Unterhaltung
Release-Konzert im Münchner Kesselhaus: Helene Fischer stellt ihre "neuen Songs" vor.
Release-Konzert im Münchner Kesselhaus: Helene Fischer stellt ihre "neuen Songs" vor.(Foto: picture alliance / Matthias Balk)
Donnerstag, 25. Mai 2017

Mit Helene in der Gruppensauna: Diese Nacht soll für uns unvergänglich sein

Von Volker Probst, München

"Wird das in der Tagesschau gezeigt?" Helene Fischer präsentiert in München ihr neues Album - und alle drehen hohl. Wäre Deutschland die USA, wäre Sankt Helene die nächste Bundeskanzlerin. Echt jetzt.

So so. Also auch eine Helene Fischer kann es nicht allen recht machen. Doch während ein paar Fußball-Fans über ihren Auftritt im DFB-Pokalfinale motzen, hätten manch andere wahrscheinlich ihre Schwiegermutter verkauft, um am Mittwochabend in der Münchner Veranstaltungshalle "Kesselhaus" dabei zu sein. Hier präsentierte Helene Fischer sämtliche 24 Songs ihres neuen, selbstbetitelten Albums live. Das Ganze vor einer ausgewählten Schar von ein paar Hundert Gästen - Brancheninsider, Journalisten und Fans, die die Tickets bei einem Gewinnspiel abgesahnt hatten. Aber nicht nur aus Jux und Tollerei: Der Auftritt wurde auch für eine spätere Ausstrahlung in der ARD und die Produktion einer DVD aufgezeichnet.

Vergessen wir mal die paar nörgelnden Fußball-Fans. Dass sich Fischer längst den Beinamen Sankt Helene verdient hat, war schon vor diesem Auftritt klar. Rekorde bricht sie gerade schließlich wie am Fließband. Ihr neues Album holte zum Verkaufsstart gleich mal Platin plus eine weitere Gold-Auszeichnung. Erfolgreicher hat sich seit 15 Jahren in den ersten Tagen kein Album mehr in Deutschland verkauft. Gleich drei Songs - "Herzbeben", "Nur mit Dir" und "Flieger" - schafften zudem den Sprung in die Top 50 der Single-Charts. Wenn Fischer im Herbst und Frühjahr 2018 hierzulande auf Hallentournee gehen wird, wird sie etwa in der Berliner "Mercedes-Benz Arena" an fünf (!) Abenden hintereinander auftreten. Zum Vergleich: Lady Gaga hatte zuletzt Probleme, die Halle wenigstens einmal voll zu kriegen.

Ambiente wie bei Rammstein

Auch das Gedränge vor dem "Kesselhaus" ist groß, wenngleich die Kapazität des Clubs in Fischer-Maßstäben natürlich pipifax ist. Viele der Besucher haben sich für den Anlass in Schale geworfen. Oder geht man zu Helene einfach im Anzug beziehungsweise dem kleinen Schwarzen? Kamerateams fangen das Gewusel und Stimmen der Gäste ein. "Wird das in der Tagesschau gezeigt?", fragt in der Schlange eine Dame ihren Begleiter. Scherzhaft vermutlich. Obwohl? So ganz sicher kann man sich da in Zeiten der landauf, landab grassierenden Helene-Hysterie nicht sein.

Von innen präsentiert sich das "Kesselhaus" zunächst als durchgestylter und in kühles blaues Licht getauchter Industriebau. Rammstein würde hier gut reinpassen. Aber auch für Fischer scheint dieses Ambiente genauso angemessen zu sein wie etwa ein mit Bierbänken ausstaffiertes Festzelt.

Die Fischer wirft ihr Netz aus

Sankt Helene: Fischer bei einem Auftritt in der "Carmen Nebel Show".
Sankt Helene: Fischer bei einem Auftritt in der "Carmen Nebel Show".(Foto: imago/Future Image)

Dass sie sich an allen Kategorisierungen und Klischees irgendwie vorbei zu schlängeln weiß, ist Teil des Erfolgsgeheimnisses der 32-Jährigen. Das ihr verliehene Etikett der Schlager-Queen will einfach nicht so richtig an ihr haften - das beweist sie auch mit den Songs ihres neuen Albums. Da mischt sich Schlager mit Musical, Chanson oder in einem Lied wie "Dein Blick" sogar mit Country. Und auch die aus "Atemlos" altbekannten Techno-Stampf-Anleihen dürfen bei potenziellen Nachfolge-Gassenhauern wie "Achterbahn" oder "Herzbeben" nicht fehlen.

Wenn die Fischer ihr musikalisches Netz auswirft, fängt sie damit nicht nur den rüstigen Rentner in der ersten Reihe ein, der begeistert mitklatscht. Auch das junge Mädchen mit Tunnels in den Ohren hebt im "Kesselhaus" ihre beiden von oben bis unten tätowierten Arme in die Höhe, um sie im Takt des Songs hin und her zu werfen. Und sie singt mit: "Alles bebt, alles dreht, alles steht auf verlieben. Diese Nacht soll für uns unvergänglich sein." Textzeilen wie diese sind offenbar ebenso schlicht wie universell.

