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"Purpurne Rache" wird fortgesetzt.
"Purpurne Rache" wird fortgesetzt.(Foto: Lübbe Audio)
Sonntag, 29. Januar 2017

Der "Nagelmann" mordet wieder: Fetisch, Hexerei, "Purpurne Rache"

Von Thomas Badtke

Anfang der 1970er brachte im Kongo ein ritueller Serienmörder neun Frauen um. Nägel und Scherben in den Opfern sind das Markenzeichen des "Nagelmanns". Er wird gefasst - und stirbt in der Psychiatrie. Doch dann geht die Mordserie in Frankreich weiter.

Jean-Christophe Grangé? Großes Kino! "Die purpurnen Flüsse", ein Bestseller, mit Jean Reno ein Kassenschlager in den Kinos und der Beweis, dass aus grandiosen Büchern auch hervorragende Filme entstehen können. Nun lässt Grangé wieder etwas Purpurnes erstehen: Rache.

Ein junger französischer Soldat, Kopte, stirbt bei einer Mutprobe. Er will wie rund ein Dutzend weiterer Flugschüler Kampfjetpilot werden. In der Flugschule in der Bretagne ist es Usus, dass die älteren Schüler (die Füchse) die jüngeren (die Ratten) ein Wochenende lang triezen und drangsalieren. Es wird geschrien, gedemütigt, Exkremente sind im Spiel und eine stundenlange Tortur, der sich die Ratten bedingungslos unterziehen müssen. Es geht um Unterwerfung und Durchhalten gleichermaßen. Der junge Kopte scheint dem nicht gewachsen, so die offizielle Variante. Er flieht, versteckt sich in einem nahegelegenen Bunker - und kommt ums Leben, als bei einer überraschenden Übung eine Rafale eine Rakete in den Bunker schießt. Viel bleibt von dem jungen Mann nicht übrig.

Afrika halt

Der Pariser Bulle Erwan Morvan soll den Tod des Kopten untersuchen. Den Auftrag bekommt er nicht von seinem Vorgesetzten, sondern von Grégoire Morvan, Erwans Vater, Ex-Kolonialpolizist, Ex-Geheimdienstmann und politischer Berater diverser französischer Präsidenten. Der alte Morvan hat als junger Polizist einen Serienkiller im Kongo zur Strecke gebracht, der dort junge weiße Frauen auf grausame Art und Weise ermordet hat - jahrelang. Insgesamt neun Frauen brachte er um, indem er ihnen Nägel und Scherben ins Fleisch trieb, innere Organe herausschnitt und sie mit so etwas wie einem Morgenstern anal penetrierte.

Die Frauen boten einen schrecklichen Anblick, als man sie fand. Aber sie ähnelten in der Art und Weise ihrer Zurschaustellung den sogenannten Minkondi, einer Art Fetisch der Yombe, einer schwarzen Bevölkerungsgruppe des Landes. Sie sollten vor bösen Geistern schützen. Hexerei eben. Afrika halt.

Pater familias

Der alte Morvan war dem Mörder, ein junger belgischer Ingenieur, monatelang auf den Fersen, bis er ihn endlich dingfest machen konnte. Der "Nagelmann", wie er genannt wurde, landete in der Psychiatrie. Das war Anfang der 1970er. Morvan kehrte als gefeierter Held nach Frankreich zurück. Er stieg schnell auf, hielt sich aber im Hintergrund. Inlandsgeheimdienst, Verbindungen bis in die ganz hohe Politik. Wenn es etwas zu erledigen gab, ohne Fragen zu stellen oder langes Federlesen, Morvan war zur Stelle. Er blieb es auch, als graue Eminenz des Innenministeriums, egal wie die Präsidenten alle hießen. Jetzt lautete der Name Francois Hollande.

Morvan hatte eine Familie gegründet und drei Kinder. Erwan war der älteste und als Topbulle gewissermaßen in Grégoires große Fußstapfen getreten. Loic war Investmentbanker und drogenabhängig. Aber er sorgte dafür, dass das Geld des Morvan-Clans sich stetig mehrte, vor allem mit Hilfe einer Minengesellschaft im Kongo, an der der Vater beteiligt und die im Koltanabbau tätig war. Gaelle war die Tochter des alten Morvan, Nesthäkchen und Schauspielerin. Zumindest wollte sie das gern werden. Bis dahin hielt sie sich als Nutte über Wasser. Edelhure immerhin, im SM- und Fetisch-Bereich - nur wegen des "Kontakteknüpfens", versteht sich.

