Unterhaltung
Glücklicher Moment: Vater und Sohn haben sich wieder etwas zu sagen.
Glücklicher Moment: Vater und Sohn haben sich wieder etwas zu sagen.(Foto: Senator)
Freitag, 03. August 2012

The Music never stopped: Rockmusik ist gut fürs Gedächtnis

Von Andrea Beu

Die Geschichte klingt spektakulär: Die Eltern haben ihren Sohn seit zwanzig langen Jahren nicht gesehen, dann taucht er wieder auf, aber fast ohne Erinnerungsvermögen. Nur die Musik aus einer ganz bestimmten Zeit kann ihn aus seiner apathischen Haltung hochrütteln. Ein berührender Film nach unglaublichen, aber wahren Ereignissen.

Wenn Neurologen zur Feder, zum Stift oder heute zur Tastatur greifen, kommt selten für den Normalbürger Lesbares heraus – es ist in der Regel zu speziell, zu schwer verständlich, nicht für jedermann interessant, eher fürs werte Fachpublikum. Anders bei Oliver Sacks – der britisch-amerikanische Hirnforscher ist dem Kinogänger spätestens seit der Verfilmung von "Zeit des Erwachens" mit Robert de Niro und Robin Williams ein Begriff. Das Leinwanddrama aus dem Jahr 1990 war ein großer Kinoerfolg und hatte allein in Deutschland mehr als 800.000 Zuschauer.

"Hör mal das hier": Gabriel mit seiner Musik-Therapeutin Dr. Dianne Daly.
"Hör mal das hier": Gabriel mit seiner Musik-Therapeutin Dr. Dianne Daly.(Foto: Senator)

Auch das Buch "Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselt" gelangte zu einiger Berühmtheit, nicht zuletzt sicher durch den Aufmerksamkeit erregenden Titel. Sacks hat über 40 Jahre lang an einer neurologischen Klinik in New York gearbeitet und in dieser Zeit zehn Bücher geschrieben. Seine besondere Gabe: er erzählt mit Einfühlungsvermögen und Humor von Menschen, die durch eine Krankheit, einen Unfall oder einen anderen Schicksalsschlag aus der normalen Lebensbahn geschleudert wurden.

Der letzte Hippie

Der Stoff zu "The Music never stopped" kommt ebenfalls von Sacks, er basiert auf der Fallstudie "The Last Hippie". Hier vergingen vom Drehbuch bis zum Film zehn lange Jahre, zwischenzeitlich war sogar Brad Pitt für die Rolle des Sohnes im Gespräch. Schließlich überzeugte das Drehbuch den Produzenten Jim Kohlberg, so dass er sich seiner annahm und daraus sein Regiedebüt machte.

Rauchen und Rocken im Keller: Gabriel (M.) mit seiner Band Ende der 1960er.
Rauchen und Rocken im Keller: Gabriel (M.) mit seiner Band Ende der 1960er.(Foto: Senator)

Die Geschichte klingt auch wirklich spektakulär: Die Eltern Henry (J. K. Simmons) und Helen (Cara Seymour) haben ihren Sohn Gabriel (Lou Taylor Pucci) seit zwanzig langen Jahren nicht gesehen - da kommt ein Anruf aus dem Krankenhaus: Gabriel wurde verwahrlost und verstört aufgefunden; er hat einen Gehirntumor und muss sofort operiert werden. Aufruhr einander widerstrebender Gefühle: mit der Freude über den wiedergefundenen Sohn mischt sich die Angst um seine Gesundheit.

Wunder Musik

Die Operation verläuft problemlos, der Tumor ist gutartig - Gabriels Erinnerungsvermögen ist jedoch schwer geschädigt, besonders sein Kurzzeitgedächtnis lässt ihn im Stich. Er sitzt zusammengesunken und teilnahmslos im Pflegeheim - schwer, Kontakt zu ihm aufzunehmen. Da geschieht ein kleines Wunder: ein bestimmter Song im Radio hat eine unglaubliche Wirkung. Gabriel springt auf, ist total begeistert von dem Song, redet, gestikuliert, ruft Namen von Musikern oder Bands: Beatles, Bob Dylan, Greatful Dead ... Sind die Songs zu Ende, sinkt er wieder apathisch in sich zusammen. Die Eltern schöpfen Hoffnung: Kann man mit Hilfe von Musik das Gedächtnis ihres Sohnes wiederbeleben?

