Unterhaltung
Anika Decker
Anika Decker(Foto: Jens Koch)
Donnerstag, 14. September 2017

Anika Decker, Frau für Lacher: "Sadomaso hat was Spießiges"

Mit ihren Witzen über Oralsex hat sie Männer das Fürchten gelehrt und Frauenherzen im Sturm erobert. Wenn deutsches Kino lustig ist, stehen die Chancen gut, dass Sie in einem ihrer Filme sitzen. "High Society" ist Anika Deckers jüngstes Werk. Hochkarätig besetzt nimmt der Streifen Männer, Frauen, Reiche, Arme, kleine Ohren und große Revolutionsbestreben aufs Korn. Decker war Drehbuchautorin, Regisseurin und Produzentin in Personalunion. n-tv.de verrät die 42-Jährige, wie sie dem Ex eins ausgewischt hat und was sie in ihrem Haschisch-Döschen aufbewahrt.

n-tv.de: Wichtigste Frage zuerst: Haben Sie Ihre Arztbesuchs-Unterwäsche gefunden?

Anika Decker: (lacht) Ich habe sie gerade an, wirklich! Die ist seeehr hässlich! (zeigt den Träger ihres BHs)

Da sehen Sie mal, wie einen so ein Tweet einholen kann! Sie machen lustige Filme - verspüren Sie da Druck, auch privat immer witzig zu sein?

Ein bisschen liegt das in meiner Natur. Manche Menschen sehen das Leben als Drama, ich sehe es als Komödie. Wenn man sich zum Beispiel heftig streitet, wirft man sich doch voller Ernst so einen Schwachsinn an den Kopf.

Und dann müssen Sie über Ihr Gegenüber lachen?

Ja, ist mir schon oft in Streiten passiert. Aber auch bei Sachen, die ich selber sage. Manchmal ist das gut. Ich merke dann, dass ich etwas so Bescheuertes gesagt habe, dass ich unmöglich weiterstreiten kann.

Denken Sie in so einem Moment daran, wie gut sich der Dialog in einem Drehbuch machen würde?

Manchmal. Das finde ich aber eher lästig. Ich versuche, privat nicht in Punshlines zu denken. Einen Gag für ein Drehbuch aufzubauen, ist harte Arbeit.

"Es gibt drei Sorten von Männern. Die, die es dir gar nicht machen, die Wühler und die Pieker." Mit dieser Oralsex-Analyse im Film "Keinohrhasen" haben Sie deutsche Kino-Geschichte geschrieben.

(lacht) Da war ich gar nicht drauf gefasst. Ich wollte einfach eine lustige Szene schreiben und hab denen, die es nicht können, komische Namen gegeben. Jahrelang hab ich keinen Oralsex gekriegt, weil alle Sorge hatten, dass sie der Wühler oder der Pieker sind. Der eine oder andere neue Mann in meinem Leben war starr vor Angst.

Bei "High Society" wird über Sadomaso-Vorlieben gescherzt. Muss man mittlerweile immer noch einen draufsetzen, weil das Publikum in der Hinsicht einfach schon so viel gewöhnt ist?

Irgendwie schon. Ich wollte diese Ernsthaftigkeit aufs Korn nehmen, mit der etwa über "50 Shades of Grey" gesprochen wurde. Es geht mir so auf die Nerven, dass suggeriert wird, jede Hausfrau lasse sich zu Hause auch mal auspeitschen. Als ob wir Frauen das alle wollen. Im Übrigen habe ich selber ganz andere Erfahrungen mit Männern gemacht, die sehr viel Macht und Geld haben. Wie dieser Sadomaso-Kram einem verkauft wird, hat das etwas sehr Spießiges.  Ich finde, da kann man nochmal genauer hinschauen. Ich habe versucht "50 Shades of Grey - real life" zu zeigen. So wie ich mir das vorstelle.

