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Nach drei Jahren Pause zurück: Mia.
Nach drei Jahren Pause zurück: Mia.(Foto: H. Flug / Universal Music)

"Bist du hier richtig?": Von Mia. den Kopf verdreht

von Volker Probst

"Tacheles" heißt das fünfte Album der Berliner Band Mia. Ein Album mit schwerer Vorgeschichte. Von einer Band mit nicht ganz einfacher Vorgeschichte. Manchmal jedoch muss man einfach eine Lanze brechen. Und manchmal wird einem im Interview bei Kerzenschein mehr als nur der Kopf verdreht.

Es gibt Menschen, die einem das nicht glauben. Aber tatsächlich fühlt man sich als Journalist immer ein Stück weit der Objektivität verpflichtet. Man sollte sich nie zu sehr gemein mit einer Sache machen, sich stets zurücknehmen und versuchen, eine weitgehend emotionslose Außensicht auf die Dinge zu wahren. Das gilt selbst, wenn es um eine schnöde Sache wie Musik geht. Nur, weil man selbst womöglich keine Schlager, kein Heavy Metal oder keine Klassik mag, heißt das schließlich nicht, dass man damit per se richtig läge. Und nur weil man eine Band persönlich gut findet, sollte man sie nicht komplett unkritisch betrachten. Nur manchmal fällt das schwer. Mia. sind so ein Fall.

Zum Interview treffen wir Bob Schütze (l.), Andy Penn und Mieze Katz.
Zum Interview treffen wir Bob Schütze (l.), Andy Penn und Mieze Katz.(Foto: picture alliance / dpa)

Als die 1997 in Berlin gegründete Band 2002 ihr Debütalbum "Hieb & Stichfest" veröffentlicht, muss sie wahrlich so manche Hiebe und Sticheleien verkraften. Werden wenig später Gruppen mit 80er-Jahre-Anleihen in Musik und Outfit nur so abgefeiert, bekommen Mia. dafür noch ordentlich Dresche. Noch heftiger wird es, als die Band 2003 den Song "Was es ist" veröffentlicht. Ausgerechnet ihr, die im Gegensatz zu vielen anderen nicht nur Reden schwingt, sondern sich aktiv etwa gegen Rassismus und Rechtsradikalismus engagiert, wird Nationalismus vorgeworfen. Drei Jahre später ist das ganze Land happy, wie entspannt das neue, junge Deutschland bei der Fußball-WM auf einmal mit den Nationalfarben umgeht. Der Song "Was es ist" wird mittlerweile gar als Titellied einer ZDF-Sendung verwendet. Verwundert reagiert manch einer auch, als Mia. sich 2004 um eine Teilnahme am Eurovision Song Contest (ESC) bewerben. Nur ein paar Jahre später indes sind alle auf einmal ganz aus dem Häuschen ob des altbackenen Lieder-Wettstreits.

Nein, manchmal muss und will man nicht den unbeteiligten Beobachter geben. Wer hier einen Verriss der Gruppe erwartet hat, sollte also jetzt aufhören zu lesen. Wir machen uns von jedwedem Druck zu Abstand und Ausgeglichenheit in diesem Text frei und sagen: kein böses Wort an dieser Stelle über Mia. Schon gar nicht, nachdem wir Sängerin Mieze Katz, Gitarrist Andy Penn und Bassist Bob Schütze bei Kerzenschein im Hinterzimmer eines Berliner Clubs getroffen haben.

"Eine abenteuerlustige Band"

Der Anlass? Natürlich das neue Album "Tacheles", das in diesen Tagen erschienen ist. Die erste Single "Fallschirm" daraus läuft bereits rauf und runter. Was läge also näher, als die drei zu fragen, ob sie überhaupt schon mal mit dem Fallschirm gesprungen sind. Mieze und Bob recken die Hände in die Höhe, als ob sie sich wie Schüler zur Beantwortung der Frage melden würden, während Andy einräumen muss: "Ich habe einen gesunden Respekt vor Höhe." Kein Problem, weiß Bob: "Ich habe auch immer noch Höhenangst und mach den ganzen Mist. Da geht es ja auch um den Kick." Am Ende ist Andy fast so weit bearbeitet, dass er - Höhenangst hin oder her - früher oder später womöglich doch noch in den sauren Apfel beißt. "Oh, dann verlosen wir mal einen Fallschirmsprung - und dann muss Andy auf jeden Fall springen", frohlockt Mieze und bilanziert: "Also: Wir sind eine abenteuerlustige Band. Schlag uns was vor - und mindestens einer von uns ist dabei."

