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Sein Vater hätte nicht gewollt, dass er lange um ihn trauert, glaubt Marilyn Manson.
Sein Vater hätte nicht gewollt, dass er lange um ihn trauert, glaubt Marilyn Manson.(Foto: Perou)
Freitag, 06. Oktober 2017

Marilyn Manson trauert anders: "Ich war im Stripclub, als mein Vater starb"

Mit "Heaven Upside Down" veröffentlicht Schockrocker Marilyn Manson sein zehntes Album, während er sich Zuhause in L.A. gerade von einem Bühnenunfall erholt. n-tv.de erzählt er von den letzten wilden Stunden seines geliebten Vaters und seinen zwei Stubentigern.

Höchste Zeit, den Staub von der satanischen Bibel zu klopfen. Denn Marilyn Manson, der God Of Fuck, veröffentlicht mit "Heaven Upside Down" ein neues, wütendes Werk, mit dem er sich auch den privaten Frust von der Seele schreit. Vor einer Woche lief es allerdings nicht so gut für ihn. Bei einem Konzert in New York City ist ein Teil der Bühnendekoration - zwei übergroße Pistolen - auf den Rockmusiker herabgefallen. Die US-Tour musste er vorerst aussetzen, um sich an seinem Wohnsitz in L.A. zu erholen. Im Internet üben sich streng gläubige Christen aus Amerika darüber in Schadenfreude. "Das ist die Strafe, wenn man Satan näher ist als Gott", heißt es da. Dabei ist das Enfant terrible der US-Rockszene ganz Gentleman, als n-tv.de ihn in der abgedunkelten Kellerbar des Berliner "Soho House" zum Interview trifft. "Endlich mal eine Frau heute", sagt der 48-jährige Schockrocker und holt überschwänglich zur Umarmung aus. Sein Wodka-Glas ist voll, bei ihm selbst hält es sich noch in Grenzen.

n-tv.de: Mr. Manson, bevor ich's vergesse: Ich traf gerade Soft-Cell-Sänger Marc Almond, mit dem Sie sich den Welthit "Tainted Love" teilen. Er sendet Ihnen all seine Liebe und meinte, Sie hätten die beste Coverversion seines Songs aufgenommen.

Marilyn Manson: Ha! Dabei ist es doch gar nicht sein Song. Gloria Jones hat "Tainted Love" in den Sechzigern als Erstes aufgenommen.

War als Scherz gemeint von Almond. Aber er meinte auch, dass Ihre Lieder "The Beautiful People" und "The Dope Show" immer noch zu seinen Lieblingssongs gehören.

Das ist ein schönes Kompliment. Das gefällt mir. Wir sind uns einmal auf dem Roten Teppich begegnet. Er ist sehr süß. Sweet like an almond. (lacht)

Wie geht's Ihnen denn?

Sein neues Album ist kompromisslos, findet Marilyn Manson.
Sein neues Album ist kompromisslos, findet Marilyn Manson.(Foto: Perou)

Gut eigentlich.

Ich frage auch, weil Sie in letzter Zeit einige menschliche Verluste hinnehmen mussten.

Das ist leider wahr. Vor drei Jahren verstarb meine Mutter - und das ausgerechnet am Muttertag. Und im Juli auch noch mein Vater.

Ist noch ziemlich frisch, oder?

Schon, aber es ist ok. Natürlich vermisse ich meinen Dad, aber ich bin nicht mehr allzu traurig. Das hätte er nicht gewollt, weil er selbst so gelitten hat ohne meine Mutter. Mein Vater würde sich jedoch freuen, wenn er in Verbindung gebracht wird mit dieser Platte, weil sie so kompromisslos ist.

Was ist daran kompromisslos?

Die Botschaft, die sich durch die Platte zieht, ist recht eindeutig: "Verarsch mich nicht oder irgendjemanden, der mir nahe steht. Denn sonst werde ich dir übel mitspielen." Manson ist gefährlich und kann endlich wieder sagen: "Das bin ich!" Es war mein Dad, der mich gelehrt hat, ein Mann, Kämpfer und Überlebender zu sein. Er hat mir mit seinem Glauben an mich den Rücken für diese Platte gestärkt.

Sie standen sich sehr nahe?

Absolut. Wir waren oft mit meinem Kumpel Johnny Depp feiern und haben es krachen lassen.

Sie haben mal ein Foto auf Twitter geteilt, auf dem man Ihren Vater und Sie in vollem Make-up sieht.

Oh ja. Die Leute nahmen an, dass ich es war, der uns beiden das helle Make-up, den dunklen Lidschatten und den roten Lippenstift verpasst hatte. Aber das war mein Vater! Er hat uns beide geschminkt. So war er halt. Hugh liebte die Welt, die er für mich kreiert hatte.

Woran ist er eigentlich gestorben?

Er hatte Krebs und ziemlich viele Komplikationen. Er hatte die Krankheit erst vor mir geheim gehalten, um mich zu schützen. Aber ich wusste, dass etwas nicht stimmte. Die Nacht, bevor er im Krankenhaus starb, wurde er noch wiederbelebt. Das hat mich traumatisiert. Zum Glück war ich nicht anwesend, denn sonst hätte ich ihn zwei Mal sterben sehen.

Wo waren Sie denn?

