Unterhaltung
(Foto: Senator)
Mittwoch, 22. Oktober 2014

"Dieses schöne Scheißleben": Starke Frauen kämpfen in Macholand

Von Andrea Beu

Abend für Abend verwandeln sich in Mexiko normale Frauen in glamouröse Wesen und dringen in eine Männerwelt ein, in der sie nach Ansicht vieler nichts zu suchen haben. Weibliche Mariachis gibt es seit Jahrzehnten, aber sie müssen immer noch klarstellen: "Ich bin Sängerin, keine Hure".

Mexiko und Musik – da dankt man zuerst an Mariachi, diese Männer mit den engen Hosen und den reich verzierten Jacken. Die mit den riesigen Gitarren vor dem Bauch, den Trompeten und den leidvoll geschluchzten Liedern. Dass es seit etwa einem halben Jahrhundert auch weibliche Mariachi gibt, und das im Macholand Mexiko, hat sich (noch) nicht groß rumgesprochen. Die deutsche Regisseurin Doris Dörrie, hierzulande bekannt durch Kinofilme wie "Männer" und "Kirschblüten – Hanami", hat einige dieser erstaunlichen Frauen wochenlang begleitet. In dem bewegenden Dokumentarfilm "Dieses schöne Scheißleben" zeigt sie ihre Beobachtungen, das Leben dieser Frauen, ihren Alltag, ihre Geschichte, ihre Sorgen, ihr Lachen trotz allem – und auch die Männer, die sie umgeben.

Maria del Carmen, weibliche Mariachi, sagt selbstbewusst: "ich bin die Beste vom Platz".
Maria del Carmen, weibliche Mariachi, sagt selbstbewusst: "ich bin die Beste vom Platz".(Foto: Senator)

Denn es ist eine Männerwelt, in der sich die Sängerinnen und Musikerinnen behaupten müssen – nicht nur gegen ihre männlichen Kollegen, sondern oft auch gegen ihre eigenen Ehemänner. Schließlich arbeiten die Frauen ausschließlich abends und nachts, sind lange weg, unterwegs auf Feiern oder in Bars und auf dem Epizentrum des Mariachitums, der Plaza Garibaldi in Mexiko Stadt. Dort stehen jeden Abend Dutzende von Mariachibands und buhlen um die Aufmerksamkeit des Publikums, um deren Aufträge. Jedes bestellte Lied, ob Liebeslied oder Trauerlied um verlorene Angehörige, bringt Geld. Geld, mit dem die Frauen oft genug eine Familie ernähren, ihren Kindern eine Ausbildung und ein gutes Leben ermöglichen. Damit diese nicht schon im Kindesalter arbeiten müssen, sich prostituieren oder den Drogen verfallen.

Nicht nur Drogenkrieg in Mexiko

Das ist es, was seit Monaten die Nachrichten und damit unser Bild von Mexiko bestimmt: der Drogenkrieg, die unzähligen Toten, die rivalisierenden Banden. Dass Mexiko aber auch über eine reiche Kultur verfügt, rückt dabei völlig in den Hintergrund. Das war der Hauptgrund, warum Dörrie diesen Film machen wollte, erzählt sie bei der Kinopreview im Berliner Filmtheater am Friedrichshain: sie wollte zeigen, dass es auch noch etwas anderes gibt als Drogentote in Mexiko – ohne diese Tatsache aber zu leugnen. Denn auch der Tod ist von jeher ein großes Thema in der mexikanischen Kultur – und ein in der Welt wohl einmaliger Umgang damit. "La Muerte", Frau Tod, auch Santa Muerte - der Tod ist in Mexiko weiblich, erscheint meist als Skelett mit Sense, mit weißem oder rotem Gewand. Sie wird keineswegs nur gefürchtet, sondern auch verehrt, Wünsche werden per Gebet an sie gerichtet. Und es geht bunt zu, kitschig, überladen, fröhlich und traurig zugleich.

