Unterhaltung
Let me entertain you: Jared Leto und seine 30 Seconds to Mars.
Let me entertain you: Jared Leto und seine 30 Seconds to Mars.(Foto: imago/Gartner)
Sonntag, 03. September 2017

"Fick dich", Jared Leto: 30 Seconds to Mars? 75 Minutes in Berlin!

Von Volker Probst

Sie mögen es in 30 Sekunden zum Mars schaffen. Um eine Halle in Berlin zum Kochen zu bringen, nehmen sich Jared Leto und seine Mannen allerdings ganze 75 Minuten Zeit. Es ist ein Abend voller Liebkosungen - auch wenn es nicht immer so klingt.

So richtig weiß man nie, um was es sich bei Jared Leto eigentlich handelt - einen singenden Schauspieler oder einen schauspielernden Sänger. Eines steht jedenfalls fest: Er ist ein grandioser Alleinunterhalter. So wird der Auftritt von 30 Seconds to Mars am Samstagabend in Berlin nahezu zu einer One-Man-Show, bei der Letos Bandkollegen, darunter sein Bruder Shannon, allenfalls eine Statistenrolle zufällt. Es gibt jedoch noch einen zweiten Star in der Halle namens Postbahnhof, die lediglich ein paar Hundert Zuschauern Platz bietet - und das ist das Publikum.

Das mag daran liegen, dass bei diesem Konzert nur geladene Gäste und Hardcore-Fans mit von der Partie sind. Unternehmen von Schnapsbrennern über Tabakkonzerne bis Telekommunikationsanbietern balgen sich darum, im Musikbereich an die junge Zielgruppe heranzukommen. Und so hat die Telekom ihre "Street Gigs" längst zu einem etablierten und hochkarätigen Event ausgebaut, das nicht nur vor einem auserlesenen Live-Publikum, sondern mit hochmoderner 360-Grad-Technik auch im Netz stattfindet. Depeche Mode traten im Rahmen der Reihe bereits ebenso auf wie die Red Hot Chili Peppers, Ed Sheeran oder Deichkind. Und nun eben 30 Seconds to Mars.

Fulminantes Opening

Für Unternehmen und Künstler ist das natürlich eine Win-Win-Situation. Gleichwohl kann sich Jared Leto einen Seitenhieb auf die Kommerzialisierung seines Auftritts im magentafarbenen Scheinwerferlicht nicht verkneifen. Als er die Zuschauer auffordert, zum Schmachtfetzen "City of Angels" ihre Handys herauszuholen, scherzt er: "Ich hoffe, ihr seid alle bei der Telekom, sonst fliegen wir noch aus der Halle." Ob das wohl später im zusammengeschnittenen Stream auch noch zu sehen und zu hören sein wird?

Die Zuschauer hatte Jared Leto im Sack.
Die Zuschauer hatte Jared Leto im Sack.(Foto: Markus Nass / Telekom)

Ganz sicher wird man indes das fulminante Opening zu sehen und zu hören bekommen. Jared Leto, der mit Rauschebart, glitzernden Hippie-Klamotten und Kopftuch anmutet wie eine Mischung aus Taliban, Glamrocker und Witwe Bolte, fackelt nicht lang. Da wird das Publikum schon beim ersten Song "Up in the Air" animiert, in die Hocke zu gehen und wild drauf los zu springen. Und bereits beim dritten Titel "Conquistador" knallen die Konfetti-Kanonen.

"Fucking Karaoke-Bar"

Zu weiteren Hits der Band wie "Kings and Queens" oder "End of all Days" und ihrer neuen Single "Walk on Water" gesellt sich in der Mitte des Konzerts ein langer Akustikteil - oder wie Jared Leto es audrückt: eine Passage wie in einer "fucking Karaoke-Bar". Schließlich lässt er sich vom Publikum Titel wie "Alibi", "From Yesterday" oder "Night of the Hunter" zurufen, die er dann - anscheinend - spontan intoniert. Ob er sich aus dem Gewitter an Vorschlägen, das ihm aus dem Publikum entgegen prasselt, nicht doch einfach nur die ausgesucht hat, die er ohnehin eingeplant hatte, wird wohl für immer Jared Letos Geheimnis bleiben.

Letztlich spielt das aber auch keine Rolle. Die Zuschauer - vom kreischenden Teenager-Mädchen bis zum bierbäuchigen Rocker - hat der 45-Jährige so oder so im Sack. Auch weil er ihnen mit Liebesbekundungen für Deutschland und Berlin immer wieder Honig ums Maul zu streichen weiß. Das geht sogar so weit, dass er beim Song "Do or Die" mit Deutschlandfahne in der Hand über die Bühne tänzelt. Was heißt "Fuck You" auf Deutsch, will Jared Leto vom Publikum wissen und fragt - natürlich - noch ein paar mal nach. "Fick dich" hallt es ihm jedes Mal in Turbinenlautstärke entgegen. Selten zuvor kamen diese beiden Worte einer derartigen Sympathiebekundung gleich.

Ob man den stets von viel Pathos, Mitgröhl-Attitüde und "Oh Oh"-Parts dominierten Songs von 30 Seconds to Mars nun einen Innovationspreis verleihen möchte, möge jeder selbst entscheiden. Allein die Show, die mit zahlreichen Zuschauern auf der Bühne, dem Gassenhauer "Closer to the Edge" und einem monströsen Konfetti-Regen noch fulminanter endet als sie begonnen hat, macht vieles wett. Entertainment kann er, der Jared Leto, egal ob er nun ein schauspielernder Sänger oder doch eher ein singender Schauspieler ist.

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Quelle: n-tv.de

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