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Musikerin mit Mission: Leslie Clio.
Musikerin mit Mission: Leslie Clio.(Foto: Universal Music)

Von Herzschmerz bis Hundescheiße: Sweet Soul Sister Leslie Clio

"Keine Sau" würde sie kennen, meint Leslie Clio. Das sollte sich aber mal flugs ändern. Schließlich gilt sie als ganz große Soul-Hoffnung. Dass sie dabei nicht nur eine Riesenstimme hat, sondern auch sonst nicht auf den Mund gefallen ist, beweist sie im n-tv.de Interview. Nur das mit dem Autofahren üben wir besser noch ein bisschen.

n-tv.de: In der Biografie auf deiner Webseite heißt es, du würdest gern so tun, als hättest du nichts über deine Musik zu erzählen. Sollen wir lieber über etwas anderes reden?

Leslie Clio: Nein! Das stimmt so nicht. Eigentlich müsste man diese Biografie mal verändern, die ist ein bisschen veraltet. Ich kann über meine Musik auf jeden Fall einiges sagen. Frag mich alles!

Okay, ich fange trotzdem mal abseits der Musik an: Du bist gebürtige Hamburgerin, lebst aber inzwischen in Berlin. Was hat Berlin, was Hamburg nicht hat?

Vielfalt, Multikulti und speziell für mich, die ich in Hamburg auch groß geworden bin, etwas mehr Anonymität. In Berlin verbergen sich hinter jeder Ecke Abenteuer. Und es ist internationaler. Gerade jemandem wie mir, die singen und Musik machen will, die aber keine Sau kennt, kommt das entgegen. Und es geht auch um die Stadt an sich. Arm, aber sexy - I love it. Berlin ist meine absolute Basis. Egal, wohin ich reise - ich komme immer wieder zurück.

Wenn wir schon beim Reisen sind: Du bist nach deinem Abi erst einmal um die Welt gereist. Wo warst du überall?

Ich war in Indien, Thailand, Malaysia, Neuseeland, Australien, New York, Los Angeles und in ganz Europa.

Geboren und aufgewachsen in Hamburg, lebt die Sängerin heute in Berlin.
Geboren und aufgewachsen in Hamburg, lebt die Sängerin heute in Berlin.(Foto: Universal Music)

Wo war es am schönsten?

In Neuseeland - landschaftlich Heaven. Das ist jetzt mein persönlicher Geheimtipp an dich.

Ich frage mich: Wann hattest du denn die Zeit, den Führerschein zu machen?

Mit 18. Das weiß ich sehr genau. Ich war nämlich im Internat. Das lag am Arsch der Welt, so dass man am Wochenende immer auf ein Auto angewiesen war. Und wir haben uns immer gesagt: Sofort, wenn wir 18 sind, haben wir den Führerschein und fahren direkt am Geburtstag mit dem Auto weg.

Daraus ist ja wohl nichts geworden. Soviel ich weiß, bist du mehrmals durch die Prüfung gerasselt …

Ja, bestimmt viermal. Bis ich den Führerschein dann hatte, war ich 19. Da war ich schon längst wieder in Hamburg und hätte ihn sowieso nicht mehr gebraucht.

Also bist du der Beweis, dass Männer doch die besseren Autofahrer sind …

Auf gar keinen Fall! Ich bin der Beweis, dass man beim Autofahren vielleicht Kontaktlinsen tragen sollte, wenn man welche braucht. (lacht)

Aber du würdest zustimmen, dass du besser singen als Autofahren kannst …

Das auf jeden Fall - was für eine Frage.

Womit wir dann doch die Kurve zur Musik gekriegt hätten. Wie und wann hast du deine Liebe zu ihr entdeckt?

Die ist gottgegeben. Ich bin praktisch singend zur Welt gekommen. Mein erstes Lieblingslied war wohl "Sign Your Name" von Terence Trent D'Arby. Da war ich noch ein Wonneproppen mit Schnuller. (lacht) Aber das Lied habe ich gefühlt. (Leslie Clio wurde 1986 geboren, "Sign Your Name" war 1988 ein Hit, Anm. d. Red.) Mit vier konnte ich schnippen. Das habe ich dann auch den ganzen Tag gemacht - und dazu gesungen.