"Danke!"

Größere intellektuelle Anstrengungen muss auch der Anheizer nicht unternehmen, der das Publikum vor der Show in Stimmung bringen soll. Um die Zuschauer in Wallung zu versetzen, reicht es schon, ihnen ein "Ich sag' Helene, ihr sagt ..." vor zu rappen. "Fischer" schallt es ihm mit den gefühlten Dezibel eines Düsenflugzeugs entgegen. Und als die Hauptperson des Abends kurz nach 21.30 Uhr in enger, hoch taillierter schwarzer Hose und mit ärmellosem Top endlich die Bühne betritt, kennt der Jubel natürlich erst recht kein Halten mehr. In der kochend heißen Arena gerät man dabei allerdings nicht nur wegen Fischers Darbietung ins Schwitzen. "So eine Gruppensauna ist auch was Schönes", scherzt die Sängerin später während des Konzerts. Ja, mit ihr zusammen hätte manch einer in der Halle wahrscheinlich auch noch einen Aufguss mitgemacht.

Überhaupt redet Fischer viel an diesem Abend. Was sie sagt, ist vor allem: "Danke!" - Danke an ihr Team, die Produzenten, die Songschreiber, ihre Band, die Zuschauer, die Fans, München, die Eltern … und natürlich ihren "Schatz", den Florian, der sich zu einem Anlass wie diesem selbstredend auch ins Publikum mischt. "Du bist nicht nur meine große Liebe, sondern, was vielleicht noch wichtiger ist, mein allerbester Freund", haucht die Sängerin Florian Silbereisen von der Bühne zu. Und bei einigen gesellt sich zum Schweiß im Auge jetzt womöglich auch noch Tränenflüssigkeit.

Ein verschwitztes Selfie

Video

Andere fühlen sich dagegen irgendwann vielleicht auch ein bisschen brainwashed. Ein wenig erinnert das alles an ein Management-Seminar, bei dem einem der Coach vom Podium unablässig "Du bist toll!" ins Ohr hämmert, bis man gar nicht mehr anders kann, als es zu glauben. Keine Frage: Auch das ist Teil von Fischers Erfolgsgeheimnis. Ihren Fans präsentiert sie sich bis an die Schmerzgrenze als Kumpeline von nebenan. So nahbar, dass sie mit einem hyperventilierenden Anhänger von der Bühne herunter auch mal spontan "ein verschwitztes Selfie mit Frau Fischer" knipst, während sie einem anderen ihr durchnässtes Handtuch vermacht. Dabei ist sie ansonsten alles andere als nahbar. Interviews etwa gibt sie selten. Und im "Kesselhaus" darf auch ein Seitenhieb auf bunte Blätter nicht fehlen, die gerne immer wieder mal über ihre Beziehung mit Silbereisen oder eine angebliche Schwangerschaft spekulierten.

Der vielleicht größte Schlüssel zur Erklärung des Helene-Phänomens ist allerdings die Energie der Sängerin. Fischer ist - im positiven Sinne - eine Rampensau durch und durch. Ganze zweieinhalb Stunden gibt sie auf der Bühne Vollgas. Ohne Pause. Ohne Kostümwechsel. Die hat sie gar nicht nötig. Ein Tanz auf dem Klavier, ein Hüftschwung, ein Wackler mit dem Po - das bewirkt in ihrem Fall offenbar mehr als jeder Glitzerfummel. Dafür wird um sie herum geklotzt und nicht gekleckert. Sechs Musiker und drei Backgroundsänger sind mit ihr ständig auf der Bühne. Hinzu kommen hier und da noch ein neunköpfiges Streichorchester, drei Bläser oder wie bei "Wenn du lachst" ein kompletter Gospelchor. Der Sound ist glasklar, auch wenn man sich hier und da fragt, was der Massenauflauf an Musikern eigentlich soll. Gitarren oder Streicher gehen im Synthie-Gewaber oft nur noch unter.

"Ich übe noch"

Den Zuschauern ist das natürlich ebenso schnuppe wie die zwei, drei Texthänger, die Fischer bei ihren neuen Songs offenbart. "Ich übe noch", rettet sich die Sängerin lachend aus der Affäre. Und freut sich: "Ihr könnt den Text besser als ich." Als sie schließlich zum Schluss noch vier ihrer größten Hits bis hin zum unvermeidlichen "Atemlos" anstimmt, kann wirklich auch noch der Allerletzte im Saal mitgrölen.

Nein, in der Tagesschau war Fischers Albumspräsentation in München kein Thema. Doch würde die Sängerin den Trump machen und als Kanzlerin kandidieren … Wir wagen keine Prognose für Deutschland, einig Helene-Land.

Das Album "Helene Fischer" bei Amazon kaufen oder bei iTunes downloaden

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen