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Tommy und andere Soldaten warten auf Rettung.
Tommy und andere Soldaten warten auf Rettung.(Foto: 2017 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.)
Donnerstag, 27. Juli 2017

"Dunkirk" von Christopher Nolan: Stell dir vor, es ist Krieg

Von Markus Lippold

Ein erbarmungsloser Kriegsfilm, auch für die Zuschauer: "Dunkirk" wirft sie auf den Strand von Dünkirchen, ins Meer, in die Luft. Er verwirbelt Raum und Zeit. Es geht nicht um den historischen Moment, sondern um die existenzielle Erfahrung der Soldaten.

Es grummelt, es heult, es kracht. Es gibt keine Stille in diesem Film, keinen Moment des Innehaltens. "Dunkirk" ist laut und ruhelos. Er ist eine Flut an Eindrücken, die auf den Zuschauer einprasseln und ihn aufgewühlt zurücklassen. Er ist ein Kriegsfilm und Antikriegsfilm, Actionfilm und Drama zugleich.

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Der spektakuläre neue Streifen von Regisseur Christopher Nolan handelt von der Evakuierung Hunderttausender britischer Soldaten, die im Zweiten Weltkrieg im französischen Dünkirchen eingeschlossen sind. Schon der Filmtitel, der Verweis auf einen konkreten Ort, erinnert an klassische Kriegsfilme wie "Die Brücke von Arnheim". Doch "Dunkirk" ist anders. Der konkreten Schlacht setzt er ein unkonkretes Konzept entgegen. Nolan verwebt drei verschiedene Handlungsorte und Zeiträume zu einem impressionistischen Kriegsgemälde, das Protagonisten und Zuschauer in einem permanenten Alarmzustand lässt.

Am Strand, an der Mole von Dünkirchen stehen Hunderttausende Soldaten, das Meer vor sich, die anrückenden Deutschen im Rücken. In geordneten Schlangen warten die zunehmend zermürbten Männer auf ihre Evakuierung. Darunter ist der einfache Soldat Tommy. Er versucht zunächst, sich auf ein Rotes-Kreuz-Schiff zu schmuggeln, das gerade ablegen soll. Doch bei einem feindlichen Fliegerangriff wird das Schiff schwer getroffen und sinkt. Tommy gibt trotzdem nicht auf. Zusammen mit anderen, darunter Alex, versucht er weiterhin, die kurze Strecke nach England zu überwinden.

Farrier jagt mit seiner Spitfire deutsche Flugzeuge.
Farrier jagt mit seiner Spitfire deutsche Flugzeuge.(Foto: 2017 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.)

Derweil entschließt sich Mr. Dawson, den britischen Soldaten auf eigene Faust zu helfen. Mit seinem kleinen Boot, Sohn Peter und dessen bestem Freund George sticht er von der englischen Küste aus in See - mit Kurs auf Dünkirchen. Er ist nicht allein: Mit vielen anderen, Hobbyseglern wie Fischern, bildet er eine kleine Evakuierungsflotte. Unterwegs retten die Dawsons einen Soldaten von einem sinkenden Schiff. Doch der will keinesfalls zurück ins Kriegsgebiet.

Land, Wasser, Luft

Im Cockpit einer Spitfire sitzt derweil Farrier. Der Pilot der Royal Air Force hat es auf deutsche Bomber und Jagdflugzeuge abgesehen. Er versucht, deren Angriffe auf die britischen Truppen zu verhindern. Auch noch, als sein Flügelmann Collins getroffen wird und wassern muss. Und als ihm selbst langsam, aber sicher das Benzin ausgeht.

Land, Wasser und Luft: Daraus bastelt Nolan eine bezwingende Collage des Krieges, die auch zeitlich hin und her springt. Die drei Handlungsorte decken verschiedene Zeiträume ab: Während sich das Geschehen am Strand über eine Woche erstreckt, ist es auf See ein Tag, in der Luft eine Stunde. So erlebt man verschiedene Szenen zeitversetzt aus immer neuen Perspektiven - mal aus dem Blickwinkel eines Soldaten am Strand, mal fernab auf hoher See auf dem Boot der Dawsons, mal aus der Luft.

Kann ein altes Schiff zur Rettung für ein paar Soldaten werden?
Kann ein altes Schiff zur Rettung für ein paar Soldaten werden?(Foto: 2017 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.)