Ihre musikalische Inspiration findet sie vor allem in der Vergangenheit.
Ihre musikalische Inspiration findet sie vor allem in der Vergangenheit.(Foto: Universal Music)

Und warum hat dich gerade die Soul-Musik gepackt?

Das kommt unterbewusst sicher auch von zu Hause. Bei uns lief viel Soul, Swing und afrikanische Musik. Die ganzen Motown-Sachen, Aretha Franklin und so. Als ich dann mit zwölf richtig intensiv angefangen habe, Musik zu hören, war das die Musik, die mich geflasht und berührt hat. Aber auch Gospel und alter Blues. (Leslie Clio beginnt, mit den Fingern zu schnippen und zu singen: "I'm gonna let it shine …") Das ist bei mir einfach drin.

Generell scheinst du dich eher für die musikalische Vergangenheit als die Gegenwart zu interessieren …

Stimmt, auch wenn ich nicht sage: Neue Musik - bäh. Aber es gibt seit dem Blues einfach einen so langen Zeitstrahl an geiler Musik bis heute. Diese alten Sachen sind der Ursprung und die Originale. Das ist nichts Zusammengewürfeltes oder Rekapituliertes wie heute. Ich sehe mich ein bisschen als Missionarin, den Menschen alte geile Musik nahe zu bringen. (lacht) Dabei entdecke ich immer noch alte Sachen, die für mich neu sind. Das finde ich faszinierend. Hinzu kommt das Organische und Reale - da standen wirklich Musiker und es wurde nicht alles am Computer zusammengebastelt. Und der Gesang: Soul ist ja nun mal die Musik der Stimme. Deswegen kann ich mit Rock oder Electro auch gar nichts anfangen.

Was hältst du denn dann von Sängerinnen wie Lady Gaga oder Rihanna?

Ach, die finde ich beide schon gut. Beide sind ja toughe, tolle Frauen, die viel leisten und einen guten Job machen. Ihre Musik ist mir natürlich zu elektronisch. Also, meine Platte würde nicht so klingen. Aber ihre Songs sind schon toll - gerade die Singles von Rihanna.

Du hast dich ja bewusst dafür entschieden, auf Englisch zu singen. Hast du nie daran gedacht, deutsche Texte zu machen? 

Nee, das war gar nicht bewusst. Es ist einfach nie in meinem Kopf aufgetaucht, deutsche Sachen zu machen. Meine ganzen Inspirationen und mein Background sind ja englischsprachig. Und wenn ich zum Beispiel in der Badewanne anfange, irgendwelche Sachen zu singen, würde das niemals etwas Deutsches sein. Das ist ja auch von der Phonetik her eine ganz andere Sache. Also, würde ich meine Platte jetzt ins Deutsche übersetzen … (Leslie Clio singt: "Ich sag es dir, ich sag es dir. Ist mir egal …") Das ändert wirklich alles.

Ihr Video zum Song "Told You So" bringt es bei YouTube auf weit mehr als eine Million Klicks.
Ihr Video zum Song "Told You So" bringt es bei YouTube auf weit mehr als eine Million Klicks.(Foto: dapd)

Dein Debütalbum heißt "Gladys" - eine Hommage an Gladys Knight?

Nein, auch wenn das ein ganz guter Zusatzpunkt ist  - weil ich Gladys Knight natürlich liebe. Aber mein Album ist jetzt nicht ihr gewidmet. Ich finde nur einfach den Namen sehr schön. Und ich wollte ein schönes kompaktes Wort und keine langen Sätze oder plakativen Aussagen als Titel. Dieses Projekt - mein Baby - hieß auf meinem Computer auch schon immer Gladys. In den Ordner habe ich immer alles reingepackt. Dabei ist es geblieben. Gladys - ich find's gut.