In einer Stripbar. Mein Cousin und ich sind beste Freunde seit Kindheitstagen - wir sind wie Brüder. Ich musste auf andere Gedanken kommen, denn ich wusste, dass mein Dad keine Woche mehr durchhält. Aber das es dann so schnell gehen würde ... Jedenfalls rief mich die Schwester aus dem Krankenhaus an und störte, während ich mir Drogen und Alkohol mit den Striptänzern reinpfiff. Mein Dad wäre darüber stinksauer gewesen. Ich fragte sie, ob ich besser sofort ins Krankenhaus kommen sollte. Und sie sagte: "Sie können's mit Beten versuchen." Das hat mich noch wütender gemacht. Sie unterbrach eine Vergnügung, die mein Dad für gut befunden hätte. Denn er war es, der mich als Teenager das erste Mal in eine Stripbar mitgenommen hatte.

Aber das böse Erwachen kam dann noch.

Am Morgen musste ich die Entscheidung fällen, die Geräte abzuschalten. Die Schwester meines Vaters war dabei. Ich hielt seine eine Hand, die andere hatte er an seinem besten Stück. Ich teile diese Erinnerung, weil mein Dad sich freuen würde, wenn die ganze Welt wüsste, dass er mit der Hand an seinem Schwanz gestorben ist - wie ein Lude. (lacht)

Hatte das Erlebte auch direkten Einfluss auf die Platte?

Es gibt drei Songs, die ohne die Umstände seines Todes und ohne seinen Glauben an mich nicht passiert wären: Der Eröffnungssong "Revelation #12", der letzte Song "Heaven Upside Down" und der Mittelsong "Saturnalia". Letzterer behandelt die Mythologie des Vater-Sohn-Kreislaufs. Es ist quasi eine Hommage an meinen Dad. Wir machten ihn fertig, kurz bevor ich von ihm Abschied nehmen musste.

Nachdem Sie Ihre beiden Eltern verloren haben, könnten Sie sich vorstellen, auch eine eigene Familie zu haben?

Mansons Familie? Zwei getigerte Katzen!
Mansons Familie? Zwei getigerte Katzen!

Ich habe diese zwei Typen hier. (Manson zeigt ein Foto mit zwei grau getigerten Katzen auf seinem Handy) Sie heißen William White Boy Manson und Rusty Manson. Sie sind Brüder, sehr schlau und intuitiv. Sie wissen genau, wenn ich traurig oder glücklich bin. Sie sind beides rockende Halunken. Der Eine klettert auf den Rücken des Anderen, um die Tür zu öffnen. Sie sind wirklich klug. Ich hatte noch eine schneeweiße Katze namens Lily White - die ist vor einem Jahr verstorben. Ich vermisse sie sehr, aber immerhin ist da viel Lily in meinen beiden Katern. Denn Lily war sehr komplex. Jetzt habe ich zwei Jungs ohne Eier, die sehr weiblich sind.

Heute ist übrigens Internationaler Katzentag!

Ja, richtig. Ich habe mit Shooter Jennings übrigens eine Version von David Bowies "Cat People" aufgenommen. Dazu haben wir auch ein etwas gruseliges Video gedreht. Wollen Sie vielleicht noch mehr Fotos sehen? Hier bin ich mit meinem Freund Johnny. (Manson zeigt ein Schwarz-Weiß-Foto von ihm und Hollywood-Schauspieler Johnny Depp auf seinem Handy.)

Kommen jetzt die Schwanz-Fotos?

(lacht) Nein, keine Schwanz-Fotos. Dazu bin ich zu neurotisch.

Chris Cornell und Chester Bennington von Linkin Park sind die jüngsten Depressionsopfer im Rockzirkus. Auch Sie hatten mit Depressionen zu kämpfen. Wie kommt man da raus?

Bei der Krankheit geht es ja viel um Scham. Wenn du depressiv bist und jemand sagt dir: "Hey, du bist großartig", dann macht es das eigentlich noch schlimmer. Denn das Problem bei einer Depression ist: Du weißt, dass du besser sein kannst, aber du kannst es nicht umsetzen. Du erlebst und fühlst es anders. Du bist im Nichts, irgendwo zwischen leben und sterben wollen. Allein deine Gedanken zu formulieren, ist der wichtigste Schritt auf dem Weg zur Genesung. Denn ich wollte nie zu so einem Menschen werden. Wenn ich heute solche Momente habe, sage ich mir: "Fuck that shit, ich tu es einfach!'"

Könnten Sie bitte trotzdem aufhören mit den Drogen? Sonst verlieren wir Sie auch noch!

Ich bin gerade nicht auf Drogen. Vielleicht später. Ich kann Spaßhaben und Trauerverarbeitung heutzutage gut unterscheiden. Ich habe gelernt, wie ich mit Trauer umgehe. Ich mache einfach etwas, dass mich glücklich macht. Meistens hat das mit Musik zu tun. Ich habe gerade unheimlich Spaß auf Tour.

Sie sind heutzutage ziemlich offen, was Ihre Gefühlslage betrifft.

Ich habe keine Angst mehr davor. Heutzutage ist mein Image, einfach ich selbst zu sein. Davor war es eher eine Frage von: Bin ich ein Image oder jemand anderes? Aber das hier ist der, der ich bin. Ich bin echt.

Mit Marilyn Manson sprach Katja Schwemmers.

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Quelle: n-tv.de

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