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Können "The Circle" nicht retten: Emma Watson als Mae Holland und Tom Hanks als Eamon Bailey.
Können "The Circle" nicht retten: Emma Watson als Mae Holland und Tom Hanks als Eamon Bailey.(Foto: Universum Film)
Donnerstag, 07. September 2017

Ätsch, bätsch, ihr Datensammler: "The Circle" läuft nicht rund

Von Volker Probst

Gibt es einen wirklich schlechten Film mit Tom Hanks? Und einen mit Emma Watson? So richtig mag einem keiner einfallen. Bis jetzt. "The Circle" möchte die Angst vor der totalen Überwachung schüren - und führt doch eher zur totalen Überlachung.

Die Idee mit der Dystopie einer von totaler Überwachung, Kontrolle und Fremdbestimmung gekennzeichneten Welt ist natürlich alles andere als neu. Schon Aldous Huxley und George Orwell wussten in "Schöner Neuer Welt" beziehungsweise "1984" ein Lied davon zu singen. Und tatsächlich scheint sich so manche Zukunftsvision der beiden Autoren längst zu bewahrheiten - mit dem Unterschied, dass nicht in erster Linie der Staat, sondern global agierende Unternehmen die treibende Kraft sind. Das Ding ist nur: Bislang erkennen die wenigsten eine Gefahr darin, dass Facebook weiß, welche Nachrichten sie interessieren, Google das Restaurant kennt, in dem sie gerade zu Abend essen, oder Spotify ihren Musikgeschmack mit Algorithmen bis ins Detail analysiert. Sie schätzen vielmehr die Annehmlichkeiten, die das mit sich bringt.

Genau hier setzt der Roman "The Circle" von US-Autor Dave Eggers an, der 2013 erschien und prompt zum Bestseller wurde. Von den einen bejubelt, von den anderen für seine zu krasse Überzeichnung kritisiert, war es nur eine Frage der Zeit, bis sich Hollywood des Stoffes annehmen würde. Lange hat es nicht gedauert: Die Verfilmung mit Tom Hanks und Emma Watson in den Hauptrollen kommt nun in die Kinos.

Hip, hipper, Circle

Hauptfigur ist die 24-jährige Mae Holland (Watson). Als sie nach dem College einen Job beim "Circle" ergattert, ist sie überglücklich. Der Konzern ist nicht nur der größte Internet-Gigant der Welt, der sämtliche Kompetenzen bündelt, die heute unter ein paar Unternehmen wie Apple, Facebook, Amazon oder Google aufgeteilt sind. Er ist auch das anscheinend hippste Unternehmen, das man sich nur vorstellen kann. Davon zeugt sein durchgestylter Campus mit allen Annehmlichkeiten ebenso wie seine Belegschaft: Alle hier scheinen jung, aufstrebend und voller Perspektiven zu sein - und vor allem vernetzt.

Steve Jobs? Nein, Tom Hanks.
Steve Jobs? Nein, Tom Hanks.(Foto: Universum Film)

Das Geschäft des "Circles" ist es, seine Kunden mit einer einzigen Identität im Internet auszustatten. Mit dieser bewegt man sich ebenso in den sozialen Netzwerken, wie man mit ihr einkauft oder Steuern bezahlt. Die Bestrebungen der Konzernführung um Eamon Bailey (Hanks) und Tom Stenton (Patton Oswalt) reichen dabei bis weit in die politische Sphäre hinein. Könnte man nicht auch seine Stimmabgabe bei Wahlen über den "Circle"-Account abwickeln? Wie wäre es, wenn der Besitz eines "Circle"-Kontos nicht länger freiwillig, sondern für alle Menschen Pflicht wäre?

