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Achtung, es brennt - Szene aus "Rammstein: Paris".
Achtung, es brennt - Szene aus "Rammstein: Paris".(Foto: dpa)

Pussy, Porno, Paris - Rammstein: Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr

Von Volker Probst

Einst galten Rammstein als umstrittenes Teutonen-Gewitter. Heutzutage stellen sie ihren Konzertfilm "Rammstein: Paris" in der Berliner Volksbühne vor. Und dazwischen huscht It-Girl Sophia Thomalla durchs Publikum. Absurd, oder?

Die Wege des Herrn sind bekanntlich unergründlich. Und so ist wirklich erstaunlich, welche Pfade die heutigen deutschen Rock-Ikonen genommen haben. Bands wie Die Toten Hosen oder Die Ärzte, früher Punk-Rebellen wider den Mainstream und mit Indizierungen überzogen, sind heute so etwas wie nationales Kulturgut. Ex-Drogenpäpste und Radaubrüder wie die Einstürzenden Neubauten sind Lieblinge des Goethe-Instituts und eröffnen wie selbstverständlich das Pop-Programm in der Hamburger Elbphilharmonie. Ehemalige Skinheads wie die Böhsen Onkelz begeistern trotz oder gerade wegen ihrer zwielichtigen Vergangenheit die Massen.

Und Rammstein? Um deren Wahrnehmungswandel zu beschreiben, reichen einmal 360 Grad schon gar nicht mehr aus. Das umstrittene musikalische Stahlgewitter von einst führt seinen "Blitzkrieg mit dem Fleischgewehr" (Zitat aus dem Song "Pussy") heutzutage sogar irgendwo in den Grenzbereichen zwischen Boulevard und Hochkultur.

Zwischen Nazi-Vorwürfen und Comedy

Jüngere Generationen mögen das nicht mitbekommen haben. Und aus heutiger Sicht mag die damalige Debatte auch ziemlich gestrig und verkrustet anmuten. Doch auch Rammstein mussten sich zu Beginn ihrer Karriere Nazi-Vorwürfen stellen. Und das nicht nur wegen ihres martialischen Auftretens oder dem Adolf-Hitler-Duktus in der Stimme von Sänger Till Lindemann. Die Band spielte auch bewusst mit der Provokation, etwa als sie im Video zur Coverversion des Depeche-Mode-Songs "Stripped" Bilder der NS-Regisseurin Leni Riefenstahl verwendete. Auf die Kritik daran reagierte die Band trotzig. "Sie wollen mein Herz am rechten Fleck, doch seh' ich dann nach unten weg, dann schlägt es links", intonierte sie im Lied "Links 2 3 4" - und bebilderte das im zugehörigen Clip mit einem Ameisenstaat, der unter der Führung seiner Königin in Reih und Glied aufmarschiert.

Zu Gast in der Volksbühne: die Band und Regisseur Jonas Åkerlund bei der Premiere.
Zu Gast in der Volksbühne: die Band und Regisseur Jonas Åkerlund bei der Premiere.(Foto: imago/Future Image)

Das ist lange her, über 15 Jahre, um genau zu sein - die Diskussion muss an dieser Stelle nicht noch einmal aufgemacht werden. Die Geschichte hat die Debatte längst überrollt. Und das nicht nur wegen des unglaublichen Erfolgs der Gruppe - in Deutschland (acht Nummer-1-Alben in Folge!), aber auch im Ausland und sogar den USA. Rechtsextreme Ambitionen wird der Band heute kaum noch jemand ernsthaft unterstellen, wenngleich sie natürlich nach wie vor den Agent Provocateur gibt, gerne mit der Porno-Peitsche im Text-Gepäck. Dabei mutet das überzeichnete Teutonen- und Sado-Maso-Spektakel, das Rammstein auf der Bühne vollführen, mittlerweile allerdings schon nahezu wie eine Comedy-Show an, wenngleich der reichlich derben Sorte.

Die Gewalt der Inszenierung

Wer in den vergangenen Jahren ein Ticket für ein Rammstein-Konzert ergattern konnte, was gar nicht so einfach ist, hat sich davon live schon mal ein Bild machen können. Noch näher dran kommt man nun jedoch mit dem Konzertfilm "Rammstein: Paris", der am 23., 24. und 29. März in exklusiven Vorführungen im Kino zu sehen sein wird. Gedreht wurde der Film vom schwedischen Musikvideo-Spezialisten Jonas Åkerlund, der auch schon Künstler wie The Prodigy, Madonna oder Metallica in ihren Clips in Szene setzte. Entstanden sind die Aufnahmen bereits im März 2012 bei zwei Konzerten von Rammsteins "Made in Germany"-Tour in der Pariser Arena Palais Omnisports vor jeweils 17.000 Zuschauern.

