Unterhaltung

Michael Fassbender hungert : Willkommen in der Hölle

Von Sabine Oelmann

Das ist kein Film für einen gemütlichen Fernsehabend mit Chips und Erdnüsschen auf der Couch. Ihnen wird der Appetit vergehen. Passenderweise heißt der Film ja nun auch "Hunger", und er erzählt die wahre Geschichte von Bobby Sands, einem verurteilten IRA-Terroristen, der im Gefängnis einen Hungerstreik beginnt.

Wenn Brutalität, Dreck, Gefängnis und Verzweiflung im Entferntesten ästhetisch dargestellt werden können, dann gelingt das Steve McQueen mit seinem Film. Es geht um die letzten 66 Tage im Leben des IRA-Kämpfers Bobby Sands, der in einem irischen Gefängnis im Jahr 1981 in einen Hungerstreik tritt und der Meinung ist: "Mein Leben in die Waagschale zu werfen ist nicht nur das Einzige, was ich tun kann - es ist das Richtige."

Die Poesie des Bösen ...
Die Poesie des Bösen ...

Es wird nicht viel geredet. Die Gesichter der Inhaftierten sprechen Bände. Prügel, Kot und Urin bestimmen das Leben der Insassen von Maze Prison. Sie werden mit Besen gesäubert, wie Tiere, und die Wärter sind nach ihren Prügelattacken ähnlich blutig wie ihre Gefangenen. Was für ein mieses Leben, für alle Beteiligten. Bilder aus Exkrementen und Essensresten "schmücken" die Wände der Gefangenen, ihr Einfallsreichtum und ihr Überlebenswille ist bewundernswert. Vorerst.

Flucht oder Faszination

Aber nicht nur die Verbrecher werden einem nähergebracht, auch den Gefängnis-Aufsehern kommt die Kamera nahe. Blutende Hände, leere Blicke, Angst vor der Rache der IRA, reine Lust am Prügeln, der Widerwille zu prügeln, all das gelingt dem Regisseur Steve McQueen, einem englischen Videokünstler. "Hunger" ist sein erster Spielfilm und als der Film 2008 in Cannes vorgestellt wurde, waren die Reaktionen sehr unterschiedlich: Die eine Hälfte des Publikums verließ fluchtartig den Saal, die andere blieb sitzen, gefesselt geradezu von der Unerträglichkeit des Seins. 

Denn der ganze Film ist unglaublich brutal - natürlich, es ist ein Film, der im Gefängnis spielt, da ist fast nichts fein, außer die Beobachtungen, an denen der Regisseur den Zuschauer teilhaben lässt. Unerträglich langsam sind die Kamerafahrten zum Teil, unerträglich ist die Vorstellung, wie es in den Zellen riechen muss, was in den Köpfen der Gefangenen - unabhängig davon, was sie angestellt haben - vorgehen muss.

Behandeln sie dich auch gut, Junge?
Behandeln sie dich auch gut, Junge?

Es ist das Jahr 1981, und im Belfaster Gefängnis The Maze versuchen einige der Gefangenen, man könnte sie auch als Terroristen bezeichnen, durch einen Decken-, Wasch- und Hungerstreik die Regierung Thatcher dazu zu zwingen, sie als politische Gefangene anzuerkennen. Erstaunlicherweise empfindet man wirklich mit den Männern mit, so ausgemergelt sie auch aussehen, so lächerlich ihre Weigerung, die Gefängnisklamotten anzuziehen, auch wirken mag.

Nicht schlecht ist das von McQueen durchdacht, allen Beteiligten ihre Zeit zu geben, ihre Rolle zu entwickeln und dementsprechend auch Identifikation mit den Figuren zu erzeugen. Denn wer hier grausamer ist, darum geht es schon gar nicht mehr. Alle sind Verlierer im Belfast der 1980er Jahre. Zum Beispiel die Eltern von Bobby Sands, dargestellt von dem mysteriösen, nicht einzuordnenden, schönen, abgemagerten, intensiven Michael Fassbender, diesem Deutsch-Iren, den man so schwer in eine Schublade packen kann: Die Mutter nun fragt ihren Sohn allen Ernstes, ob es ihm gut geht. Verprügelt, mit sichtbaren Blessuren, geschlagen wie ein Hund, sitzt er vor ihnen und sie fragt: "Isst du auch genug, Junge?" Die wenigen Sätze, die da fallen in der Besuchszeit, sind an Sarkasmus kaum zu überbieten.

Angst vor dem Leben
"Hunger" von Steve McQueen begeisterte und entsetzte bei der ersten Vorführung.
"Hunger" von Steve McQueen begeisterte und entsetzte bei der ersten Vorführung.

Nächste Szene: Die Predigt des Gefängnispfarrers wird dazu genutzt, sich endlich unterhalten zu können mit den anderen Gefangenen, und um Drogen und Tabak auszutauschen oder weiterzureichen. Das Mitgefühl für die Gefangenen steigt beim Zuschauer ins Unermessliche, man möchte sie in den Arm nehmen. Denn systematische Prügel durch Wärter und Militär gehört zum Alltag, es tut weh, diese Aufnahmen zu sehen, auch wenn es sicher noch brutalere Filme gibt. Der Abstieg in die Hölle ist unausweichlich.

Vorher gibt es noch ein ungeschnittenes, fast 20 Minuten dauerndes Gespräch zwischen Bobby Sands und dem Pfarrer, der ihn abhalten will von dem Plan zu hungern, denn nicht nur Sands wird dabei draufgehen, sondern auch andere. Er findet, der Gefangene habe den Bezug zur Realität verloren. Oder hat Sands eigentlich Angst vor dem Leben? Denkt er gar nicht an sich oder andere, seinen Sohn beispielsweise? "Woher haben Sie diese Energie?" fragt der Priester ihn. "Ich war als Junge Querfeldeinläufer, das einzige, wovor ich mich gefürchtet habe, waren Rinder." Sands ist wild entschlossen.

Für den Nachttisch: Michael Fassbender zum Nachlesen.
Für den Nachttisch: Michael Fassbender zum Nachlesen.

Ab da wird es in dem Film des Briten McQueen nur noch darum gehen, wie der Verfall des menschlichen Körpers sich zeigt. Wie die Organe versagen, die Haut verfällt, wie Blut gekotzt und anderweitig ausgeschieden wird, wie Geist und Verstand versagen und die Träume, an die Kindheit, an eine bessere Zukunft, Oberhand gewinnen. Eine Szene, in der dem Sterbenden ständig frisches Essen ans Bett gebracht wird, ist in seiner Eindringlichkeit kaum zu überbieten, man riecht die Salami, das Ei förmlich. Aber Sands ist schon in einen anderen Zustand übergetreten. Dann kommt der Tod. Und er ist eine Erlösung.

"Hunger" ist seit September 2013 als DVD erhältlich.

Wer mehr über Michael Fassbender erfahren möchte, dem sei die Biografie von Jim Maloney ("Michael Fassbender - Die Biografie") empfohlen. Der Autor zeigt den vielseitigen 36-Jährigen in seinem ganzen Facettenreichtum (Schwarzkopf&Schwarzkopf). Im Herbst wird Michael Fassbender an der Seite von Cameron Diaz, Penélope Cruz, Brad Pitt und Javier Bardem in "The Counselor", einem gnadenlosen Spiel um Luxus, Leidenschaft und Gier im Dunstkreis eines brutalen Drogenkriegs an der Grenze zwischen den USA und Mexiko zu sehen sein.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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