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Geburtstagsfeiern sind für 18-Jährige ...
Geburtstagsfeiern sind für 18-Jährige ...(Foto: dpa)
Freitag, 23. Mai 2014

Yesterday, when he was young!: C'est formidable, Monsieur Aznavour

Von Sabine Oelmann

Es gibt Dinge, die muss man gemacht haben, Orte, die man gesehen haben muss. Und es gibt Menschen, die muss man erlebt haben! Er gehört dazu: Charles Aznavour, der seinen 90. Geburtstag mit Tausenden von Menschen vor der Bühne feiert.

Die Berliner O2-World - leider nicht ausverkauft. Lag es an der tropischen Nacht, die Berlin just an dem Abend heimsuchte? Egal - die, die da waren, haben einen Neunzigjährigen erlebt, der gerade stand wie eine Kerze, der leichtfüßig über die etwas zu große Bühne tänzelte, Witze in Französisch und Englisch machte und ganz einfach das war, was er ist: eine Legende. Sensationell. Die Frankfurter können ihn noch sehen, denn in der Festhalle tritt er am Samstag auf. Et - j'ai déjà achetée des tickets pour le concert qu'il va donner pour son centième anniversaire! Naja, mal sehen, ob er an seinem hundertsten Geburtstag auch wieder auftritt. Aber es sieht gut aus!

Gestern jedenfalls bekam er ein Ständchen von seinen Gästen ("Geburtstage sind was für 18-Jährige", wehrt er ab), und wenn er nicht schon immer so aussehen würde, als wäre er permanent gerührt, dann hätte er gestern bestimmt sehr gerührt ausgesehen. Nach 81 Jahren auf der Bühne ist der Mann ein Routinier - und trotzdem schafft er es, eine Leidenschaft zu transportieren, die den wenigsten Neunzigjährigen wohl in die Wiege gelegt wurde. Er ist ein Kämpfer. Noch immer von drahtiger Gestalt kann man sich richtig vorstellen, wie sich das Immigrantenkind gegen arrogante Mitschüler und spätere Kritiker durchsetzen musste.

Als wäre die Zeit stehen geblieben.
Als wäre die Zeit stehen geblieben.(Foto: dpa)

Sollte es also stimmen: Arbeit hält jung? Im Fall von Charles Aznavour scheint das so zu sein. Schon seinen Achtzigsten beging er auf der Bühne, und bereits da dachte man: Wow, mit 80, nicht schlecht!  Die Stimme immer noch sanft, dunkles Timbre, das unverwechselbare leichte Zittern. Wie macht er das? Er arbeite jeden Tag, ist seine Antwort, und erklärt, dass die Musik sein Leben sei. "Wer sich langweilt, altert schneller. Wer neugierig bleibt, sich weiterentwickelt, einer Beschäftigung nachgeht, die er liebt, und das kann Gärtnern, Kinderhüten oder Ins-Museum gehen sein, der wird nicht vergreisen", so der Musiker vor einiger Zeit in einem Interview mit der "Süddeutschen Zeitung".

Auf der Memory Lane

"Du lässt disch geh'n" und "Hier encore" trällerte meine Mutter damals - und damals scheint eine Ewigkeit her zu sein, schlappe 30 bis 40 Jahre, fürchte ich. Ich habe in letzter Zeit öfter versucht, meine Eltern mit Musik zu erfreuen, zu überraschen, weiter zu entwickeln, grob gesagt. Das gelang schon das eine oder andere Mal. In letzter Zeit hatte ich allerdings kein gutes Händchen. Sie fanden unter anderem Agnes Obel und Barbara Schöneberger doof. Als ich jedoch die Karten für Charles Aznavour zückte, leuchtete das Gesicht meiner Mutter, und mein Vater war sofort zur Stelle: "Da geh' ich mit." Merde, ich brauchte wohl eine weitere Karte für mich. Vor 20 Jahren haben wir ihn bereits gesehen, im Berliner ICC, und wir erinnern uns sehr gut daran - was für die Qualität spricht, die Monsieur ablieferte.

Bis heute ärgere ich mich darüber, dass ich die letzte Gelegenheit, Frank Sinatra zu sehen, nicht ergriffen habe. Das war 1993, und auch wenn seine Stimme nicht mehr ganz den alten Schmelz hatte, es muss großartig gewesen sein. Bei Monsieur Aznavour sollte mir das nicht passieren: Diesen Mann, der mich mein ganzes Leben lang begleitet hat und dessen Musik so zeitlos schön ist, dass man seinetwegen gerne besser französisch können möchte und der weltweit zu den größten Chansonniers gehört, den wollte ich mir unbedingt live ansehen.

