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Markenzeichen hochgezogene Oberlippe: Billy Idol auf der Open Air Bühne im Hamburger Stadtpark im Juni 2014.
Markenzeichen hochgezogene Oberlippe: Billy Idol auf der Open Air Bühne im Hamburger Stadtpark im Juni 2014.(Foto: dpa)
Donnerstag, 16. Oktober 2014

Die Oberlippe zuckt wieder: Billy Idol: Wir haben alles mitgenommen

Sein Schillern im Epizentrum von Sex, Drugs and Rock’n’Roll verarbeitet William Broad alias Billy Idol doppelt - auf einem neuen Album und in seiner Autobiografie. Bereut er die wilden Zeiten? Gibt er den Geläuterten? Die erfrischende Antwort: ganz und gar nicht.

Um über "Kings & Queens of the Underground", sein erstes Studioalbum seit fast zehn Jahren, zu sprechen, hat sich Billy Idol den perfekten Tag und den perfekten Ort ausgesucht. Während der Engländer, der mit wasserstoffblondiertem Haar und poppigen Rocksongs wie "Rebell Yell" oder "Eyes without a Face" die 80er-Jahre prägte, in der Bar seines Nobelhotels am Potsdamer Platz sitzt und sehr frei von der Leber erzählt, feiert rund fünf Fußminuten entfernt das DFB-Team den Titelgewinn.

Billy Idol: Wir sollten dort hin, meinst du nicht auch? Zu den anderen. Und feiern.

n-tv.de: Ja, absolut deiner Meinung. Aber sie lassen uns nicht mehr rein. Alles total dicht.

Okay, dann kann man nichts machen. Wahnsinn war das, die ganze Weltmeisterschaft und dann dieses Finale. Noch in 30 Jahren wird sich jeder daran erinnern können, wo er an diesem Abend war. Ich war schon hier in Berlin und habe das Spiel draußen in einer Kneipe geguckt. Alle sind durchgedreht, ich auch.

Für dein Alter siehst du sehr drahtig aus. Wie hältst du es selbst mit dem Sport?

Das lasse ich sein. Ich habe mich früh im Leben gegen sportliche Betätigungen entschieden, um Rock’n’Roll zu machen. Ich renne auf der Bühne genug herum, mehr muss ich nicht machen.

Triffst du eigentlich häufig Menschen, die dich um dein Leben beneiden?

Hin und wieder. So eine Musikkarriere ist ja auch kein Zuckerschlecken. Auch wenn man lange dabei ist, bekommt man keine garantierte Pension. Viele müssen bis ins hohe Alter arbeiten, weil ihnen nichts anderes übrigbleibt. Solche Leute wie mich oder meine Altersgenossen gibt es ja auch erst seit relativ kurzer Zeit. Rock’n’Roller bissen üblicherweise früh ins Gras. Aber weißt du, wer wirklich ein bisschen neidisch ist?

Wer?

Mein Sohn Willem. Er ist 1988 geboren und meinte neulich erst, "Vater, was wäre ich zu deiner Zeit gerne ein Teenager gewesen."

Was hast du ihm entgegnet?

Ich sagte, "Junge, damals meinten wir, das Leben sei scheiße und die Zukunft existiert nicht." Wir kamen aus den Sechzigern und fanden bereits die Achtziger langweiligen Mist. Man darf nicht vergessen: Wir waren die "No Future"-Generation. Die Siebziger waren geprägt von einer massiven wirtschaftlichen Depression, die Leute waren überzeugt, dass die Welt sowieso untergeht. Also lebten wir extrem im Hier und Jetzt und nahmen alles mit. Wir haben es anständig krachen lassen. Ich bin froh, dass ich noch vor dem Computer-Zeitalter aufwuchs. Wir glaubten zwar nicht an die Zukunft, aber wir mussten noch persönlich dabei sein, um die Gegenwart zu erleben. Das haben wir intensiv getan. Auch waren wir unbeobachtet, waren nicht so eng bewacht von den Medien. Wenn ich heute besoffen in meiner Kotze im "Roxy" in L.A. liegen würde so wie damals, dann wäre dieses Foto nach zehn Minuten überall im Netz. Scheiße ist das.