Regisseur Åkerlund ist Spezialist für Musikvideo-Produktionen - und setzt die Band in "Rammstein: Paris" gekonnt in Szene.
Regisseur Åkerlund ist Spezialist für Musikvideo-Produktionen - und setzt die Band in "Rammstein: Paris" gekonnt in Szene.(Foto: dpa)

Das Besondere an Rammstein ist an sich nicht der theatralische Mummenschanz unter Einsatz von viel Farbe, Kunstblut oder Pyrotechnik in ihrer Show - wenn Lindemann etwa das Messer wetzt, während er Keyboarder Flake in einem Kochtopf "röstet", wenn er auf einer Schaumkanone reitend das Publikum nass macht oder mit einem Gummipenis onaniert, bis das Pseudo-Sperma in hohem Bogen herausspritzt. Spielereien dieser Art brachten im deutlich kleineren Maßstab auch schon Rocker Alice Cooper, die Gothic-Combo Alien Sex Fiend oder die Metal-Anarchisten Gwar lange vor den Berlinern auf die Bühne. Das Besondere an Rammstein ist vielmehr die Brachialgewalt und Dimension, mit der sie die Inszenierung in ganze Arenen zimmern.

Neue Deutsche Härte

Das ist adäquat zur Musik der Gruppe. "Neue Deutsche Härte" lautete das Label, das man Rammstein in den 90er-Jahren verlieh. Doch nicht nur ihnen: Bands wie Oomph!, Schweisser oder die Elektro-Veteranen Die Krupps schlugen zu der Zeit in eine ähnliche musikalische Kerbe. Aber zu einer vergleichbaren Perfektion wie Rammstein brachte es in diesem Segment keiner. Das ist etwas, das Lindemann und seinen Mitstreitern niemand absprechen kann. Sie setzten mit ihrem Sound Maßstäbe.

Mutter und Tochter im Verein: Simone (l.) und Sophia Thomalla.
Mutter und Tochter im Verein: Simone (l.) und Sophia Thomalla.(Foto: imago/Gartner)

Beides - Show wie Sound - hat Åkerlund in seinem Film im Großen und Ganzen ansprechend eingefangen. Gelegentlich übertreibt er es jedoch mit zu schnellen Schnitten oder digitalen Spielereien. Computeranimierte Blitze aus dem Keyboard emporsteigen zu lassen, Lindemanns Zunge via Mausklick in eine Schlangenzunge zu verwandeln oder sein Schreien durch Überblendungen künstlich in die Länge zu ziehen, wirkt geradezu altbacken. Und es wäre vor allem nicht nötig gewesen, um den Film zu tragen. Das schafft Rammsteins Halligalli schon von ganz allein.

Mit dem It-Girl im Theater

Davon konnten sich am Donnerstagabend bereits die Besucher der Premiere in der Berliner Volksbühne überzeugen. Ja, es ist wahr: 23 Jahre nach ihrer Gründung sind Rammstein offenbar reif fürs Theater. Und nicht für irgendein Theater, sondern für die vor 103 Jahren ins Leben gerufene Volksbühne, die dereinst nicht nur Christoph Schlingensief eine Heimat bot, sondern auch sonst für eine (links-)politische Theaterkultur steht wie sonst kaum eine andere Bühne in Deutschland. "Rammstein an der Volksbühne: Das ist der komplette Konkurs einer einstmals emanzipatorischen Institution", ätzte im Vorfeld schon einmal der "Spiegel". Doch man braucht gar nicht die politisch korrekte Keule hervorzukramen, um wenigstens festzustellen, dass besagtes Zusammenspiel lange undenkbar erschien.

Dass dazu noch ein It-Girl, wie man Sophia Thomalla inzwischen wohl durchaus bezeichnen darf, mitsamt ihrer Mutter Simone durchs Publikum der hochheiligen Hallen huscht, macht die Sache irgendwie gleich doppelt abstrus. Klar, auch die Nummer mit der Schönen und dem Biest im Rock'n'Roll haben Lindemann und seine (Ex?-)Freundin nicht erfunden - das gab es etwa auch schon bei Mick Jagger und Jerry Hall, Mötley-Crüe-Drummer Tommy Lee und Pamela Anderson oder Red-Hot-Chili-Peppers-Sänger Anthony Kiedis und Heidi Klum. Doch dass Neuigkeiten aus dem Hause Rammstein inzwischen vornehmlich ein Thema für Blätter wie die "Gala" oder die "Bunte" sind, hätte vor einiger Zeit wohl auch noch niemand gedacht.

So gesehen sind Rammstein heute ähnlich schwer zu greifen wie zu ihrer umstrittenen Anfangszeit, wenngleich unter gänzlich anderen Vorzeichen. Die Fans wird das nicht stören. Sie werden sicher dennoch zu "Rammstein: Paris" in die Kinos strömen. Die Wege des Herrn sind eben unergründlich.

"Rammstein: Paris" läuft am 23., 24. und 29. März in ausgewählten Kinos - einen Überblick finden Sie unter rammstein.paris.co.uk

Quelle: n-tv.de

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