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Ist es - wie in einem früheren Song von ihnen - für immer? Die Ärzte.
Ist es - wie in einem früheren Song von ihnen - für immer? Die Ärzte.(Foto: Nela König)

Bloß kein Verdienstkreuz: Das ist noch Punkrock: Die Ärzte

Es gibt nur einen Gott - Bela-Farin-Rod. Und so sind und bleiben Die Ärzte ein Phänomen. Ihr Album "auch" schießt natürlich ebenso auf Anhieb an die Charts-Spitze wie ihre Tour längst fast komplett ausverkauft ist. Im n-tv.de Interview spricht Bela B. über Punk, "Bild", das Alter, die Hosen, Kultur, Monopoly und den Erfolg der Ärzte - oops, natürlich der Die Ärzte.

n-tv.de: Früher hieß es mal: Traue keinem über 30. Wenn man das auf die Die Ärzte anwenden würde, wäre eure Vertrauensbasis demnächst verspielt. Warum kann man den Die Ärzte auch 30 Jahre nach ihrer Gründung noch trauen?

Bela B.: (lacht) Das müssen andere entscheiden. Im Song "zeiDverschwÄndung" habe ich dazu ein relativ klares Statement abgegeben: "Habt ihr nichts besseres zu tun? Sucht euch eine junge Band, die rockt und gut aussieht." Aber ich muss zugeben: Wir sehen halt auch immer noch fantastisch aus und rocken extrem. Ich kann nur sagen: Als ich 16 oder 17 war, Rockmusik mich sozialisiert hat und der wichtigste Anker meiner Adoleszenz war, waren einige der Musiker, die ich gehört habe, vielleicht Mitte oder Ende 30. Über 40 waren sicher nicht viele. Der allgemeine Jugendwahn setzte allerdings erst später ein. Und mit Die Ärzte scheint er nun ja wieder beendet zu sein. (lacht)

Trotzdem kursieren pünktlich zum 30-jährigen Band-Jubiläum und zum neuen Album "auch" Gerüchte, dass ihr womöglich die Auflösung der Die Ärzte plant …

Die gibt es immer.

Ja, aber diesmal sind sie ziemlich hartnäckig. Zumal ihr mit dem Text von "zeiDverschwÄndung" und eurem Tour-Motto "Das Ende ist noch nicht vorbei" dem auch selbst Vorschub leistet. Müssen wir uns Sorgen um Die Ärzte machen?

Wir spielen natürlich oftmals mit diesen Sachen. Das ist auf der einen Seite sicher Koketterie, auf der anderen aber auch so gewollt. Wir kamen 1993 nach fünf Jahren ernst gemeinter Auflösung zurück, aber schon 1996 mit "Planet Punk", unserem zweiten Album mit Rodrigo González, gab es die Gerüchte. Und weil wir schon einmal ernst gemacht haben, halten sie sich hartnäckig. Manche Bands machen irgendwann einfach keine Platten mehr. Andere machen eine große Abschiedstour, um nach nur einem halben Jahr wiederzukommen. Es ist immer wieder verlockend, in diese Kerbe zu hauen.

Von der Bühne kriegt Bela B. so schnell keiner runter.
Von der Bühne kriegt Bela B. so schnell keiner runter.(Foto: Nela König)

Unglaublich, aber wahr: Du wirst noch in diesem Jahr 50. Wie lange willst du noch auf der Bühne stehen?

Das will ich in jedem Fall lange. Ich habe ja noch die Option, als alternder Entertainer in Las Vegas oder in Baden-Baden in Kasinos aufzutreten. (lacht) Ich finde das allerdings wirklich abgefahren, dass bei uns das Alter so thematisiert wird. Ich weiß zum Beispiel nicht, wie alt Herbert Grönemeyer ist. In Interviews mit ihm habe ich dazu nichts gelesen. Und ich werde jetzt sehr aufmerksam verfolgen, ob das in den Berichten zu den Toten Hosen, die in diesem Jahr ja auch 30-jähriges Jubiläum haben, ebenfalls so ein Thema sein wird. Okay, wir haben uns selbst mal als Teenie-Band propagiert. Aber mittlerweile wird uns seit fast 30 Jahren von reiferen Menschen gerne vorgehalten, dass wir immer noch die ewig 19-Jährigen wären.

