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Gitarrist Steve Jones, Bassist Sid Vicious, Sänger Johnny Rotten und Schlagzeuger Paul Cook (v.l.) im Mai 1978 in London.
Gitarrist Steve Jones, Bassist Sid Vicious, Sänger Johnny Rotten und Schlagzeuger Paul Cook (v.l.) im Mai 1978 in London.(Foto: imago/LFI)
Samstag, 28. Oktober 2017

40 Jahre Never mind the Bollocks: Die Sex Pistols - einmal und nie wieder

Von Ingo Scheel

Punk ist fast verglüht, die Konkurrenz enteilt, der Bassist kann nicht spielen - da veröffentlichen die Sex Pistols im letzten Kraftakt ihr Opus Magnum. Am 28. Oktober 1977 erscheint "Never mind the Bollocks - here's the Sex Pistols", das größte Album aller Zeiten.

"Ein nervliches Wrack, ein Kettenraucher", spöttelt Gitarrist Steve Jones über Bill Price in der Doku aus der "Classic Albums"-DVD-Reihe. Dazu sieht man den besagten Toningenieur, chronisch mit Kippe, wie er mit zittrigen Fingern die Regler des Mischpultes bedient, unter seinen Händen die Songs der Sex Pistols. Price mag ein wenig angeschlagen wirken, wie er da jedoch die DNA von Klassikern wie "Holidays in the Sun" oder "Bodies" bloßlegt, das macht dem Betrachter und Zuhörer auch vier Dekaden nach ihrer Entstehung noch dicke Backen.

Zuvor hatte der Brite schon mit Tom Jones und Mott the Hoople gearbeitet, neben den Pistols auch mit den Konkurrenten The Clash. Später bringt er Ordnung in den Sound von Bands wie The Jesus & Mary Chain, Sparks und den Guns'n Roses, deren Bandname laut Slash eben auf die Pistols zurückgeht. Der prominentere Name ist jedoch der Produzent dessen, was später als "Never mind the Bollocks - here's the Sex Pistols" das Licht der Welt erblicken sollte. Chris Thomas hat für die Beatles Keyboard gespielt, den Glam-Sound der ersten Roxy-Music-Alben verantwortet und während der "Dark Side of the Moon"-Aufnahmen von Pink Floyd die Studiowogen zwischen Gilmour und Waters geglättet.

Eigentlich schon auf Reserve

Das von Sid Vicious signierte Exemplar wurde 2011 versteigert.
Das von Sid Vicious signierte Exemplar wurde 2011 versteigert.(Foto: imago/ZUMA Press)

Wer weiß, wie der Rückblick auf diese Platte ausfallen würde, hätten Price und Thomas nicht jenes Kunststück fertiggebracht, dem schon etwas zerrupften Klepper namens Sex Pistols die Soundsporen zu geben. Denn eigentlich laufen Rotten, Cook, Jones und Vicious im Frühjahr 1977 längst auf Reserve, ist es nur noch ein knappes Jahr, bis Johnny, der Junge mit den verrotteten Zähnen, auf der berüchtigten US-Tour der Sex Pistols hinschmeißt.

Über zwei Jahre lang hat Manager Malcolm McLaren die Jungs um die Häuser gescheucht. Zwei Plattenfirmen haben sie unter Vertrag genommen, um sie direkt danach wieder fallenzulassen, sie gar dafür zu bezahlen, damit sie nur ja wieder verschwinden. Sie haben sich zum Thronjubiläum der Queen von den Bobbys die Themse hinunterjagen lassen, sich mit Moderator Bill Grundy vor den Augen der Nation ein F-Word-gespicktes TV-Duell geliefert, an dessen Ende sie vogelfrei sind und Grundy arbeitslos ist. Ihre Konzerte werden abgesagt und sabotiert, Rotten wird auf der Straße von Messerstechern angegriffen. Für Steve Jones, notorischer Ladykiller und Kleptomane, nichts als bollocks, Schwachsinn, Bullshit. Es ist sein Mantra, das später zum Albumtitel wird.

Lautstarke Combo als Werbegag

McLarens Kniff, für seine Mode-Boutique "Sex", die er zusammen mit Vivienne Westwood auf der Londoner King's Road betreibt, eine lautstarke Combo zusammenzustellen, die als Werbegang die Klamotten um die Häuser trägt, ist mehr als aufgegangen. Die Schlagzeilen sprechen für sich. Doch während der durchtriebene Tycoon PR-trächtige Show-Absagen vorzieht, hat er die Rechnung ohne die musikalische Chemie gemacht, die zwischen Drummer Paul Cook, Gitarrist Steve Jones, Bassist Glen Matlock und Sänger Johnny Rotten hochkocht.

Das Songmaterial, das im Proberaum in der Denmark Street entsteht, hat es in sich. Jones' Gitarrenriffs sind dick wie die Backsteine der Londoner Häuser, seit Jahren ist er zudem mit Schulkumpel Cook bestens eingespielt. Bassist Glen Matlock, von Haus aus eher den Small Faces zugetan und musikalisch der versierteste der vier, unterfüttert mit Groove und liefert einen Großteil der musikalischen Ideen. On top gibt es Rottens Texte, auf Rückseiten von Pizzeria-Flyern und Bierdeckeln zusammengekritzelt, die sich als punktgenaue Analyse der Misstände im britischen Königreich entpuppen.

