Unterhaltung
Eine heile Familie wie bei ihrer Schwester (auf dem Bild im Hintergrund) kommt für Tiffany (Jennifer Lawrence) und Patrick (Bradley Cooper) eher nicht in Frage.
Eine heile Familie wie bei ihrer Schwester (auf dem Bild im Hintergrund) kommt für Tiffany (Jennifer Lawrence) und Patrick (Bradley Cooper) eher nicht in Frage.(Foto: 2012 The Weinstein Company / Senator)

"Silver Linings" mit Jennifer Lawrence: Dem Tanzen wohnt ein Zauber inne

Von Markus Lippold

Das Kinojahr hat noch gar nicht richtig angefangen, da zaubert es bereits einen seiner schönsten Momente aus dem Hut. Dazu braucht es nur einen Dylan-Song und zwei verletzte Seelen, die zusammen tanzen. Zu sehen ist das in "Silver Linings", einer herzerfrischenden Filmperle, die ein Lächeln aufs Gesicht zaubert.

"For she once was a true love of mine." Bob Dylan und Johnny Cash besingen im Duett das Mädchen aus dem Norden, das einst ihre wahre Liebe war. Zwei Menschen tanzen dazu, etwas unbeholfen, aber man kann ihre Freude, ihre Leidenschaft spüren. Es ist, als ob eine Last von ihnen abfällt. Ganz leicht wirken sie, unbeschwert, fast zauberhaft. Man kann sich kaum vorstellen, dass beide gerade eine ziemlich miese Zeit durchmachen.

Pat und sein Vater (Robert De Niro) schwärmen für denselben Football-Club.
Pat und sein Vater (Robert De Niro) schwärmen für denselben Football-Club.(Foto: 2012 The Weinstein Company / Senator)

Pat (Bradley Cooper, "Hangover") wurde gerade aus einer psychiatrischen Klinik entlassen, wo man bei ihm eine bipolare Störung diagnostizierte. Allerdings war er nicht deswegen in Behandlung: Ein Gericht hatte ihn dazu verdonnert, nachdem er seine Frau und deren Liebhaber in flagranti unter der Dusche erwischt und den Nebenbuhler krankenhausreif geprügelt hat. Nun hat der ehemalige Lehrer alles verloren: Haus, Job und Frau, der er sich nicht mehr nähern darf. Also landet er bei seinen Eltern (Robert De Niro, Jacki Weaver), die den seelischen Problemen ihres Sohnes und seinem unberechenbaren Verhalten hilflos gegenüberstehen.

Sie hält ihn für irre, er sie für eine Schlampe

Ein kleiner Silberstreif am Horizont ist Tiffany (grandios: Jennifer Lawrence, "Die Tribute von Panem"), nur weiß das Pat bei der ersten Begegnung noch nicht. Nach dem Unfalltod ihres Mannes hatte die sich in eine Affäre nach der anderen gestürzt. Ein wenig Halt hat sie erst im Tanzen gefunden. Um an einem Turnier teilnehmen zu können, braucht sie allerdings einen Partner - und sie kann den anfangs widerwilligen Pat zu einem Deal überreden: Tanzt er mit ihr, unterstützt sie ihn dabei, seine Frau zurückzugewinnen. Denn das ist Pats sehnlichster Wunsch.

Pat und Tiffany bei ihrem ersten, schrägen Date, das gar kein Date sein soll.
Pat und Tiffany bei ihrem ersten, schrägen Date, das gar kein Date sein soll.(Foto: 2012 The Weinstein Company / Senator)

Man ahnt den Fortgang der Geschichte bereits, denn "Silver Linings" steht in bester Tradition der Screwball-Komödien, wie sie Hollywood in den 30er und 40er Jahren so perfekt inszenierte: Mann und Frau können sich anfangs nicht leiden, aber am Ende finden sie sich. Auf dem Weg dorthin hat der Zuschauer viel zu lachen und am Ende doch Tränen in den Augen. Auch Pat und Tiffany kommen sich anfangs permanent in die Haare, schließlich pflegen beide eine offene, direkte, unberechenbare Art. Sie hält ihn für irre, er sie für eine Schlampe. Doch irgendwie brauchen sich beide dann doch.

