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Jane Goodall - keine kennt Schimpansen so gut wie sie!
Jane Goodall - keine kennt Schimpansen so gut wie sie!(Foto: APN)

Interview mit Jane Goodall: Schimpansen, so fern und doch so nah

Alastair Fothergill und Mark Linfield haben viele Strapazen auf sich genommen, um unsere nächsten Verwandten aus der Tierwelt über mehrere Jahre zu filmen. Dabei stießen sie auf eine Geschichte aus dem wahren Leben, die an ein Wunder grenzt. n-tv.de sprach mit Schimpansen-Expertin Jane Goodall über den Film, Lieblingstiere und den blauen Planeten.

"Schimpansen verhalten sich in etwa wie Menschen auf einer Party: Manche möchten fotografiert werden, andere nicht. Sobald wir die Kamera und das Stativ aufgestellt hatten, liefen sie zwar nicht unbedingt davon, aber sie drehten sich einfach um und zeigten der Kamera den Rücken." So beschreibt Kameramann Martyn Colbeck seine Erfahrungen während der Arbeit an "Schimpansen". Und darum geht's: Im tiefsten Regenwald der Elfenbeinküste entdeckt Schimpansenjunge Oscar das Leben. Mit seiner Mutter und inmitten seines Clans lernt er, Werkzeuge zu benutzen, nach Essbarem zu suchen und seine Umgebung zu erforschen. Auf der Suche nach Früchten dringt eine rivalisierende Schimpansengruppe in das Gebiet von Freddy ein, dem erfahrenen Alphamännchen des Clans. Nach einer Auseinandersetzung wird Oscars Mutter vermisst. Der kleine Schimpansen ist von heute auf morgen allein und dem Tod geweiht. Seine einzige Hoffnung: eine Affenmutter zu finden, die ihn adoptiert. Aber alle Mütter mit eigenen Jungen weisen ihn ab. Oscar wird zusehends schwächer, bis vollkommen überraschend ein Retter auftaucht, der Oscars Leben für immer verändert.

Jane Goodall, eine zarte, feine, ältere Dame mit grauem Haarknoten und leuchtenden, sehr wachen Augen,  sitzt im Berliner Hotel Regent, auf ihrem Arm ein Schimpansenkuscheltier: "Das ist Mr. H", stellt sie ihn vor, "der ist immer bei mir."

n-tv.de: Wie lange schon?

Oscar lernt von Freddy alles, was er wissen muss.
Oscar lernt von Freddy alles, was er wissen muss.(Foto: dpa)

Jane Goodall: Seit 20 Jahren. Millionen Kinderhände haben ihn berührt, er war in mindestens 59 Ländern. Und auch Erwachsene lieben ihn (lacht). Er war bereits im Krankenhaus und wurde etwas runderneuert, dafür sieht er noch ganz gut aus, oder? (kichert)

Hatten Sie nie Angst, dass ihn jemand stiehlt?

Nein! Die Menschen haben zu viel Respekt. Obwohl er in New York kurz mal verschwunden war. Aber er tauchte wieder auf. Obwohl der Polizist, dem ich gesagt habe, dass ich einen Spielzeugaffen vermisse, zuerst dachte, ich sei etwas dusslig. Aber dann hat er ihn doch gesucht – und gefunden. Per Überwachungskamera.

Die Geschichte des kleinen Schimpansen Oscar – wie außergewöhnlich ist sie?

Sie ist wirklich überaus außergewöhnlich. So etwas hat man noch nicht gesehen oder gehört. Ich habe erst einmal von einem anderen männlichen Schimpansen gehört, der einen kleinen Affen quasi adoptiert hat, aber der Kleine war schon viel älter und konnte mehr. Das ist aber das Magische an Schimpansen - bei denen weiß man nie, was sie als nächstes vorhaben. (lächelt) Selbst in den Gebieten, in denen wir schon lange tätig sind, lernen wir ständig Neues. Das Filmteam hatte nur geplant, einen Schimpansen über einen Zeitraum von drei, vier Jahren zu beobachten. Dass sich daraus so eine besondere Geschichte entwickeln würde, konnte niemand ahnen.

Was ist passiert?

Nun, als das Team feststellen musste, dass die Mutter des kleinen Schimpansen wohl getötet wurde, dachten alle, dass dies das Ende der Filmarbeiten bedeuten würde. Eine Katastrophe, denn sie hatten bereits viel Geld und Zeit investiert. Aber dann nahm die Story ihren Lauf …

Sind Sie zufrieden damit, wie der Film geworden ist?

Ich bin mehr als zufrieden. Das ist ein ganz außergewöhnlicher Film, weil er die Dokumentation zur Grundlage hat und sich zu einem Spielfilm entwickelt, dessen Drehbuch man nicht hätte besser schreiben können. In den USA haben ich bereits gesehen, wie Kinder auf den Film reagiert haben … und alle wollen jetzt etwas dafür tun, Schimpansen zu retten! (lächelt)

Was ist Ihre Rolle bei dem Projekt?