Sid Vicious statt Matlock

März 1977: Die Sex Pistols unterschreiben ihren Vertrag mit EMI, vor dem Buckingham Palace. Rechts Manager Malcolm McLaren.
März 1977: Die Sex Pistols unterschreiben ihren Vertrag mit EMI, vor dem Buckingham Palace. Rechts Manager Malcolm McLaren.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Nach diversen Demo-Aufnahmen, Live-Bootlegs und der Ignoranz der Plattenlabels holt Richard Branson die Band auf sein Virgin-Label. Im Sommer 1977 werden die Aufnahmen endlich komplettiert, bis in den September hinein an der Tracklist geschraubt. Am 28. Oktober des Jahres erscheint das Mammutwerk endlich. Matlock ist da längst geschasst, an seine Stelle ist Sid Vicious getreten. Dessen Image ist zwar um einiges knalliger als das des bodenständigen Matlock, dafür ist das von Drogen geschüttelte Drahtbein kaum zu einem richtigen Ton fähig. Produzent Thomas lässt Steve Jones seinen Part übernehmen. Der doppelt schlichtweg die Grundtöne, Price verschiebt mit nikotingelben Fingern Lautstärke-Werte und schnippelt die besten Takes zusammen.

Am Ende wird "Never mind the Bollocks - here’s the Bollocks" zu einem Towerblock voller Riffs, den dicksten, die man bis dato zu hören bekam und die auch 40 Jahre danach noch sprachlos machen. Wie die Stiefel im Intro zu "Holidays in the Sun" von Drums und Gitarre zernagelt werden, das von ABBA (!) inspirierte Pattern von "Pretty Vacant", der textliche Ruf zu den Waffen von "Anarchy in the UK" und "God save the Queen", die unwiderstehliche rollende Business-Tirade "E.M.I" oder die groteske Teekessel-Trompete der hypnotischen SM-im-U-Boot-Schnurre "Submission" - ein Debüt als "Greatest Hits"-Sammlung, Urschrei und Todesklage in einem, politisch, sexy, aufwühlend und anstachelnd bis zum heutigen Tag. Und es ist nicht nur die Musik allein: Rotten liefert mit "No Future" und dem "Anarchy"-Kriegsgeschrei zeitüberdauernde Slogans, Vicious bleibt bis zum heutigen Tag in Sachen Optik ein Punk-Prototyp zum Nachbauen, Designer Jamie Reids Artwork schließlich, der Erpresserbrief-Look in Neongelb und Pink, macht die Platte endgültig zum PopArt-Piece.

"Ever get the feeling you've been cheated?"

Die Sex Pistols bei ihrem letzten Konzert in San Francisco.
Die Sex Pistols bei ihrem letzten Konzert in San Francisco.(Foto: AP)

Keine drei Monate später sind die Sex Pistols - vorerst und im wahrsten Sinne des Wortes - Geschichte. "Ever get the feeling you've been cheated?" fragt Rotten am 14. Januar 1978 das Redneck-Publikum im Winterland-Ballsaal zu San Francisco, lässt das Mikro fallen und verschwindet von der Bildfläche. Bei der Ankunft in London holt die Mama den vermeintlichen Antichristen vom Flughafen ab, kurz darauf kehrt er als John Lydon zurück und erfindet mit Public Image Ltd. im Handstreich den Postpunk. Jones und Cook legen sich zusammen mit Posträuber Ronnie Biggs an den Strand von Rio de Janeiro. Sid Vicious schlüpft zu Nancy Spungen ins Hotelbett, ein Jahr später sind beide tot. Matlock hakt sich bei Midge Ure unter und feiert mit der Band Rich Kids die musikalische Wideraufstehung.

Rottens rethorische Frage überdauert die Zeit. Jemals das Gefühl gehabt, beschissen worden zu sein? Von McLaren? Vielleicht. Von der Historie? Möglich. Von der Musik? Ganz sicher nicht. Wie in Bernstein eingeschlossen, glitzert und funkelt, faucht und zischt, stampft und ja doch, ROCKT, "Never mind the Bollocks - here's the Sex Pistols" wie keine zweite Platte davor und danach.

"Es war ein Fehler, Matlock rauszuschmeißen. Mit ihm hätten wir sicher noch zwei, drei tolle Platten zustande bekommen", resümiert Jones ein weiteres Mal, diesmal in der Band-Doku "The Filth & The Fury". Zugegeben - wie das geklungen hätte, würde man wirklich gern wissen. Die Live-Reunions über die Jahre geben da nur bedingt Auskunft. 1996 geriet solide, 2002 sah die Band klassisch unterprobt, die 2007er-Shows dagegen zeigten die Sex Pistols spielerisch - Nostalgie hin, Sellout her - auf dem Zenith. Am Ende der letzten Show in der Londoner Brixton Academy verließen Rotten und Matlock, die einstigen Intimfeinde, die Bühne tatsächlich Arm in Arm.

"Ever get the feeling you've been cheated?" - Vielleicht, aber wenn schon, dann hat der große Rock`n Roll-Betrug niemals besser geklungen.

Quelle: n-tv.de

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