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Licht, Nebel und Musik: Beim Konzert im Berliner Funkhaus konzentrieren sich Alt-J auf die Musik.
Licht, Nebel und Musik: Beim Konzert im Berliner Funkhaus konzentrieren sich Alt-J auf die Musik.(Foto: jwa)
Samstag, 17. Juni 2017

"Eine Band, aber keine Musiker": Alt-J, die hochgelobten Tiefstapler

Von Johannes Wallat

Alt-J sind Englands Indie-Wunderknaben. Ihr Album "Relaxer" ist gerade erschienen, im Berliner Funkhaus gaben sie ein exklusives Konzert. Mit n-tv.de sprechen sie über Ängste, Humor, Perfektionismus - und Matt Damon.

Wer ein Alt-J-Konzert besucht, kann leicht enttäuscht werden. Große Unterhalter sind die drei Freunde aus Leeds nicht, zwischen den Songs wird kaum geredet. Ausgedehnte Soli, trickreich veränderte Arrangements oder komplett auf links gedrehte Live-Versionen ihrer Stücke darf keiner erwarten. Trotzdem pilgern die Fans zu ihren Konzerten, bejubeln jeden Song frenetisch und feiern das Trio am Ende mit stehenden Ovationen. So auch beim Konzert im Berliner Funkhaus, der einzigen Deutschland-Show abseits des Doppel-Festivals Hurricane/Southside. Wie kommt das?

Eine mögliche und naheliegende Antwort: Die Musik ist einfach gut. Soeben ist das dritte Alt-J-Album erschienen, "Relaxer" heißt es und zeigt die Band gewohnt verspielt, tiefgründig und hintersinnig. Manche Kritiker möchten einen neuen musikalischen Weg erkennen, eine Abkehr von der bewährten Alt-J-Formel, die die Band mit den ersten beiden Alben durchexerziert hat und deren Youtube-Parodie zum viralen Hit wurde.

Neue Farben, gleicher Duktus

Im intimen Rahmen des Berliner Funkhauses gaben Alt-J ein exklusives Konzert.
Im intimen Rahmen des Berliner Funkhauses gaben Alt-J ein exklusives Konzert.(Foto: jwa)

Doch mit Ausnahme des ungestümen Sechzigerjahre-Garagenrockers "Hit Me Like That Snare", der an den dreckigen Sound der Stooges erinnert, bewegen sich die acht Nummern des Albums weitgehend auf kompositorisch vertrautem Terrain, auch wenn ein paar neue Elemente hinzu gekommen sind. Die Farbpalette wurde erweitert, doch der Duktus ist gleich geblieben.

Die Feinheiten des Albums entdeckt man am besten über Kopfhörer, empfiehlt Keyboarder und Sänger Gus Unger-Hamilton. Und man sollte auf die Texte achten, denn die sind wichtig - auch wenn man sie oft kaum versteht. Ist das für Sänger und Gitarrist Joe Newman ein Problem? "Ich weiß, dass ich manchmal schwer zu verstehen bin, aber man findet die Texte online. Es freut mich, dass viele das wertschätzen, denn ich arbeite sehr hart an ihnen."

Wer gut zuhört und aufmerksam mitliest, kann in den Stücken viel entdecken. Von der todtraurigen Chronik einer Depression bis hin zum Suizid ("Last Year") über Eskapaden in einem Sado-Maso-Sex-Hotel samt unglücklich ausgewähltem Safeword ("Hit Me Like That Snare"), der sehnsüchtigen Liebe eines Beutelteufels ("Adeline") bis hin zu "3WW", in dem ein unerfahrener Jüngling ein Sex-Abenteuer erlebt und sich naiv verliebt.

Texte zum Entdecken

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Oft bringen die Texte den Hörer dabei zum Schmunzeln, genau wie die plötzlichen Wendungen, Perspektivwechsel und kreativen Wortneuschöpfungen. Der etwas nerdige, anspielungsreiche Humor wohnte der Musik von Alt-J schon immer inne. "Wir mögen es, mit den Rollen zu spielen", erklärt Gus. "Wer ist der Erzähler in den Songs? Es soll nicht witzig sein, aber es steckt definitiv Humor drin." Joe ergänzt: "Es ist spielerisch. Wir nehmen das Songwriting ernst, aber wenn es manche zum Schmunzeln bringt, umso besser. Wenn du ein humorvoller Mensch bist, zeigt sich das auch im kreativen Prozess. Wir sind drei Freunde und bringen uns gegenseitig zum Lachen. Das kommt auch in unserer Musik durch."

Ein gutes Beispiel dafür ist "Deadcrush", in dem Joe und Gus über zwei Frauen singen, die sie toll finden (ein "crush" ist im Englischen ein Schwarm), die aber leider bereits tot sind. Das Wort Deadcrush gibt es nicht, die Band hat es sich ausgedacht. Haben die Musiker auch "Alive-Crushes", also Schwärme, die noch leben?

"Ich fand Matt Damon eine Zeitlang ganz toll", gibt Joe lächelnd zu. "Ein cleverer Typ, politisch sehr aktiv, einfach smart. Und er wirkt sehr zufrieden mit seinem Leben. Ich glaube, er hat eine Kellnerin geheiratet. Und er hat drei Mädchen! Einer meiner Lieblingsfilme ist 'Good Will Hunting', den hat er geschrieben." Und Gus gesteht: "Es gibt eine Radio-DJane, Alice Levine. Wir gingen zusammen zur Uni, ich fand sie echt toll. Wenn wir sie jetzt in London sehen, tun wir so, als wäre ich immer noch total verknallt. Joe muss mich dann zurückhalten, damit ich nicht zu ihr renne und ihr meine Liebe gestehe." Beide lachen. "Ein lustiges Spielchen, von dem sie natürlich keine Ahnung hat."

Ganz normale Jungs

Joe Newman ist ein bescheidener Frontmann.
Joe Newman ist ein bescheidener Frontmann.(Foto: jwa)

In solchen Momenten merkt man, dass Alt-J nicht nur eine sehr erfolgreiche Band sind, sondern vor allem eine Gruppe von drei Freunden, die herumalbern und zusammen Musik machen. Ganz normale Jungs eben. Da ist es dann auch kaum noch überraschend, wenn Joe gesteht: "Oft denke ich: Ich bin gar kein Musiker. Ich kann nur singen und ein Instrument spielen. Ich verstehe mich gut mit zwei meiner Freunde, wir können gut zusammen spielen und schreiben Songs, die die Leute glücklicherweise mögen. Also spielen wir die auch live. Aber ich wäre niemals in der Lage, etwas spontan zu machen."

Das ist also ein Grund dafür, warum die Band bei Live-Konzerten ihre Songs so spielt wie auf dem Album. Gus fällt ein: "Letztens fiel während einer Show für fünf Minuten ein Keyboard aus. Wir waren echt aufgeschmissen! Irgendwie ging es dann, aber wir fühlen uns unsicher, wenn wir improvisieren müssen. Es ist vielleicht so, wie wenn man von einem Shakespeare-Schauspieler eine Stand-Up-Nummer erwartet. Das ist nicht unser Ding." Und Joe fügt an: "Alles ist gut, bis etwas schief geht. Und dann wird dir klar: Wir sind eine Band, aber keine Musiker. Dann fühlen wir uns wie drei Freunde auf der Bühne, die vor Schreck erstarren."

Boyband wider Willen

Das klingt bescheiden, beim Konzert merkt man aber, dass etwas dran ist: Alle drei sind voll konzentriert, scherzen nicht, sprechen das Publikum kaum an. Der anspruchsvolle Satzgesang gelingt nicht immer, Joe liegt bei ein paar hohen Tönen knapp daneben. Zweimal hebt Gus die Hände und gibt das Zeichen zum Mitklatschen - der ganze Saal stimmt sofort ein, die Band wirkt gleich gelöster. Grund zur Sorge gibt es keinen: Das Publikum liegt ihnen zu Füßen, die Hits werden laut bejubelt, in den ersten Reihen sind vor allem Mädchen und junge Frauen, die regelrecht kreischen, als das Trio erscheint.

Alt-J, die Indie-Boyband wider Willen? Vielleicht, denn bei allem Hype geht es ihnen vor allem um die Musik. Und die ist immer noch unverwechselbar, einzigartig und komplex und bezieht ihre Inspiration aus allen Richtungen. Auf Platte kommt dabei nur, was wirklich sitzt: "Wir arbeiten sehr hart, bis alles perfekt passt", erklärt Joe. "Wir akzeptieren nichts, was nicht gut genug ist. Man könnte uns Kontroll-Freaks nennen. Aber im Grunde arbeiten wir einfach gewissenhaft, um Mittelmaß zu vermeiden." Das ist ihnen auch auf "Relaxer" gelungen.

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Quelle: n-tv.de

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