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Das Aussterben der Bienen hätte weitreichende Konsequenzen für die Menschen.
Das Aussterben der Bienen hätte weitreichende Konsequenzen für die Menschen.(Foto: REUTERS)
Sonntag, 27. August 2017

Poesie vom Ende der Menschheit: Wenn die Bienen sterben

Von Wilhelmine Bach

Es gibt Bücher, an denen kommt man einfach nicht vorbei. "Die Geschichte der Bienen" ist so eines. Klimawandeldystopie, Naturforscherbiografie und bewegender Roman in einem. Als Hörbuch entfaltet es seine ganze Schönheit - und ist umso eindringlicher.

"Wie verwachsene Vögel balancierten wir auf unseren Zweigen ..." Bibiana Beglaus Stimme klingt rau, manchmal fremdartig oder roboterhaft. Sie passt so gut zu der Frau, die da in der Zukunft im kommunistischen China lebt, dass Beglau, wenn sie nicht gerade erst den Hörbuchpreis gewonnen hätte, es mit dieser Produktion sicherlich tun würde.

Selten war es so sinnvoll, ein Buch in ein Hörbuch zu verwandeln, wie den mit Preisen überhäuften Debütroman "Die Geschichte der Bienen" von Maja Lunde. Durch drei Jahrhunderte, über drei Kontinente verbindet die norwegische Autorin die Schicksale von Menschen, die alle in der Geschichte vom Verschwinden der Bienen eine Rolle spielen.

"Die Geschichte der Bienen" ist im Hörverlag erschienen und kostet 19,99 Euro.
"Die Geschichte der Bienen" ist im Hörverlag erschienen und kostet 19,99 Euro.

Da ist William, der Ende des 19. Jahrhunderts mit seiner wachsenden Familie in England lebt. Der Saatguthändler und passionierte Naturforscher liegt, in eine tiefe Depression versunken, seit Monaten im Bett. Erst ein Buch über Bienen, deren Studium er einst aufgab, lockt ihn wieder langsam hervor. Über 100 Jahre später hadert der Imker George im Amerika der Gegenwart mit seinem Leben. Die traditionelle Imkerei ist zeitaufwändig. Sein einziger Sohn weigert sich, die Farm zu übernehmen und seine Frau liegt ihm mit einem Umzug nach Florida in den Ohren.

Dennoch erscheinen diese Sorgen im Vergleich zum Schicksal von Tao belanglos, die Ende des 21. Jahrhunderts in China als Bestäuberin arbeitet. Die langen, harten Arbeitstage, die kargen Mahlzeiten und das freudlose Leben im Superkommunismus laugen sie aus, während sie alles daran setzt, die Chancen ihres Sohnes auf ein besseres Leben zu erhöhen.

Großartige Sprache, brandaktuelles Thema

Beglau und ihre Kollegen Markus Fennert und Thomas M. Meinhardt leihen je einer der Personen ihre Stimmen, lassen sie einzigartig klingen und reißen den Hörer mit in die Welt ihrer Figuren. Denn so unterschiedlich sie auf den ersten Blick scheinen mögen, Tao, William und George verbindet mehr als nur die Bienen. Sie sind auch Eltern, die alle mit ihren Kinder kämpfen, an die sie Erwartungen haben, die diese nicht erfüllen können oder wollen. Sie alle sind starke, oft sture Charaktere, voller verzweifelter Wünsche und Schwächen. So ist die "Geschichte der Bienen" auf weiten Strecken auch die schmerzhaft zu lesende Chronik persönlichen Scheiterns.

Doch die Bienen, deren Geschichte vom Beginn der modernen Imkerei im 19. Jahrhundert bis zu ihrem Aussterben Lunde tatsächlich erzählt, sind kein Horror-Accessoire. Ihre Schönheit und ihre Gemeinsamkeit dienen als Bild für eine gesunde, eine heile Welt im Einklang von Mensch und Natur. Ein Bild, das die Autorin Stück für Stück dekonstruiert, in ruhigen wunderschönen Worten, ohne Gewalt und vor allem, ohne dass ihre Figuren verstehen, wie ihnen geschieht.

"Die Geschichte der Bienen" ist durchaus geeignet, einen in eine persönliche Krise zu stürzen. Denn die Autorin hat keinen Ökothriller geschrieben. Was Lundes Roman wirklich beängstigend macht, ist seine Aktualität. Das Bienensterben, auch als CCD für Colony Collaps Disorder bezeichnet, hat bereits eingesetzt. Lundes Buch ist keine Utopie, wir leben bereits mittendrin. Und auch Taos Welt am Ende des 21. Jahrhunderts mag eine düstere Prognose sein, aber dennoch eine ziemlich realistische.

Und genauso, wie Lunde ihren Figuren kein Happy End gönnt, liegt ihr auch nichts daran, den Leser zu beruhigen. Vielmehr stellt sie sich der Angst vor dem langsamen Untergang der Menschheit, studiert sie und malt sie in wunderschönen Bildern. Aber weil keiner der eigenen Endlichkeit wirklich gelassen ins Auge blicken kann, transportiert Beglaus Stimme im letzten Moment eine kleine Erlösung: "ein einziges gemeinschaftliches Gefühl – Hoffnung".

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Quelle: n-tv.de