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"Was ich mache, ist authentisch": Andrea Berg.
"Was ich mache, ist authentisch": Andrea Berg.(Foto: Lado Alexi / Sony Music)

"Ich würd' es wieder tun mit dir heute Nacht": Das Phänomen Andrea Berg

von Volker Probst

Nicht Nena. Nicht Sarah Connor. Und schon gar nicht Sandra. Deutschlands erfolgreichste Sängerin ist Andrea Berg. Mit simplen Schlagern füllt sie Hallen, die selbst bei internationalen Megastars zur Hälfte leer bleiben. Aber warum? Das fragt man sie am besten selbst.

Sie ist ein Monster. In ihren Schlund passen bis zu 17.000 Zuschauer. Bei Konzerten. Und davon hat die o2 World in Berlin seit ihrer Eröffnung Ende 2008 schon einige gesehen. Dabei musste Eurovisions-Siegerin Lena ebenso gegen die halbleere Halle ansingen wie Shooting-Star Amy Macdonald oder Pop-Urgestein Kylie Minogue. Ja, selbst Lady Gaga schaffte es - zugegeben, wohl nicht zuletzt auf Grund horrender Ticketpreise - nicht, den Schlund des Monsters komplett zu füllen. Nur einer Frau gelingt das offenbar geradezu spielend. Ihr Name: Andrea Berg. Ihr Genre: deutscher Schlager. Ihr Spitzname: "Unsere Andrea".

Das riesige Piratenschiff für ihre aktuelle Tour entwarf DJ Bobo.
Das riesige Piratenschiff für ihre aktuelle Tour entwarf DJ Bobo.(Foto: Sony Music)

Wenn "Unsere Andrea" ruft, kommen sie alle aus allen Himmelsrichtungen. Die Auto-Kennzeichen der Blechlawine vor der o2 World verraten es. Und nicht nur das: Da kommen auch Menschen aus wohl allen Altersgruppen und Gesellschaftsschichten. Das junge Pärchen etwa, das später während des Konzerts seine vermutlich in der Tanzschule gelernten Grundkenntnisse im Foxtrott ausprobieren wird. Der kurzgeschorene Stiernacken, der mit einem Liter-Becher Bier in der Hand Textzeilen wie "Du warst der Wind in meinen Flügeln, hab so oft mit dir gelacht, ich würd' es wieder tun mit dir heute Nacht" aus "Du hast mich 1000 mal belogen" mitgrölen wird. Die beiden Freundinnen, die, sobald Andrea Berg auf der Bühne erscheint, zu johlen beginnen werden, als gäbe es nach heute Nacht kein Morgen mehr. Das schwule Paar, das sich bei einem der wenigen Schmachtfetzen der Sängerin in den Armen liegen wird. Die aufgebrezelte Blondine, die einem mit dem Outing, Schlager-Fan zu sein, beim Rendezvous vom Stuhl kippen lassen könnte. Und natürlich auch die Oma, die an der Hand ihrer Tochter zum Sitzplatz gehen und die kommenden knapp drei Stunden artig mitklatschen wird.

Konzert mit Pausen

Drei Stunden, die für einen an gängige Rockkonzerte gewöhnten Zuschauer reichlich unorthodox verlaufen. Da gibt es Pausen. Und wie im Theater erinnert einen der Gong daran, wieder rechtzeitig vom Bierstand oder dem Raucherbalkon in die Halle zurückzukehren, ehe Andrea Berg von Neuem dazu ansetzen muss, die Stimmung wieder anzuheizen. Nachdem alle Hits schon einmal gesungen sind, gibt es zum Ende der Show hin noch einmal ein Medley der größten Gassenhauer, die man ja schließlich nie oft genug hören kann. Unterstützung erfährt die Sängerin von rund einem Dutzend Menschen auf der Bühne. Da gibt es die Background-Chanteusen, den Schlagzeuger, den Pianisten, zwei Gitarristen, den Bassisten, den Bongo-Spieler und dann noch die vier Mädels mit Streichinstrumenten. Nur, wozu das alles, bleibt schleierhaft. Was beim Zuschauer am Ende authentisch ankommt, ist eigentlich nur Andrea Bergs Gesang. Der gleichförmige Soundteppich, der ihre Stimme unterlegt, könnte indes ebenso vom Band, aus dem Computer oder einem Keyboard stammen.