"Die Rampensau, die ich dort gerne habe": Sängerin Mieze auf der Bühne.
"Die Rampensau, die ich dort gerne habe": Sängerin Mieze auf der Bühne.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Die Chemie zwischen den dreien scheint zu stimmen. Klar, häufig ist es die charismatische Frontfrau, die als erste das Wort ergreift, ohne dabei die Jungs jedoch auszubremsen. "Weil ich so gerne heul und um mich beiße, weil ich so gerne alles um mich schmeiße", singt die 32-Jährige in "Fallschirm". Ist sie denn wirklich so impulsiv, wie sie in Song-Texten immer wieder vorgibt? "Ja! Und doppelt unterstrichen", sagt Bob. "Deswegen habe ich mich auch so gefreut, als ich diese Zeilen zum ersten Mal gehört habe. Das spiegelt die Mieze wider, wie ich sie kenne und vor allen Dingen auf der Bühne liebe. Sie ist der Wirbelwind und die Rampensau, die ich dort gerne habe." Andy erklärt, dass sie häufiger mal gefragt würden, ob sie die Dominanz der Sängerin nicht stören würde. "Aber ich - und ich glaube, ich spreche da für uns Jungs insgesamt - fühle mich total wohl in dieser Rolle. So kann ich zuarbeiten. Das finde ich echt geil."

In den Text von "Fallschirm" lässt sich zugleich jedoch auch so manches hineinheimsen. "Dass ich noch lebe, ist Glück", heißt es da etwa. Oder: "Ich kam kaputt und ging heil." Möglicherweise Hinweise darauf, dass hinter Sängerin Mieze eine schwere Zeit liegt? Das hat sie in jüngster Zeit mehrfach angedeutet. "Das ist alles noch so frisch für mich, dass ich noch gar nicht die richtigen Worte dafür gefunden habe", erklärt sie, wie schwer es ihr fällt, darüber zu sprechen. Als wir noch einmal vorsichtig nachfragen, legt sie die Hand auf unseren Arm und schüttelt nur still den Kopf. Klar, dass man da nicht weiter nachbohrt.

Und noch ein Thema will die Band vorerst nicht kommentieren. Vor den Aufnahmen zu "Tacheles" verließ der zweite Gitarrist Ingo Puls die Gruppe. Warum und weshalb? "Die Frage müssen wir bitte skippen", sagt Mieze.

Von Vätern und Kindern

Bevor noch das große Trübsalblasen am Tisch einsetzt, lieber zu etwas Erfreulichem. Andy ist 2010 Vater einer Tochter geworden. Bei der Bemerkung, dass wir ja alle wüssten, dass die Mutter Juli-Sängerin Eva Briegel ist, prustet Mieze ein Lachen heraus. Und wie kriegt der frischgebackene Daddy nun Familie und Band unter einen Hut? "Rob ist auch Vater geworden. Und unser Schlagzeuger auch - schon zum zweiten Mal", klärt uns Andy erst einmal auf, dass er mit seiner neuen Rolle nicht ganz allein in der Band ist.  "Einerseits denkt man, man hätte sich überhaupt nicht verändert. Andererseits weiß man, dass man sich natürlich sehr wohl verändert hat. Aber das ist toll, weil man ein wenig die Prioritäten sortiert", sagt er - und sei es nur, dass er inzwischen nicht mehr wie früher um 12, sondern um 8 aufsteht. Da es seinen beiden männlichen Mitstreitern in der Gruppe genauso gehe, fühle sich die Veränderung ganz natürlich an.

Beim Songwriting herrscht in der Band ein neues Gemeinschaftsgefühl.
Beim Songwriting herrscht in der Band ein neues Gemeinschaftsgefühl.(Foto: H. Flug / Universal Music)

Und wie machen sich die Kerle mit dem Kinderwagen? "Hervorragend!", sagt Mieze. "Ich freue mich richtig mit. Ich finde die Kids alle 'schau'. Und die Familien auch. Da habe ich auch eine stolz geschwellte Brust", erklärt sie - und macht den Jungs gleich noch ein weiteres Riesenkompliment: "Sie sind für mich auch meine Musikfamilie. Und ein Stück weit mein Hafen. Ich bewundere sie einfach nur."

Ein Hafen, in den sie nach rund drei Jahren zurückgekehrt ist. Denn so lange dauerte die Pause, die sich die Gruppe vor der Veröffentlichung von "Tacheles" selbst verordnet hatte. Mit dem neuen Album ist wieder mal einiges bei Mia. anders geworden. Und das nicht nur aufgrund der Geschehnisse im privaten Bereich. Erstmals werkelte nicht jeder für sich im stillen Kämmerlein an Song-Ideen. Stattdessen traf man sich vor einem Computer im Proberaum. "Jetzt sind wir an einem Punkt, der total intim ist - wir begeben uns am Anfang einer Komposition, schon beim ersten Ton, in Zusammenarbeit oder Konfrontation", sagt Andy. "Ich dachte vorher, dass das nicht ginge. Ich dachte, man könne Songs nur alleine schreiben", fügt er hinzu.

Vom Trapez zum Degen

Mieze scheint nach ihrem Faible fürs Trapez, das sie während der Touren zum 2006 erschienenen "Zirkus"-Album nicht zuletzt auf der Bühne auslebte, ein neues sportliches Betätigungsfeld gefunden zu haben. Auf vielen aktuellen Fotos ist sie mit einem Florett zu sehen. Ach, nein. "Es ist ein Degen", korrigiert die Sängerin. "Das ist ein neues Hobby. Ob ich das ausbaue, muss ich mal sehen", sagt sie. "Wer mich kennt, weiß, dass ich keine halben Sachen mag. Deswegen habe ich auch Fechtunterricht genommen und mich mit der Geschichte und Haltung des Sports beschäftigt."

Frau Katz hat einen gewissen Hang zu sportlichen Aktivitäten.
Frau Katz hat einen gewissen Hang zu sportlichen Aktivitäten.(Foto: FRITZ REISS/AP/dapd)

Apropos Haltung. Auch musikalisch scheint die sich bei Mia. abermals weitergedreht zu haben. Auf "Tacheles" klingt die Band geradliniger als je zuvor, ohne angepasst zu sein. Dafür sind allein schon die Texte zu prägnant und Miezes Gesang zu präsent. Dennoch: Wer die Band seit ihren Anfangstagen verfolgt hat, konnte ihr beim Reifen geradezu zusehen. Oder? "Ich habe schon das Gefühl", räumt Bob ein, "auch wenn ich Wörter wie 'erwachsener" oder 'reifer' natürlich nicht mag." Und Mieze ergänzt: "Dadurch, dass wir so eng miteinander sind, kriegen wir ja keine Sprünge mit. Das vollzieht sich alles sehr schleichend. Und auch, wenn man uns in manchen Bereichen sicher einen Reifeprozess anmerkt, haben wir doch immer noch unsere Spielplätze. Die Bühne zum Beispiel - da vergisst man jedes Alter." Kann sie sich denn dann heute noch mit frühen Songs wie "Alles neu" und dem zugehörigen Video mit wilder 80er-Mähne identifizieren? "Ja, aber absolut!"

"Alles neu", das war 2002 - fünf Jahre nach Gründung der Band. Irgendwie wirkten Mia. zu der Zeit wie der Idealtypus der neuen deutschen Popgruppe: Starke Frontfrau mit ein paar starken Jungs im Rücken. Formationen wie Silbermond, Juli, Wir sind Helden, Jennifer Rostock oder Frida Gold folgten dem Muster. Auf die Frage, ob sich Mia. denn in dieser Hinsicht als eine Art Vorreiter verstünden, gibt sich Sängerin Mieze selbstbewusst: "Ja, schon. Als wir uns gegründet und die erste Platte gemacht haben, gab es weit und breit nur Mia. Und viel Gelächel. Nach dem Motto: 'Netter Versuch.' Aber eben auch wahnsinnig viel Erfolg. Heute freue ich mich, dass wir den Weg für so viele erfolgreiche deutsche Bands geebnet haben."

Den Spieß umgedreht

Ihr eigener Weg indes hat sie heute hierher geführt. Als wir uns zum Interview gegenübersitzen, ist ein besonderer Tag - in zweierlei komplett unterschiedlicher Hinsicht. Zum einen ist gerade Christian Wulff als Bundespräsident zurückgetreten. Zum anderen hat kurz zuvor Roman Lob den Vorentscheid zum Eurovision Song Contest gewonnen. Ein Ereignis, das auch an den Ex-ESC-Bewerbern Mia. nicht vorbeigegangen ist. "Ich habe mir während der Pause jede Casting-Show angesehen. Ich habe sogar 'Die Alm' geguckt", erklärt Mieze und erntet dafür schallend lautes Gelächter ihrer Bandkollegen. "Ja, ja, da lachen sie. Aber ich hatte zuvor keinen Fernseher und bestimmt acht Jahre nicht ferngesehen. Jetzt bin ich da richtig eingetaucht - wie ein Nichtschwimmer. Auf jeden Fall habe ich darin nun das Seepferdchen", rechtfertigt sich die Sängerin.

Das war 2003: Mieze Katz mit Vokuhila.
Das war 2003: Mieze Katz mit Vokuhila.(Foto: picture-alliance / dpa)

"Roman war von Anfang an Favorit", findet Mieze. "Aber ich habe ja auch 'The Voice' geguckt. Und ich muss sagen: Ich hätte mir vertauschte Rollen gewünscht. Wenn Ivy für Deutschland nach Baku gegangen wäre, wäre das so ein tolles Signal gewesen." Stimmt, geben wir ihr recht. "Echt, da würdest du inhaltlich mitgehen? Ist ja geil", sagt Mieze.

Und wie ist das mit Christian Wulff? Interessieren sich die Bandmitglieder für Tagespolitik? "Ich bin jetzt kein Zeitungsleser", sagt Andy. "Ich mache das alles per App. Das finde ich total gut." Na, da passt es doch, dass wir von einer Online-Redaktion kommen. "Das frage ich mich sowieso: Wie ist das eigentlich als Nachrichtenredakteur? Wie konsumierst du Nachrichten?", wird Mieze auf einmal zur Interviewerin. "Wer entscheidet eigentlich, welche Nachrichten gemeldet und welche weggelassen werden?", ist ihre nächste Frage. "Darf man als Journalist eingreifen? Also, zum Beispiel wenn man Kriegsreporter ist", will Andy wissen. Und: "Hast du das Gefühl, auf dieser Seite des Mikrofons richtig zu sein?"

Die Antwort auf die letzte Frage fällt leicht: Ja. Bei allen anderen versuchen wir, so gut es geht, Rede und Antwort zu stehen. "Na, vielleicht können wir ja mal zu euch in die Redaktion kommen und alle diese Fragen stellen", sagt Mieze. Kein Problem - schließlich waren bei uns auch schon Schülergruppen. Wieder einmal lachen alle am Tisch. Mia. haben mal eben den Spieß umgekehrt - und uns den Kopf verdreht.

Mia. gehen im November und Dezember 2012 auf Club-Tournee: Erfurt (02.11.), Offenbach (03.11.), Köln (08.11.), Hannover (09.11.), Magdeburg (10.11.), München (15.11.), Stuttgart (16.11.), Oberhausen (17.11.), Bamberg (23.11.), Dresden (7.12.), Leipzig (8.12.), Hamburg (14.12.), Berlin (15.12.)

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Quelle: n-tv.de

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