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"Nacktheit als Normalzustand": Bahia, aus Versehen nackt in der U-Bahn.
"Nacktheit als Normalzustand": Bahia, aus Versehen nackt in der U-Bahn.(Foto: X-Verleih)

"Der Name der Leute": Sex mit dem Feind

von Andrea Beu

Wie bringt man einen Rechten auf den rechten Weg? Bahia versucht es mit vollem Körpereinsatz: mit Sex. Sie ist eine linke Aktivistin mit Leib und Seele – und diesen Leib setzt sie ein, um Faschisten, Nationalisten, Rassisten, Reaktionäre zu bekehren. "Ficken für den Frieden" nennt sie das. Bei schweren Fällen braucht sie eine Woche, bei Neoliberalen reicht eine Nacht.

Ich wage zu behaupten, dass dieser Film so nur von einem Franzosen stammen kann – die Art, politisch brisante und auch tragische Themen mit Leichtigkeit, Witz und leichter Überdrehtheit in einem Film umzusetzen, das ist typisch französisch. (Zugegeben: einige Szenen und Dialoge erinnern sehr an Woody Allen - aber das liegt wohl an der großen Verehrung von Regisseur Michel Leclerc für den US-amerikanischen Altmeister, der kürzlich meinte, er würde am liebsten alle Woody-Allen-Filme "einen nach dem anderen, kopieren, ich fürchte nur, dass mein Leben dafür nicht ausreicht.")

Würde dieser doch recht typisch französische Film auch in Deutschland eine Chance haben? Das fragte Leclerc bei der Deutschlandpremiere von "Der Name der Leute" in Berlin am 9. März das Publikum. Die Antworten waren durchweg positiv – es herrschte Einigkeit darüber, dass die Themen des Films auch in Deutschland aktuell sind, ein deutscher Regisseur sie aber wohl ganz anders umgesetzt hätte – ernsthafter, politisch korrekter und nicht mit solch direktem Bezug auf heutige Politik (und bestimmt nicht unter Mitwirkung von amtierenden Politikern ...)

Ganz untypisch

Ein ungleiches Paar: Bahia und Arthur.
Ein ungleiches Paar: Bahia und Arthur.(Foto: X-Verleih)

Aber was ist schon (landes-)typisch? Die eine der beiden Hauptfiguren - der Veterinärmediziner Arthur, der für das Amt für Tierseuchen arbeitet - entspricht mit ihrem Pflichtbewusstsein und bürokratischen Eifer eher dem Klischee eines "typischen Deutschen". Und Bahia, die zweite Hauptfigur, ist für eine Halb-Araberin (ihr Vater ist Algerier, ihre Mutter Französin) ungewöhnlich freizügig. Sehr, sehr freizügig. "Nacktheit als Normzustand", so Leclerc. Bahias Rolle ist nach seiner Aussage "als eine Art arabische Marilyn angelegt ... humorvoll, lebhaft, spontan und hemmungslos". Sie leidet darunter, nicht arabisch genug auszusehen – nicht mal ihr Name klingt danach und wird immer für brasilianisch gehalten.

Das hilft ihr allerdings beim Anpirschen an die Opfer, die auf sexuellem Wege politisch zu Bekehrenden - mit einer Araberin würden sich die meisten von ihnen wohl kaum einlassen. Im Mittelpunkt dieser Komödie stehen so auch, wie der Filmtitel andeutet, Namen: sie bestimmen die Identität von Menschen, legen sie auf etwas fest – eine Herkunft, eine Abstammung, eine Religion ... Schubladen und Klischees sind schnell bei der Hand.

Auch privat politisch aktiv: Sara Forestier, die Darstellerin der Bahia, zeigte 2007 beim Filmfest in Cannes mit ihrem Kleid ihr Engagement für die weltweite Kontrolle von Waffen.
Auch privat politisch aktiv: Sara Forestier, die Darstellerin der Bahia, zeigte 2007 beim Filmfest in Cannes mit ihrem Kleid ihr Engagement für die weltweite Kontrolle von Waffen.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Im Einwandererland Frankreich (und in Deutschland kaum weniger) ein Problem: bei der Wohnungssuche, bei Bewerbungen haben viele Menschen den Verdacht, dass sie schon aufgrund ihres ausländisch klingenden Nachnamens benachteiligt, gar nicht erst berücksichtigt werden. (Die Statistiken der französischen Antidiskriminierungs-Behörde Halde belegen, dass das kein Verdacht, sondern Tatsache ist. Ende 2009 begann daher in Frankreich ein Pilotprojekt: die "anonyme Bewerbung". Ein Versuch, die Diskriminierung am Arbeitsmarkt - aufgrund "falscher" Namen oder Wohnviertel - zu bekämpfen.)

Vermischung nimmt zu

Allerdings leben viele Menschen heute zunehmend außerhalb ihrer angestammten Gemeinschaft, der Nachname verliert immer mehr an Bedeutung. "Man kann Goldenberg heißen und nicht mehr jüdisch sein", so Leclerc. Und eine Frau mit arabischem Namen ist nicht mehr zwangsläufig Muslimin. Leclerc meint dazu: "In einem Land, in dem sich Menschen verschiedener Herkunft vermischen, ist es an jedem selbst, seine wahre Identität zu definieren."

Glückliches Paar: Michel Leclerc und Baya Kasmi mit ihrem Cesar für das beste Drehbuch am 25. Februar 2011.
Glückliches Paar: Michel Leclerc und Baya Kasmi mit ihrem Cesar für das beste Drehbuch am 25. Februar 2011.(Foto: picture alliance / dpa)

So ist "Der Name der Leute" bei allem Witz und Klamauk ein Protest gegen Fremdenfeindlichkeit, gegen Pauschalisierungen a la Sarrazin, gegen "die Ausländer sind so und so". Ein charmantes Hohelied auf die herkunftsüberschreitende Liebe, mit tragischen und komischen Elementen, aber keine Tragikomödie. Eher eine politische Sexkomödie. Manchmal etwas zu unbedarft daherplappernd, aber durchaus amüsant und mit aktuellem politischen Bezug. Mit so direktem Bezug, dass sich der Sozialist Lionel Jospin (1997 bis 2002 Premierminister unter Präsident Chirac) tatsächlich selber spielt und am Ende gar Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy zur Zielscheibe wird – in Deutschland wäre das wohl undenkbar. Typisch französisch eben, der Film.

Bleibt abzuwarten, wie das deutsche Kinopublikum die freche und nicht immer politisch korrekte Umsetzung schwieriger Themen annehmen wird. In Frankreich ist der Film von Kritikern und Publikum sehr positiv aufgenommen worden und hat zweimal den "César” (die französische "Lola") gewonnen - für das beste Drehbuch (Michel Leclerc und Baya Kasmi) und die beste weibliche Hauptrolle (Sara Forestier als Bahia).

"Der Name der Leute" läuft ab dem 14. April 2011 in den deutschen Kinos.

Quelle: n-tv.de

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