Ich habe im Vorfeld dieses Interviews eine Reihe Kritiken über dein Album gelesen …

Die gibt's auch?! (lacht)

Ja, die gibt es. Und ziemlich außergewöhnlich ist, dass ich wirklich keine einzige schlechte gefunden habe …

Echt? Ach so, ich dachte jetzt kommt was …

Nun ja, mich interessiert, warum du, wie du erklärt hast, keine Kritiken über dich liest.

Ganz einfach, ich sage dir ein Beispiel: Auf Youtube gibt es vielleicht 20 Videos von mir. Alle sind zwei- oder dreitausend Mal geklickt worden und haben ausschließlich grüne Balken. Aber eins hat nur 160 Klicks und einen schwarzen Balken - 20 Daumen nach unten. Was meinst du, was mich mehr beschäftigt? Das ist Zeitverschwendung und falsch eingesetzte Energie. Das ist doch bei jedem Menschen so. Dir können 20 Leute sagen, dass sie dich lieben. Aber wenn dir einer sagt, dass du scheiße bist, nimmst du das den ganzen Tag mit. Das brauche ich nicht.

Trotzdem hast du sicher mitgekriegt, dass das Video zu deiner ersten Single "Told You So" inzwischen weit mehr als eine Million Abrufe bei YouTube hat. Hast du das nicht mit verfolgt?

Doch, das schon. Und da dachte ich mir regelmäßig: Geil! (lacht)

Du hast wahrscheinlich selbst wie eine Irre geklickt …

Ja, genau, jeden Tag. Und ich habe auch meinem Team immer eine Reminder-Mail geschickt: Klicken! (lacht) Nein, natürlich nicht, um Gottes Willen. Überhaupt, ach, Klickzahlen. Das ist genauso wie mit Verkaufszahlen heutzutage. Wenn jetzt Heino auf Platz eins ist und auf Platz zwei irgendeine Bum-Bum-Bum-Musik, mache ich meine Laune oder mein Wohlbefinden nicht von Platz fünf oder Platz 18 abhängig. Ich glaube, davon muss man sich frei machen.

Während sie an dem Album arbeitete, hat sie noch gekellnert.
Während sie an dem Album arbeitete, hat sie noch gekellnert.(Foto: Universal Music)

Du wirst gerne mit anderen Sängerinnen verglichen - zum Beispiel Amy Winehouse, Duffy, Adele oder Dusty Springfield. Welcher Vergleich ist dir denn am liebsten?

Es ist ja nicht so, dass nur ich verglichen werde. Gerade als Musikerin oder Künstlerin wird man ja immer verglichen und in Schubladen gesteckt. Dagegen habe ich überhaupt nichts. Dass man versucht, die Dinge zu ordnen und sich ein System zu machen, liegt doch in der Natur der Sache. Sonst versteht der Mensch ja die ganze Welt nicht. (lacht) Von daher habe ich gar nichts dagegen, wenn man mich vergleicht. Und alle vier, die du eben genannt hast, sind ja nun auch nicht die schlimmsten Vergleiche.

Schmeichelt es dir oder macht es dir eher Angst, wenn du dann auch noch Attribute wie "Soul-Sensation" oder "Neue deutsche Soul-Hoffnung" verliehen bekommst?

Angst kriege ich da nicht. Ich finde das ganz schön nett. Aber ich bin auch locker. Man hat sich das ja nicht so gedacht. Ich habe die Platte aufgenommen, während ich nachts kellnern gegangen bin, um von etwas leben zu können. Dass jetzt alles so losgeht und so gut ankommt, nehme ich erst einmal einfach nur so hin. Ich find's lustig. Es amüsiert mich. Ich find's gut, wirklich gut. (lacht) Ich habe Lust drauf! Aber es ist nichts, was ich geplant habe.

Das Album wurde ja produziert von Nikolai Potthoff - vor allem bekannt als Gitarrist der Indie-Rockband Tomte. Zumindest auf den ersten Blick scheint sein musikalischer Background mit deiner Musik nicht wirklich übereinzustimmen ...

