Unterhaltung
So sieht richtiger Fußball aus: 1874.
So sieht richtiger Fußball aus: 1874.
Donnerstag, 24. Februar 2011

"Hip, Hip, Hoo-ray - Boys!": Wie der Fußball nach Deutschland kam

Von Thomas Badtke

"Fußball ist ein Spiel, bei dem 22 Spieler 90 Minuten hinter einem Ball herjagen und am Ende gewinnt immer Deutschland." Recht hat er, der englische Stürmer Gary Lineker. Dabei hätte es Fußball in Deutschland beinahe nie gegeben, wie "Der ganz große Traum" im Kino zeigt

Es ist der 27. Juni 2010. Bloemfontein, Südafrika. Achtelfinale der Fußball-WM. Ein Klassiker. Deutschland gegen England. Endstand 4:1 durch die Tore von Klose, Podolski und zwei Mal Müller. Die Inselpostillen schreiben danach von einer Schmach, einer Demütigung. Deutschland feiert indes den Trainer, das Team und die Stars. Und nun stellen Sie sich einmal vor: Es wäre nie zu diesem Spiel gekommen. Oder zum Halbfinale der EM 1996 oder zum Endspiel 1966 und dem sagenumwobenen Wembley-Tor, was jeder Deutsche weiß, keines gewesen ist und England damit letzten Endes zu Unrecht Weltmeister wurde. Da der liebe Gott auch kleinste Sünden - wie Lügen - sofort bestraft, hat England seitdem keinen internationalen Titel mehr gewonnen.

Fußball ist natürlich auch Taktik. Das war schon zu des Kaisers Zeiten so.
Fußball ist natürlich auch Taktik. Das war schon zu des Kaisers Zeiten so.

All diese fantastischen Geschichten, all die "Derbys", all die Stammtisch-Streitereien, all das Herzblut der Fans hätte es ohne Konrad Koch nie gegeben. Wer ist Konrad Koch? Das habe ich mich bis vor ein paar Wochen auch gefragt. Nun bin ich schlauer. Konrad Koch brachte den Fußball nach Deutschland, genauer nach Braunschweig zunächst.

Neue Ideen - und ein Lederball

Es ist das Jahr 1874. Deutschland, oder besser gesagt, das frisch aus der Taufe gehobene Deutsche Kaiserreich, aalt sich zwar noch immer im 1871 errungenen Sieg über Frankreich, befindet sich aber im Umbruch. Das gilt für die Wirtschaft genauso wie die Politik. Deutschland macht sich. Es will mitspielen im Konzert der Großmächte um Kolonialreiche, riesige Handelsflotten und Vormachtstellungen. England spielt in der Entwicklung des Kaiserreichs eine große Rolle. Es ist Vorbild und Reibungspunkt gleichermaßen. Und genau von dort kommt im Kinofilm "Der ganz große Traum“ Konrad Koch zurück in seine Heimatstadt Braunschweig.

Burghart Klaussner spielt den reformfreudigen Rektor Merfeld.
Burghart Klaussner spielt den reformfreudigen Rektor Merfeld.

Koch, gespielt von Daniel Brühl ("Schule", "Goodbye Lenin", "Die fetten Jahre sind vorbei", "Inglourious Basterds") soll am Martino-Katharineum, seiner alten Schule, Englisch unterrichten. Deshalb hat ihn der reformfreudige Rektor Gustav Merfeld (Burghart Klaussner - "Die fetten Jahre sind vorbei", "Das weiße Band", "Der Vorleser") nach Braunschweig geholt. Koch soll mit neuen Lehrmethoden frischen Wind ans Martino-Katharineum bringen. Neben neuen Ideen bringt Koch noch etwas mit, einen Lederball.

"Fußlümmelei" von der Insel

Und der kommt recht zügig zum Einsatz, denn alles was seine Schüler über England wissen, sind Vorurteile, eingedrillt mit den damals in den Schulen vorherrschenden deutschen Tugenden Disziplin und Gehorsam. Warum auch Englisch lernen, wenn man die Insel eh bald erobert und die Engländer dann Deutsch lernen müssen? Koch zitiert die Schüler in den Turnsaal. "This is a Foot-ball" - ein Satz den die Schüler nie wieder vergessen sollen. Sie schießen damit auf einen Barren, der als Tor fungiert. Symbolik pur, war Turnen doch damals die deutsche Sportart überhaupt, die perfekte Körperertüchtigung mit Drill und Kommandoton. Fußball dagegen, die "englische Krankheit", steht für die Entdeckung des freien Denkens, Individualität gepaart mit Teamgeist.