Topfit wie eh und je: Monsieur in Action!
Topfit wie eh und je: Monsieur in Action!(Foto: dpa)

"Die Legende kehrt zurück" heißt das Motto seines Konzerts in Berlin und Frankfurt dann auch trefflich. Seine Tournee bringt ihn nach langen Jahren wieder nach Deutschland, wo er so manch großen Erfolg gefeiert hat. Einige seiner Chansons sang er auch auf Deutsch, darunter das bereits erwähnte "Du lässt dich geh'n". Davon konnte in der O2-Arena keine Rede sein. Er sang diesen Song nicht, aber er ließ sich auch nicht gehen.

Wenn Aznavour "La Bohème", "Hier Encore", "She" oder "La Mamma" singt, klingt seine Stimme so rau und fest wie noch vor Jahren. Ein bisschen weniger Orchester wäre okay gewesen! Und auch, wenn das Alter nicht ganz spurlos an dem nur 1,61 großen Künstler vorüber gegangen ist - er hat allen Ernstes noch neue Lieder geboten. Voller Inbrunst singt er, denn er textet und komponiert fast täglich. Über 1000 Lieder sind dabei entstanden, nicht nur für sich, auch für die Kollegen war er fleißig. Und noch heute hat er ein Gespür für Themen, die an vielen anderen schon immer vorbei gegangen sind: Die Themen der Einwanderer, der Rap, die Homosexualität ("Comme ils disent") - nicht unbedingt das, was man mit einem alten Mann in Verbindung bringt. Er spricht sie an diese Themen, er singt darüber. Er fördert, er fordert. Er gab sich noch nie zufrieden und wirkt dennoch so.

Die Sprache der Liebe

In Armenien wird Charles Aznavour fast wie ein Heiliger verehrt. Aznavour ist Franzose und Armenier. Und spätestens seit Donnerstagabend auch irgendwie Deutscher, das haben wir ganz genau gespürt. Als "Schahnur Wahginak Asnawurjan" 1924 in Paris als Immigrantenkind auf die Welt kam, war nicht abzusehen, dass er einst ein Nationalheiligtum, ein internationale Ikone werden würde. Denn auch wenn er meist auf französisch singt - er wird auf der ganzen Welt verstanden und verehrt. Er, der die französische Sprache liebt, hat sie über die Grenzen des Landes, in dem er aufwuchs, zur Sprache der Liebe weiter entwickelt.

Aznavour hat sein ganzes Leben im Umfeld der Bühne verbracht. Als Knirps sang er im Restaurant seiner Flüchtlingseltern im Pariser Quartier Latin armenische Lieder und als Neunjähriger stand er erstmals auf der Bühne. Aznavours Vater war, bevor er aus Armenien flüchtete, Bariton und seine Mutter Schauspielerin. Der Durchbruch gelang ihm als Édith Piaf 1946 auf ihn aufmerksam wurde und mit ihm durch Frankreich und die Vereinigten Staaten tourte. Seine Lieder handeln schon immer von Liebe, Familie, Randgruppen und Armenien. In seinen neuen Chansons, die er unter anderem auch in Berlin vorstellte, heißt eines der Lieder: "Auf die Straße!".

In über 70 Filmen hat er mitgespielt, u.a. "Die Blechtrommel" von Volker Schlöndorff und in Francois Truffauts "Schießen Sie auf den Pianisten!"
In über 70 Filmen hat er mitgespielt, u.a. "Die Blechtrommel" von Volker Schlöndorff und in Francois Truffauts "Schießen Sie auf den Pianisten!"(Foto: dpa)

In seiner Jugend war Aznavour links eingestellt: "Eigentlich konnte man mich als Kommunisten bezeichnen, der verächtlich, vielleicht auch neidisch auf den Kapitalismus blickte", gestand er in einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung". Später, als erfolgreicher Sänger und Schauspieler, habe er auf großem Fuß gelebt und einen Rolls Royce gefahren. Doch einen guten Rosé-Champagner mit einem schönen blutigen Steak lässt er sich heute nicht durch die Lappen gehen, genauso wie er davon überzeugt ist, dass das Olivenöl von seinem Landsitz bei Marseille natürlich das Beste sei. 

Die Luxuslimousine fährt er nicht mehr, er fahre nun ein energiesparendes Auto und sei sparsamer geworden. Der Künstler ist seit fast 50 Jahren mit der Schwedin Ulla Thorsell verheiratet und lebt in der Schweiz mit seiner "Benetton-Familie" - so nennt er seine kunterbunte Kinder- und Enkelschar, die er im Laufe von drei Ehen angesammelt hat. Für sein Engagement, vor allem für Armenien, wurde er 1993 vom Präsidenten der Kaukasusrepublik zum "Sonderbotschafter für humanitäre Aktionen" ernannt, 1995 bestellte ihn die Unesco zum Sonderbotschafter für Armenien und seit 2009 ist er armenischer Botschafter in der Schweiz.

Eh bien - statt 300 gibt er nur noch 30 Konzerte im Jahr, und wer nicht bis zu seinem 100. Geburtstag warten möchte, der geht morgen in Frankfurt in die Festhalle. Pourquoi? Parce qu'il est formidable.

Quelle: n-tv.de

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