Dabei verleiht Regisseur David O. Russell, der zuletzt "The Fighter" mit Mark Wahlberg und Christian Bale vorlegte, der Geschichte einen modernen Touch. Denn seelische Krankheiten sind im Hollywood-Kino noch immer ein Tabu, das nur selten aufgegriffen wird, schon gar nicht in einer Komödie. So ist es also kein Wunder, dass der Film auch starke dramatische Momente aufweist. Vielleicht liegt aber gerade darin das Geheimnis des Films. Drama und Komödie liegen hier so eng beieinander, dass man sie irgendwann gar nicht mehr richtig auseinanderhalten kann. Sie bedingen einander geradezu.

Auch Pats Psychiatrie-Mitpatient Danny (Chris Tucker, l.) und sein Psychiater Dr. Patel (Anupan Kher, r.) sind dabei.
Auch Pats Psychiatrie-Mitpatient Danny (Chris Tucker, l.) und sein Psychiater Dr. Patel (Anupan Kher, r.) sind dabei.(Foto: 2012 The Weinstein Company / Senator)

Das sieht man etwa in der Szene, in der Pat mitten in der Nacht seinen Eltern einen Vortrag über Hemingway hält: Das ist einerseits sehr witzig, hat aber aufgrund der Erkrankung einen ernsten Hintergrund. Doch dieser wird im Film an den Rand gedrängt. Stattdessen werden die beiden Hauptfiguren zwar als verrückte, aber durch und durch charmant Menschen gezeigt - ein Typus, den Regisseur Russell bereits in "I Heart Huckabees" inszenierte.

Dem schließen sich die verschrobenen Nebendarsteller in "Silver Linings" gerne an: Von Tiffanys arroganter Schwester (Julia Stiles) über Pats Psychiater (Anupam Kher) und dem Mitpatienten Danny (Chris Tucker) bis zu Pats Eltern. Dabei zeigt sich, dass Pats Vater seinem Sohn in Sachen Neurosen in nichts nachsteht. Er setzt für seine Footballleidenschaft und Wettsucht sogar die Existenz der Familie aufs Spiel.

Jennifer Lawrence empfiehlt sich für den Oscar

Gerade die Familie ist immer wieder Thema in Russells Filmen. Das hat er bereits in "Flirting with Disaster" mit Ben Stiller gezeigt, vor allem aber in "The Fighter". Hier wie auch in seinem neuen Film zeichnet Russell Familien als chaotische Ansammlung neurotischer Menschen, die sich in ernsten Situationen aber immer wieder zusammenraufen. "Silver Linings" legt in diesem Verlauf immer mehr seine dramatische Seite ab und wandelt sich zu einer Romantikkomödie.

Dass dies nicht peinlich wird, liegt vor allem am hervorragenden Ensemble. Allen voran ist hier Jennifer Lawrence zu nennen. Die erst 22-jährige US-Amerikanerin legt als temperamentvolle Tiffany eine so ungeheure Präsenz an den Tag, dass sie selbst De Niro an die Wand spielt. Diese Leistung sollte zumindest mit einer Oscar-Nominierung belohnt werden, es wäre ihre zweite nach der bedrückenden Hauptrolle in "Winter's Bone". Aber auch die Auszeichnung selbst könnte drin sein. Ein gutes Omen ist, dass Russells "The Fighter" mit gleich zwei Oscars und zwei Golden Globes für die Nebendarsteller Christian Bale und Melissa Leo prämiert wurde.

Und gäbe es einen Oscar für die schönste, optimistischste Filmszene, wäre der eingangs erwähnte Tanz von Pat und Tiffany ganz vorne mit dabei. Er strahlt solch eine Unbeschwertheit aus, dass man dem Film gerne verzeiht, dass er die Probleme psychischer Erkrankungen nicht konsequent darstellt. "Silver Linings" ist eine herzerfrischende, gutgelaunte Filmperle, die sich perfekt eignet, um in das neue Kinojahr zu starten - sofern man dieses mit einem breiten Lächeln beginnen will.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Video-Empfehlungen
Empfehlungen