Andrea Berg feiert 2012 ihr 20-jähriges Bühnen-Jubiläum.
Andrea Berg feiert 2012 ihr 20-jähriges Bühnen-Jubiläum.(Foto: Andreas Rentz / Sony Music)

Aber darauf kommt es gar nicht an. Der Begeisterung in der Halle tut das keinen Abbruch - der Begeisterung für "unsere Andrea", auch wenn die mit einem kolossalen und von keinem anderen als DJ Bobo entworfenen Piratenschiff-Aufbau auf der Bühne dicker aufträgt, als wir es je könnten. Die meisten, die hier sind, wissen über ihre Andrea vermutlich bestens Bescheid. Dass die frühere Krankenschwester mit einem Faible für knappe Outfits inzwischen 46 Jahre ist, aus Krefeld stammt und das kleine Örtchen Aspach in Baden-Württemberg zu ihrer Wahlheimat erkoren hat. Dass sie hier mit ihrem Mann, dem Spielervermittler und Mario-Gomez-Berater Uli Ferber, ihrer 13-jährigen Tochter aus erster Ehe und summa summarum 50 Tieren - von Hunden über Ziegen bis hin zu Alpakas - auf dem Areal des eigenen Hotels lebt. Dass ihr erster Mann ein gewisser Olaf Henning war, von dem der Ballermann-Kracher "Cowboy und Indianer" stammt. Dass sie ehrenamtlich Hospizarbeit leistet und für ihren Einsatz dafür mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet wurde. Und dass der Tod ihres krebskranken Vaters im vergangenen Jahr ihr einen schweren Schicksalsschlag zugemutet hat.

Die Zugspitze des Schlagermassivs

Für Andrea Berg ist das Jahr 2012 ein ganz besonderes. Mit ihrer Tour zum aktuellen Album "Abenteuer" feiert sie ihr 20-jähriges Bühnen-Jubiläum. Noch nicht ganz so lange währt die Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen. Erst seit 2010 bilden der "Poptitan" und die Schlagersängerin, die zuvor 17 Jahre lang von ihrem Entdecker Eugen Römer produziert worden war, ein Gespann. Bohlen schreibt die Melodien, Berg die Texte. Dem Erfolg hat der Wechsel hinter den Kulissen keinen Abbruch getan. Im Gegenteil: Mit Bohlen an der Seite ist Andrea Berg endgültig zur Zugspitze des deutschen Schlagermassivs avanciert. Warum? Das wollen wir von ihr im Interview wissen:

Frau Berg, Sie sind Deutschlands erfolgreichste Sängerin …

Andrea Berg: Wer sagt dat denn? (lacht)

Das sagen alle. Und es steht auch auf ihren Tourplakaten. Sie haben 12 Millionen Platten verkauft, darunter sechs Nummer-1-Alben. Und Sie verkaufen mal eben eine Halle wie die o2 World in Berlin mühelos aus. Wie erklären Sie sich Ihren immensen Erfolg?

Das kann man eigentlich nicht erklären. Es ist auch für mich selbst unfassbar. Das Schöne ist, dass die Menschen auch nach 20 Jahren noch immer diese Nähe zu mir haben und sagen: "Das ist unsere Andrea." Ich gehe ja auch heute noch nach so einem Konzert in der o2 World raus und schreibe Autogramme. Ich bin solange da, bis der letzte sein Autogramm hat. Jeder Mensch hat wirklich die Möglichkeit, an mich heranzukommen. Ich könnte mir vorstellen, dass es damit zu tun hat.

Bei der aktuellen Show schwebt die Sängerin auch schon mal durch den Saal.
Bei der aktuellen Show schwebt die Sängerin auch schon mal durch den Saal.(Foto: Andreas Rentz / Sony Music)

Sie sind ein Star zum Anfassen. Aber irgendwo gibt es doch da für jeden eine Grenze. Wo ist die bei Ihnen?

Diese Grenzen und Berührungsängste gibt es bei mir nicht. Was mich befremdet, ist, wenn Menschen mit mir umgehen, als ob ich drei Köppe hätte. Wenn ich zum Beispiel bei uns durchs Restaurant laufe und ihnen das Besteck aus der Hand fällt - "Ahh, da war sie." Aber den Kontakt mit Menschen, die ganz normal mit mir umgehen, genieße ich. Das Echte und Direkte von Mensch zu Mensch tut auch mir persönlich sehr gut.

