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Die Plattenfirma Universal hat eine Jubiläumsbox der Beatles herausgebracht.
Die Plattenfirma Universal hat eine Jubiläumsbox der Beatles herausgebracht.

50 Jahre "Sgt. Pepper": Als die Beatles das Album erfanden

Von Volker Petersen

Eine Explosion erschüttert 1967 die Musikwelt: Die Beatles melden sich mit "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" zurück. Das ist anders als alles zuvor Dagewesene. Eine neue Jubiläumsbox setzt dem Album nun ein Denkmal.

Wenn man sich 50 Jahre nach ihrer Veröffentlichung dieser Platte nähert, muss man erst mal den Kopf in den Nacken legen. So hoch ist das Podest, das Musikkritiker für "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band" von den Beatles errichtet haben. So hoch, dass man sich schon anstrengen muss, noch etwas von der Musik auf der Platte zu hören.

Auf der Plakette des Podestes lesen wir, wie großartig das Album ist: Es war die Platte, mit der die Band aller Bands neu definierte, was ein Album ist. Es ist praktisch die Geburtsstunde des Albums. Vorher waren Platten nur ein Behälter für möglichst viele Singles gewesen, in denen es vornehmlich um Dinge wie Tanzen, schöne Mädchen und Lederjacken ging. Danach? War bewiesen, dass Popmusik große Kunst sein kann. Dass man über alles Mögliche einen Song schreiben kann. Und das ist nun genau 50 Jahre her.

Die Plattenfirma Universal hat daher nun eine Jubiläumssuperdupermegabox herausgebracht, mit der man sich tagelang beschäftigen kann. Darin: vier CDs, eine Blue-Ray, eine DVD, ein Poster und als Prunkstück ein großes Buch mit allem, was man zu Sgt. Pepper noch nicht wusste. Behind-The-Scenes-Kram, Widmungen von Paul McCartney und Produzent George Martin. Vorne drauf prangt das ebenso legendäre Cover als Hologramm. Fans lieben so etwas, es fühlt sich würdevoll an, durch das Buch zu blättern und ehrfürchtig das Poster auseinanderzufalten.

CDs geben Einblicke in Aufnahmeprozess

Prunkstücke sind aber die vier CDs, die zeigen, wie das Album entstand. Unter anderem sind darauf auch frühe Version von "Strawberry fields" und "Penny Lane" zu hören, die noch gar nicht auf diesem Album zu finden waren. Auf manchen Aufnahmen hört man sogar die Band darüber reden. Man kann sich vorstellen, wie Produzent George Martin an den Reglern dreht, John noch einmal ein Take singt und die Band danach diskutiert.

1967 war ein starkes Musikjahr.
1967 war ein starkes Musikjahr.(Foto: AP)

Zusätzlich gibt es eine Blue-Ray und eine DVD mit identischem Inhalt: Ein "Making Of" von 1992, Musikvideos und als Audio-Inhalte nochmal das Album. Dafür zahlt man einen Eintrittspreis von rund 100 Euro für diese Box. Dafür steckt alles in diesem Kasten, was man sich wünschen kann, sogar Sgt.-Pepper-Schnurrbärte zum Ausschneiden. Auf eine Vinyl-Platte muss man allerdings verzichten.

Als die Platte mit dem seltsamen Cover am 1. Juni 1967 in die Läden kam, waren die Fans der Band – und das waren sehr viele – froh, dass die Beatles überhaupt neue Songs eingespielt hatten. Die drei Jahre davor müssen wie ein Rausch für all die Teenager und Anfang-20-Jährigen gewesen sein, die sich damals die Platten kauften oder auf Tonband überspielten. Zwischen 1963 und 1966 hatten John, Paul, George und Ringo sagenhafte sieben Alben aus dem Ärmel geschüttelt, gemeinsam mit den Rolling Stones, James Bond und Monty Python weltweit eine Großbritannien-Euphorie ausgelöst, lange Haare salonfähig gemacht und Hit an Hit produziert. Und die waren um so vieles aufregender als alle Peter-Frankenfeld-Sketche und Skatspiele mit Onkel Heinz zusammen.

Mit "Love Me Do" fing es an, "Help", "A Hard Days Night" und so viele andere folgten. Über allem lag das "Yeah Yeah Yeah!", der Schlachtruf der Jugendlichen, die sich noch nicht so sehr für Politik interessierten. 1966 kam dann der Schock, die Ernüchterung, der Kater: Die Beatles kündigten an, keine Konzerte mehr spielen zu wollen. Der Boden wankte, hieß das etwa ...? Nein, die Band löste sich nicht auf. Noch nicht. Ein knallgelbes Poster kündete in der graumelierten Welt von 1967 schließlich von Erlösung. Darauf waren die Beatles mit noch längeren Haaren, seltsamen bunten Anzügen und John Lennon mit Brille zu sehen. Ein neues Album stand in den Regalen. Titel: "Sgt. Pepper's Lonely Hearts Club Band".

Ernst und lustig, rätselhaft und fast spießig

Man kann sich vorstellen, wie Teenager dachten: "Was zur Hölle ist das denn?" und die Platte dennoch kauften. Dann die schwarze heilige Scheibe auf den Plattenteller legten und sich die Nadel auf das Vinyl herabsenkte. Knistern, andächtiges Schweigen. Und dann dringt plötzlich Gemurmel aus den Lautsprechern, wie in der Oper und die Gitarre des Titelsongs schneidet durch den Rhythmus. It was twenty years ago today ...

Man könnte nun Abhandlungen darüber schreiben, wie grandios dieses Lied ist. Allein das Spiel mit den Ebenen: Die berühmteste, beliebteste und begabteste Band der Welt präsentiert sich als Wachtmeister Pfeffers einsame Herzklub-Band, die live vor Publikum spielt und dieses mit einem albernen Bläsersatz zum Lachen bringt. Kündigt dann den einzigartigen Billy Shears an und hilft Ringo Starr durch "With a little help from my friends".

In den folgenden gut 30 Minuten lernen wir einen Typen kennen, der seine Freundin schlug, aber sich gebessert hat ("It's getting better"), nehmen an den Drogenerfahrungen einer gewissen Lucy teil ("Lucy in the sky with diamonds") und begleiten ein Mädchen, das von zu Hause abhaut ("She's leaving home"). Wir schmunzeln über die Kirmes-Nostalgie in "Mr. Kite" und wachen nach der waberigen und rätselhaften Hippie-Hymne "Within you without you" beim leicht spießigen "When I'm sixty-four" wieder auf. Um dann nach der Affäre mit "Lovely Rita" und dem Rückenwind des gut rockenden "Good Morning" beim großen Finale anzukommen: "A Day in the Life". I read the news today, oh boy ...

Inspiration für fast alle

Was für ein Meisterwerk. Wie selbstverständlich hier eine Band ein Orchester einbaut und es kein bisschen klassisch klingt, wie selbstverständlich die verschiedenen Teile ineinander übergehen und am Ende die Streicher immer schriller, immer wilder und immer höher hinaus und alles schließlich in diesem einen erschöpften Schlussakkord zusammenbricht. Hier bitte, so macht man das. Noch Fragen? Aber die Band hat auch an alle Ergriffenen gedacht. Ein paar Sekunden später folgt noch so ein seltsames Stimmengewirr, das alle offenen Münder verstummen lässt und die Platte mit einem Lacher beendet. Chapeau.

Danach ist so viel passiert. Viele Bands nahmen die Herausforderung an. Großartige Alben erschienen. Von Freddie Mercury bis Kurt Cobain blickten alle auf diese Platte, diese Band und machten sich daran, in ihrem eigenen Stil etwas Großartiges aufzunehmen. Etwas das so gut ist wie "Sgt. Pepper". Manchen gelang das auch. Und da die Chartmusik ihren Charakter nie geändert hat und immer noch vornehmlich vom Tanzen, schönen Mädchen und Aufbegehren handelt, bleibt das gelungene Experiment "Sgt. Pepper" auch aktuell. Das Schönste daran ist, dass das Album dieses Podest, auf dem es seit Jahrzehnten steht, gar nicht nötig hätte. Man kann es auch 50 Jahre danach auflegen und genießen.

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Quelle: n-tv.de

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