer Qualität.

Stumpfe, motivationslose Gewalt

Die Box "Tarantino XX" ist als DVD und Blu-ray erschienen.
Die Box "Tarantino XX" ist als DVD und Blu-ray erschienen.(Foto: Promo)

"Pulp Fiction", der das Kino revolutioniert hat, steht da als Solitär. "Reservoir Dogs" und "True Romance" sind gute Gangsterfilme, die durch schauspielerische Leistungen beziehungsweise geschickt erzählte Geschichten überzeugen. Die Blaxploitation-Hommage "Jackie Brown" nach einem Roman von Elmore Leonard lebt dagegen vor allem von ihren Anspielungen auf die Filmgeschichte, von ihren cool gestylten Figuren und, wie immer bei Tarantino, der liebevoll zusammengestellten - natürlich ebenso coolen - Musik. Das gilt auch für den Exploitation-Reißer "Death Proof", der ursprünglich zusammen mit Robert Rodriguez' "Planet Terror" als Grindhouse-Doppelfilm veröffentlicht wurde. Es ist Tarantinos bislang schwächster Film, der außer stumpfer, motivationsloser Gewalt und einigen Anspielungen auf das Actionkino der 70er Jahre (inklusive bewusst eingefügter Sprünge und Unkorrektheiten im Film) nichts zu bieten hat.

Sie alle eint vor allem eins: die explizite Darstellung von Gewalt, die Tarantino immer wieder vorgeworfen wird. Auf die Spitze getrieben wird dies im virtuos inszenierten Zweiteiler "Kill Bill", der unzählige Zitate aus Martial-Arts-Filmen und Western verwendet. Gewalt wird hier zum ironischen Stilelement, ja teilweise zum Gag. Manch einer empfindet das als zynisch, andere haben an der stilistischen Gewaltdarstellung ihren Spaß. Umstritten war auch "Inglourious Basterds" von 2009. Die historisch völlig unkorrekte Weltkriegs-Farce stieß teilweise auf Ablehnung. Andererseits kann man eine tiefe innere Befriedigung nicht verbergen, wenn Hitler und Goebbels im Kugelhagel eines Sturmgewehrs zerfetzt werden. Der Film wurde zu Tarantinos finanziell bisher erfolgreichstem Film. Zudem erhielt er acht Oscar-Nominierungen. Tarantino freilich ging leer aus, zum Star wurde dagegen Christoph Waltz, dessen Sprachgewandtheit und pointierte Mimik den Film tragen.

Kein Wunder, dass Tarantino für seinen neuen Film "Django Unchained" erneut auf Waltz setzt, der dem Regisseur wiederum ein Gesamtkunstwerk postmoderner Art bescheinigt. So spielt wie in jedem Tarantino-Film auch in dem Sklaverei-Western Gewalt wieder eine große Rolle. Erträgt man sie, kann man die pure Unterhaltung genießen, die sogar richtig Spaß machen kann. Das ist für einen Filmemacher durchaus ein großes Kompliment. Ein anderes ist, wenn man Filme nach dem Regisseur benennt: "Hast du den neuen Quentin Tarantino schon gesehen?"

"Tarantino XX" ist auf DVD und Blu-ray erhältlich.

ACHTUNG: Auf der Bonusdisc der Blu-ray kommt es laut Verleih in den letzten zehn Minuten der Doku zu einem Bildfehler. Die defekte Blu-ray wird vom Verleih unentgeltlich umgetauscht.

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Quelle: n-tv.de

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