Eigentlich keine, außer, dass ich hier mit Ihnen rede. Ich hatte ja nichts mit der Entstehung des Films  zu tun, aber als ich ihn dann gesehen habe, wusste ich sofort, dass ich das Projekt unterstützen möchte. Disney hat mich gefragt, ich habe ja gesagt, denn die Kette ist logisch: Ich unterstütze den Film, das unterstützt die Schimpansen, das wiederum hilft mir, ganz einfach. Es ist eine Win-Win-Win-Situation!

Hätte das Film-Team dem kleinen Oscar geholfen, wenn Freddy nicht gewesen wäre?

Wahrscheinlich nicht, das geht nicht. Es sterben wirklich viele Schimpansen-Babys,  fast jedes zweite. Na klar kann man das Affenbaby einfangen, aber was dann? Dann bringt man es in eine Waisenstation, da sind schon Hunderte. Das ist wirklich teuer, wissen Sie? Aber zum Glück ist ja alles gut gegangen.

Disney ist ja bekannt dafür, uns das Menschliche im Tier zu zeigen ...

... ja, ich wurde auch schon beschuldigt, Tiere zu vermenschlichen. Aber wenn sie einem Tier, das 98,6 Prozent unserer DNA teilt, lange Zeit nahe sind, dann ist es nicht besonders schwer, menschliche Züge in einem Affen zu sehen, verstehen Sie? Der größte Unterschied ist die Entwicklung unseres Intellekts. Aber wenn es um non-verbale Kommunikation geht, dann ist da so vieles gleich: Küssen, Umarmen, Dinge halten, sich auf die Schulter klopfen, wie sie sich begrüßen, die spezielle Zärtlichkeit zwischen Mutter und Kind, die Hingabe, wie die Affenkinder spielen, wie sie lernen, etwas zu bearbeiten, wie Handwerker geradezu, die Disziplin, das Lernen durch Wiederholung, all das. Lustig ist auch zu beobachten, dass Schimpansenkinder genauso miteinander stänkern wie Menschenkinder. Man sieht ihnen auch die Enttäuschung an, wenn ältere Geschwister gemein sind .. Es ist wirklich nicht schwer, sie zu vermenschlichen, denn sie teilen Emotionen, so wie wir! Und wir wissen nicht, ob die Gefühle nur ähnlich sind wie unsere oder gar gleich, wir wissen es einfach nicht.

Der Mensch ist also gar nicht so einzigartig …

Exakt, das ist der Punkt! Ich habe früher noch lernen müssen, dass wir die einzigen Lebewesen mit Gefühlen sind, das stimmt natürlich nicht!

War das das erste, was Sie an Schimpansen fasziniert hat, als Sie die Ähnlichkeit gesehen haben zu uns Menschen?

Christophe Boesch
Christophe Boesch(Foto: dpa)

Nein, ich bin als junge Frau nach Afrika gegangen, weil ich Bücher über Tiere schreiben wollte, egal welche. Dass mir die Affen über den Weg gelaufen sind, ist ein Zufall. Das hätte ich nicht zu träumen gewagt, dass ich mit Schimpansen zu tun haben würde. Die ersten Zusammentreffen mit Schimpansen waren übrigens frustrierend, denn sie sind weggelaufen (lacht) Für Wochen! Die Schimpansen im Film sind allerdings auch eine Gruppe von Tieren, die von Christophe Boesch (Anm. d. Red.: renommierter Primatenforscher vom Leipziger Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie) und einem Team über Jahre studiert und gefilmt wurden, sie kannten sich bereits. Deswegen waren die Tiere nicht ängstlich.

Sind nicht viel zu viele Touristen im Regenwald und anderen Gebieten unterwegs?

Den Schimpansen scheint das nichts auszumachen. Mir schon (lacht). Sie haben sich an Menschen gewöhnt. Ich weiß nicht, ob sich ihr Verhalten deswegen nicht bereits geändert hat, ich kann es nicht mit Sicherheit sagen, aber ich glaube es eigentlich schon. Allerdings gibt einem eine Gruppe Schimpansen immer das Gefühl, dass sie sich überhaupt nicht für dich interessieren. Und Touristen sind übrigens eine Bereicherung, denn sie bringen Geld. Es kommt immer darauf an, wie damit umgegangen wird, aber grundsätzlich verdammen kann man das Thema nicht. Tourismus ist manchmal verträglicher als das, was die Menschen vor Ort tun, denn auf der Suche nach Nahrung oder Anbaumöglichkeiten werden Wälder gerodet, beispielsweise, und das sind die Lebensräume der Tiere. Dann lieber Tourismus, der Arbeitsplätze schafft.

