Unterhaltung
Im altehrwürdigen Cambridge geraten die Dinge etwas außer Kontrolle.
Im altehrwürdigen Cambridge geraten die Dinge etwas außer Kontrolle.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 27. April 2014

"Ich und die Menschen": Stromberg trifft den weisen Alien

Von Solveig Bach

"Hallo Mensch. In diesem Hörbuch geht es um dich." Auf den ersten Blick geht es allerdings um einen Mathematiker, der die Antwort auf eine schwierige mathematische Frage findet. Damit ruft er jedoch die Vonnadorianer auf den Plan, die den Menschen nicht zutrauen, mit dieser Erkenntnis verantwortungsvoll umzugehen.

Ein Außerirdischer kommt auf die Erde, weil er die Menschen am Durchbruch in einer wichtigen mathematischen Frage hindern muss. Wobei hindern die Möglichkeit enthält, dass die Erkenntnis noch rückgängig gemacht werden könnte. Doch der Mathematikprofessor Andrew Martin hat die Riemannsche Vermutung, die ein Muster in der Vorhersage von Primzahlen sieht, schon bewiesen. Deshalb bleibt den Vonnadorianern nur der Ausweg der Eliminierung nicht nur sämtlicher Unterlagen, die Martins Durchbruch belegen, sondern auch von Martin selbst und seiner möglichen Mitwisser, wie seiner Kollegen, seiner Frau und seines Sohnes, seiner Freunde und möglicherweise weiterer Menschen.

Um den Killer-Auftrag möglichst geräuschlos auszuführen, schlüpft der Außerirdische in Martins äußere Hülle. Das fällt ihm nicht besonders schwer, denn es handelt sich um ein Wesen von überlegener Intelligenz. Außer, dass es sich bei den Menschen um eine hässliche, gierige und vor allem primitive Lebensform handelt, weiß der neue Andrew Martin allerdings nicht viel über das Leben auf der Erde, was wiederum nicht sehr verwunderlich ist, denn er kommt von einem sehr weit entfernten Stern. So ist er zunächst einmal nackt an der Autobahn unterwegs, wird angespuckt und missversteht das Angespucktwerden als Zeichen zugewandter Interaktion. Was dazu führt, dass er auf einer Polizeiwache und dann in der Psychiatrie landet. Erst später versteht Martin, dass Lächeln eine angemessene Begrüßung ist, bei der normalerweise kein Speichel zum Einsatz kommt.

Das Beste an den Menschen

"Ich und die Menschen" ist beim Hörverlag erschienen, die Buchausgabe bei dtv.
"Ich und die Menschen" ist beim Hörverlag erschienen, die Buchausgabe bei dtv.

Da ist er bereits wieder bei seiner Gattin Isobel und dem gemeinsamen Sohn Gulliver, einem Pubertisten, der offenbar keine besonders gute Beziehung zu seinem Vater hat. In seiner naiven Art zu fragen und auch wegen seiner offensichtlich angeschlagenen Gesundheit macht der falsche Andrew Martin im familiären Leben in kürzester Zeit mehr richtig, als es sein menschlicher Vorgänger offenbar in vielen Jahren Erdenleben vermochte.

Und er findet Gefallen daran, zu fühlen, zu lieben, fürsorglich zu sein - alles Dinge, die er auf seinem Heimatplaneten nicht brauchte und, mehr noch, völlig überflüssig fand. Für die Erfüllung seiner Mission ist das nicht sehr hilfreich, das fällt auch zunehmend den "Moderatoren" auf, die sein irdisches Treiben überwachen. Als Andrew Martin ihnen allzu menschlich wird, nicht zuletzt wegen der Wirkung der Gedichte von Emily Dickinson, Musik von Debussy, australischem Weißwein und Erdnussbutter, schicken sie einen Ersatzkiller.

Matt Haig nennt seinen Roman "Ich und die Menschen" eine "knapp 73.000 Wörter lange Botschaft an mein eigenes selbstmordgefährdetes 24-jähriges Ich. Eine Werbebroschüre für das Menschsein". Und wenn man für diese Mischung aus feiner englischer Ironie und großer Weisheit, verpackt in eine krude Außerirdischenstory, einen angemessenen Vorleser sucht, muss man wohl bei Christoph Maria Herbst landen.

Kopfkino in Alienfarben

Ganz ohne jede Stromberg-Attitüde liest Herbst trocken, aber keineswegs humorfrei. Zunächst gibt er dem außerirdischen Andrew Martin fast eine Computerstimme, die mit seiner Menschwerdung zunehmend modulierter wird. Herbst formuliert die Sätze in kluger Nachdenklichkeit nicht ohne einen existenzialistischen Unterton. Wie im Buch scheint es auch in seinem Sprechen immer um die schwierige Gleichung aus Mathematik und Liebe zu gehen. Sein Andrew ist in gewisser Weise allwissend, ohne etwas zu wissen und damit wieder ganz nah bei den Philosophen, die immer wieder zitiert werden.

Herbst hat einmal in einem Interview den Anspruch formuliert, mit der Hörbuchfassung eines Textes Kopfkino erzeugen zu wollen. Dem versuche er mit Sprache und Stimme gerecht zu werden und mit feinsten Mitteln eine ganze Welt zu erzählen. Das ist ihm bereits eindrucksvoll bei "Er ist wieder da" gelungen, als er Adolf Hitler seine Stimme leiht, der plötzlich in der Gegenwart Berlins aufwacht und sich nicht nur mit der schnoddrigen Direktheit ihrer Bewohner konfrontiert sieht, sondern auch mit der modernen Medienzeit.

Und auch in "Ich und die Menschen" spricht er den Hörer sanft an und heizt das Kopfkino des Zuhörers damit an: "Hallo Mensch." Schon im nächsten Moment folgt man ihm nach Cambridge und lässt sich fragen, ob dies eine Liebesgeschichte ist oder eine Aliengeschichte.

Die Antwort auf diese Frage lautet natürlich beides, wogegen jeder die Antwort auf folgende Frage selbst finden muss: "Ist dies eines der Hörbücher, das du hörst, um dich intelligent zu fühlen, oder eins von denen, die du heimlich hörst, damit keiner an deiner Intelligenz zweifelt?" Man könnte zunächst an Letzteres denken, doch in ihrem Verlauf entfaltet diese Geschichte nicht nur immer mehr Dramatik, sondern tatsächlich große Weisheit. Die 97 Ratschläge, die der außerirdische Andrew seinem "Nicht-wirklich-Sohn" Gulliver auf dem Laptop hinterlässt, sind jedenfalls großartige Botschaften an die Menschheit. Und niemand könnte sie besser interpretieren als Herbst.

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Quelle: n-tv.de