Von dieser romantischen Verklärung der Vergangenheit lebt dein neues Album. Der Titelsong beispielsweise blickt zurück bis ins London der mittleren Siebziger Jahre.

Die 1970er-Jahre waren für Billy Idol "eine herrliche Zeit".
Die 1970er-Jahre waren für Billy Idol "eine herrliche Zeit".(Foto: REUTERS)

Ja. Eine herrliche Zeit. Wir waren Punks und wir waren eine kleine, verschworene Einheit von vielleicht 200 Leuten. Dass der Punk nur etwa ein Jahr später so im Mainstream ankommen würde, das ahnten wir damals, 1976, nicht. In den USA gab es schon die Ramones oder die Talking Heads, in Großbritannien gab es außer uns niemanden. Doch plötzlich wollte ganz England entweder Punkrocker sein oder Punkrocker erschießen – so zu polarisieren, das fand ich total geil.

Sind deine Songtexte deshalb so nostalgisch, weil das damals die beste Zeit deines Lebens war?

Es war sicher die intensivste Zeit meines Lebens, so zwischen Mitte der Siebziger und Anfang der Neunziger Jahre. Ich wurde plötzlich in diesen Megastar-Orbit geschossen worden, MTV liebte mich, ich hatte Ruhm, Aufmerksamkeit und ohne Ende Weiber. Ein Traum. Zugleich ahnten wir, dass wir früh sterben würden, irgendwie kam es uns allen vor, als würde ein Haltbarkeitsdatum in diesem Leben stecken. Wir sprechen hier von der Zeit vor Aids. Alles war verfügbar.

In deiner neuen Biografie "Dancing With Myself", die nach einem deiner größten Hits benannt ist, sprichst du sehr offen über deinen Drogenkonsum. Fehlt dir der Exzess?

Idol: Ich muss heute vorsichtiger sein, sonst würde ich sterben. In den alten Zeiten habe ich alles konsumiert wie ein verrückter Wahnsinniger. Ich meine, klar, das hört sich jetzt blöd an: ich war ein reueloser und begeisterter Konsument von Drogen. Das hat mir verdammt viel Spaß gemacht.

Apropos "Dancing With Myself". Gibt es aktuell eine Mrs. Idol?

Ja. Ich habe eine Freundin, in die ich sehr verliebt bin. Ich bin sehr glücklich, aber bevor ich sie kennenlernte, habe ich sehr lange allein tanzen müssen.

Im Buch ist die Rede davon, dass du auch während der Studioarbeit permanent dicht warst.

Idol: Natürlich. Wir waren der Ansicht, dass die Ideen geiler sind und wir bessere Antworten auf komplizierte Fragen des Songschreibens erhalten, wenn wir Drogen einwerfen. Drogen sind sicher nicht der einzige Weg, die Kreativität zu verbessern, aber sie waren unser Weg. Und es hat meistens funktioniert. Aber es waren nicht nur dir Drogen, die uns geholfen haben.

Was denn noch?

Mäuschen. Man säuft ein paar Tage durch, schmeißt was ein und bestellt sich Weiber ins Studio, wenn einem trotzdem langweilig wird. Am Ende eines solchen dreitägigen Selbstfindungstrips schaust du mal, was in kreativer Hinsicht dabei herausgekommen ist.

Ich möchte bezweifeln, dass euch bei solchen Aktivitäten noch Songs eingefallen sind.

Doch, das kam vor. Aber gut, manchmal waren es auch einfach bloß geile Orgien. Ich will nicht leugnen, dass die Sache mit der Kreativität auch eine Ausrede sein konnte. Man wirft sich exzessiv hinein in diese Vergnügungen, man genießt und man bezahlt einen gewissen Preis.

Nicht nur die Lippe, auch das Shirt wird gern mal hochgezogen: Billy Idol und sein Sixpack 2005.
Nicht nur die Lippe, auch das Shirt wird gern mal hochgezogen: Billy Idol und sein Sixpack 2005.(Foto: REUTERS)

Abhängigkeit und Geschlechtskrankheiten wären solche Preise.

