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"Life of Pi" von Ang Lee erzählt die Geschichte eines jungen Inders, der nach einem Schiffbruch in einem Rettungsboot landet - zusammen mit einem Tiger.
"Life of Pi" von Ang Lee erzählt die Geschichte eines jungen Inders, der nach einem Schiffbruch in einem Rettungsboot landet - zusammen mit einem Tiger.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

Budenzauber oder Zukunft des Kinos: Quo vadis, 3D?

Von Markus Lippold

3D spaltet die Geister. Die einen sind von den Bildern begeistert, die anderen wenden sich genervt ab. Schuld sind auch die Studios, die halbgare Versionen als Sensationen verkaufen. Dass es besser geht, beweist Ang Lee mit "Life of Pi". Doch er sieht die Technik erst am Beginn ihrer Entwicklung. Für das Kino geht es dabei ums Überleben.

3D - den einen ist die neue Technik ein Graus, die im Kino Kopfschmerzen bereitet, für höhere Ticketpreise sorgt und überhaupt nur ein billiger Marketingtrick aus Hollywood ist. Für andere hingegen ist sie die Zukunft des Kinos, die dem Film (un)endlich neue Möglichkeiten des Erzählens bietet und nicht zuletzt glänzend unterhalten kann.

"Avatar" von James Cameron brachte die 3D-Welle in diesem Jahrtausend ins Rollen.
"Avatar" von James Cameron brachte die 3D-Welle in diesem Jahrtausend ins Rollen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Seit 2009 "Avatar" von James Cameron eine neue Begeisterung für das dreidimensionale Filmvergnügen auslöste, machen auch die großen Filmstudios kräftig mit: Etwa drei Dutzend Filme mit der neuen Technik kamen 2011 in die Kinos, in diesem Jahr werden es nicht viel weniger sein. 3D wird als neue Wunderwaffe gegen Internet und Tauschbörsen angepriesen und soll der schwächelnden Kinobranche wieder auf die Beine helfen. Wobei kleinere Spielstätten, die die teure Umrüstung nicht mitmachen können, auf der Strecke bleiben.

Doch nicht nur kleine Kinobetreiber und Filmpuristen lehnen 3D ab. Auch beim Publikum lösen die dreidimensionalen Filme nicht nur Begeisterung aus. Und das liegt auch an den Filmstudios selbst. Allzu oft setzten sie bisher auf billigen Budenzauber denn auf ernsthaften Einsatz von 3D. So wurden Filme in 2D gedreht und erst nachträglich konvertiert oder mit einigen 3D-Tricks angereichert. Die letzten "Harry Potter"-Filme entstanden so, "Men in Black 3" und "The Avengers". Zudem fand man mit der neuen Technik endlich einen Weg, alte Kassenschlager wie "Titanic" oder Star Wars: Episode I" noch einmal neu aufzulegen. Überzeugend war das fast nie. So brauchte es auch nicht lange, bis die ersten Unkenrufe das Ende der 3D-Welle kommen sahen, bevor sie richtig angefangen hatte.

"Life of Pi" geht neue Wege

Es wäre ja nicht das erste Mal, dass dreidimensionales Kino wieder in der Versenkung verschwindet. Erste Patente und Versuche gab es schon im 19. Jahrhundert. Einen ersten Boom erlebte der 3D-Film aber erst in den 1950er und 60er Jahren. Auch damals galt es, einen neuen Konkurrenten - das Fernsehen - aus dem Feld zu schlagen. Doch die Technik war simpel und nicht ausgereift, die schlecht gemachten Filme verschwanden bald wieder.

Mit dem Tanzfilm "Pina" ging Regisseur Wim Wenders neue Wege - erstmals in 3D. Belohnt wurde er mit einer Oscarnominierung.
Mit dem Tanzfilm "Pina" ging Regisseur Wim Wenders neue Wege - erstmals in 3D. Belohnt wurde er mit einer Oscarnominierung.(Foto: picture alliance / dpa)

Im neuen Jahrtausend soll nun alles anders werden und die zur Verfügung stehende digitale Technik stimmt optimistisch. Immerhin gab es auch im aktuellen Boom bereits Filme, die begeistern konnten und für ihren 3D-Einsatz gelobt wurden. "Avatar" gehört dazu, aber auch "Prometheus" von Ridley Scott, "Hugo Cabret" von Martin Scorsese oder "Die Höhle der vergessenen Träume" von Werner Herzog. Als neuer Meilenstein wird nun "Life of Pi" gefeiert. Und tatsächlich ist der Streifen des Taiwaners Ang Lee, der am 26. Dezember in die deutschen Kinos kommt, ein visuell überwältigendes Erlebnis.

Die Berliner Akademie der Künste bot Lee nun die Möglichkeit, mit einem anderen berühmten Autorenfilmer über die Möglichkeiten von 3D zu debattieren. Dass es keine hitzige Diskussion werden würde, war abzusehen, denn Lees Gesprächspartner war Wim Wenders, der mit "Pina" bereits einen hoch gelobten 3D-Film realisiert hat und derzeit an neuen dreidimensionalen Projekten arbeitet. An der Zukunft der neuen Technik zweifeln beide nicht, jedoch wurde auch klar, dass die Zuschauer vor allem eins brauchen, bis die Technik permanent überzeugende Filme abliefert: Geduld.

