Unterhaltung
Sonntag, 28. Mai 2017

Tatort: Kopfkino: Jeder Mörder hinterlässt eine Spur

Von Thomas Badtke

Ein toter Afrikaner am Strand von Cannes an der Côte d'Azur; ein toter Polizist, der sich offenbar vom Dach eines Parkhauses im Ruhrpott gestürzt hat; eine Frauenleiche, die aus einem Sarg fällt: Drei Orte. Drei Morde. Eine Gemeinsamkeit.

Der "Tatort" ist Deutschlands heiligstes Krimi-Gut. Zuschauerzahlen im zweistelligen Millionenbereich sind keine Seltenheit. Die Fan-Schar der Kommissare, ihrer Sidekicks und auch von so mancher Fall-Serie ist treu. Kein Wunder, dass sich die Vorabendkrimis im Fernsehen häufen. Auch die Regale in den Buchläden sind pickepacke voll. Da erscheint es nur logisch, dass auch der Hörbuchmarkt auf Spannung und Nervenkitzel rund um Mord und Mörderjagd setzt. Drei solcher Kriminalfälle stellt n-tv.de vor.

"Vogelkoje"

"Vogelkoje" ist bei Audio Media erschienen.
"Vogelkoje" ist bei Audio Media erschienen.

Der Titel des Krimis von Gisa Pauly erinnert an Sonne, Strand. Sylt halt. Und genau dort spielt er auch. Wobei nicht etwa Kommissar Erik Wolf die Hosen an hat und das Sagen, sondern seine um die 60 Jahre alte italienische Schwiegermutter, von allen nur Mama Carlotta genannt.

Die ist gerade auf Besuch, denn Eriks Tochter wird 18. Aber statt sich dem großen Festtagsmenü widmen zu können, gerät sie unverhofft in einen Kriminalfall. Bei einem illegalen Autorennen geschieht ein Unfall, ein Fahrer stirbt. Der andere Fahrer flieht, als nach dem Unfall aus seinem Auto, einem Leichenwagen, ein Sarg rutscht und eine Leiche offenbart.

Diese entpuppt sich dann aber nicht als diejenige, die auf dem örtlichen Friedhof ihre letzte Ruhe finden sollte. Und so ist Mama Carlotta mittendrin in einem Gewirr aus neuen Freundschaften, geheimnisvollen Offenbarungen, Familienzwists und unverhofften Wendungen. Natürlich mit Happy End.

Hörbuch für Frauen

Aus den etwa 500 Taschenbuchseiten sind in der Hörbuchfassung mehr als 17 Stunden Hörstoff geworden, gelesen von Christiane Blumhoff, die sich auch als Schauspielerin in den "Weißblauen Geschichten", "Derrick" oder eben auch dem "Tatort" einen Namen gemacht hat. Ihrer Stimme gelingt es auch, der typischen italienischen "Nonna" Leben einzuhauchen. Der Akzent, die Liebenswürdigkeit - alles sitzt perfekt und sorgt für Spaß beim Zuhören.

Auch wenn die mehr als 17 Stunden doch etwas lang ausfallen (die Hälfte hätte es sicher auch getan), kann man erahnen, wieso "Vogelkoje" bereits der elfte Mama-Carlotta-Band ist: Es dreht sich nicht alles um den Kriminalfall, sondern auch um das "Dolce Vita", umbrische Gefühlsausbrüche einer sich ständig einmischenden, aber liebenswert behütenden Schwiegermutter, die nichts mehr hasst als schweigende Menschen - und nichts mehr liebt als Antipasti, Primo, Secondo und Dessert.

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"Endstation Côte d'Azur"

"Endstation Cote d'Azur" ist bei Audio Media erschienen.
"Endstation Cote d'Azur" ist bei Audio Media erschienen.

Da unterscheidet sich Mama Carlotta auch nicht von Kommissar Leon Duval. Dessen Figur, erschaffen von Christine Cazon, geht in "Endstation Cote d'Azur" seinem mittlerweile vierten Fall nach. Auch er lebt das leichte Leben. Cannes, Cote d'Azur, Sonne, Wein und traditionelle französische Küche: Das Leben könnte so schön sein wie seine Freundin Anni. Aber ab und an zeigt es einem halt auch, wo der Hammer hängt.

Am Strand von Bijou Plage wird die Leiche eines Afrikaners gefunden. Und schon ist nichts mehr wie es war für Duvall. Anni ist Journalistin und hat ein eigenes Interesse an dem Fall, denn es könnte sich um einen toten Flüchtling handeln. Aber der Afrikaner lebte schon länger in Frankreich und verdiente seinen Lebensunterhalt als "Mamadou", als Strandverkäufer, Straßenhändler.

