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Popstar-Karriere? Das scheint für Nelly Furtado nicht mehr das Wichtigste zu sein.
Popstar-Karriere? Das scheint für Nelly Furtado nicht mehr das Wichtigste zu sein.(Foto: Ben Guzman / Seven Eleven Music)
Samstag, 01. April 2017

Nelly Furtado zurück bei null: "Ich habe wieder Toiletten geputzt"

Als "Maneater" wird Nelly Furtado dereinst zum globalen Superstar. Nun meldet sie sich nach langer Schaffenspause zurück. Mit n-tv.de spricht sie über ihr neues Album "The Ride", ihr Engagement in Kenia und den langen Weg zu sich selbst.

n-tv.de: Seit deinem letzten Album "The Spirit Indestructible" sind rund viereinhalb Jahre vergangen. Warum hat es so lange bis "The Ride" gedauert?

Nelly Furtado: Gute Frage. Mir fällt es auch schwer zu glauben, dass so viel Zeit seither vergangen ist. (lacht) Aber ich war wirklich beschäftigt. Ich habe sehr viele Sachen getan, die ich einfach schon immer tun wollte.

Zum Beispiel?

Das reichte von der Rückkehr an die Universität, um ein Studium im Drehbuchschreiben zu absolvieren, über die Arbeit im Plattenladen eines Freundes bis hin zu einem 10.000-Meter-Lauf, den ich vergangenes Jahr bestritten habe. Ich habe Kurse im Nähen und in der Arbeit mit Keramik besucht und in der Schulbücherei meiner Tochter ausgeholfen (lacht). Ich habe auf meinem eigenen Label mit anderen Künstlern zusammengearbeitet. Und ich bin gereist - nicht nur für den Job, sondern zum Vergnügen. Dabei war ich auch für die Wohltätigkeitsorganisation, für die ich arbeite, in Kenia.

Das klingt wirklich nach einer Menge …

Ja, ich habe echt viele kleine verschiedene Sachen gemacht. Und auch das neue Album zu machen, hat mich ja rund zweieinhalb Jahre gekostet. Mit der Arbeit daran habe ich schon im Juli 2014 begonnen.

Drehbücher schreiben, Laufen, Nähen, Keramiken erstellen … Was davon hast du denn in deinen Alltag integriert?

Ich denke mir immer: Man kann das alles irgendwann mal wieder aufgreifen, wenn man Lust darauf hat. Ich bin jemand mit vielen Hobbys. Manchmal lerne ich etwas - und mache es dann für eine lange Zeit nicht mehr, weil ich schnell gelangweilt bin (lacht).

Insgesamt klingt das alles sehr danach, dass du mal zu dir selbst finden musstest …

Furtado hat sich in vielfacher Weise neu erfunden.
Furtado hat sich in vielfacher Weise neu erfunden.(Foto: Eleven Seven Music)

Ja. Und das Wichtigste in all der Zeit war wahrscheinlich auch, dass ich mich für eineinhalb Jahre selbst gemanagt habe. Das war sehr lehrreich, weil es mir das Gefühl gegeben hat, vollständig unabhängig zu sein und mal meine komplett eigenen Entscheidungen zu treffen. Ich habe alles heruntergefahren, bin jetzt geerdeter und habe eine bessere Work-Life-Balance. Ich habe mir schon immer Auszeiten genommen. Aber jetzt versuche ich, mein ganzes Leben mit Kreativität zu füllen und nicht nur bestimmte Abschnitte. Ich glaube, wenn man sich zu sehr auf den Job konzentriert, erstickt das irgendwann auch Kreativität.

Dabei hast du musikalisch eigentlich immer zu überraschen gewusst. So auch jetzt mit "The Ride", das wieder einmal anders klingt, als man es vielleicht erwartet hätte. Was macht dich als Künstlerin so flexibel?

Das ist wahrscheinlich meine Musikalität. Ich habe Musik schon immer als etwas sehr Demokratisches erachtet. Ich glaube nicht an Genres. Ich bin mit schwarzen Noten auf weißen Blättern und mit dem Spielen von Blasinstrumenten aufgewachsen. Mein Großvater war Komponist. Und wenn man mal in einem Orchester Kompositionen gespielt hat, macht einen das gegen Schubladendenken immun. Wenn man die Sprache der Musik spricht, werden Genres irrelevant.

Ich versuche trotzdem mal, die Musik auf "The Ride" einzuordnen: Auf der einen Seite gibt es einen für dich eher ungewöhnlichen Indie-Sound zu hören, auf der anderen fühlt man sich häufiger an deine frühen Songs auf deinem Debütalbum "Whoa, Nelly!" erinnert. Stimmst du mir zu?

Ich weiß, was du meinst. Vielleicht habe ich alles soweit abgestreift, dass ich wieder am Punkt null angekommen bin. Als ich "Whoa, Nelly!" aufgenommen habe, habe ich in einem Motel Toiletten geputzt. Und vor vier Jahren habe ich wieder damit angefangen, meine eigenen Toiletten zu putzen. (lacht) Das scheint sich bewährt zu haben und könnte ein Sinnbild sein. Ich habe versucht, mein Leben zu vereinfachen, so dass es sich wieder total normal anfühlt. Und vielleicht fühlst du dich deshalb bei "The Ride" an mein erstes Album erinnert.