Bieten 48 Bilder pro Sekunde die Lösung?

Noch habe 3D den Charakter einer Attraktion und sei zu wenig im Prozess des Filmmachens verwurzelt, befand Wenders am vergangenen Donnerstag bei dem Podiumsgespräch vor Filmstudenten aus Berlin und Potsdam. "Wir brauchen mehr Filme, die für 3D geschrieben werden", forderte er und kritisierte zugleich, dass der Einsatz von 3D oftmals übertrieben werde und zu einem "Overkill" führe. Begeistert zeigte er sich dagegen von "Life of Pi", bei dem er völlig vergessen habe, überhaupt in einem 3D-Film zu sein.

Zwei Meisterregisseure im Gespräch: Wim Wenders (l.) und Ang Lee trafen sich in der Akademie der Künste in Berlin.
Zwei Meisterregisseure im Gespräch: Wim Wenders (l.) und Ang Lee trafen sich in der Akademie der Künste in Berlin.(Foto: 2012 Twentieth Century Fox)

"Wir befinden uns im Übergang von 2D zu 3D", sagte auch Lee. "Das ist ein langer Prozess." Immerhin seien heutige Filmemacher mit dem herkömmlichen Kino aufgewachsen, hätten so ihr Handwerk gelernt und würden noch in dessen Strukturen denken. "Man muss aber die Art verändern, eine Geschichte zu erzählen", fügte er an. Dies sei in den meisten Fällen noch nicht gegeben, denn während der Dreharbeiten würden alle wieder in herkömmliche Muster verfallen. Das führte ihn auf das Grundproblem zurück: 3D-Filmen fehle die einheitliche Sprache, weshalb sie auch beim Publikum noch sehr unterschiedlich wahrgenommen würden.

Doch auch nach wie vor bestehende technische Probleme sprachen beide Filmemacher an. "Kleine Fehler werden in 3D zu großen Fehlern", stellte Wenders fest. Es war eine Anspielung darauf, dass schnelle Kamerafahrten in 3D zu verwackelten, verwischten Bildern führen. Eine Verbesserung könnte die mit Spannung erwartete Verfilmung von "The Hobbit" bieten, deren erster Teil am 13. Dezember in die deutschen Kinos kommt. Regisseur Peter Jackson setzt dabei nicht nur auf 3D, sondern verdoppelt auch die bisher übliche Bildrate von 24 Bildern pro Sekunde. Wenders jedenfalls war überzeugt, dass dies eine Verbesserung sei, denn schon Testaufnahmen für "Pina" mit 48 Bildern pro Sekunde hätten "fantastische" Ergebnisse geliefert. Wobei er einschränkte, dass nicht alle Kinos mit dieser Technik klar kämen.

"Ich glaube an die Macht von Geschichten"

Und in Zukunft? Wenders hofft darauf, dass 3D-Filme irgendwann so gewöhnlich seien wie Animationsfilme heute. Derzeit arbeitet er etwa an der 3D-Fernsehserie "Cathedrals of Culture", die zwischen Fiktion und Dokumentation angesiedelt sein soll. Lee verwies derweil mehrmals darauf, dass es eine sehr lange Entwicklung sei, die noch weitere technische Innovationen erfordere, bis das 3D-Erlebnis auch beim Publikum ankomme. Wie schnell das gehe, und ob es dann überhaupt noch 2D-Filme geben werde, konnten beide nicht sagen. So bot die als "Gipfeltreffen" angekündigte Diskussion zwar interessante Einblicke, aber nicht gerade neue Erkenntnisse in die Entwicklung von 3D und das Kino von Morgen.

Dass die beiden Filmemacher trotzdem an die Zukunft der Technik glauben, liegt wohl daran, dass sie 3D nicht als bloßen Spezialeffekt für Actionfilme missverstehen. "Ich glaube an die Macht von Geschichten", sagte Lee. Dabei sei es unwichtig, ob diese in zwei oder drei Dimensionen erzählt würden. Deshalb kann er sich auch sehr gut vorstellen, Dramen dreidimensional zu inszenieren. Diese würden dadurch an Intensität gewinnen, sagte Lee. Vorgemacht hat er dies bereits mit "Life of Pi", der neben Actionszenen eben auch sehr intime Augenblicke bietet und damit andeutet, was mit 3D möglich ist. Wer bisher dem dreidimensionalen Film eher skeptisch gegenüberstand, dem sei der Film deshalb als gelungenes Beispiel empfohlen.

Bis die neue Technik sich wirklich überzeugend durchsetzt, ist es jedoch tatsächlich noch ein langer Weg, auf dem nicht nur die Filmemacher dazulernen, sondern vor allem die Filmstudios umdenken müssen. Wenn sie nicht endlich mehr Mut zeigen, Stoffe besser auf 3D abzustimmen und dabei auch sperrige Geschichten umzusetzen statt weiter einseitig auf rentable Fortsetzungsreihen und Actionkracher zu bauen, wird sich auch das Publikum bald gelangweilt abwenden. Dann hätte das Kino die Chance vertan, seinen Wert als Kulturgut zu erneuern, es wäre am Ende.

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Quelle: n-tv.de

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