Mariachi-Band im Männer-Frauen-Mix: Am "Día de los Muertos" (Tag der Toten) singen sie auch zwischen Gräbern - wenn die Angehörigen der Toten das wollen.
Mariachi-Band im Männer-Frauen-Mix: Am "Día de los Muertos" (Tag der Toten) singen sie auch zwischen Gräbern - wenn die Angehörigen der Toten das wollen.(Foto: Senator)

Am deutlichsten zutage tritt diese Tradition am "Día de los Muertos", dem farbenfrohen und teils bizarren Totenfest. An diesem Tag wird in Mexiko der Verstorbenen gedacht, die ganze Familie pilgert zum Friedhof, putzt die Grabstätten, malert und schmückt, feiert und trauert. Es gibt Umzüge, die Straßen sind voller Menschen mit Heiligenstatuen, mit Stelzenläufern und Kindern mit angemalten Totenkopfmasken. Auch hier haben die Mariachi ihren großen Auftritt - zwischen den Gräbern singen sie für die Toten und die Lebenden, wenn sie denn beauftragt werden. So fröhlich-bunt dieses Fest auch daherkommt, es fließen doch Tränen - nicht nur bei den Müttern, die um ihre toten Kinder weinen, ab und an auch bei den "Mariachas".

"Fühlen, was man singt"

Manche der weiblichen Mariachis machen das schon seit Jahrzehnten - was ihre Leidenschaft nicht schmälert.
Manche der weiblichen Mariachis machen das schon seit Jahrzehnten - was ihre Leidenschaft nicht schmälert.(Foto: Senator)

Denn, so sagt Maria del Carmen, eine der Sängerinnen: Man muss fühlen, was man singt. Sonst ist es nicht gut. Und sie ist gut, davon ist sie ganz selbstbewusst überzeugt. Abend für Abend verwandelt sie sich mithilfe ihrer Mutter von einer normalen, erschöpften Frau und Mutter in eine stolze, prächtig gekleidete, sorgsam geschminkte und frisierte Mariachi. Und sie singt sich Nacht für Nacht die Seele aus dem Leib auf der Plaza Garibaldi. Bei jedem Wetter ("Wenn es regnet, muss man eben warten, bis der Regen aufhört"), ob sie müde ist oder nicht. Und die weiblichen Mariachis sind nicht selten müde - denn oft genug müssen sie neben ihrer Nachtarbeit noch den Haushalt versorgen und sich um die Kinder kümmern, Stücke proben und neue Lieder lernen.

Aber ihre Arbeit gibt ihnen auch Kraft - sobald sie im Bus sitzen, sagt eine der Frauen, fallen die Alltagssorgen ab, gibt es keine Ehemänner und Kinder mehr. Die Musik, die Auftritte geben ihnen ein Stück Freiheit. Und Stolz - denn sie sind stolz auf ihre Kunst. Sie machen Menschen mit ihren Liedern glücklich oder spenden Trost, wie auch einer der Ehemänner anerkennend sagt. Ein eher seltener Fall, denn wenn es überhaupt einen Ehemann gibt im Leben der Musikerinnen, sind diese oft eifersüchtig - schließlich begeben sich ihre Frauen Abend für Abend ohne sie ins Nachtleben - oder belächeln milde ihr Tun ("Sie verdient damit fast nichts, aber sie kann dabei entspannen.")

"Das sind alles Machos"

Das Durchsetzen in der Männerdomäne ist also noch nicht gänzlich gelungen: "Das sind alles Machos", sagt Maria del Carmen über ihre männlichen Kollegen. "Sie wollen die Frauen kleinhalten." Und ab und zu müsste sie gegenüber ihnen und männlichen Nachtschwärmern auch mal klarstellen: "Ich bin Sängerin, keine Hure." Ein starker Film über starke Frauen.

Der Dokumentarfilm "Dieses schöne Scheißleben" von Doris Dörrie läuft ab 23. Oktober 2014 in den deutschen Kinos.

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Quelle: n-tv.de

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