Unterhaltung

Kid Rock und Cockney Rebel: Rock and Roll ist quicklebendig

Von Manfred Bleskin

Kid Rocks neues Album "Rebel Soul" und die Neuauflage der beiden ersten LPs der Londoner Band Steve Harley & Cockney Rebel zeigen, dass der Ende der 50er Jahre totgesagte Rock'n'Roll in recht unterschiedlichen Formen fortlebte und auch heute noch putzmunter ist - Musik, die man auch an Adventssonntagen hören kann.

Der Rock and Roll ist tot? Nein, er ist quicklebendig. Einer, der dazu einen Beitrag leistet, ist Robert James Ritchie alias Kid Rock. Das nunmehr neunte Album des Mannes aus Romeo im US-Bundesstaat Michigan ist eine Ode an die Quelle jener Musik, die aus dem Bauch kommt, mit der Hand gemacht wird und nur mit dem Herzen zu verstehen ist. "Chickens In The Pen" ist, wie viele der 14 Titel, ein stampfender Kracher. Der Song "Mr. Rock 'n' Roll" besteht fast ausschließlich aus aneinandergereihten Titeln großer Interpreten des Genres.

Das ist nicht neu und wurde auch schon von Altmeister Larry Williams selig in seinem Brüller "Short Fat Fanny" so praktiziert, in dem er mit der "Long Tall Sally" seines Vorbildes Little Richard herummacht und in Elvis' "Heartbreak Hotel" einkehrt. Bei Kid Rock finden sich Chuck Berry mit "Maybellene" und "Sweet Little 16", Bo Diddley mit "Who Do You Love?", Buddy Holly mit "Peggy Sue", die Who mit "We Won't Get Fooled Again" und die Beatles mit "Hey, Jude". Alles passt zusammen und ergibt einen Text, wie er auch in den 50ern hätte geschrieben werden können.

Na, dann: Cheers!

Creedence Clearwater Revival reüssieren mit "Proud Mary" und "Up Around The Bend" gleich zweimal. John Fogerty, einst Frontmann von CCR, leistet wie Master Ritchie bis auf den Tag seinen Beitrag, den Rock and Roll vor dem Tode zu bewahren. Allerdings steht er dem Unterstützer der republikanischen Präsidentschaftskandidaten John McCain und Mitt Romney als Liberaler politisch recht fern. Aber vielleicht lernt das Kid ja auch in dieser Hinsicht noch vom Erwachsenen Johnny. Musikalisch zumindest hat Kid Rock auch vom Countrygiganten Hank Williams etwas mitbekommen, den er nicht nur mit dem Titel eines Liedes – "Hey, Good Lookin’" – zitiert. "Happy New Year" ist ein flotter Countrysong, der davon handelt, dass er sich, wenn sie da ist, so fühlt als würde er ständig aufs Neue Jahr anstoßen. Na, dann: Cheers!

Anstoßen sollte man in jedem Fall auf eine weitere Veröffentlichung des Genres Rock 'n' Roll, die lange auf sich warten ließ: Cockney Rebel. Die Band stammt – wie der Name nahelegt – aus London. Sänger und Kopf Steve Harley wuchs im Südosten der britischen Kapitale auf. Gleichwohl singt er nicht in jenem für die Stadt so typischen Dialekt. Der Anfang der 70er Jahre populären Glam Rock-Szene entwuchs die Truppe sehr rasch, obzwar das erste Album "The Human Menagerie" (1973) noch glamouröse Spurenelemente enthält. Höhepunkt des Originalalbums ist zweifellos das symphonische "Sebastian": Streicher im Überfluss, dazu Harleys sphärisch klingende Stimme. Ein Meisterwerk, das in seiner Grandezza durchaus "A Day In The Life" auf dem Jahrhundertwerk "Sgt. Pepper’s Lonely Hearts Club Band" der Beatles vergleichbar ist.

Der Song erreichte wie das Album selbst befremdlicherweise keine nennenswerte Chartposition. Vielleicht liegt es an seiner Komplexität, die manchem zu viel gewesen sein mag. Neben "Sebastian" enthält die LP wundervolle Stücke wie "Hideaway", "Loretta's Tale" und "What Ruthy Said". Wie bei Reeditionen üblich, gibt es auch auf "The Human Menagerie" Beigaben, die die CD halt etwas wertvoller machen als das Originalbum. Hier sei die Single "Judy Teen" erwähnt, die 1974 einen beachtlichen fünften Platz der UK Single Charts belegte.

Keine leichtverdauliche Kost

Das zweite wieder aufgelegte Album ist "The Psychomodo" schaffte es 1974 auf den achten Platz der UK Album Charts, "Mr. Soft", die Singleauskopplung, in die Top Ten. Der Song steht in Vaudeville-Tradition, greift aber auch Elemente des "Einzugs der Gladiatoren" des tschechischen Komponisten Julius Fucik auf. In "Singular Band" erklingt ein atonales Solo auf der Hammondorgel. Wie schon die erste LP ist "The Psychomodo" musikalisch keine leichtverdauliche Kost - neben den schrägen Soli auf Piano und Elektroorgel viele kraftvolle Violinen, kaum Gitarren. Auch hier gibt's mit "Such A Dream" und "Big Big Deal" zwei Singlezugaben. In den USA hingegen fand das Werk kommerziell überhaupt keinen Anklang. Überhaupt dominierten dort in jenem Jahr einheimische Interpreten. Das Wings-Album "Band On The Run" und Eltons Johns "Benny And The Jets" sind rühmliche Ausnahmen.

Auf CD drei und vier finden sich ursprüngliche beziehungsweise alternative Abmischungen von Stücken wie "Loretta's Tale" und "Sebastian", die zeigen, dass es sich die Band nicht leicht machte und tüftelte, bis dann endlich das gelungene Endprodukt da war. Auftritte von Steve Harley & Cockney Rebel bei der BBC und beim "Old Grey Whistle Test" sowie einen weiteren in der legendären "John Peel Show" beweisen, dass die Truppe auch auf der Bühne großartig sein konnte. Leider fehlt – siehe Titel der Edition - die einzige Nummer 1 der Rebellen: "Make Me Smile (Come Up And See Me)", das erst 1975 entstand. Vielleicht klappt's ja bei einer weiteren Neuauflage von Cockney Rebel-Alben, denen aus 1975 und 1976.

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Quelle: n-tv.de

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