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"Lass uns was machen! Bämm!" Maria Dragus als "Vanilla" und Ella Rumpf als "Tiger"
"Lass uns was machen! Bämm!" Maria Dragus als "Vanilla" und Ella Rumpf als "Tiger"(Foto: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH)
Donnerstag, 06. April 2017

Vom Lamm zum Aggro-Monster: "Tiger" macht Maggie zu "Vanilla the Killer"

Von Andrea Beu

Zuschlagende, tretende, angriffslustige Frauen - das ist doch eher selten Thema im Kino. In "Tiger Girl" machen nun zwei Mädels Berlin unsicher und nehmen sich, was sie wollen. Die Filmemacher nennen es "Martial Arthouse". Und es kracht gewaltig.

Ein absoluter Alptraum: Man steht abends auf einem Bahnsteig, der ist fast leer, aber eben nur fast – da kommen drei Typen auf einen zu, bekokst, besoffen, aufgekratzt, angriffslustig. Sie umringen dich, machen blöde, anzügliche Sprüche, kommen immer näher, zu nahe … Der absolute Wunschtraum wäre dann: Jemand kommt und hilft dir, macht die Kerle fertig. So in etwa passiert es Maggie (Maria Dragus, "Das weiße Band") in einem Berliner U-Bahnhof. Der Superheldinnen-Auftritt kommt von Tiger – das Mädchen taucht wie aus dem Nichts auf, greift selbstbewusst die Typen an, bekommt aber selber mächtig auf die Fresse. Allein gegen drei kommt sie doch nicht an. Als der Baseballschläger vor Maggies Füße rollt, muss sie sich entscheiden: zugreifen und zuschlagen?

Kleider machen Leute: "Vanilla" und "Tiger" als Wachpersonal in einem Einkaufszentrum.
Kleider machen Leute: "Vanilla" und "Tiger" als Wachpersonal in einem Einkaufszentrum.(Foto: Constantin Film Verleih)

Als die beiden Mädchen siegreich den Bahnhof verlassen, ist klar: Das ist der Beginn einer Freundschaft. Keiner wunderbaren, aber einer wilden, chaotischen - mit krassen Aufs und Abs. Denn "Tiger" (Ella Rumpf, "Chrieg"), wie sie sich vorstellt, nimmt Maggie, die sie sogleich "Vanilla" tauft, unter ihre Fittiche. "Vanilla the Killer, geil!" Tiger wohnt abwechselnd auf einem Parkplatz in einem alten Bus oder mit zwei Jungs auf einem Dachboden, auch Aussteiger wie sie, aber lange nicht so clever.

Vor lauter Drogen nehmen das Dealen vergessen

Überhaupt nicht clever eigentlich. Eher ziemlich dämlich – so wie ihre "Geschäftsidee", sich als Dealer zu versuchen, dann aber die Drogen alle selber zu nehmen. Als dann der Big Boss, dem ein mächtiger Ruf vorauseilt (und der dann ganz anders aussieht als gedacht), sein Geld haben will, kriegen die Typen das große Schlottern und Tiger muss sie wieder mal raushauen. Sind ja schließlich Freunde. Und Freunden hilft man, auch wenn sie Scheiße gebaut haben.

"Tiger Girl" läuft ab 6. April 2017 in den deutschen Kinos.
"Tiger Girl" läuft ab 6. April 2017 in den deutschen Kinos.(Foto: Constantin Film Verleih)

Die Stärke und Souveränität von Tiger fasziniert Vanilla – die Begegnung und Freundschaft mit ihr lenkt ihr Leben in eine komplett andere Richtung. Vanilla lernt, sich zu wehren, gegen Männer, gegen Machthaber wie Polizisten und andere Behördenvertreter. Gegen ihren Ausbilder beim Sicherheitsdienst, wo sie einen Kurs belegt, nachdem sie bei der Polizeiprüfung durchgefallen ist.

Faster, Pussycat! Kill! Kill!

Beide machen von nun an gemeinsam die Gegend unsicher, in zum Teil geklauten Uniformen. Die sie gründlich ge- und missbrauchen. Was eine Uniform doch für Macht verleiht! Was sich Menschen alles gefallen lassen, wenn auf der Jacke "Security" steht! Dabei hat Tiger durchaus ihre Prinzipien - abgezogen werden nur Leute, die es verdienen. Einerseits ein etwas eigenwillig abgewandeltes Robin-Hood-Prinzip, andererseits weichen sie mehr als einmal davon ab.

