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Das wird der ESC auf jeden Fall verpassen: Wolfgang "Wölfi" Wendland bei einem Auftritt der Band Die Kassierer.
Das wird der ESC auf jeden Fall verpassen: Wolfgang "Wölfi" Wendland bei einem Auftritt der Band Die Kassierer.(Foto: imago/biky)

"Wie so ein schrecklicher Unfall": ESC ohne Die Kassierer - na und?

"Die Kassierer"-Sänger "Wölfi" zieht sich gerne aus. Dennoch oder gerade deshalb hätten ihn einige gern beim Eurovision Song Contest gesehen. Doch daraus wird nichts. Und was sagt er nun einen Tag vor dem Vorentscheid? n-tv.de hat nachgefragt.

Wenn ein nackter, von Dosenbier geformter Mittfünfziger den After von Außerirdischen oder die Scheide von Kristiane Backer besingt, dann weiß jeder Punkrock-Experte hierzulande, was die Stunde geschlagen hat. Oh ja, die Kassierer sind im Haus. Seit über dreißig Jahren tingeln die Bochumer Satire-Punks um Frontkugel Wolfgang "Wölfi" Wendland nun schon durch die Clubs der Republik und hinterlassen dabei reihenweise offene Münder.

Manch einer hätte Die Kassierer gern beim ESC-Finale in Stockholm gesehen.
Manch einer hätte Die Kassierer gern beim ESC-Finale in Stockholm gesehen.(Foto: imago/biky)

Dieser Tage sollte nun endlich auch mal der Mainstream in den Genuss von holprigen Bumtschak-Beats, kratzigen Gitarren und Reimen aus der Satire-Wundertüte kommen. Doch der NDR hatte was dagegen. Die Kassierer beim Vorentscheid zum Eurovision Song Contest (ESC)? Niemals. Da bringt man doch lieber gregorianische Mönche, langhaarige Power-Metal-Barden und ein asienverliebtes Manga-Häschen an den Start.

Der Punkrock-Paukenschlag bleibt also aus. Doch wie geht man in Bochum mit dem Ganzen um? Wirft man wild mit Pflastersteinen um sich? Uriniert man vor die Tore des NDR-Hauptquartiers? Oder winkt man nur müde ab? ntv.de bat Wolfgang Wendland zum Vieraugengespräch und fragte nach.

ntv.de: Wolfgang, morgen geht der ESC-Vorentscheid über die Bühne. Wirst du vor dem Fernseher sitzen?

Wolfgang Wendland: Ach? Morgen ist das schon? Äh, ich glaube nicht.

Sitzt der Schmerz noch so tief?

Nein, gar nicht. Von Schmerzen kann auch gar keine Rede sein. Wenn ich mir die letztlich ausgewählten Kandidaten so anschaue, bin ich nur etwas verwundert.

Warum?

Weil das alles irgendwie nach Kirmes klingt.

Als Band gibt es Die Kassierer seit 1985.
Als Band gibt es Die Kassierer seit 1985.(Foto: imago/biky)

Ihr hättet das musikalische Niveau demnach deutlich angehoben?

Selbstverständlich.

Habt ihr mittlerweile eine Begründung für die Absage erhalten?

Nicht wirklich. Wir haben nur eine E-Mail vom "ESC-Team" erhalten, in der stand, dass die anderen Bewerber wohl besser waren.

Vielleicht hatte man aber auch Angst, dass ihr nackt die Bühne stürmen würdet.

Möglich. (lacht)

Vorgestern wurde noch eine kurze "Pressekonferenz" via Youtube online gestellt, in der du die zeitgleiche Veröffentlichung eures Beitragssongs "Erdrotation" ankündigst. Frei nach dem Motto: Dann nutzen wir wenigstens den Windschatten des Ganzen?

Genau. Wir heißen ja nicht umsonst Die Kassierer. 

In der "Pressekonferenz" ist auch von einer "verschwörungswichtelnden Heulboje" die Rede. CDs von Xavier Naidoo hast du also keine bei dir zuhause im Schrank stehen, oder?

Nein. Natürlich nicht.

Was stört dich denn an Herrn Naidoo mehr: seine Verschwörungsansichten oder seine schluchzende Musik?