Ihre Musik firmiert ja ganz offiziell unter dem Begriff "Schlager" - Ihre sechs Echos etwa wurden Ihnen in dieser Kategorie verliehen. Aber nicht alle werten den Ausdruck "Schlager" positiv. Wie stehen Sie dem gegenüber?

Wenn man mal im Duden nachguckt, dann steht hinter "Schlager" als Erklärung "Hit". Das ist doch eine geile Erklärung! Ich denke, dieses Denken in Schubladen und Kategorien ist etwas Gemachtes. Die Grenzen sind doch schon längst fließend. Wenn mir einer sagt, ich würde Volksmusik machen, sage ich: "Danke für das Kompliment." Schließlich mache ich Musik für Menschen.

Das Schlager-Genre steht immer ein bisschen für "heile Welt". Als jemandem von n-tv.de gestatten Sie mir sicher die Frage: Interessieren Sie sich privat für Politik?

Überhaupt nicht. Ich bin jemand, der wirklich nur aus dem Bauch heraus entscheidet. Ich bewege auch viele Dinge. Aber wenn ich mir zum Beispiel solche Talkshows ansehe, in denen es um Politik geht, rege ich mich furchtbar auf. Da gibt es so viele Selbstdarsteller, so viel ist im Argen und so viele Menschen arbeiten erst einmal nur in ihre eigene Tasche.

Auch künftig setzt Berg auf die Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen.
Auch künftig setzt Berg auf die Zusammenarbeit mit Dieter Bohlen.(Foto: Lado Alexi / Sony Music)

Aber auch hinter der Fassade einer "heilen Welt" im Schlager ist längst nicht immer alles wirklich in Ordnung. Dafür gibt es genügend Beispiele: Roy Black, Rex Gildo oder Stefan Mross und Stefanie Hertel. Ist die Schlager-Welt scheinheilig?

Natürlich geben wir den Menschen Träume. Jeder Mensch, der beim Konzert da draußen steht, bringt sein eigenes Päckchen mit. Meine Aufgabe als Entertainer ist es, sie zweieinhalb Stunden mitzunehmen - soweit, wie es jeder von ihnen zulässt. Bei mir gibt es durchaus auch Lieder über den Tod. Oder über Trennungen. Und es gibt bei mir Lieder, die wirklich nur für die Füße sind, zum Schunkeln oder zum Tanzen. Der Vorteil, den Schlagersänger und alle Musiker gegenüber dem Politiker haben, ist doch der, dass man sie einfach und mit keinerlei Konsequenzen abstellen kann. Wenn ich heute einen schiefen Ton singe, ist das für mich schlimm, aber es ist zugleich absolut banal.

Sie haben es schon erwähnt: Sie sprechen auch ernste Themen an. Auf Ihrem aktuellen Album haben Sie unter anderem sehr offen den Tod Ihres Vaters verarbeitet. Erklärt das vielleicht auch ein wenig das Phänomen Andrea Berg?

Das, was ich mache, ist auf jeden Fall authentisch. Ich schreibe alle Texte selber. Das macht es für mich natürlich auch einfacher, das zu interpretieren - weil es meine eigene Geschichte ist und nichts, was mir von irgendeinem Autor aufs Auge gedrückt worden wäre. Ich stehe da und fühle das Lied wieder - so wie an dem Tag, an dem ich es geschrieben habe. Da ist nichts gespielt. Und das kann man auch in die Herzen transportieren.

Sie haben gesagt, Ihre Musik sei "Gummibärchen für die Seele". Sind Sie eher der Gummibärchen- oder der Schokoladen-Typ?

Mehr ein Gummibärchen-Typ. Ich mag gerne Haribo und so etwas. Aber, wenn ich ehrlich bin: noch lieber ein Schnitzel.

Während Sie hier in einer riesigen, ausverkauften Halle spielen, verdienen Kollegen von Ihnen ihre Brötchen mit Auftritten am Ballermann auf Mallorca. Haben Sie da Mitleid?