Hast du Angst vor dem Altern?

Nein, überhaupt nicht. Es gibt sehr viel Positives daran. Ich bin froh, dass es mir physisch noch so gut geht, dass ich mir sogar Drei-Stunden-Konzerte zutraue, die ich in den 80ern sicher noch nicht geschafft hätte. Natürlich erschreckt man auch erst einmal, weil man denkt: Leute wie ich werden nicht 50. Aber sie werden es halt doch. Ich hoffe nur, dass ich in der Zukunft von Frauen wenigstens in ihren Fantasien noch begehrt werde. (lacht) Das ist etwas, wovon man natürlich nur sehr schwer Abschied nehmen kann. Aber irgendwann wird auch das passieren.

Angesichts eures Gründungs-Jubiläums und des neuen Albums versuchen viele, eine Erklärung für das Phänomen Die Ärzte zu finden ...

Ja. Und ich verfolge die Auseinandersetzung mit uns immer sehr interessiert. Das fing damit an, dass sich vor ein paar Jahren auf einmal das Feuilleton auf uns einigen konnte. Und das wiederum lag schlicht daran, dass Leute, die mit uns und unserer Musik sozialisiert wurden, das über das Volontariat in ihre neuen Arbeitsstellen im Feuilleton weitergetragen haben. Allerdings werden wir auch immer noch auf Themen wie Indizierung und Provokation angesprochen. Das mit den Indizierungen ist ewig lange her und nie gewollt gewesen. Und, klar, Rockmusik muss provozieren, auch wenn uns das nicht immer gelingt oder wir es auch nicht immer so extrem wollen. Neuerdings sagen auch einige Leute: "Die ziehen ja immer die gleiche Masche durch." Aber das kann man den Die Ärzte sicher nicht vorwerfen. Gerade weil wir nicht versuchen, ein Schema F herauszufinden, kommen wir gar nicht erst in Versuchung, nach Schema F zu handeln. Man kann uns höchstens das Schema Vielfalt vorwerfen.

Das Schema Vielfalt: Rodrigo González, Farin Urlaub, Bela B.
Das Schema Vielfalt: Rodrigo González, Farin Urlaub, Bela B.(Foto: Jörg Steinmetz)

Hast dann du eine Erklärung für das Phänomen Die Ärzte? Welche Band schafft es schon, lange vor einer Album-Veröffentlichung praktisch eine komplette Tour, darunter allein sechs große Konzerte in Berlin, mal eben auszuverkaufen …

Nein, ich habe keine Erklärung - genauso wenig wie die Leute da draußen. Wir selber versuchen das allerdings auch nicht weiter zu ergründen. Das mit der Tour hat uns selbst bass erstaunt - und ein bisschen erschreckt. Denn natürlich müssen wir uns davor bewahren, faul zu werden und zu denken: "Ey, wir können eh in den Wald kacken und kriegen Applaus dafür." Wir sind ins neue Die Ärzte-Jahr mit dem Bewusstsein gegangen, dass die Tour bestimmt ausverkauft sein wird. Das ist ein sehr luxuriöser Umstand, weil wir damit dann auch jonglieren und die Eintrittspreise fair halten können. Andere Künstler, die nicht wissen, ob es voll wird, können das nicht. Und solo habe ich da auch schon andere Erfahrungen gemacht und manchmal auch draufgezahlt.

Heute begründen viele Musiker ihren Erfolg damit, dass sie "Stars zum Anfassen" sind. Ihr hingegen habt euer Privatleben immer extrem abgeschirmt …

Ja, aber wir sind doch auch "Stars zum Anfassen". Wir erheben uns nicht über die Fans. Und das macht für mich einen "Rockstar zum Anfassen", wie ich es lieber sage, aus. Tatsächlich glaube ich, dass das genau einer der Gründe ist, weshalb die Leute uns mögen - auch wenn das Ganze auf der Straße manchmal in Respektlosigkeit umkippt. Das Private ist natürlich unser Rückzugsraum, aber wir laufen auch nicht mit Bodyguards rum. Es gibt einfach zu viele Leute, die nichts anderes haben als zu allem eine Meinung. Sie machen ihre Prominenz zu Geld, indem sie durch die Talkshows und Gazetten dieser Republik irren. In der Geschichte der Die Ärzte gibt es ganz wenige Fehltritte dieser Art.

Dazu passt ganz gut dein Statement zu Promis im Booklet der neuen CD …

Lass mich das kurz erklären: Ich möchte unterscheiden zwischen Promis und Rockstars. Den Titel Rockstar habe ich mir erarbeitet. Den Titel Promi hingegen bekommst du ohne großes Zutun verliehen.

Haben sie womöglich die Erklärung für das Die Ärzte-Phänomen gesichtet?
Haben sie womöglich die Erklärung für das Die Ärzte-Phänomen gesichtet?(Foto: Hot Action Records)

Jedenfalls dankst du im "auch"-Booklet allen Prominenten und Künstlern, die keine Meinung zu "Bild" haben. Es fällt ja auf, dass ihr in Medien dieser Art praktisch nicht stattfindet. Wurde eigentlich schon mal versucht, euch dafür zu gewinnen?

Natürlich gab es hin und wieder Versuche, uns für ein Interview zu gewinnen, etwa für den Kulturbereich der "Bild am Sonntag". Aber das ist eben einer der Punkte, bei denen wir sehr gerne schwarz-weiß denken: "Das ist der Feind. Da grenzen wir uns ab." Es gibt immer noch viel zu viele Gründe, hier nicht den Schulterschluss zu suchen. Wir sind zwar bisweilen deutlich milder geworden, etwa anderer Musik gegenüber. Aber, was das angeht, fehlt mir nach wie vor jedes Verständnis. Man kann auch mit Kunst Geld verdienen, ohne sich mit dem Teufel zu verbünden.

Da es bereits publik geworden ist, hoffe ich mal, eine private Sache bei dir ansprechen zu dürfen: Du bist 2008 Vater eines Sohnes geworden. Was hat sich seitdem für dich geändert?

Ich sage dazu so wenig wie möglich. Aber natürlich hat mich das verändert. Mein ganzes Leben wurde auf den Kopf gestellt. Auf meinem Soloalbum "Code B" habe ich das auch musikalisch umgesetzt. Natürlich muss ich jetzt ganz anders mit Zeit umgehen. Und sicher ändert sich auch die Sicht auf gewisse Dinge. Aber das hätte sie sich vielleicht auch so. Ich denke, als Musiker ist man immer etwas mehr als andere Leute verpflichtet, Augen und Ohren offen zu halten und sich ständig ein Stück weiter zu entwickeln. Sonst fällt es irgendwann schwer, neue Texte zu schreiben.

Was sich bei euren Texten durchzieht, ist, dass ihr immer noch die subkulturelle Fahne hochhaltet. "Ist das noch Punkrock?" fragt ihr auf dem neuen Album. Aber mal ehrlich: Subkulturen wie Punk spielen heute doch eigentlich keine Rolle mehr. Ist das nicht anachronistisch?

Ja, Punk ist zu einer furchtbaren Nostalgie-Lüge geworden. Und natürlich zuckt es bei mir, wenn Thomas Gottschalk oder Florian Silbereisen den Begriff ganz normal benutzen. "Hier geht der Punk ab" im Musikantenstadl - das ist schon schlimm. Aber wenn wir "Punkrock" sagen, dann geht es da um eine Haltung. Und in dieser Hinsicht sind wir uns selbst gegenüber nie wortbrüchig geworden: Wir machen, was wir wollen. Ich verbinde mit dem Wort "Punk" viel von meiner Einstellung und dem, was ich künstlerisch und musikalisch mag. Wir beziehen viel von der Musik, die wir zum Leben brauchen, aus der, sagen wir, Indie-Szene. Denn es stimmt natürlich: Subkultur gibt es eigentlich nicht mehr. Das "Sub" ist einfach weg.

Neben seinem Job als Sänger und Schlagzeuger der Die Ärzte ist Bela B. auch Solokünstler, Schauspieler, Synchronsprecher ...
Neben seinem Job als Sänger und Schlagzeuger der Die Ärzte ist Bela B. auch Solokünstler, Schauspieler, Synchronsprecher ...(Foto: picture-alliance/ dpa)

Bedauerst du das?

Nein, ehrlich gesagt, finde ich das sogar ganz gut. Es gibt ja auch immer flachere Kultur. Dementsprechend muss auch das Tiefere lauter und präsenter sein. Auch wenn wir sehr populär sind, sehen wir uns eigentlich immer noch als große Indie-Band. Da werden sicher viele Leute widersprechen - Leute, die uns hassen. Aber wenn wir mit Bands verglichen werden, und sei es zum Negativen, dann doch immer mit Bands aus der Indie-Szene oder dem ernst genommenen Rock-Bereich.

Zugleich zeigt die große Beachtung, die etwa die Veröffentlichung eines neuen Albums von euch findet, doch auch, was für ein gewichtiger Teil der Musikkultur dieses Landes ihr inzwischen seid ...

Ja, wir sind ein Stück Musikkultur - einfach, weil es uns schon so lange gibt. Mal abgesehen von einer anderen Band, die in diesem Jahr ebenfalls Jubiläum feiert, gibt es ja nicht so viele Bands, die schon so lange existieren. Wir haben die Musikkultur, Kunst und Kultur in diesem Land mitgestaltet. Sicher gibt es auch viele, die das nicht gewollt hätten, es schlimm finden oder sich denken, dass es doch auch ohne Die Ärzte in diesem Land ganz gut gegangen wäre.

Und ihr? Fühlt ihr euch wohl in dieser Rolle?

Wir sind selbst am meisten erstaunt. Manchmal bin ich auch ein bisschen stolz darauf. Denn es gab schon auch Momente, an denen ich an mir gezweifelt habe - auch als Musiker und Komponist. Aber zugleich wollte ich nie jemand wie Maffay oder Lindenberg sein. Ein Bundesverdienstkreuz würden wir uns nicht umhängen lassen. Das ist nichts, wovon wir träumen.

Ich finde aber, genau das hättet ihr schon seinerzeit mit "Schrei nach Liebe" verdient gehabt …

"Schrei nach Liebe" ist sicher der Song, auf den wir am stolzesten sind. Wir haben ihn ja in einer Zeit gemacht, in der einfach nicht zu begreifen war, was in diesem Land abging: marodierende Rassisten-Horden auf der Straße, die andere Menschen jagen, deren Leben bedrohen und den Hitler-Gruß machen - während sie sich dabei die Hose vollpinkeln. Man wollte und musste aufschreien. Aber wir - und damit meine ich alle in meinem Umfeld - hatten das Gefühl, dass alles, was man jetzt sagt, auch falsch sein könnte.

Rodrigo González verdingt sich auch bei den Punk-Urgesteinen Abwärts und der Gruppe ¡Más Shake!.
Rodrigo González verdingt sich auch bei den Punk-Urgesteinen Abwärts und der Gruppe ¡Más Shake!.(Foto: dapd)

Inwiefern?

Wäre man zu dogmatisch gewesen, hätte man vielleicht eher noch irgendwelche Jugendlichen in die Arme der rechten Szene getrieben. Wir haben damals so lange daran gezweifelt, dass wir sogar den mit mir befreundeten Wiglaf Droste gefragt haben, ob er nicht den Text für uns schreiben kann. Aber auch er sagte, dass es ihm zu heikel sei. Schließlich ist uns dann die Idee zu dem Song gekommen, der eine der wenigen Gemeinschaftsarbeiten von Farin Urlaub und mir ist. Und tatsächlich haben wir den richtigen Ton getroffen. Noch heute sagen mir die Leute: "Das war die einzig mögliche Art und Weise, damit künstlerisch umzugehen." Aber dafür brauche ich kein Verdienstkreuz.

Was denkst du denn darüber, dass die Toten Hosen den Song jetzt auf ihrem kommenden Jubiläums-Album covern?

Das finde ich super! Ich habe ihre Version nur leider immer noch nicht gehört. Deshalb: Liebe Hosen, schickt uns endlich die verdammte Platte oder eine MP3. Wir wollen den Song mal hören! Übrigens: Das schönste Lob für "Schrei nach Liebe" habe ich mal von ein paar Frauen von Mitgliedern der Toten Hosen bekommen, als sie mich bei einem Hosen-Konzert backstage angingen: "Was habt ihr da für einen schlimmen Song geschrieben. Wir versuchen unsere Kinder nach bestem Wissen und Gewissen zu erziehen. Und jetzt springen sie immer auf den Tisch und rufen: 'Arschloch, Arschloch.'" Da habe ich mich diebisch gefreut.

Zwischen eurer Auflösung damals 1988 und dem Comeback mit "Schrei nach Liebe" lagen fünf Jahre. Von "Jazz ist anders" 2007 bis "auch" sind jetzt immerhin viereinhalb Jahre vergangen. Sind die Pausen heute wichtig, damit ihr als Band immer noch so funktionieren könnt?

Nein, da wird etwas zu viel hineininterpretiert. Wir waren mit "Jazz ist anders" zwei Jahre lang auf Tour. Nachdem wir 2009 noch einmal einige große Konzerte mit den Die Ärzte gespielt hatten, haben wir im Sommer gesagt: "So, jetzt erst mal Ruhe." Ich hatte da schon mein zweites Soloalbum vorbereitet, das im Herbst 2009 erschienen ist. Dann bin ich auf Tour gegangen, ehe ich irgendwann auch mal Urlaub brauchte  - Farin war da schon weg und hat seinen Fotoband gemacht. Und Rodrigo hat sein Ding mit Abwärts durchgezogen. Im Herbst 2010 haben wir uns schon wieder getroffen, um über die Zukunft der Die Ärzte zu sprechen. Uns kam das also alles gar nicht so lange vor. Wenn man sich drei Jahre lang ständig mit dieser Band und den anderen Mitgliedern darin auseinandersetzt, braucht man irgendwann eine Pause - auch voneinander.

Farin Urlaub hat mit dem Racing Team auch sein eigenes Soloprojekt, reist viel und fotografiert.
Farin Urlaub hat mit dem Racing Team auch sein eigenes Soloprojekt, reist viel und fotografiert.(Foto: dapd)

Du hast eure Soloprojekte angesprochen. Welchen Stellenwert haben die für euch?

Ich denke, sie sind für jeden von uns extrem wichtig. Ich sehe, wie viel Spaß Rodrigo daran hat, mit Abwärts durch kleine Clubs mit Pogo-Meuten zu touren. Oder mit seinem neuen Projekt ¡Más Shake! Da habe ich etwas gesehen, was ich bei uns allen dreien festgestellt habe: Wir erlauben uns in unseren Soloprojekten stringente Linien. Rodrigo hat jetzt mit ¡Más Shake! eine 60s-Beat-Band. Ich mache solo eher pompöse, an Surf-Gitarren orientierte Musik. Und bei Farin Urlaub ist das ähnlich. Einerseits toben wir uns aus, anderseits setzen wir uns bei diesen Projekten ganz andere Richtlinien als bei einem Die Ärzte-Album. Dadurch schreibe ich jetzt auch mehr Songs und bin zu einem besseren Gitarristen und Musiker geworden.

Dass ihr immer bessere Musiker geworden seid, kann man auch auf den Die Ärzte-Alben hören. Euer Sound heute ist natürlich ein ganz anderer als der in euren Anfangstagen. Würdest du sagen, dass du immer noch dazulernst?

Auf jeden Fall. Wenn man sich mit seinem Instrument auseinandersetzt, sollte man das auch. Ich mache das jetzt nicht wie der Slayer-Drummer Dave Lombardo. Trotzdem werde ich besser. Und nicht nur das: Wir werden auch als Band besser und haben zusammen auf Tour musikalische Momente, die uns mit 18 oder 19 völlig egal waren. Da war es nur wichtig, auf der Bühne zu stehen, die Songs irgendwie rumzukriegen und am Ende sagen zu können, dass bei dem Konzert alle auf ihre Kosten gekommen sind - außer vielleicht die Musikliebhaber. (lacht)

Eine Leidenschaft, die auch mal wehtun kann: Bela B. ist Fan des FC St. Pauli.
Eine Leidenschaft, die auch mal wehtun kann: Bela B. ist Fan des FC St. Pauli.(Foto: dapd)

Neben der Musik fällt bei eurem neuen Album auch wieder die Verpackung auf - als Gesellschaftsspiel. Was für ein Spiele-Typ bist du - eher Mensch ärgere dich nicht, Monopoly, Risiko oder Siedler von Catan?