Wie nah kommt man den Schimpansen denn?

Bloß nicht zu nah, allein schon wegen der Krankheiten, die Menschen anschleppen könnten. Es ist mir schon einmal vor vielen Jahren gelungen, einem Schimpansen eine Frucht in die Hand zu geben, und der hat mir dann die Hand gedrückt. So bedanken sich Schimpansen untereinander. Das heißt, es war eine große Anerkennung für mich, aber das passiert natürlich nur einmal alle zwanzig Jahre (lächelt). Wir haben also die gleiche Sprache, denn so bedanken wir uns ja auch beieinander, mit einem Händedruck.

Was macht Ihnen Hoffnung, was lässt Sie verzweifeln?

Oscar mit seiner Mutter
Oscar mit seiner Mutter(Foto: dpa)

Angst macht mir, dass wir, die am weitesten entwickelte Spezies auf dem Planeten, es schaffen, ihn kaputt zu machen. Gleichzeitig aber macht es mir Hoffnung, dass viele Menschen doch immer aufmerksamer werden. Ich finde es erstaunlich, was wir alles herausgefunden haben über Schimpansen, denn sie können mehr, als wir je dachten. Dennoch wird der klügste Schimpanse nicht in der Lage sein, jemals zum Mond zu fliegen (lacht). Der  Sinn wird sich mir allerdings nie erschließen, denn was nützt es, auf den Mond fliegen zu können, wenn wir auf unseren Heimatplaneten nicht richtig aufpassen?

Was kann man tun?

Aufklärung! Und Erziehung. Wenn wir den jungen Menschen beibringen können, dass dieser Planet, auf dem sie leben, nicht über endlose Ressourcen verfügt, dann ist das schon ein erster Schritt. Wir brauchen Menschen, die kritisch mit dem Gedanken umgehen, dass sich alles noch steigern lässt. Ja, wir alle wollen Geld verdienen, aber nicht um jeden Preis. Mahatma Gandhi hat gesagt: "The Planet can produce enough for human need but not enough for human greed". Und wenn wir so weitermachen, dann stehlen wir die Zukunft unserer Kinder. Deswegen reise ich über 300 Tage im Jahr durch die Welt, um mit Kindern darüber zu sprechen. Das ist ein Thema, das  Kinder interessiert, es ist ihre Zukunft! Kinder brauchen Harmonie und Pläne und sie wollen verstehen.

Wo sind Sie zu Hause, bei all den Reisen?

In England, in dem Haus, in dem ich aufgewachsen bin. Meine Schwester lebt dort, mit ihrer Familie und den Hunden. Schimpansen sind übrigens nicht meine Lieblingstiere, es sind Hunde. (lacht) Ich muss Ihnen eine Geschichte erzählen: Ich habe mal eine Rede gehalten, bei der ein Hund im Raum anwesend war, der, laut seinen Besitzern, niemanden an sich heranließ außer sie selbst. Während meiner Rede, die von Schimpansen handelte, habe ich auch etwas über Hunde gesagt, und in dem Moment kam dieser Hund zu mir und legte seine Pfote auf meinen Fuß auf diesem Podest. Sobald ich fertig war mit dem Hundethema, ist er wieder gegangen. Die Besitzer konnte es nicht glauben. Ich liiiiebe diese Geschichte. (lacht) 

Ursprünglich sind Sie ja mal in die Welt gezogen, um die Tiere zu verstehen – jetzt geht es Ihnen mehr um Menschen, hat man nun den Eindruck …

Ja, ich weiß! (lächelt) Aber man kann Schimpansen nicht retten, wenn man die Lebensbedingungen für die Menschen nicht verbessert.

Haben Sie Planet der Affen gesehen?

Natürlich (lacht). Und ich träume noch heute davon, die Schimpansen zu befreien und die Wissenschaftler in Käfige zu sperren. Ich rede übrigens häufig mit Wissenschaftlern, und viele verurteilen mich dafür. Aber wie soll man jemanden erreichen, der an Schimpansen forscht und Experimente macht, wenn man nicht mit ihm redet?

Können einige Affen ganz andere Sachen als andere?

Oh ja, das habe ich schon in den sechziger Jahren beobachtet. Es kommt drauf an, wo und mit wem sie aufwachsen, denn sie lernen das, was ihre Vorfahren ihnen weitergeben. Und das ist nicht überall dasselbe. Im Film gibt es eine Stelle, wo Oscar lernt, wie er die Insekten aus dem hohlen Stamm bekommt – das kann er nur lernen, weil es ein älterer Affe ihm vormacht.

Mit Jane Goodall sprach Sabine Oelmann

Der Film "Schimpansen" startet am 9. Mai in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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