Ja, aber auch die ersten Aufnahmen von mir, die er damals gehört hat, waren etwas ganz anderes. Ich saß da mit zwei Gitarristen und habe einen auf Flamenco gemacht. (lacht) Von daher hat sich da nun eher eine Mischung ergeben. Mein Lebenstraum war es, ein Album zu machen. Aber ich wusste nicht genau, in welche Richtung es gehen soll. Dann haben wir uns zusammen hingesetzt. Die Zutaten waren alle da - und wir haben zusammen gekocht.

Das Album "Gladys" ist soeben erschienen.
Das Album "Gladys" ist soeben erschienen.(Foto: Universal Music)

Und ihr habt das Album sozusagen ganz nach eurem Gusto fertiggestellt, ehe ihr es so, wie es war, deiner jetzigen Plattenfirma "verkauft" habt. Das klingt wie der Jackpot für einen Musiker …

Ja, auf jeden Fall.

Wie soll es denn dann beim nächsten Album werden? Da wollen ja dann vielleicht ein paar mehr Leute mitreden …

Das ist die Frage. (längere Pause) Das ist die Frage. (lacht) Auf jeden Fall höre ich nicht auf zu schreiben. Oft ist es ja so: Je erfolgreicher ein Künstler ist, umso weniger kümmert er sich um die Musik. Ich war jetzt zum Beispiel seit bestimmt zwei Monaten nicht mehr im Studio. Aber ich will nicht irgendwann in die Situation geraten, dass mir alle im Nacken sitzen und ich eine neue Platte aus dem Nichts erschaffen muss. Deswegen schreibe ich eigentlich am laufenden Band weiter. Meinen Stil und meine Richtung habe ich ja gefunden. Und ich denke, ich weiß auch, wie ich daran anknüpfen kann und wo es hingehen soll.

Deine Texte schreibst du ja alle komplett selbst. In ihnen geht es viel um Herzschmerz …

Na, ausschließlich!

Warum? Hast du so schlimme Erfahrungen gemacht?

Nö. Aber man kann Sachen aufbauschen. Und man kann Sachen groß machen, die klein waren. (lacht) Wenn man zu großen Gefühlen und zum großen Drama neigt, kann man aus allem einen Elefanten machen. Ich habe nicht mein ganzes Leben lang geheult, unter gebrochenem Herzen gelitten oder Gott verflucht. Aber auch schon ein böser Mann oder Mensch, der dir das Herz bricht, kann dir Stoff für drei Platten liefern.

Im Text deiner neuen Single "I Couldn't Care Less" geht es indes darum, die kleinen Alltagsdramen, die sich bei genauerer Betrachtung als Lappalie erweisen, mal lockerer zu sehen. Was war denn dein letztes Drama dieser Art?

Ich bin zum Beispiel heute Morgen in Hundescheiße getreten. (lacht und betrachtet die Rillen in ihrer Schuhsohle) Aber das kann alles Mögliche sein - mit dem Nagellack irgendwo kleben bleiben, sich schmutzig machen, stolpern, gegen etwas rennen und eine Beule haben, das Handy schon wieder ins Klo fallen lassen … Ich bin ein sehr tollpatschiger Mensch. Mir passiert so etwas.

Du hast Heino vorhin erwähnt. Seine Cover-Versionen von Rocksongs stoßen nicht bei allen auf Gegenliebe. Mal theoretisch: Heino würde ein Lied von dir covern. Wäre das okay oder eher ein Drama für dich?

Ich hätte gar nichts dagegen. Ich habe mir das vorgestern mal auf der Autobahn angehört und fand es witzig. Es geht wohl eher um die Art und Weise, dass er nicht gefragt hat. Das ist wie in einer WG. Man weiß, dass man den Joghurt vom Mitbewohner essen darf, aber wenn man fragt, ist es geiler. Sonst ist der Mitbewohner sauer.

Mit Leslie Clio sprach Volker Probst

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Leslie Clio befindet sich im April 2013 in Deutschland auf Tour: Stuttgart (18.04.), Frankfurt am Main (20.04.), Köln (21.04.), Dortmund (22.04.), Münster (23.04.), Leipzig (25.04.), Hamburg (26.04.), Berlin (27.04.)

Quelle: n-tv.de

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