Heile Welt der Fünfziger: die Familie im Auto beim Musikhören und Lieder-Raten.
Heile Welt der Fünfziger: die Familie im Auto beim Musikhören und Lieder-Raten.(Foto: Senator)

Der behandelnde Arzt nimmt ihnen diese Hoffnung sofort und schonungslos ehrlich - ein Zufallstreffer, meint er. Doch mit dieser nüchternen Auskunft wollen sich Helen und Henry nicht abfinden - sie suchen und finden selber Hilfe in Person der Therapeutin Dr. Dianne Daly (Julia Ormond). Nach anfänglichen Rückschlägen findet sie Überraschendes heraus: Gabriel findet zu seinem alten Ich, wenn er die Musik seiner Jugend hört, die Musik der 1960er Jahre. (Zum großen Bedauern seines Vaters sind es nicht die alten Sachen, seine Favoriten aus den fünfziger Jahren, die die Familie früher immer zusammen hörte, verbunden mit einem kleinen Ratespiel: Interpret? Songtitel? Wann zuerst gehört?)

Klassischer Eltern-Kind-Konflikt

Die Erkenntnis, dass es vor allem die psychedelische Rockmusik der Endsechziger ist, die Gabriel Lebensenergie einflößt, lässt alte Konflikte aufbrechen - damit wird auch gleich die Frage geklärt, warum er eigentlich vor zwanzig Jahren abgehauen ist. Klassischer Konflikt: Der jugendliche Sohn war in seiner wilden Phase, extrem begeistert von den Bands jener Zeit, er hatte sogar selber eine, in der er der Frontmann war. Den Eltern passte das nicht so recht, er sollte lieber was Ordentliches studieren, eine Familie gründen und in einem schönen Heim leben ... was sich konservative Eltern eben so vorstellen und wünschen: Aus unserem Sohn soll mal was Anständiges werden.

Großes Opfer: Vater Henry tauscht seine Lieblingsplatten gegen die 60er-Jahre-Hits seines Sohnes Gabriel ein.
Großes Opfer: Vater Henry tauscht seine Lieblingsplatten gegen die 60er-Jahre-Hits seines Sohnes Gabriel ein.

Der wollte aber Musik machen, mit seinen Buddies abhängen und auch lieber zum Greatful-Dead-Konzert - seine übergroßen Helden! - als sich bei einer Informationsveranstaltung über Universitäten und Studienmöglichkeiten zu informieren. Es kommt zum großen Krach mit den Eltern, er haut von zu Hause ab und wird nie wieder gesehen - bis zu jenem Krankenhaus-Anruf etwa zwanzig Jahre später.

Das unglückliche Wiederfinden bietet den Eltern, vor allem dem Vater, die Chance, alte Fehler wiedergutzumachen, und so legt er sich richtig ins Zeug, um Herz und Hirn seines Sohnes für sich zu gewinnen. Er bringt ein wirklich großes Opfer und setzt sogar seine Gesundheit aufs Spiel.

Kein großer Kracher

Aus der Verfilmung dieser ungewöhnlichen Geschichte ist kein großer Kracher geworden, ein eher kleiner Film mit kleinem Budget ohne große Stars, aber mit zwei namhaften Schauspielern (Julia Ormond, bekannt vor allem aus "Fräuleins Smillas Gespür für Schnee", und J. K. Simmons, der sympathische Vater aus "Juno" und übrigens gelernter Filmkomponist).

Der Schwerpunkt von "The Music never stopped" liegt auf der Zeit der Wiederbegegnung und Wiederannäherung zwischen Sohn und Eltern, alles andere wird eher knapp abgehandelt. Der Konflikt, der zur Trennung führte, kommt daher etwas zu kurz: war der Streit wirklich so groß, das Zerwürfnis so grundlegend, um von zu Hause abzuhauen? Ist es glaubhaft, dass man deswegen zwanzig Jahre lang keinen Kontakt hat, zumal ihr Sohn ihr einziges Kind ist?

Emotional und berührend

Aber da es ja hauptsächlich darum geht, welche unglaubliche Wirkung Musik auf Menschen haben kann, auch therapeutisch, ist dies eine verzeihliche Lücke. Und vor allem durch die emotionalen, herzerwärmenden und auch sehr lustigen Szenen vom Kampf des Vaters um seinen Sohn ist "The Music never stopped" ein berührender Film geworden.

Die DVD zu "The Music never stopped" ist ab 3. August 2012 im Handel erhältlich. Hier online bestellen

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen