Unterhaltung

Rock 'n' Roll, Folk, Jazz, Südstaatenrock: So klingt der Herbst

Von Manfred Bleskin

Weihnachten rückt näher und das Angebot an Musik wird breiter. Da fällt die Auswahl schwer, denn es gibt höchst unterschiedliche Klänge: ein Rock-and-Roll-Revival von Jeff Lynne, eine Hommage an Folksänger Rodriguez, die Neuauflage eines Erfolgsalbums von Steve Winwood, Neues von Lynyrd Skynyrd und Van Morrison besinnt sich auf den Jazz.

Völlig unbemerkt vom deutschen Publikum hat Jeff Lynne eine Soloplatte herausgebracht. Die erste seit 22 Jahren. "Long Wave" ist eine Hommage an einige jener, die den Sänger und Elektronikbastler des Electric Light Orchestra im Verlaufe seiner wahrlich glorreichen Musikerkarriere inspiriert haben. Der Mann aus Birmingham singt und spielt den Jahrhundertsong "Running Scared" von seinem einstigen Mit-Wilbury Roy Orbison so brillant, dass es den Meister wohl neidisch gemacht hätte. "Let It Rock" von Chuck Berry klingt wundervoll. Nur eben perfekt geglättet mit all jenen Tricks, die das Elektronikzeitalter bietet. Jüngst übertrug die BBC eine ELO-Nacht. Kurz darauf landete Master Jeff mit "Long Wave" samt zwei "Best Of …"- Alben des Elektrischen Lichtorchesters in den britischen Top Ten. Drei LPs in den Top Ten! Ein lohnendes Album.

Ein bis heute aktiver Mitstreiter Lynnes aus den Swinging Sixties hat leider kein neues Album gemacht. Mit "Arc Of A Diver" ist Steve Winwoods zweites Album, 1980 am letzten Tag des Jahres veröffentlicht, neu aufgelegt worden. Ein souliges, funkiges Album, dem damaligen musikalischen Zeitgeist verpflichtet. Aber die Musik entspringt auch den eigenen Ambitionen des einstigen Sängers der Spencer Davis Group. Der hatte mit 17 eine Stimme wie ein Dreißigjähriger, rau, ungeschliffen, schwarz. Den Song "When A Man Loves A Woman" des afroamerikanische Soulinterpreten Percy Sledge sang er zumindest ebenso überzeugend wie dieser. In den USA kam die Singleauskopplung von "Arc Of A Diver" "While You See a Chance" auf einen beachtlichen siebten Platz der Bilboard Charts. Im heimischen UK reichte es nur für Platz 45. Ein Gewinn ist die zweite CD des nunmehrigen Doppelalbums. Ein BBC-Interview mit Winwood führt uns durch die beachtliche Karriere, die er bei erwähnter Spencer Davis Group, bei der Supergroup Blind Faith an der Seite von Eric Clapton und als Solist bis dato durchlaufen hatte. Eine spannende Edition. Nicht nur wegen der Schnurren, sondern auch wegen der Musikbeispiele, die das Können eines der Großen der Populärmusik widerspiegeln.

Ein - fast - Vergessener ist ein Folksänger, der sich schlicht Rodriguez nennt. Geboren wurde er 1942 in Detroit als Sixto Díaz Rodriguez. Anfang der Siebziger hatte er mit zwei Alben in seiner Heimat nur mäßigen Erfolg. In Südafrika hingegen entdeckten schwarze Jugendliche die Klänge des Hispanoamerikaners. Rodriguez, dessen Stimme an Bob Dylan erinnert, wurde Teil des Soundtracks der Antiapartheidbewegung. Resonanz fanden seine Songs auch in Simbabwe, Australien und Neuseeland. Seine Musik widerspiegele den Standpunkt der Arbeiterklasse, sagte er einmal. Nach dem Ende der Rassistenherrschaft am Kap reüssierte er dort zum Superstar. Die vorliegende CD ist der Soundtrack zu einer filmischen Biografie von Rodriguez, die ab Dezember auch in Deutschland zu sehen ist und enthält die wichtigsten Songs seiner beiden einzigen Originalalben. Eine gebührende Ehrung eines Künstlers, der es nicht auf die großen Bühnen dieser Welt schaffte. Dafür aber sang er sich in die Herzen eines unterdrückten Volkes.

Van Morrison, bislang nicht gerade als Protestsänger bekannt, kommt nun auf seinem aktuellen Album nicht umhin, seine Stimme gegen die Unmoral des Finanzkapitals zu erheben. Vier Jahre hatten wir nichts Neues von ihm vernommen. Dafür kommt er nun umso kraftvoller daher. Er, der schon alles einmal gemacht hat - Blues, Country und Rock and Roll - besinnt sich diesmal auf seine Jazztraditionen, die er mit einer kleinen Band in einem Studio seines heimischen Belfast/Nordirland neu belebt. Da gibt es neben Morrisons knarziger Stimme eindrucksvolle Trompetensoli und hämmernde wie zurückhaltende Pianoklänge, die das Herz erfreuen. Van The Man wie er leibt und lebt. Geboren, um zu singen. Kein Plan B. Ein Glück.

Lynyrd Skynyrd sind nicht totzukriegen. Mittlerweile liegt mit "Last Of A Dyin’Breed" das nunmehr 17 Studioalbum der US-Südstaatenrocker vor. Musikalisch nichts Neues: zumeist stampfender Beat, voluminöse Arrangements, hie und da eine schöne Slideguitar. Inhaltlich bleibt die Band konservativ, auch wenn kritische Töne aufhorchen lassen: Die Preise steigen, es wird immer schwieriger für einen Angehörigen der Arbeiterklasse die Familien mit Essen und Trinken zu versorgen. Die Spitze richtet sich aber eher gegen Präsident Barack Obama denn gegen das Kapital. Aber frei seien sie, danken Gott dafür, aufgesattelt und los geht’s, singen sie im Titeltrack der Scheibe. "Last Of A Dyin'Breed", die Letzten einer aussterbenden Art seien sie. Man weiß nicht recht, ob man sich darüber freuen oder traurig sein soll.

Quelle: n-tv.de

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