Das als "weibisches Getrete" und "Fußlümmelei" diffamierte Spiel weckt dann auch die Begeisterung der Jungen und lässt nach und nach auch ihre unterschiedliche Herkunft vergessen. Joost, ein Kind einer Fabrikarbeiterin, klein, kränklich aussehend, schafft es auf Anhieb, sich mit seiner Ballfertigkeit die Anerkennung seiner Mitschüler zu erobern. Der dickliche Otto, Sohn des Sportartikelfabrikanten Schricker, steht im Tor. Und auch Felix, Sohn eines Geschäftsmanns aus gutem Hause und Wortführer der Klasse, ordnet sich dem neu entstehenden Mannschaftsgeist, wenn auch mit Widerwillen, unter. Der Fußball eint sie, formt aus ihnen ein "Team".

Die Mutter aller Fußballklassiker

Torschusstraining im Turnsaal: Das Tor ist ein Barren.
Torschusstraining im Turnsaal: Das Tor ist ein Barren.

Dass das auf Kritik bei so manchem Elternteil und Lehrer stößt, ist nur logisch. Neue Ideen haben es immer schwer. Fußball wird kurzerhand an der Schule verboten und so treffen sich alle, "rein zufällig“ natürlich, nachmittags in einem Park. Trotz Karzer, Prügelstrafe und Schulverweis setzt sich die Kochsche Lehrmethode Fußball durch: Das Finale des Films steht an. Die Mutter aller epischen Fußballschlachten: Deutschland gegen England. Zum ersten Mal ausgetragen irgendwann 1874 in einem Braunschweiger Park. Es geht zunächst um den Spaß am Spiel, dann um die Ehre und um den Fußball an deutschen Schulen überhaupt. Die Zukunft des Sports liegt auf den Schultern von ein paar Jungen. Ein passendes Finale - im wahrsten Sinn des Wortes. Aber wer gewinnt?

Das ist eigentlich unwichtig, schließlich ist dieses Spiel die Geburtsstunde des Fußballs in Deutschlands. Der Sport, basierend auf Rugby nur ohne Zuhilfenahme der Hände mit deutlich weniger Körpereinsatz, setzt seinen Siegeszug von Braunschweig aus durch das ganze Kaiserreich fort. Nur Bayern gibt sich widerspenstig: Erst 1927 wird das Fußball-Verbot in weiterführenden Schulen gekippt. Diese Bazis … 

Am Ende gewinnt immer ...

Axel Prahl (r.) spielt den Sportgerätefabrikanten Schricker.
Axel Prahl (r.) spielt den Sportgerätefabrikanten Schricker.

"Der ganz große Traum" ist ein ganz großer deutscher Kinofilm mit jeder Menge Pathos. 110 kurzweilige Minuten, gespickt mit Humor, einfühlsamer Musik und voller szenischer Dynamik. Er ist Geschichtsunterricht, der Spaß macht. Das liegt neben dem Thema des Films vor allem an der namhaften Darstellerriege, deren Lust am Schauspiel in jeder Sekunde des Films zu sehen ist. Axel Prahl als schrulliger Sportartikelfabrikant Schricker sei nur als ein Beispiel angeführt. Dass Regisseur Sebastian Grobler (HSV) und Hauptdarsteller Brühl (1. FC Köln) Fußballfans von Haus aus sind, ist nur eine Randnotiz.

"Der ganz große Traum" lädt zum Kinobesuch ein, auch wenn man Fußball hasst. Solche Menschen soll es ja geben. Aber wie sagte schon der deutsche "Fußball-Kaiser" Franz Beckenbauer: "Fußball ist ein bisschen so, wie sich der liebe Gott die Welt vorgestellt hat." Menschenverbindend halt. Und wenn am Ende Deutschland gewinnt, dann …

Bilderserie
Video

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen