Unterhaltung
Ray Kroc: im Erfolg angekommen.
Ray Kroc: im Erfolg angekommen.
Donnerstag, 20. April 2017

Wer hat McDonald's gegründet?: "The Founder" - Der Wolf in der Burgerbude

Von Diana Dittmer

Die Entstehungsgeschichte von McDonald's in "The Founder" ist eine Ode an den amerikanischen (Alb)Traum. Es ist die Geschichte von fressen oder gefressen werden. Und ein bisschen Wiedergutmachung.

Um es vorwegzunehmen: Ray Kroc ist eigentlich nicht der Gründer von McDonald's. Kroc ist "nur" der Mann, der eine geniale Idee zweier Brüder mit dem hübschen amerikanischen Familiennamen McDonald groß aufgezogen hat. Insofern ist der Titel "The Founder" auch eher als Provokation zu verstehen. Aber genau die gibt der Verfilmung der Erfolgsgeschichte vom "Hamburger King" von Regisseur John Lee Hancock überhaupt erst die spezielle Note.

Genuss pur in pastellfarbener Fifties-Idylle.
Genuss pur in pastellfarbener Fifties-Idylle.

Ray Kroc, grandios gespielt von Michael Keaton, schlägt sich im pastellfarbenen Amerika der 50er Jahre mäßig erfolgreich als Vertreter für Milchshake-Mixer durch. Doch den 52-Jährigen kann das nicht stoppen. Er träumt den amerikanischen Traum. Für ihn ist alles möglich, solange man positiv denkt. Als er von einem erfolgreichen neuen Schnellrestaurant im kalifornischen San Bernadino, erfährt, das seine Mixer zuhauf ordert, macht er sich auf den Weg dorthin und lernt so die McDonald-Brüder Mac und Dick (ebenfalls fantastisch gespielt von Nick Offerman und John Carroll) und ihr "Speedy-Konzept" kennen.

In dem Burgerladen von Mac und Dick ist Personal auf das Nötigste reduziert, so wie alles andere, das Kosten verursacht. Die Arbeitsprozesse sind so optimiert, dass der bestellte Burger nur wenige Sekunden später beim Kunden ist. Grandios die Szene, wie die Brüder das Fast-Food-Konzept entwickelt haben - Arbeitsplatzoptimierung mit Kreide auf dem Boden eines Baseballfeldes. Endlich hat das lange Warten in Fast-Food-Läden, in denen eine Bedienung damals noch ans Auto kam, ein Ende. Der Burger kommt nicht mehr zum Kunden, sondern umgekehrt.

"Tut es für Amerika!"

Als Kroc sich das erste Mal in die Warteschlange vor der neuartigen Burgerbude wiederfindet, ist er zwar noch sichtlich irritiert. Wenige Augenblicke später jedoch mampft er bereits genüsslich an der Seite anderer sichtlich glücklicher Menschen seinen ersten Fast-Food-Burger à la McDonald's - aus der bis heute typischen Wegwerfpackung direkt aus der Tüte. Es ist Krocs persönlicher zu Fleisch gewordener amerikanischer Traum.   

Da er eher ein Träumer und weniger ein Tüftler oder Erfinder ist, wittert er die Chance seines Lebens. Er drängt die Burger-Brüder, ein Franchise-Unternehmen im großen Stil aufzuziehen. Er wittert das enorme Potenzial dieser Geschäftsidee. Vom ersten Moment an denkt er groß. "Tut es für Amerika!", sagt Kroc, für den es keinen Unterschied zwischen seinem Traum und dem Amerikas gibt. Er predigt sich die Seele aus dem Leib: "McDonald's wird zu Amerikas neuer Kirche und die hat nicht nur sonntags geöffnet." Am Ende willigen die Brüder ein. Sie ahnen nicht, was ihnen bevorsteht.

Die Brüder Dick und Mac McDonald verzweifeln langsam.
Die Brüder Dick und Mac McDonald verzweifeln langsam.

Denn was Kroc antreibt, ist nackte Gier, die der eines Wolf of Wall Street in nichts nachsteht. Dabei ist er kein unbedachter junger Mann wie Leonardo DiCaprio in dem Martin-Scorsese-Streifen, der den amerikanischen Traum träumt und in der korrupten Realität des Kapitals aufwacht. Krocs Haifischbecken ist auch nicht das der Börsenmakler, die Ende der 80er Jahre exzessive Erfolge feiern, und so auch kein Paralleluniversum. Es ist die wirkliche Welt, die jeder kennt. Jeder muss essen. Die meisten Menschen kennen das Logo mit den goldenen Bögen. Angeblich ernährt McDonald's jeden Tag ein Prozent der Weltbevölkerung. Das geht an die Substanz.

Nach etwa der Hälfte des Films wird sich der Zuschauer bewusst, dass der arme Typ auf der Leinwand, mit dem er mitgefiebert hat, im Grunde ein Egoist und Betrüger ist. "Wirtschaft ist Krieg. Fressen oder gefressen werden. Ich werde die Zukunft verändern. Ich will gewinnen", bringt Kroc seine Mission irgendwann auf den Punkt. Auf der Strecke bleiben die beiden Brüder, die ihn offen und großherzig in alle Geheimnisse eingeweiht haben. Kroc bedankt sich dafür, indem er sie eiskalt über den Tisch zieht.

