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Mausert sich mehr und mehr zum Tausendsassa: Marten Laciny alias Marteria.
Mausert sich mehr und mehr zum Tausendsassa: Marten Laciny alias Marteria.(Foto: Paul Rippke / Sony Music)
Donnerstag, 15. Juni 2017

Marteria ist jetzt Filmemacher: "Es knallt ganz schön gerade"

Marten Laciny war es, der deutschen Hip-Hop wieder cool gemacht hat. Vor elf Jahren tauchte er als maskiertes Fabelwesen Marsimoto erstmals auf der Bildfläche auf, unter dem Namen Marteria gelang ihm anschließend der große Durchbruch. Stets auf der Suche nach neuen Herausforderungen, hat der 34-Jährige nun seinen ersten Film "Antimarteria" gedreht. Darin geht es um einen afrikanischen Stamm mit Stoßzähnen aus Elfenbein, aus denen skrupellose Gangster die begehrteste Droge der Welt machen. Der Film ist eng mit Marterias aktuellem Album "Roswell" verknüpft und entstand in Zusammenarbeit mit Autor und Regisseur Specter Berlin - einst Mitgründer des Hip-Hop-Labels Aggro Berlin. Im Interview mit n-tv.de spricht Marteria über das Medium Film, seine Verbindung zu Afrika und darüber, was in unserer Welt alles schiefläuft.

n-tv.de: Marten, dein Album "Roswell" ist gerade erst erschienen, da legst du schon mit dem Film "Antimarteria" nach. Bist du ein Workaholic?

Marten Laciny: Um Gottes Willen! Jetzt gerade, nach dem Rock-am-Ring-Wochenende, würde ich am liebsten fünf Tage gar nichts machen. Ich habe eine Lendenwirbelentzündung, meine Schulter tut weh und ich sehe aus, wie ein Apfel, der drei Wochen unter einem Baum lag. Aber jetzt kommt nun mal der Film und darauf habe ich so lange hingearbeitet. Es ist einfach toll, wenn man etwas mit Leidenschaft machen und seine Ideen umsetzen kann. Erst ist da nur ein kleiner Gedanke in deinem Kopf und dann siehst du das Ganze auf einmal in echt auf einer Leinwand – das ist total wahnsinnig.

Wie bist du auf die Idee gekommen, einen Film zu machen?

Es fing damit an, dass ich mir Gedanken gemacht habe, wie die Musikvideos für mein neues Album aussehen könnten. Es gibt darauf einen Song namens "Elfenbein", der aus der Sicht eines Geflüchteten geschrieben ist. Und auf einmal hatte ich diese Idee im Kopf von einem Stamm, der Elfenbeinzähne hat und dafür gejagt wird, weil daraus das krasseste Koks der Welt gemacht wird. Das klingt zwar sehr märchenhaft, ist gleichzeitig aber ziemlich realistisch. Denn so läuft es nun mal in der Welt: Alles, was rar und selten ist, wird ausgebeutet und dadurch immer wertvoller. Ich habe dann mit Specter an dieser Idee gearbeitet. Eigentlich sollte es ein zehnminütiger Kurzfilm werden …

Jetzt kommt "Antimarteria" fast auf eine Stunde Spielzeit.

Und es entstand eine Geschichte mit vielen Ebenen und einer Botschaft. Eine Geschichte, die wehtut und krass ist, aber auch etwas Schönes hat. Und Superhelden und all das, was man als kleiner Junge liebt. Diesen Film zu machen, war für mich eins der intensivsten und emotionalsten Projekte. Die Planung, das Drehbuch, die Geschichte, die Umsetzung. Wir haben einen Monat lang mit 35 Leuten in Südafrika gedreht. Diese Verbrüderung in den Townships und mit der Crew, wie wir alle an einem Strang gezogen haben - das war schon krass. Zumal das für mich etwas ganz Neues war. Neuland zu betreten ist immer spannend und aufregend.

Du warst schon oft in Afrika, unter anderem mit dem Verein Viva con Agua in den Townships von Nairobi. Ist der Film auch davon inspiriert, was du dort erlebt und gesehen hast?

Zu Afrika pflegt er eine ganz besondere Verbindung.
Zu Afrika pflegt er eine ganz besondere Verbindung.(Foto: Paul Rippke / Sony Music)

Sicherlich. Auch wenn man es nicht mitbekommt, speichert man alles, was man erlebt und wahrnimmt, irgendwie ab und verarbeitet es später. Gerade, wenn du siehst, wie ungerecht die Dinge dort laufen. Nairobi ist ein gutes Beispiel: Die Stadt ist so groß und mittendrin gibt es dann diese weiße Welt - einen eigenen Stadtteil mit riesigen Mauern drum herum. Aber auch in Südafrika stecken dieses Klassendenken und diese Unterdrückung immer noch in den Köpfen drin. Und dann wundern die Leute sich, wenn die Kluft immer mehr auseinander geht. Dadurch werden Hass und Abneigung aufgebaut und das ist einfach der Killer. Für mich ist der wichtigste Grundsatz im Leben, dass wir alle gleich sind. Keiner hat das Recht, sich besser zu fühlen, egal welche Hautfarbe und egal ob arm oder reich. Wenn man sich auf Augenhöhe begegnet, kann man so viel lernen.

Fühlt man sich nicht trotzdem manchmal wie ein Voyeur, wenn man mit der Kamera durch die Townships läuft?

Schon, aber mit Viva con Agua oder jetzt bei dem Film ist das schon etwas anderes, als wenn irgendwelche Touristen ihre Kamera draufhalten. Ich bin auch oft genug so in Afrika, ohne Kameras. Ich war im Dezember gerade in Angola und habe zwei Wochen mit fünf Anglern aus Angola verbracht.

Was reizt dich an Afrika?

Afrika ist einfach mein Lieblingskontinent. Mit Asien zum Beispiel, so schön es dort ist, werde ich einfach nicht warm. Musik, Fußball, dieses Verbrüderungsgefühl - all das mag ich an Afrika. Ich bin Hip-Hopper, dieser ganze Groove, die Mucke, die Tänze, das Breakdance-Ding - das kommt alles von dort. Für mich ist die ganze urbane Musikgeschichte inspiriert von Afrika oder Inseln wie Jamaika, wo ja letztlich auch Afrikaner leben. Das sind die Wurzeln der Musik, der ich alles zu verdanken habe.

Zurück zu deinem Film. Auch Cro hat letztes Jahr einen Film gemacht - und zwar über sich selbst. Warum dreht sich "Antimarteria” nicht um dich?

Im Kino feierte "Antimarteria" vor rund einer Woche Premiere.
Im Kino feierte "Antimarteria" vor rund einer Woche Premiere.(Foto: imago/Future Image)

Ich wollte mich nicht als Held abfeiern. Deswegen gibt es in dem Film auch die Szene, in der ich im Township mit dem Megafon rappe und keiner jubelt. Warum sollen die im Township auch jubeln, wenn da dieser komische Deutschrapper kommt, den keiner kennt? Erst als ich den Fußball raushole, geht die Party los. Das ist realistisch! Mir ging es bei dem Film nicht um mich, sondern genau wie bei meinem Album um die Botschaft: Die komplette Welt hängt zusammen und wir sind alle ein Teil des Guten und des Bösen und des ganzen Wahnsinns. Keiner kann sich da rausnehmen. Deswegen hebt der Film auch nicht den Zeigefinger.

Und deswegen schnupfst du den Elfenbeinstaub in dem Film auch selbst? Nach dem Motto: Wir sind alle schuldig?

Genau. Ob das die Schuhe sind, die wir tragen, oder das Zeug, das wir uns reinballern. Es gibt immer jemanden, der leidet. Vegetarier denken, sie machen alles richtig, weil sie nur noch Soja essen und keine Tiere mehr töten, aber dann sterben Hunderte Menschen auf Soja-Plantagen. Man muss sich die Dinge einfach bewusst machen. Welche Klamotten man trägt, welches Auto man fährt oder ob man einen Burger bei McDonald’s isst. All das mit einem Bewusstsein zu tun, würde schon total viel verändern.

"Wir sind nicht nur das Problem, wir sind auch die Lösung", schlussfolgerst du in "Antimarteria". Das heißt, es besteht noch Hoffnung?

Die besteht immer, sonst bräuchte man das alles nicht machen. Aber ich glaube, die Menschen wissen nicht, wie nah wir dem Ende sind. Es knallt ganz schön gerade, das kann man nicht verdrängen. Wir müssen Lösungen für ziemlich große Probleme finden. Wenn wir einfach so weiter machen, wird es früher als gedacht vorbei sein. Und es ist schon verrückt, dass irgendwelche alten Männer über unsere Zukunft entscheiden. Wir müssen mehr Protestwillen erzeugen. Ich glaube, dann könnte am Ende schon die gute Seite gewinnen.

Kann Marteria die Welt verändern?

Diese Hoffnung habe ich leider nicht. Ich glaube dann hätten das Michael Jackson oder Freddy Mercury schon schaffen müssen. Ich versuche einfach, meine Stellung aufzuzeigen - ohne zu sagen, was gut und böse ist. Im Idealfall regt mein Film die Leute zum Nachdenken an, aber wenn nicht, dann eben nicht. Dann ist es einfach nur ein künstlerisch wahnsinniger Film. Ich habe das aus meinen eigenen Emotionen heraus gemacht. Wie die Menschen das aufnehmen, kann ich nicht beeinflussen.

Auf deinem Album, mit dem der Film eng verknüpft ist und aus dem immer wieder Songzeilen auftauchen, rappst du in "El Presidente": "Werd' doch Präsident". Vielleicht solltest du in die Politik gehen?

(lacht) Politik ist halt mega-öde und langweilig, das ist das Problem. Man sollte ja niemals nie sagen, aber das ist das allerletzte, was ich mir vorstellen könnte. Das ist so eine Alien-Welt … Davon abgesehen: Wenn ich etwas sage, wenn ein Schauspieler oder ein Musiker etwas sagt, kommt das bei den 20-Jährigen viel mehr an, als wenn irgendein Politiker etwas sagt. So gesehen machen wir ja fast schon Politik, bloß auf eine coole Art.

Mit Marten Laciny sprach Nadine Wenzlick

Marteria geht mit "Roswell" auf Tour, im Dezember 2017 startet eine große Hallentournee. Vorher gibt es aber noch ein paar Konzerte auf Festivals - etwa beim Wireless Festival am 24. Juni in Frankfurt/Main, beim Sziget-Festival am 14. August in Budapest und beim Lollapalooza am 9. September in Berlin (Rennbahn Hoppegarten).

"Antimarteria" ist kostenlos im Internet verfügbar - bei Youtube oder auf Marterias Webseite

Quelle: n-tv.de

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