Als ich jung war, gab es die freie Liebe, und viele der Krankheiten, die einen später plagten, waren noch nicht ausgebrochen oder entdeckt. Aids insbesondere, das wurde erst Mitte, Ende der Achtziger zum Problem. Aber die alten nervigen Krankheiten aus den Siebzigern waren eingedämmt: Es gab eine Behandlung für Syphilis, Gonorrhoe war so gut wie besiegt, richtig blöd war nur Herpes und das war ja nicht so schlimm.

"Postcards from the Past" jedoch hat einen deutlich nachdenklicheren Text und macht den Eindruck, als seiest du insgeheim doch froh, die wilden Zeiten hinter dir zu haben.

Das bin ich auch. Ich habe überlebt, was keineswegs selbstverständlich war. Das Schlüsselerlebnis war mein schwerer Motorradunfall 1990, bei dem ich mir alle möglichen Knochen brach. Das war ein Weckruf. Meine Kinder waren noch klein, ich wollte für sie da sein. Sie hätten keinen zugedröhnten Vater gewollt, also habe ich mir die Drogen nach und nach abgewöhnt.

Bist du clean?

Das ist Definitionssache. Ich habe lange gebraucht, um mich unter Kontrolle zu bekommen. Ich vermeide harte Drogen. Aber ich bin nicht trocken. Ich trinke sehr gern Weißwein, am liebsten französischen, und ich kiffe auch ein bisschen.

Trevor Horn hat dein neues Album produziert. Noch so eine Legende also. Woher kennt ihr euch?

Wir sind seit 25 Jahren befreundet. Trevor wollte damals, dass ich den Titelsong des Tom-Cruise-Films "Days of Thunder" singe, den er produziert hatte. Am Ende kam das nicht zustande und David Coverdale übernahm meinen Job, aber Trevor und ich blieben immer in Kontakt.

Richtigen Punkrock gibt es auf "Kings & Queens" kaum. Nur "Bitter Pill" und "Whiskey and Pills" sind wirklich hart. "One Breath Away" oder "Save me now" würden auch zu den alten Trevor-Horn-Schützlingen Frankie Goes To Hollywood oder zu Depeche Mode passen.

Ich habe doch immer schon Pop gemacht. Trevor und ich wollten den klassischen Billy-Idol-Sound, aber wir wollten ihn auch dezent renovieren, damit er ins Jahr 2014 passt. Die Melodien sind wie früher, aber die Produktion sollte schon aktuell klingen. Ich bin da ganz offen. Ich habe schon immer Rock mit programmierten Beats, zu denen du tanzen kannst, verbunden. Denk' doch nur an mein Album "Cyberpunk" aus den frühen Neunzigern.

Besonders erfolgreich war das ja nicht.

Egal. Das war eine andere Zeit. Grunge war das große Ding. Die Moden ändern sich eben: Mein Sohn spielt in einer Band, die machen EDM.

Also "Electronic Dance Music". Du sprichst das aus, als wäre es ebenfalls eine Geschlechtskrankheit.

(Lacht): Ach ja, ist schon okay, was die jungen Leute so hören. Meine Tochter übrigens hat mit Musik überhaupt nichts zu tun, die geht brav aufs College.

Bei aller Nostalgie: Was gefällt dir am Jahr 2014?

Der Fakt, dass wir Musiker einfach immer weiterspielen dürfen. In den Siebziger Jahren hätten wir doch nie geglaubt, dass wir mit fast 60 noch auf der Bühne stehen und immer noch 10.000 alte und junge Leute einen Abend für Abend sehen wollen. Ich habe überlebt. Mein Vorteil ist auch, dass ich kaum altere.

Ist mir auch aufgefallen. Woran liegt das?

Idol: Die Haare färbe ich mir seit über 30 Jahren blond, deshalb kann ich nicht grau werden. Ich habe auch das Glück, dass meine Eltern immer recht gutaussehend waren und mir dieses Geschenk mitgegeben habe. Die Falten werden nur so langsam zu Furchen. Gut, dass es außer mir niemand zu bemerken scheint.

Mit Billy Idol sprach Steffen Rüth

Das Album "Kings & Queens of the Underground" von Billy Idol erscheint am 17. Oktober 2014 - bei Amazon bestellen

Quelle: n-tv.de

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