"Verträge sind wie Herzen. Sie müssen gebrochen werden", sagt der skrupellose Aufsteiger in einem weiteren Schlüsselmoment. Und plötzlich steht die Frage im Raum: Wie gehen erfolgreiche Menschen eigentlich mit Einfluss, Macht und Gier um? Ist Aufstieg gleichbedeutend mit über Leichen zu gehen? "Da ist ein Fuchs im Hühnerstall und wir haben ihn reingelassen", erkennen die McDonald's-Brüder - da ist es aber leider schon viel zu spät.

Vorzeigeunternehmer mit Biss

Die größte Kritik an dem Film ist, dass Hancock vermeidet, hier tiefer einzusteigen. Was definitiv zu kurz kommt, ist diese böse Seite der Macht. Gefühlt bleibt Kroc ein Vorzeigeunternehmer - eben der erfolgreiche Aufsteiger vom Tellerwäscher zum Millionär und so der personifizierte amerikanische Traum. Trotz hier und da diabolischen Funkelns in seinen Augen wird er nicht zu Mr. Jekyll und Mr. Hyde in Personalunion. Deshalb verliert der Zuschauer nie den positiven Draht zu ihm. Es bleibt bei einer leichten Gänsehaut.

Hancock entscheidet sich bewusst dafür, den Weichzeichner einzusetzen und es der Fantasie der Betrachter zu überlassen, die Zeichen zu lesen und zu erkennen, wie viel Boshaftigkeit in diesem kleinen getriebenen Mann steckt. Es gibt viele Details, die dem Regisseur nur eine Erwähnung am Rande wert sind. So zum Beispiel Krocs Alkoholkonsum. Zwar sieht man ihn ständig mit einem Whisky-Glas, aber es scheint zu keinem Zeitpunkt eine problematische Abhängigkeit zu sein. Auch die Trennung von seiner Frau tut der Filmemacher in wenigen Sekunden ab. Haus und Versicherungen für sie. Das Unternehmen für ihn, so lauten Krocs kurze klare Anweisungen an seinen Anwalt. Die Entscheidung, solche Fäden auch sofort wieder fallen zu lassen, wirken jedoch nie zufällig.

Video

Die Besetzung mit dem Batman-Schauspieler Michael Keaton als Underdog, der zur Höchstform aufläuft, ist gerade wegen dieser Knappheit umso gelungener. Wäre es so wie ursprünglich geplant Tom Hanks gewesen, der Kroc gespielt hätte, wäre die Wandlung vom kleinen Handelsreisenden zum Wolf im Burgergeschäft möglicherweise weniger erkennbar gewesen. Hanks wäre wahrscheinlich einfach zu nett rübergekommen.

Späte Wiedergutmachung

Doch nicht nur Keaton überzeugt in seiner Rolle. Nick Offerman und John Carroll sind die Rollen der McDonald-Brüder ebenfalls auf den Leib geschrieben. Ihre Begeisterung und Liebe zum Detail genauso wie ihre Abneigung gegen Krocs harten Raubtierkapitalismus macht Lust, mehr über sie zu erfahren. Wie sind sie mit der Schmach umgegangen, am Ende von Kroc ausgebootet worden zu sein, den wertvollen Firmennamen McDonald's verloren und nie einen Cent vom Umsatz des Milliardenkonzerns bekommen zu haben? Dass sie am Ende mit leeren Händen dastehen, tut weh. Es ist ein Riesenmakel, den der Name McDonald's trägt. Der Geschichte und dem Film schadet gerade das jedoch überhaupt nicht. Im Gegenteil. Es verhindert, dass die Tellerwäscher-zum-Millionär-Geschichte allzu abgeschmackt daherkommt.

Auch in der Realität ist es das beste, was Hancock machen konnte, an diesen Wurzeln der Gründung zu rühren. Beim Pressegespräch in London sitzen neben den Hollywood-Stars die Enkel der McDonald-Brüder, Corey und Jason French. Für sie ist "The Founder" tatsächlich eine späte Rehabilitierung von Großvater und Großonkel, die viel mehr auf ihr Produkt und auf Qualität achten wollten, als es der Konzern in den Jahrzehnten danach, ohne sie, getan hat. Ihm gefalle, "dass den Machern nicht entgangen ist, was Poppa und seinen Bruder motivierte", sagte Corey French in London. "Sie liebten ihre Angestellten, und sie waren sehr stolz auf ihr Produkt und auf den Service, den sie ihren Kunden bieten konnten. Ja, wir können das hier groß aufziehen, dachten sie sich, aber die Qualität muss hervorragend bleiben."

Wer mehr über die wahre Geschichte von Ray Kroc erfahren will, sollte sich das Buch schnappen, das kürzlich auf Deutsch erschienen ist. Es ist zwar auch wieder Krocs Sicht auf die Dinge, aber es enthält trotzdem viele weitere wertvolle Informationen rund um die Entstehung des Milliardenkonzerns McDonald's, die ein Film in dieser Fülle nie verarbeiten kann.

"The Founder" startet am 20. April in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen