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In dem Dokumentarfilm geht es um die Killerpilze, aber auch um die Irrungen und Wirrungen im Musikgeschäft.
In dem Dokumentarfilm geht es um die Killerpilze, aber auch um die Irrungen und Wirrungen im Musikgeschäft.(Foto: Nordpolaris)
Donnerstag, 05. Oktober 2017

Killerpilze im Killer-Geschäft: Von "Tittenorkanen" und lauen Lüftchen

Von Kai Butterweck

Kennt noch jemand die Killerpilze? Die einstige Teenie-Vorzeigeband bläst im Kino zum Zweite-Frühling-Angriff. Die Dokumentation "Immer noch jung" beleuchtet die Geschichte der Gruppe, aber auch die Brutalität im Musikgeschäft.

Der ehemalige Killerpilze-Bassist Andreas "Schlagi" Schlagenhaft sitzt irgendwo im Nirgendwo an einen Baum gelehnt, zieht an seiner Kippe und redet Tacheles. Es gab Zeiten in seinem Leben, da habe er innerhalb einer Woche 25.000 Euro nur fürs Partymachen ausgegeben, so der einstige fleischgewordene Traum Tausender Zahnspangenträgerinnen. Die Rede ist von einer Zeit, in der die Killerpilze neben den Jungs von Tokio Hotel zu den wohl polarisierendsten Bands der Republik zählten.

Mit der "Bravo" im Rücken, dem Fuß auf dem Pop-Punk-Gaspedal und Zigtausenden kreischenden Teenie-Fans an ihrer Seite bretterten die Killerpilze auf der Überholspur in Richtung Pop-Olymp. Mit der Kino-Doku "Immer noch jung" blickt die einst "jüngste Band Deutschlands" noch einmal zurück. Von der ersten Bandprobe im elterlichen Wohnzimmer über ausschweifende Fünf-Sterne-Aftershow-Partys bis hin zum beeindruckenden Aufrappeln nach dem zwischenzeitlichen Absturz ins Niemandsland: Gemeinsam mit dem befreundeten Filmemacher David Schlichter öffnen die drei verbliebenen Killerpilze Johannes und Fabian Halbig und Maximilian Schlichter ein Band-Archiv, das in puncto Höhen und Tiefen so ziemlich alles aufzeigt, was das Musik-Business so zu bieten hat.

Von Dillingen ins Hyatt

Und da kommt so einiges zusammen. Die Höhepunkte kommen im klassischen Gewand daher. Soll heißen: Der Weg an die Pop-Spitze verläuft ähnlich steil wie der von gleichgestrickten Teenie-Kollektiven der Vergangenheit.

Als Kinderband wurden die Killerpilze einst bekannt.
Als Kinderband wurden die Killerpilze einst bekannt.

Sicher, Schlagzeuger Fabian ist zum Zeitpunkt der Bandgründung im Jahr 2002 noch keine zehn Jahre alt. Auch das Tempo, mit dem es die Band aus dem beschaulichen Dillingen bis in die pompösen Hyatt-Suiten in Berlin schafft, ist bemerkenswert. In nicht einmal drei Monaten wurden aus frühpubertären Kids strahlende Massenentertainer geformt. Verwackelte Fanhysterie-Filmchen, Groupie-Telefonate, Halbstarken-Interviews und exzessive Konzertpartys jedoch wurden so oder so ähnlich bereits aus den Erinnerungsschatullen von Bands wie Echt und Tokio Hotel ans Tageslicht befördert.

Was viel mehr Spuren hinterlässt, ist die Art und Weise, wie die Killerpilze nach ihrem kometenhaften Aufstieg vonseiten der Business-Obrigen praktisch über Nacht wieder aus dem Rampenlicht geschubst wurden.

Das Label als Buhmann

Heute sind die Bandmitglieder erwachsene Kerle.
Heute sind die Bandmitglieder erwachsene Kerle.(Foto: Jan Hof / Nordpolaris)

Der Buhmann wird schonungslos an den Pranger gestellt. Sein Name: Universal. Das Über-Label in Gestalt der seinerzeit für die Band verantwortlichen Begleiter dreht nach dem zweiten Studioalbum urplötzlich den Support-Hahn zu. Die sich in Monatszyklen neu orientierende Zielgruppe, die Angst vor rückläufigen Plattenverkäufen und das vermeintliche Abebben des seinerzeit gefeierten "Deutsch-Hypes" sorgen dafür, dass die Ehe zwischen den Killerpilzen und Universal bereits nach zwei heißen Sommern geschieden wird.

Was nun? Kriecht man dem Giganten aus Berlin in den Hintern und erklärt sich bereit, ein ABBA-Coveralbum aufzunehmen oder sich gar aufzulösen, um zwei Jahre später die Wiedervereinigungskorken knallen zu lassen? "Eigentlich wollten wir immer nur auf der Bühne stehen und Musik machen", sagt Sänger Jo.

Aus Kindern werden Leute

Die Killerpilze raufen sich zusammen und wählen den Weg des größten Widerstands. Gebeutelt von künstlerischen und privaten Schicksalsschlägen und mittlerweile nur noch zu dritt (Bassist und Punkrock-Idealist "Schlagi" zieht im Jahr 2007 aufgrund von musikalischen Differenzen die Reißleine) nehmen die Killerpilze ihr Schicksal selbst in die Hand. Mit der Gründung eines eigenen Labels beamen sich Jo, Fabian und Maximilian wieder zurück auf die Start-Position. Alles wieder auf Anfang. Die Ziele: künstlerische Freiheit und der Sprung zurück auf die großen Bühnen. Statt mit glitzernden Zahnspangen wollen die Killerpilze vor der Bühne mit langen Bärten und tätowierten Ü-20-Körpern konfrontiert werden.

Aus Kindern sind Erwachsene geworden. Nach jahrelanger Gefangenschaft im Rock-Zirkus wollen die Killerpilze beweisen, dass man es auch außerhalb der großen Manege bis ganz nach oben schaffen kann. Viele Wegbegleiter und Kollegen (Jennifer Rostock, Michael "Curse" Kurth, Klaas Heufer-Umlauf und viele mehr) strecken beide Daumen nach oben. Wer will, der kann. Auch Kraftklub-Shouter Felix Brummer kommt im Film zu Wort. Und der Chemnitzer bringt es auf den Punkt: "Wenn eine Band wie die Killerpilze einen Tittenorkan entfachen kann, dann ist im Rock'n'Roll wirklich alles möglich."

"Immer noch jung - 15 Jahre Killerpilze" läuft ab 5. Oktober in den deutschen Kinos

Quelle: n-tv.de

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