Ging er einem der Bar- und Café-Besitzer am Strand zu sehr auf den Geist? Hatte der Tote einfach die falsche Hautfarbe? Kein abwegiger Gedanke, denn Duvals Frankreich hat sich verändert, die Rechte gewinnt an Oberwasser. Fremdenhass gehört abseits des jährlichen Filmfestivals an der Côte d'Azur mittlerweile zur Tagesordnung.

Ein gutes Essen hilft beim Denken

Und so macht sich Duvall auf die Suche. Bohrt hier, fragt da, klopft an diese und jene Tür. Konventionen kennt er nicht. Und genau das macht seinen Charakter so besonders, so liebenswert. Bärbeißig liebenswert, in einer Verfilmung wäre Jean Reno die perfekte Besetzung.

Als Zuhörer fühlt man sich wie im Urlaub. Sonne, Strand, leichtes Essen und Weine. Das zieht einen hinein in den Krimistoff, in die Suche nach dem Mörder. Das und die Stimme des Sprechers. Männlich, markant, lebenserfahren. Gert Heidenreich ist 1944 geboren, er hat einiges gesehen von der Welt und auch so manches erlebt. Er ist Schriftsteller, Radio-, Hörspiel- und Hörbuchsprecher. Ein Mann mit Erfahrung, wie Duval selbst.

Dem Zuhörer ist die Figur des Kommissars deshalb auch sofort sympathisch. Und die knapp neun Stunden, die es dauert, bis der Todesfall aufgeklärt ist, sind die perfekte Länge für ein Hörbuch. Umgerechnet in "Tatort"-Minuten dürften es wohl 90 Minuten sein. Das Kopfkino ist bei "Endstation Cote d'Azur" in vollem Gang.

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"Glaube Liebe Tod"

"Glaube Liebe Tod" ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.
"Glaube Liebe Tod" ist bei Hörbuch Hamburg erschienen.

711 Minuten oder rund 12 Stunden umfasst die bei Hörbuch Hamburg erschienene Audio-Version von Peter Gallerts und Jörg Reiters "Glaube Liebe Tod". Jede Minute ist es dabei wert, gehört, ja sogar verschlungen zu werden. Fesselnd ist die Story, in der der Polizeiseelsorger Martin Bauer die Hauptrolle spielt. Ehemann, Familienvater, Pfarrer und Bulle - alles in einer Person. Als er zu einem Einsatz auf eine Rheinbrücke im Pott gerufen wird, ahnt er noch nicht, welche Folgen das für ihn und seine gesamte Familie haben wird.

Auf der Brücke steht ein Polizist und will sich in die Tiefe und damit in den Tod stürzen. Bauer schaut ihm in die Augen und springt dann selbst. Der Polizist flucht, springt Bauer hinterher - und rettet ihn. Darauf hatte der Polizeiseelsorger gesetzt. Während er sich Vorhaltungen seiner Vorgesetzten und von seiner Ehefrau anhören muss, beendet der Polizist sein Leben anderweitig: Vier Stunden nach dem Brückensprung stürzt er sich von einem Parkhaus in den Tod.

Aber Bauer glaubt nicht an Selbstmord. Sein tiefer Blick in die Augen des Polizisten auf der Brücke gibt ihm die Gewissheit. Aber Bauer muss der Familie die traurige Nachricht überbringen. Er merkt sofort, dass es in der Familie kriselt, dass etwas nicht stimmt. Der Sohn des Polizisten verschwindet, er hat seinen Vater immer für ein Weichei gehalten, das sich selbst von seiner Frau ständig unterbuttern lässt. Die wiederum ist verbittert - und tobt sich sexuell auswärts aus.

Story und Stimme bleiben im Kopf

Das bekommt Bauer alles heraus. Mit einfühlsamen Worten und Hartnäckigkeit. Er entdeckt Spuren in die Vergangenheit, in eine glücklicher scheinende Zeit, einer Jugendliebe, einer Clique. Alte Wunden treten zutage, die nie vernarben oder heilen konnten. Er stößt hinein, offenbart Verbindungen und Verwicklungen von Unterwelt und Politik, gerät in eine Parallelwelt aus Puffs, Menschenhandel und Drogen. Bauers Leben gerät in Gefahr und er selbst droht, seinen Glauben an das Gute im Menschen und die Liebe zu verlieren.

Großes Kino! Überragendes Kopfkino! Als Zuhörer ist man sofort auf der Seite Bauers, fiebert mit ihm mit. Zweifelt mit ihm. Kämpft mit ihm. Kann nicht aufhören damit, der einfühlsamen wie wandelbaren und fesselnden Stimme von Oliver Siebeck ("Two and a half Men") zuzuhören. Bis zum letzten Atemzug. Von wem, sei an dieser Stelle nicht verraten. Aber wenn "Glaube Liebe Tod" - als Auftakt einer Serie - verfilmt werden sollte, wäre eines klar: Die "Tatort"-Reihe bekäme ernsthafte Konkurrenz!

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Quelle: n-tv.de