Dass ich Gesellschaftsspiele gespielt habe, ist, ehrlich gesagt, schon ziemlich lange her. Aber ich gehe mal davon aus, dass ich das bald wieder anfange. Siedler habe ich mal versucht - das checke ich nicht. Und Mensch ärgere dich nicht habe ich das letzte Mal als Kind gespielt. Mir gefallen eher Spiele mit klaren Zielen und Siegern wie Monopoly oder Trivial Pursuit. Und ich mag noch andere Aspekte am Spielen: Ich bin ein schlechter Verlierer, genieße das aber. Das hat sich noch potenziert, seit ich Anhänger eines Fußballvereins bin, der häufiger mal verliert (Bela B. ist Fan des FC St. Pauli, Anm. d. Red.). Da kann man sehr hämisch schlechter Verlierer sein und über den Gewinner herziehen. Zugleich bin ich aber auch ein echt mieser Gewinner. Wenn ich gewinne, koste ich das sehr aus und tanze gern noch mit einem Bein auf dem Grab des Verlierers. (lacht)

Der Song "zeiDverschwÄndung" stammt ja aus deiner Feder. Wenn du deine Zeit nicht mit Gesellschaftsspielen verschwendest, womit denn dann?

Ich denke, wir verschwenden sehr viel Zeit im Internet mit fiktiven Freunden. Der Computer ist inzwischen der größte Zeitstehler. Natürlich ist es großartig, was für Möglichkeiten man damit hat. Und natürlich nutzen wir das auch als Musiker ganz extrem. Zum Beispiel war beim Mischen des Albums von den Musikern keiner mehr physisch anwesend. Uns werden die Mixe einfach über das Internet zugeschickt - und wir testen und kommentieren sie dann zu Hause. Aber die Zeit, die man damit verbringt, in den sozialen Netzen mit vermeintlichen Freunden zu kommunizieren, ist für mich eine echte Verschwendung. Auch wenn ich mich selbst manchmal dabei ertappe, wie ich sinnlos auf YouTube herumzappe wie früher beim Fernsehen.

Noch sind die Die Ärzte bekanntlich die beste Band der Welt. Aber wenn ihr am Ende eurer Regentschaft das Zepter einmal abgeben müsst - wer wäre dann für dich ein legitimer Thronfolger?

Schon jetzt steht fest: Das neue Die Ärzte-Album "auch" steigt von 0 auf 1 in die Charts ein.
Schon jetzt steht fest: Das neue Die Ärzte-Album "auch" steigt von 0 auf 1 in die Charts ein.(Foto: Hot Action Records)

Es gibt definitiv eine Band, auf die sich sehr viele einigen können und die - zu Recht - viel schneller eine breitenwirksame Akzeptanz als wir gefunden hat: die Beatsteaks. Sie sind eine der großartigsten Livebands, die auf der Erde existieren. Eine andere großartige Band, die Rod und ich schon seit einiger Zeit lieben und die komischerweise anfangs von Kritikern ziemlich missbilligt wurde, ist Bonaparte. Und ich bin echt stolz darauf, dass Ferris von Deichkind sich immer zu uns bekannt hat. Wenn ich mir ein Doppelkonzert von Bonaparte und Deichkind vorstelle, muss ich mir um die Zukunft von relevanter Musik und unserem Erbe wirklich keine Sorgen machen.

Mit Bela B. sprach Volker Probst

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Die Ärzte befinden sich in den kommenden Monaten auf (leider beinahe bereits komplett ausverkaufter) Tour: Zwickau (16.05.), Frankfurt/Oder (17.05.), Bremen (22.05.), Kiel (23.05.), Oberhausen (25.05. und 26.05.), Chemnitz (27.05.), München (30.05.), Berlin (01.06., 02.06. und 03.06.), Leipzig (06.06. und 07.06.), Mannheim (08.06.), Nürnberg (19.06.), Köln (27.06.), Frankfurt (29.06. und 30.06.), Hannover (03.07. und 04.07.), Stuttgart (06.07. und 07.07.), Erfurt (08.07.), Dresden (10.08., 11.08. und 12.08.), Berlin (17.08., 18.08. und 19.08.), Hamburg (25.08.)

Quelle: n-tv.de

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