Schluss mit der Privatsphäre

Doch die Unternehmenslenker machen bei diesen Visionen noch nicht Halt. Sie wollen "den Kreis schließen" und eine durch und durch transparente Community erschaffen, in der alle Mitglieder ihre Erfahrungen mit allen anderen teilen. Der charismatische Bailey weiß dabei, seine Mitarbeiter mit demokratietheoretischen Argumenten nur allzu gut um den Finger zu wickeln. Am Ende glaubt nicht nur Mae, dass der Drang nach Privatsphäre selbstsüchtig ist. Mehr noch: Anderen die eigenen Erfahrungen vorzuenthalten, ist in der "Circle"-Philosophie geradezu kriminell.

So lässt sich Mae, die nach ihrer Ankunft in der Firmen-Hierarchie in Windeseile aufsteigt, auf ein gewagtes Experiment ein: Eine Kamera an ihrem Körper überträgt ihren Alltag fortan 24 Stunden ins Netz. Rasch wird Mae zu einem Internet-Star mit Fans und Followern überall auf der Welt. Dabei bedenkt sie zunächst nicht, dass nicht nur ihr Leben, sondern auch das ihrer Familie und Freunde in den Sog der totalen Transparenz und ihrer plötzlichen Berühmtheit gerät. Erst als sich tragische Dinge ereignen, wird ihr das bewusst. Als ihr dann noch ihr subversiver Kollege Kalden die Augen über die Datensammelwut des "Circles" öffnet, bricht Maes Weltbild endgültig zusammen. Jetzt schmiedet sie einen verwegenen Plan ...

Stereotypen und Klischees

Hanks und Watson sind als Schauspieler natürlich über so ziemlich alle Zweifel erhaben. An ihnen liegt es deshalb nicht, dass "The Circle" alles andere als rund läuft. Hanks simuliert mit Bart, legerem Look und stets einer Kaffeetasse in der Hand das Abziehbild eines "New Economy"-Führers der Marke Steve Jobs oder Mark Zuckerberg, das authentischer kaum sein könnte. Und Watson gibt sich alle Mühe, ihrem Charakter die nötige Glaubwürdigkeit einzuhauchen.

Doch beim "Circle" gibt es auch dunkle Geheimnisse.
Doch beim "Circle" gibt es auch dunkle Geheimnisse.(Foto: Universum Film)

Doch das Drehbuch und die auf Hollywood-Stereotypen zurechtgestutzte Story lassen das einfach nicht zu. Maes Entwicklung vom naiven Firmen-Groupie zur einflussreichen Strippenzieherin im "Circle" bleibt trotz einer Filmlänge von knapp zwei Stunden komplett unnachvollziehbar. Noch mehr gilt das für ihren Gesinnungswandel um 180 Grad, der ein reichlich plumpes - und vom Roman gänzlich abweichendes - Ätsch-Bätsch-Finale einläutet. Wer schon die literarische Vorlage für überzeichnet hielt, wird im Film erst recht fündig: Der Streifen strotzt geradezu vor Klischees, die einen mal mit dem Kopf schütteln und mal schon fast laut lachen lassen.

Mit Scientology gegen Überwachung

Wie die Faust aufs Auge passt der Gastauftritt, den Musiker Beck in dem Film hat. Bei einem rauschenden Fest mit allem Pipapo auf dem "Circle"-Campus spielt er sich auf der Bühne selbst. Vielleicht hielten es die Filmemacher um Regisseur James Ponsoldt ja für eine besonders subtil-geniale Idee, gerade Beck in ihre "Circle"-Landschaft zu verpflanzen. Doch auch der Sänger sollte das Drehbuch ja wohl gelesen und verstanden haben, oder?! Just einen Film, der vorgibt, auf Überwachungstendenzen aufmerksam machen und aufrütteln zu wollen, ausgerechnet mit einem der prominentesten und glühendsten Scientology-Anhänger zu garnieren, hinterlässt von daher schon eher einen seltsam-schalen Nachgeschmack.

Keine Frage: Die Auseinandersetzung mit den Gefahren, die die schöne neue Technik- und Internet-Welt birgt, ist immens wichtig. Zu wichtig, um sie wie in "The Circle" zu vergeigen.

"The Circle" läuft ab sofort in den deutschen Kinos

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Quelle: n-tv.de

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