Unterhaltung
Die bürgerliche Idylle von Hampstead Heath ist trügerisch.
Die bürgerliche Idylle von Hampstead Heath ist trügerisch.(Foto: REUTERS)

Finanzkrise, Krieg und Schuld: Schicksale entscheiden sich in Augenblicken

Von Solveig Bach

Der Schriftsteller Michael, der Banker Josh und der Soldat Daniel werden schuldig, ebenso zufällig wie unvermittelt. Ihre Leben, eben noch verheißungsvoll, kippen plötzlich. Und Vergebung ist nicht leicht zu bekommen.

Etwas Schlimmes ist geschehen, daran lässt bereits der erste Satz von Owen Sheers Roman "I saw a Man" keinen Zweifel: "Der Vorfall, der ihrer aller Leben veränderte, ereignete sich an einem Samstagnachmittag im Juni, kurz nachdem Michael Turner - in der Annahme, es sei niemand da - das Haus der Nelsons durch die Hintertür betreten hatte."

Das Hörbuch ist beim Hörverlag erschienen und kostet 19,99 Euro.
Das Hörbuch ist beim Hörverlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

Michael ist nach dem Tod seiner Frau aus Wales nach London gezogen, hat in Josh und Samantha Nelson und ihren beiden kleinen Töchtern zugewandte Nachbarn und irgendwie auch eine Ersatzfamilie gefunden. An dem verhängnisvollen Tag will er nur schnell einen Schraubenzieher holen, den er Josh zuvor geliehen hatte. Und während er auf seiner Suche nach dem Werkzeug durch das vermeintlich leere Haus zieht, entfaltet sich in zahlreichen Rückblicken die ganze Geschichte.

Der Schriftsteller Michael trauert um seine große Liebe Caroline, die als Fernsehjournalistin in Pakistan ums Leben gekommen ist, bevor sie Kinder miteinander bekommen konnten. Ihr wird zum Verhängnis, dass sie bei Dreharbeiten in einen US-Drohnenangriff gerät. Den Joystick irgendwo auf einem Militärstützpunkt in der US-amerikanischen Wüste bediente Daniel McCullen, der nach diesem Einsatz den Dienst quittiert. McCullen wird Carolines Tod den Job und die Familie kosten. Voller Schuldgefühle schreibt er dem Witwer und sucht nach Vergebung.

Schuld und Sühne

Michael war einst selbst Journalist und auf Geschichten spezialisiert, in denen er mit seinen Protagonisten beinahe verschmolz und die Grenze zur Literatur fließend zu werden begann. So ähnlich scheint es ihm nun mit seinem eigenen Leben zu ergehen. Während er mit Rachegefühlen kämpft und dem Zerfall von Josh und Samanthas Ehe zusieht, lädt er selbst völlig unerwartet Schuld auf sich.

Devid Striesow liest den 300-Seiten-Roman des walisischen Multitalents Owen Sheers geradezu beiläufig. Trotzdem klingt auch in den Rückblenden immer ein bedrohlicher Unterton mit, der den bedrohlichen ersten Satz nicht eine Sekunde lang vergessen lässt. Sheers hat seine beklemmend aktuelle Geschichte dreier schuldbeladener Männer packend und trotzdem voller Schönheit aufgeschrieben und ist dafür zu Recht international gelobt worden. Mit Striesow hat er eine überzeugende Stimme gefunden.

"I saw a Man" bei Amazon bestellen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de