Beides zusammen schlägt dem Fass einfach den Boden aus. Ich habe mich schlicht maßlos darüber geärgert, dass man so einen einfach nach Stockholm schicken wollte. Der war ja gesetzt. Die Leute sollten ja nur noch über mögliche Songs abstimmen. So hat das Ganze ja angefangen. Da wollten wir ein Zeichen setzen. Und darum haben wir uns auch beworben.

Leider ohne Erfolg. Da half auch keine Petition.

Das ist schon seltsam. Ich meine, da haben über 30.000 Leute unterschrieben. Es ging also nicht nur um irgendwelche Bochumer Punks, die uns unterstützen wollten.

Da waren auch bestimmt jede Menge Leute mit dabei, die dich im vergangenen Jahr fast auf den Bochumer Oberbürgermeister-Thron gehievt haben.

Gut möglich. (lacht)

Wie vielen Menschen bist du bisher begegnet, die sich fragen, wie man denn einen bierbäuchigen Punk-Sänger, der sich seinem Publikum gern auch mal nackt präsentiert, politisch ernst nehmen soll?

Nicht so vielen. Mag aber vielleicht auch daran liegen, dass ich mich den meisten Leuten, die sich auch für meine politischen Ansichten interessieren, noch nicht nackt und mit einer Bierdose in der Hand präsentiert habe. (lacht) Im Ernst: Das sind ja zwei verschiedene Bereiche. Auf der Bühne gibt es den Wolfgang der Kassierer. Und der macht halt, was er macht. Und zu politischen Anlässen zieht der Wolfgang auch gerne mal einen schicken Anzug an. Das gehört sich so. Und kommt auch besser an, glaube ich.

Von zwölf angetretenen Kandidaten wurdest du letztlich vierter. Hat dich das Ergebnis überrascht?

Ob er wohl zum Oberbürgermeister getaugt hätte?
Ob er wohl zum Oberbürgermeister getaugt hätte?(Foto: imago/biky)

Überrascht? Na ja, wir waren ein ziemlich kleines Team, das keine große Partei im Rücken hatte. Insofern waren die 7,9 Prozent schon recht ordentlich. Das hat mich schon gefreut.

Was wäre denn passiert, wenn du die Wahl gewonnen hättest? In welchem Licht würde Bochum heute erstrahlen?

In einem helleren. Man muss natürlich dazu sagen, dass Veränderungen auch Zeit brauchen. Und ich würde mich jetzt nicht gerade als Hektiker bezeichnen. Insofern hätte sich bis heute wahrscheinlich noch nicht ganz so viel verändert.

Nehmen wir mal an, du landest irgendwann doch noch mal in entscheidungstragenden Etagen. Was stünde bei deiner politischen Agenda ganz oben auf der Liste?

Oh, diese Frage macht mich jetzt etwas ratlos.

Lass dir ruhig Zeit.

Mmmmm, keine Ahnung. Definitiv nichts Weltveränderndes. Ich bin ja eher in der Kommunalpolitik unterwegs. Und da wäre mir mehr Transparenz wichtig. Die Leute nur zu mobilisieren, wenn Wahlen bevorstehen, reicht einfach nicht. Man muss den Menschen auch danach die Türen öffnen. Das wäre so ein Punkt, der mir wichtig wäre. Gerade in Bochum gibt es viele politisch diskutierte Dinge, von denen die Leute auf der Straße überhaupt keine Ahnung haben. Das würde ich gerne ändern wollen.

Armes Bochum. Daraus wird ja jetzt nichts.

Tja. Ich würde mich auch gerne dazu zwingen, das Ganze irgendwie zu verdrängen. Das ist alles schon so eingefahren. Irgendwann will man da gar nicht mehr hingucken. Gruselig.

Zwingst du dich vielleicht auch ein bisschen dazu, morgen nicht vor dem Fernsehgerät zu sitzen?

Morgen? Wieso?

Hallo? ESC-Vorentscheid?

Ach so. Stimmt. Da war ja was. Also eigentlich will ich es mir nicht antun. Aber diese Sendung wird wahrscheinlich wie so ein schrecklicher Unfall, wo man nicht hingucken will, dann aber trotzdem gafft und guckt.

Mit Wolfgang "Wölfi" Wendland sprach Kai Butterweck

Quelle: n-tv.de

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