Was würdest du im Moment als deine musikalischen Einflüsse bezeichnen?

Das ist auch etwas, das sich geändert hat. Ich habe in den vergangenen Jahren wieder angefangen, mir Musik einfach nur zum Vergnügen anzuhören. Das ging los, als ich in das Geschäft meines Freundes spazierte, der alte Schallplatten verkauft. Da habe ich mir das Album "Adventures In Paradise" von Minnie Riperton gekauft. Das hat so eine feminine und idealistische Attitüde, ist zugleich aber auch sehr geerdet. In gewisser Weise wurde das zu einer Art Vorlage für mein Album. Ansonsten höre ich mir gerade sehr viele junge kanadische Künstler an, die coole, urbane Musik machen: River Tiber, Charlotte Day Wilson oder BadBadNotGood - eine fantastische neue Jazz-Band.

Die erste Single, die du aus "The Ride" ausgekoppelt hast, ist "Pipe Dreams". Die Idee dazu soll dir in Kenia gekommen sein. Was ist die Geschichte dahinter?

Ja, den Song habe ich tatsächlich in Kenia geschrieben - so wie auch "Palaces" und "Live". In "Pipe Dreams" sinniere ich über die Dinge des Lebens. Ich ging in Kenia zum Fluss, um in einem großen Kanister Wasser zu holen. Die dort lebenden Frauen wollen Besuchern nämlich zeigen, wie ihre Wasserversorgung aussah, bevor sie einen Brunnen hatten. Damals mussten all die jungen Frauen noch zum Fluss gehen, das Wasser holen, es abkochen und desinfizieren - das alles dauerte viele Stunden. Folglich hatten sie auch keine Zeit, zur Schule zu gehen. All das änderte sich, seit sie einen Brunnen haben. Der Trip nach Kenia hat mich sehr inspiriert - und ich wollte meinen Produzenten beeindrucken, indem ich mit guten Songs zurückkomme. (lacht)

Du hast ja schon länger eine spezielle Verbindung zu Kenia. Wie ist das entstanden?

Das Album "The Ride" von Nelly Furtado ist ab sofort erhältlich.
Das Album "The Ride" von Nelly Furtado ist ab sofort erhältlich.(Foto: Eleven Seven Music)

Ich bin 2011 das erste Mal in das Land gereist und habe so viele wundervolle und gute Menschen dort kennengelernt - junge Frauen mit ihren Müttern, Vätern, Tanten, Onkeln, Großmüttern, Großvätern … Es war das erste Mal seit meiner Kindheit, dass ich ein Gefühl von Gemeinschaft hatte. Ich hatte meine Tochter dabei. Auch bei ihr haben diese wirklich gesunden Rollenvorbilder Eindruck hinterlassen: junge kenianische Mädchen, die an der Highschool ihren Traum verfolgen und wirklich hart darum kämpfen.

Du tust viel, um gerade junge Frauen zu unterstützen, etwa durch die Förderung von Bildungseinrichtungen für sie in Kenia. Frauenrechte liegen dir besonders am Herzen. Wie geht es dir dann, wenn du von deiner kanadischen Heimat gerade über die Grenze in die USA blickst, wo Donald Trump nun Präsident ist?

Nun, ich will nicht über die USA reden. Ich kann nur sagen: Ich bin wirklich glücklich, Kanadierin zu sein. Ich habe das Land auch nie verlassen, ich bin hier geboren und aufgewachsen. Als Justin Trudeau gewählt wurde, war das eine Entscheidung für eine sehr umsichtige Führung. Und ich glaube, das ist es, was wir heute brauchen. Nur so werden wir überleben. Trudeau hat zum Beispiel bewusst die Hälfte seines Kabinetts mit Frauen besetzt. Das war wirklich eine Maßnahme von historischer Bedeutung. Führung zu übernehmen, bedeutet auch ein Vorbild für Kinder zu sein. Und ich glaube, man kann auch mit Herz und guten Absichten führen.

Müssen wir, nachdem "The Ride" nun erschienen ist, wieder viereinhalb Jahre warten, bis wir das nächste Mal von dir hören?

Ich hoffe nicht. (lacht) Aber für mich bildet das Album so eine Art Abschluss. Es gibt so viele andere Dinge, die ich tun möchte: Ich möchte ein Drehbuch schreiben, vielleicht die Kunsthochschule besuchen und vieles mehr. Ich habe so viele Träume. Und um sicherzustellen, dass ich sie auch verfolge, muss ich jetzt auf dem Teppich bleiben. Denn wenn man zu beschäftigt ist, weiß man gar nicht mehr, was man will. Deshalb gebe ich dir eine ganz ehrliche Antwort: Ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist "The Ride" mein letztes Album - und ich weiß es noch nicht einmal (lacht).

Mit Nelly Furtado sprach Volker Probst

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Quelle: n-tv.de

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