Dieser handwerkliche Kniff ist anfangs etwas verwirrend. Doch schon bald verbinden sich einzelne Puzzleteile, wird das größere Bild sichtbar, das die Zuschauer in einen atemlosen Wirbel versetzt. Spektakuläre Jagden in der Luft wechseln sich ab mit dramatischen Szenen auf See und klaustrophobischen Momenten am Strand. Immer wieder streut Nolan dramaturgische Höhepunkte und Cliffhanger ein, die die Spannung steigern. Angetrieben wird das durch schnelle Schnitte und das beängstigend gute Score von Hans Zimmer, dessen Geräuschkulisse mal schneller und lauter wird, dann wieder abflaut, aber stets den Takt vorgibt. Gesprochen wird wenig.

Die Zuschauer werden unmittelbar in den Krieg hineingeworfen. Eine Erlösung bietet Nolan nicht. Den übergeordneten Blick, die Erklärung der Situation - was so typisch ist für andere Kriegsfilme - verweigert er. Darin ähnelt "Dunkirk" dem Beginn von "Der Soldat James Ryan", der Landung in der Normandie - ohne aber dass er die Situation später auflösen würde. Der Film erinnert aber auch an das Holocaust-Drama "Son of Saul", weil die Kamera in beiden Filmen stets nah an den Protagonisten bleibt, oft ihre Perspektive einnimmt. Nolan geht es weder darum, die Schlacht von Dünkirchen in den Verlauf des Zweiten Weltkriegs einzuordnen noch geht es ihm explizit um den Krieg gegen Deutschland. Nur ganz am Anfang ist einmal pauschal vom "Feind" die Rede.

Regisseur Nolan mit Kenneth Branagh, der Commander Bolton spielt, den höchsten britischen Offizier in Dünkirchen.
Regisseur Nolan mit Kenneth Branagh, der Commander Bolton spielt, den höchsten britischen Offizier in Dünkirchen.(Foto: 2017 WARNER BROS. ENTERTAINMENT INC.)

Nolan will mit "Dunkirk" zeigen, wie Menschen in einer ausweglosen Situation reagieren. Wie sie handeln, wenn sie einer existenziellen Gefahr ausgesetzt sind. Es ist eine subjektive Sicht, die den Menschen in den Mittelpunkt stellt, nicht den historischen Moment. Die permanenten Perspektivwechsel zeigen, wie unterschiedlich einzelne Ereignisse wahrgenommen werden können. Sie beweisen, dass es im Krieg keine Abstufungen des Albtraums gibt. Jeder leidet auf seine Weise: die Soldaten am Strand ebenso wie der Pilot in seinem Jagdflugzeug. Selbst die Dawsons, die Zivilisten, die nicht direkt an den Kampfhandlungen beteiligt sind, bekommen die Schrecken des Krieges zu spüren.

Das Ende der Welt

Bereits in früheren Filmen hat Nolan untersucht, wie Menschen auf unsichere und ausweglose Situationen reagieren. In der "Dark Knight"-Trilogie ließ Batman die Grenzen von Gut und Böse verschwimmen. In "Inception" ließen sich Traumwelt und Realität bald kaum noch voneinander unterscheiden. In "Interstellar" schließlich spielte Nolan mit Zeit und Raum, dehnte sie und hob sie schließlich auf. War es dort das Weltall, ist es in "Dunkirk" ein französischer Strandabschnitt, der das Ende der Welt bedeutet.

Im Gegensatz zu seinen früheren Filmen setzt Nolan diesmal aber auf ein starkes - rein britisch-irisches - Ensemble, gemischt aus neuen Gesichtern und alten Stars. Fionn Whitehead als Tommy dürfte mit dem Film seinen Durchbruch erleben. Neben ihm spielt etwa Harry Styles den Soldaten Alex, der nach einem Fluchtweg sucht. Kenneth Branagh als Oberkommandierender am Strand, Mark Rylance als Mr. Dawson, Tom Hardy als Pilot Farrier, Cillian Murphy als traumatisierter Soldat - sie alle glänzen ohne viele Worte.

Wie Nolans frühere Filme ist auch "Dunkirk" technisch und handwerklich herausragend gemacht, wirkt in seinem Verzicht auf ausschweifende Digitaltricks aber trotzdem schlicht. Diese geradezu altmodische Machart trägt einen entscheidenden Teil dazu bei, dass der Film seine Sogkraft entwickelt. Nolan, ein Verfechter klassischer Filmkunst, drehte in zwei Filmformaten: Imax mit hochauflösenden Kameras und auf 65-Millimeter-Film. Wer die Chance hat, sollte den Film deshalb auch auf möglichst großer Leinwand genießen.

"Dunkirk" läuft seit heute in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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