Nee! Da muss man kein Mitleid haben. Am Ballermann auf Mallorca zu singen oder in einer Diskothek richtig Gas zu geben, ist auch geil. Da ist man ganz nah an den Menschen dran. Manchmal fehlt mir das ein bisschen. Vielleicht mache ich das irgendwann auch mal wieder.

Mal wieder? Das heißt, Sie haben das schon gemacht …

Ja - habe ich alles schon gemacht.

Das aktuelle Album heißt "Abenteuer".
Das aktuelle Album heißt "Abenteuer".(Foto: Sony Music)

Wir sind hier in Berlin. Sie hingegen leben, wenn Sie nicht auf Tour sind, ein richtiges Landleben. Die Großstadt reizt Sie gar nicht?

Nein. Ich gehe sehr gerne in Berlin shoppen. Und es gibt hier ein paar ganz tolle Restaurants. Aber hier leben möchte ich nicht. Ich brauche wirklich diesen Geruch vom Weinberg gegenüber, von der Wiese und meinen Tieren. Heute habe ich zwei Babys bekommen! (Sie zeigt ein Foto von zwei - nach unserer Einschätzung - Ziegen auf ihrem Smartphone, Anm. d. Red.) Hanni und Nanni!

Sie haben auch eine Ziege, die heißt Dieter - nach Dieter Bohlen benannt. Wie geht es der denn?

Super! Ich habe auch eine Ziege, die Konstantin heißt. Ich habe einen Aladin und einen Amadeus. Und zwei Schweine, die Pink und Floyd heißen. Das ist schon das Paradies bei uns.

"Abenteuer" ist Ihr zweites Album mit Dieter Bohlen als Produzent. Angesichts des Erfolgs und der lobenden Worte, die Sie beide stets füreinander finden, dürfte die Zusammenarbeit wohl noch ein wenig weitergehen …

Aber ganz bestimmt!

Was sagen Sie zu den anderen Sachen, die Dieter Bohlen macht? Schauen Sie "Deutschland sucht den Superstar"?

Ja, ich gucke das mit meiner Tochter. Sie ist jetzt 13. Und natürlich gucken die Teenies das. Seit ich mit Dieter zusammenarbeite, kommt mein Kind sogar nach Hause und will von mir jetzt Autogrammkarten für die Schule mithaben. Am liebsten hätten sie natürlich auch eine von Dieter. (lacht) Plötzlich hat man Akzeptanz in ganz anderen Zielgruppen, die sich vorher vielleicht gar nicht für einen interessiert haben. Als die Lena damit nach Hause kam, dachte ich mir: Das ist ja witzig. Auf einmal ist man ein Popstar.

Was hören Sie eigentlich privat für Musik?

Ich höre privat sehr wenig Musik - weil ich mit Musik arbeite. Das ist ein Problem. Ich höre sehr gern Robbie Williams, aber wenn ich mir eine CD einlege, fange ich schnell an, sie zu analysieren. Eigentlich kann ich nur bei ein paar Musikarten abschalten - so sphärischer Wellness-Musik oder asiatischen Yin-und-Yang-Geschichten. Die mache ich zum Beispiel rein, wenn ich Umsatzsteuererklärungen mache.

Ihr aktuelles Album heißt "Abenteuer". Von welchem Abenteuer träumen Sie?

Ich bin mitten in diesem Abenteuer. Was ich damit zum Ausdruck bringen will, ist, dass man das Leben annehmen und als Abenteuer sehen sollte. Natürlich geht das nicht immer. Und natürlich ist es nicht immer zum Lachen. Aber genau das gebe ich den Menschen ja mit: "Komm, is' halt so. Man kann es nicht ändern. Niemand weiß, wie lange er bleiben kann. Also lasst uns das Beste daraus machen." Für mich ist es wichtig, sich Träume zu erhalten. Wenn sich alle Wünsche erfüllen würden, wäre das doch desillusionierend. Dann hätte man ja keine mehr.

Andrea Berg befindet sich im März 2012 weiter auf Tour durch Deutschland und Österreich: Trier (2.3.), Mannheim (3.3.), Frankfurt (10.3.), Kassel (11.3.), Salzburg (15.3.), Linz (16.3.), Wien (17.3.), Magdeburg (23.3.), Leipzig (24.3.), Oberhausen (31.3.). Am 21. Juli tritt sie bei einem Open-Air in ihrem Heimatort Aspach auf.

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Quelle: n-tv.de