Die Zeichen der Vergangenheit

Der Morvan-Clan war mächtig und als der Alte von einem ehemaligen Kongo-Weggefährten, der mittlerweile Admiral bei den Seestreitkräften war, gebeten wurde, doch den Unfalltod des Kopten zu untersuchen, schickte der Erwan los. Und der findet schnell Ungereimtheiten. In der Armee-Flugschule stößt er auf ein Klima der Gewalt, geschürt offenbar durch den Admiral höchstselbst, der seine Zeit nun auf dem Stolz Frankreichs, dem Flugzeugträger "Charles de Gaulle" vor der Küste der Bretagne, zubrachte.

Erwan findet heraus, dass der Kopte bereits tot war, als die Rakete in den Bunker einschlägt. Schlimmer noch: Der junge Mann litt höllische Qualen: Dutzende Nägel ragen aus seinem Schädel und seinem Torso heraus. Scherben stecken im Fleisch. Innere Organe wurden herausgeschnitten. Doch bis Erwan und seine rechte Hand Kripo das herausfinden, dauert es eine Weile - die Rakete hat ganze Arbeit geleistet.

Zu allem Überfluss findet sich am Fundort des Toten auch ein Siegelring. Erwan kennt ihn genau, denn es ist der Ring seines Vaters. Und es kommt noch besser: In Paris wird eine weitere grausam zugerichtete Leiche gefunden. Eine junge Frau, die Erwans Vater kannte. Ein Mann stirbt, ebenfalls zu einem Minkondi-Fetisch "umfunktioniert". Er war ein Handlanger des alten Morvan, erledigte schmutzige Arbeiten für ihn, wie etwa unliebsame Journalisten mundtot machen und es wie einen Unfall aussehen lassen.

Die Zeit läuft ab

Erwan wird immer tiefer in einen Sumpf aus Lügen, uralter Hexerei und Fetisch-Kulten hineingezogen und alles deutet darauf hin, dass der "Nagelmann" zurückgekehrt ist und sich am alten Morvan rächen will. Allerdings starb der Serienkiller, offiziellen Unterlagen zufolge, bereits vor einigen Jahren in einer französischen Psychiatrie, nicht weit vom Luftwaffenstützpunkt entfernt. Nur ein Zufall? Dokumentenfälschung? Oder ...

Erwan muss diese Rätsel lösen und taucht dabei immer tiefer in die Vergangenheit seiner eigenen Familie ein, eine Vergangenheit, die vor Blut, Gewalt und Macht nur so strotzt. Eine Vergangenheit, die den Morvan-Clan nun offenbar einholt und sich rächt."Purpurne Rache", denn die Lösung liegt im Kongo der frühen 1970er-Jahre verborgen, genauer: in den Regenzeiten - dann, wenn der Himmel für Monate seine Schleusen öffnet und der Boden des Landes sich purpurn färbt.

Ein typischer Grangé

Einen treffenderen Titel hätte Grangé für sein neues Werk nicht finden können. Er spielt gekonnt mit den Erwartungen der Fans nach einen "purpurnen Flüssen". Sie werden nicht enttäuscht, auch wenn "Purpurne Rache" ein völlig eigenständiges Werk ist. Es hat aber alles, was auch die "Flüsse" auszeichnet: Spannung von der ersten bis zur letzten Seite, oder besser Minute (das bei Lübbe Audio erschienene Hörbuch kommt auf 754 Minuten), Charaktertiefe, Verschwörungstheorien, Intrigen, Familiendramen, Plot-Twists.

Es ist ein Ausflug in die dunkle Vergangenheit der Kolonialmächte, die noch gar nicht so lange zurückliegt und deren Spuren bis in die heutige Zeit reichen. "Purpurne Rache" ist aber vor allem eines: ein grandioses, komplexes Werk eines Schriftstellers, der längst in einer eigenen Liga spielt. Und wenn man diesen Bestseller als Hörbuch auf den Markt bringt, muss man auch eine der bekanntesten Sprecherstimmen engagieren: Reiner Schöne.

Wenn "Mickey Rourkes" Stimme ertönt

Wer die markant-männliche Stimme Schönes hört, hat sofort den Hollywoodstar und Oscar-Preisträger Mickey Rourke vor seinem inneren Auge. Und das passt und trifft den Nagel auf den Kopf. Schönes Stimme zieht den Zuhörer von der ersten Minute in den Bann und hallt selbst nach dem Ende des Hörbuchs nach. Sie ist wie Radiowerbung, geht ins Ohr und bleibt im Kopf. Oder anders ausgedrückt: Sie fesselt einfach.

Diese kongeniale Kombination aus erstklassigem und tiefschürfendem Thrillerstoff sowie unverwechselbarer Leserstimme ist es, was "Purpurne Rache" zu einem Audio-Meisterwerk macht. Jean-Christoph Grangé? Großes Kino. Großes Kopfkino! Cliffhanger inklusive.

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Quelle: n-tv.de