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Die Novelle spielt in einer Zeit, in der die Nachrichtenübermittlung noch kompliziert war.
Die Novelle spielt in einer Zeit, in der die Nachrichtenübermittlung noch kompliziert war.(Foto: REUTERS)

Zum 100. Todestag von Henry James: "Im Käfig" sterben die Träume leise

Von Solveig Bach

Als Henry James stirbt, ist er "der Meister". Bis heute greift Hollywood gern nach seinen Büchern. Ein Schmuckstück, das es noch zu entdecken gilt, ist die Novelle "Im Käfig".

Henry James ist nicht unbedingt ein Schriftsteller, den man in jedem Fall auf dem Zettel hat. In der angelsächsischen literarischen Welt gilt er jedoch immer noch als Kultautor. Außerhalb davon wird der Autor anlässlich seines 100. Todestages wieder einmal neuentdeckt. Zwanzig Romane, über einhundert Novellen und etliche Dramen hat "der Meister", wie ihn viele zu Lebzeiten nannten, hinterlassen.

"Im Käfig" ist im Hörverlag erschienen und kostet 24,99 Euro
"Im Käfig" ist im Hörverlag erschienen und kostet 24,99 Euro

Die Novelle "Im Käfig" schrieb er 1898. Es ist eine dieser Geschichten, in der scheinbar nichts geschieht und doch das Leben der handelnden Personen völlig aus den Fugen gerät. In diesem Fall ist die Heldin eine junge Telegraphistin, die tagtäglich die Telegramme fremder Menschen aufnimmt - eine seltsam anonyme und doch intime Arbeit: "Es war ihr schon frühzeitig der Gedanke gekommen, dass sie in ihrer Position, der einer jungen Person, die in der Eingeengtheit eines mit Draht vergitterten Holzverschlages , das Leben eines Meerschweinchens oder einer Elster führte, eine große Anzahl von Menschen kannte, die sich selbst dieser Bekanntschaft nicht bewusst waren."

Während sie hinter den Gitterstäben ihres Schalters Wörter zählt, tobt vor ihr das Leben Londoner High Society. Die kurzen Nachrichten ermöglichen ihr ungeahnte Einblicke in die von Heimlichkeiten, Verabredungen, Missverständnissen und Seitensprüngen geprägte, glamouröse Welt der Schönen und Reichen.

Wanderer zwischen den Welten

Vor allem die Nachrichten des Verführers Captain Everard lassen sie nicht wieder los. Das "arme Mädchen von der Post" gerät in Komplikationen. Was sie liest und was sie noch hinzuphantasiert, hat mit ihrem eigenen Leben so gar nichts zu tun. Denn sie ist nicht nur finanziell deutlich schlechter gestellt, sondern auch noch verlobt mit einem Verkäufer der angrenzenden Kolonialwarenhandlung, der schon jetzt dabei ist, ihr Vorschriften zu machen.

Der gebürtige Amerikaner James lernte schon früh Europa kennen, weil sein wohlhabender Vater, zu dessen Freunden wiederum die angesehensten Intellektuellen gehörten, zwischen den Kontinenten hin- und herreiste. Seine Heimat wurde schließlich Großbritannien, dessen Staatsbürgerschaft er in seinem letzten Lebensjahr noch annahm. James' Methode, die Geschichte komplett aus der Perspektive einer Person zu erzählen, ist in "Im Käfig" geradezu vorbildhaft zu bewundern.

Dabei sind James Sätze nicht für den schnellen Leser gemacht, es sind vielmehr ein wenig altmodische opulente Wortkonstrukte, die ihre Schönheit nach und nach entfalten. Hanns Zischler liest den langen inneren Monolog der jungen Telegraphistin entspannt und trotzdem pointiert. Glaubt man Zischlers Text im Booklet wurde er selbst eher beiläufig von James' Text infiziert. "James führt vor, mit welcher Entsagung und Duldungskraft die Isolierung der jungen Frau notgedrungen verbunden ist - und welcher groteske Aufwand auf der Seite ihrer Klientel betrieben wird, um der Langeweile zu entkommen", schreibt der Schauspieler. Die namenlose junge Frau fügt sich nach beinahe 5 Stunden in ihr Schicksal, ob Meerschweinchen oder Elster kann der Zuhörer selbst entscheiden.

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Quelle: n-tv.de