Unterhaltung
Dienstag, 16. September 2014

Muss man gehört haben: Die Pop-Klasse von 1984

Von Ingo Scheel

Beim Blick in die Musik-Annalen gibt es diverse Jahre, die untrennbar mit Sounds und Phänomenen verbunden sind. 1969? Woodstock. 1977? Und der Orwell-Jahrgang 1984? Ein echtes Klassiker-Jahr - dies sind einige davon.

Echo & the Bunnymen - "Ocean Rain"

Heutzutage wird Sänger und Mastermind Ian Mculloch, von je her mit gesundem Selbstbewusstsein ausgestattet, nicht müde, "Killing Moon" als den besten Song aller Zeiten zu preisen. Ganz ehrlich: Der Mann könnte recht haben. Kopfhörer auf, Licht dimmen und einmal die Fahrt mit diesem ruderlosen Boot von einem Song mitmachen. Die schwelgerischen Streicher, darüber McCullochs emotionaler Bariton, selbst die Drums klingen mondän und wenn Gitarrist Pete de Freitas, das viel zu früh verstorbene Saitengenie, dann in dieses einzigartige Solo taucht, gibt es kein Halten mehr. Und das ist kein Einzelfall auf diesem monolitithischen Album, siehe Titelsong oder auch "Seven Seas. Wobei - es kann nur einen weltbesten Song geben. Und das ist … siehe oben.

Frankie goes to Hollywood – "Welcome to the Pleasuredome"

Größenwahn, dein Name sei Frankie: Das Quintett aus Liverpool, unter der Ägide von Paul Morley (mediale Kriegsführung) und Trevor Horn (Klang & Co.), versah das Schlagwort vom "Bigger, Better, Faster, More" mit ganz neuer Bedeutung. In ihren Clips genoss man Natursekt, schaute Politikerdoubles beim Faustkampf zu oder ließ die Heiligen Drei Könige durch die Wüste reiten. Holly Johnson sang, Paul Rutherford tanzte, die anderen drei, genannt The Lads, sorgten für das Playback. Ihr Sound? Urwald-Laute und Off-Sprecher-Drama, die dicksten Bass-Saiten der Welt, Coverperlen von Bruce und Bacharach, dazu Originale wie "Relax" oder "Two Tribes", die auch heute noch, genau 30 Jahre danach, auf dem kürzesten Weg zwischen Disco, Punk und Musicalkitsch funkeln, schimmern, schieben, kurz: fantastisch klingen.

Style Council – "Café Bleu"

Die Jam-Fans hatten ihre Tränen nach dem überraschenden Band-Split noch nicht ganz getrocknet, da zeigte ihnen Paul Weller schon per Album, dass es ihm absolut ernst mit dem neuen Karriereabschnitt war. Die Modpunk-Kracher vom anderen Ende der 70er waren Geschichte. Weller und Busenkumpel Mick Talbot genossen Martinis und Espresso statt lauwarmem Ale und auch ihre Musik klang danach. Blue Eyed Soul, Light Jazz, Piano-Balladen. Der Modfather war zu neuen Ufern aufgebrochen, auch wenn ihm dereinst nicht alle folgen wollten. Nach einer kurvenreichen Karriere ist Weller heute so etwas wie musikalisches Kulturerbe made in Great Britain und auch Highlights dieser Platte, wie etwa "My Ever Changing Moods", finden sich heute auf seiner Setlist wieder.

The Smiths - "The Smiths"

"This Charming Man" war der erste Song, den ich einst von den Smiths im Radio hörte. Am nächsten Tag ging ich mit einem selbst gebastelten Button der Band am Revers meines Trenchcoats in die Schule. Die Schmidts? Was ist denn das für ein Name? Heute haben sich die Stirnrunzler längst eingereiht ins Heer der Reunion-Sehnsüchtigen. Das selbst betitelte Debüt war der Auftakt zu einer kurzen, dafür umso nachhallenderen Karriere, die mit dem Split 1987 endete. Songs wie "Still Ill", "Hand in Glove" oder "What Difference does it Make?" scheinen dabei bis heute keinen Tag gealtert zu sein. Morrisseys Gesang zwischen Flehen und Falsett, dazu Johnny Marrs unverkennbares Gitarrenspiel, das unter Hunderten herauszuhören ist, wie Rourke und Joyce als Rhythmusfraktion den Laden zusammenhalten - ein Meilenstein.

U2 – "Unforgettable Fire"

Ob Bono & Co. damals geahnt haben, dass sie ihre Alben einst via Großkonzern den Leuten ungefragt auf die Festplatte wuchten würden? Vor ziemlich genau 30 Jahren war die Anschaffung einer U2-Platte noch freiwillig und für einen Klassiker vom Schlage "Unforgettable Fire" bezahlte der geneigte Fan sicher gern. Brian Eno und Daniel Lanois hatten Songs wie "Bad", "Pride (In the Name of Love)", "The Unforgettable Fire" in ein opulentes Soundgewand gekleidet, die atmosphärischen Videos (Hallo, Peter Illmann!) taten ihr Übriges. Die Iren waren im Begriff, endgültig die Weltherrschaft in Sachen Emo-Stadion-Pop zu übernehmen. Der Rest ist Geschichte.

Und was war sonst noch?

Bruce Springsteen steckte sich auf "Born in the USA" die Bandana in die Gesäßtasche und wurde endgültig zum Nationalhelden. Topmodel Sade Adu gab der New-Jazz-Welle mit ihrem Debüt "Diamond Life" nicht nur die schwülsten Hits, sondern auch das schönste Antlitz. Mit "Zen Arcade" von Hüsker Dü und "Double Nickles on the Dime" von Minute brachte das SST-Label gleich zwei genreprägende Doppel-Alben am selben Tag heraus. Talk Talk verbanden per "It’s my Life" und "Such a Shame" Tiefgang mit Chartstauglichkeit, die Ärzte wurden mit "Zu spät" zu den Hansdampfen in allen Funpunk-Gassen.

Lloyd Cole ließ mit "Rattlesnakes" einen Gitarrenpop-Klassiker aus dem Täschchen, Run DMC erfanden HipHop und ein halbes Dutzend weitere Genres neu, Jeffrey Lee Pierce ließ seinen Gun Club die schillernde, morbide, gitarrenverzierte "Las Vegas Story" erzählen und Foreigner wollten einfach nur wissen, was denn nun eigentlich Liebe ist. Zu wenig Metal in dieser Kolumne? Metallicas "Ride the Lightning" schließt diese Lücke nachhaltig.

Quelle: n-tv.de

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