Vor allem Vanilla - anfangs die nette, höfliche Maggie, findet sie immer mehr Gefallen an dem neu gewonnenen Selbstbewusstsein. Aus wehren wird angreifen, aus dem Opfer Täterin - sie schlägt auch gern mal aus Spaß zu, ohne Grund, bei irgendwelchen Passanten, und fordert Tiger total aufgekratzt umherhüpfend auf: "Lass uns irgendwas machen, irgendwas! Bämm!" Die sieht das zunehmend irritiert und kritisch - so war das nicht gemeint mit dem "Du musst einfach sagen, was du willst, und dann kriegst du es auch". Vanilla geht zu weit, läuft Amok - Tiger hat "ein Monster erschaffen", ein Aggro-Monster. Das wars dann wohl mit der Freundschaft - oder?

Der Film "Tiger Girl" des deutschen Regisseurs Jakob Lass (der bei der diesjährigen Berlinale im Panorama lief) folgt ganz seinen FOGMA-Regeln. Er ist zum Teil improvisiert - "Es gab nur ein Drehbuchgerüst, den Rest mussten wir uns spielerisch erarbeiten", sagt die Schweizerin Ella Rumpf, die Darstellerin von Tiger. Er ist "semidokumentarisch", das heißt, das Umfeld ist zum größten Teil echt: der private Sicherheitsdienst, die Unterrichtsstunden, die Security-Lehrgangsteilnehmer. Keine Maske, kein künstliches Licht, Orte mit realen Abläufen ... ähnlich wie bei den Dogma-Filmern, aber mit F wie Freiheit am Anfang - soll wohl heißen: Man darf das alles nicht so eng sehen. Denn: "Das einzige Dogma ist FOGMA."

Feministischer Film?

Tiger teilt nicht nur aus, sie muss auch einstecken.
Tiger teilt nicht nur aus, sie muss auch einstecken.(Foto: © 2017 Constantin Film Verleih GmbH)

Man erfährt wenig bis gar nichts über die Hintergründe der Mädchen - Familie? Freunde? Woher kommen sie, wie sind sie aufgewachsen? Man sieht ihnen zu bei: Ich tu, was ich will, Spaß haben, durchkommen, rauf auf die Fresse, "fick dich!". Aus Frust. Worauf? Auf sich selbst? Auf die anderen? Auf das Scheißleben? Wird nicht weiter erklärt, muss man sich denken und kann man auch.

Ist "Tiger Girl" ein feministischer Film? Ella Rumpf sagt dazu in einem Interview: "Es geht eher um verschiedene Interpretationen von Freiheit. Für Tiger ist Freiheit mit Werten verbunden. Für ihre Freundin Vanilla bedeutet sie, jemandem in die Fresse schlagen zu können." Das sei das Publikum nicht gewohnt, deshalb könne man "Tiger Girl" als feministischen Film sehen. "Aber das war nie der Plan."

Schwächer, kleiner, dümmer?

So hart zuschlagende und tretende Mädchen, wild, aggressiv und brutal, hat man in Filmen, zumal in deutschen, selten gesehen, vor allem nicht in so realitätsnahen. "Martial Arthouse" nennen das die Filmemacher. Es kracht jedenfalls gewaltig. Die Handlung tritt ab der zweiten Hälfte ein wenig auf der Stelle, aber am Ende dreht "Tiger Girl" nochmal richtig auf und weiß daher wieder zu fesseln.

Der polnische EU-Abgeordnete Janusz Korwin-Mikke, der kürzlich im EU-Parlament seine Meinung kundtat, Frauen seien "schwächer, kleiner und weniger intelligent" als Männer - was würde wohl passieren, wenn er Tiger und Vanilla begegnete? Als Unbelehrbarer würde er sicher seine Meinung nicht ändern - aber sie würden ihm wohl mal richtig zeigen, wer hier schwächer ist. Bämm!

"Tiger Girl" läuft ab dem 6. April 2017 in den deutschen Kinos.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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