Dabei sind die Geschlechter der dominanten und der devoten Rolle in "High Society" vertauscht. Geknebelt wird der Typ. Auch an anderer Stelle zeigen Sie statt einer knapp bekleideten Frau Jannis Niewöhner exponiert oberkörperfrei. Macht es Ihnen Spaß, den Spieß umzudrehen?

Ja, ich dachte, das muss doch auf die Leinwand! Ich weiß noch, wie er nichts ahnend bei mir im Produktionsbüro saß. Er wollte sich gerade ein Stück Kuchen in den Mund schieben, da habe ich gesagt: "Sag mal, Jannis, wie gut bist du eigentlich in Form gerade? Ich schreib dir hier gerade so 'ne Slo-Mo rein …" (lacht)

Wieso wollten Sie ausgerechnet die Geschichte von "High Society" erzählen?

Im "Zeit Magazin" habe ich mal einen Artikel über vertauschte Babys in einer französischen Klinik gelesen. Das hat mich nicht mehr losgelassen. Ich habe angefangen, zu recherchieren, und festgestellt, dass so was relativ oft vorkommt. Außerdem habe ich selbst mal auf einer Babystation gearbeitet.

Wann denn das?

Als Schülerin. Mein bester Freund und ich hatten uns beide nicht um ein Praktikum gekümmert. Am Ende gab's nur noch Frauenklinik oder Stempelfabrik. Natürlich ist der Typ zur Stempelfabrik und ich musste auf die Geburtenstation.

Da wurden aber keine Babys vertauscht?

Diese kleinen Armbänder, die die Kinder tragen, gehen verdammt leicht ab. Ich musste öfter Babys zum Stillen auf die Zimmer bringen - manchmal zwei auf einmal. Könnte also sein, dass ich mich schuldig gemacht habe. (grinst)

Hatten Sie als Teenager auch diese pubertäre Fantasie, dass irgendwann …

… die echten Eltern kommen? Klar! Krystle Carrington (Figur aus der Serie "Der Denver-Clan"; Anm. d. Red.) steigt aus einem weißen Rolls Royce und holt dich von deinen pädagogisch wertvollen Eltern weg, die dir gerade gesagt haben, dass sie nicht einsehen, wieso du mit 13 Jahren bis zwei Uhr nachts wegbleiben oder eine Hose für 150 Euro besitzen solltest. Rückblickend bin ich aber ganz froh, dass ich ein paar Sachen nicht durfte. Ich wäre mit Sicherheit nicht zu halten gewesen.

Wie schon bei Ihrem letzten Film "Traumfrauen" stehen bei "High Society" vier Damen im Mittelpunkt. Macht es Ihnen mehr Spaß, Frauenfiguren zu schreiben?

Die "High Society"-Ladys Emilia Schüle, Katja Riemann, Caro Cult und Iris Berben bei der Premiere ihres Films.
Die "High Society"-Ladys Emilia Schüle, Katja Riemann, Caro Cult und Iris Berben bei der Premiere ihres Films.(Foto: imago/APress)

Nein, ich schreibe genauso gerne Männerfiguren. Im Moment wecken Frauenrollen allerdings meinen Ehrgeiz, weil immer behauptet wird, die würden im Kino nicht funktionieren. Eine aktuelle Untersuchung - initiiert von Maria Furtwängler - belegt, dass es viel zu wenig aussagekräftige weibliche Figuren im Fernsehen und im Kino gibt. Wenn ich die Gelegenheit habe, eine verrückte Frau zu schreiben, mache ich das sehr gerne.

Aber verrückt muss sie sein, ja?

Verrückt mag ich gern. Wir sind ja alle ein bisschen irre. Über jeden Menschen, den ich besser kenne, habe ich irgendeine irre Eigenschaft herausgefunden, irgendein irres Detail. Das kann etwas sein, das die Leute machen, wenn sie alleine sind, etwas, das sie sammeln oder heimlich lesen. Ich kenne zum Beispiel eine knallharte Anwältin, die liest zu Hause im Bett gern Ritterromane - sie findet es so schön, wie die Figuren miteinander umgehen.

Und was ist Ihr irrer Spleen?

Ich bin sehr besessen von schönen Dingen. Bis zur Peinlichkeit. Kürzlich habe ich mir Jimmy Choos gekauft - als Belohnung für den Film. Immer wenn ich neue Schuhe kaufe, stelle ich die auf meinen Nachttisch. Wenn ich nachts aufwache, knips' ich nochmal das Licht an und gucke mir die Schuhe an. (grinst)

Dann müssen Sie mit der Requisite von "High Society" ja wirklich großen Spaß gehabt haben!

Anika Decker mag es bunt. Bei "High Society" konnte sie sich voll ausleben.
Anika Decker mag es bunt. Bei "High Society" konnte sie sich voll ausleben.(Foto: Warner Bros.)

Ich liebe diesen ganzen Style. Mir hat vor allem Farbe so gefehlt. Im Moment ist immer alles so abgetönt und edel. Es wohnen aber eben nicht alle Leute in weißen Lofts - ich zum Beispiel nicht. In der Villa der reichen von Schlachts gibt es einen grünen Palmenteppich so wie im Beverly Hills Hotel. Der Tag, an dem wir einen Stoff mit genau dem gleichen Palmenmuster für Iris' Seidenkaftan gefunden haben, war für mich einer der schönsten!

Treffen Sie oft solche Detailentscheidungen?

Bis zur Auswahl des Hundes! Das ist ja nicht nur Spielerei. Wie eine Figur sich anzieht, wie sie sich einrichtet, was bei ihr im Regal steht - das alles sind für mich wichtige Bestandteile einer Geschichte. Das kleine Haschisch-Döschen, das Emilia im Film hat, hab' ich mir gemopst. Als kleine Erinnerung. Da sind jetzt meine Schilddrüsen-Tabletten drin. (lacht)

Wann haben Sie angefangen, in Ihrem heutigen Stil zu schreiben?

Ich habe ja erst sehr spät angefangen, zu schreiben. Mit Ende 20 oder so. Ich glaube, ich war vorher einfach zu schüchtern. Ich hab mich eher als Lektor oder Dramaturg gesehen. Das war das Verwegenste, das ich mir vorstellen konnte.

Schreiben braucht Mut. Schließlich steckt immer ein Teil von einem selbst drin.

Man liegt immer ein bisschen nackt auf dem Tisch. Leute bewerten einen. Oder sie unterstellen einem irgendwas. Meist sitzt man da und hat die schiere Panik, dass man das gar nicht kann oder dass einem nie wieder was einfällt. Schreiben ist ein absoluter Traumberuf, aber er ist eingekleidet in haufenweise Selbstzweifel.

Würden Sie zustimmen, dass knackige Dialoge Ihr Spezialgebiet sind?

In der Drehbuchschule hat die Lehrerin gesagt, sie bekomme von meinen Dialogen und Texten Kopfschmerzen. Ich musste als Einzige nach vorne an die Tafel und die komplizierten Figurenzusammenhänge aufzeichnen. Und ein Fernsehsender hat mich mal rausgeschmissen, weil ich angeblich keine witzigen Dialoge schreiben kann.

Haben Sie von solchen Leuten nochmal etwas gehört, nachdem Sie Erfolg hatten?

Neee, aber ich habe mal einen meiner Ex-Freunde wiedergetroffen, da hatte ich den Bayrischen Filmpreis in der Hand. Er hatte mich damals ganz böse am langen Arm verhungern lassen. Wir standen dann also am Buffet und ich wusste nicht, wohin mit dem Preis. Deswegen habe ich gesagt: "Hältst du mal bitte? Ich wollte mir eben noch Kartoffeln auftun."

Sorgt Erfolg für Sicherheit?

Nein. Wichtig ist, ob man selbst seine Arbeit mag. Es geht ja nicht darum, irgendetwas zu bedienen. Es wäre natürlich leicht, noch zehn Mal das Gleiche zu machen. Aber auf lange Sicht funktioniert das sowieso nicht. Ich möchte immer etwas in mir weiterentwickeln.

Heißt das, Sie denken beim Schreiben nicht an Ihr Publikum?

Bora Dagtekin ist einer der Ersten, die Anika Deckers Drehbücher lesen darf.
Bora Dagtekin ist einer der Ersten, die Anika Deckers Drehbücher lesen darf.(Foto: imago/Future Image)

Wenn ich anfange, darüber nachzudenken, blockiert mich das. Ich muss komplett frei sein im Kopf. Früher hat mich sogar der erste Leser blockiert. Wenn ich zum Beispiel wusste, das liest jetzt gleich Bora (Dagtekin, Macher der "Fack ju Göhte"-Filme; Anm. d. Red.), habe ich angefangen, seinen Blickwinkel auf die Arbeit einzunehmen. Wir nehmen uns alle so wahnsinnig wichtig. Man muss sich immer wieder daran erinnern, dass das meiste einfach nicht besonders wichtig ist. Ich finde es einen beruhigenden Gedanken, dass ich nur ein Tropfen im Ozean bin.

Und was machen Sie, wenn Sie mal eine Schreibblockade haben?

Wenn ich ganz tief unten bin, quasi in einer Schreibdepression, erleichtert es mich schon, wenn da überhaupt ein Satz steht. Ich spiele dann ein Spiel mit mir selbst und sage mir: "Am heutigen Schreibtag musst du zwei Sätze schaffen." Natürlich schafft man das. Das ist der Trick: ganz niedrige Erwartungen! (lacht) Wenn man denkt, das, was man macht, sei relativ scheiße, ist das manchmal ein sehr befreiendes Gefühl.

Von wem holen Sie sich Rat, wenn Sie welchen brauchen?

Gibt gerne Ratschläge: Anika Decker, die Frau hinter "High Society".
Gibt gerne Ratschläge: Anika Decker, die Frau hinter "High Society".(Foto: Warner Bros.)

Von meinem Bruder, meinen Eltern, meinem Freund, Bora oder guten Freundinnen. Eigentlich von allen, die mir nahestehen.

Sind Sie ein großer Ratgeber?

Ja! Ich habe für jede Lebenslage einen großartigen Tipp, den ich selbst nicht befolge. (lacht) Manchmal sagt man ja so untereinander: "Hoffentlich quatsch' ich dich jetzt nicht voll mit meinem Liebeskummer oder meinen Jobsorgen." Aber tatsächlich interessiert mich das. Vielleicht kommt daher auch mein Zwang, Menschen zusammenzubringen, die voneinander profitieren könnten. Wenn das klappt, mach mich das glücklich.

Vertrauen Sie auf Ihr Bauchgefühl?

Ja! In dem Zusammenhang frage ich mich manchmal, warum wir Menschen eher dazu tendieren, das Negative für wahrscheinlich zu halten. Wenn man das Positive für wahrscheinlicher hält, wird man sehr oft als unrealistischer Trottel abgestempelt. Aber sehr, sehr oft passiert eben auch das Gute und nicht das Doofe.

Glauben Sie, dass man erfolgreicher ist, wenn man sich einen positiven Ausgang einer Situation vorstellen kann?

Das klingt immer so nach Zauberei. Aber ich bin zum Beispiel fest davon überzeugt, dass man schneller gesund wird, wenn man optimistisch bleibt. Ich habe das selber erlebt. Andersrum würde ich nicht so weit gehen, bei Sorgen zu sagen: (verstellt aufgeregt die Stimme) "Das darfst du gar nicht erst aussprechen!" So was Blödes. Ich formuliere meine Ängste. Es ist doch immer wieder interessant, wie viel kleiner Ängste werden, wenn man sie ausspricht.

Mit Anika Decker sprach Anna Meinecke.

"High Society" läuft ab dem 14. September in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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