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Alles live, alles laut, alles sehr lebendig: Jean Michel Jarre hat eine Vision. Und eine Mission.
Alles live, alles laut, alles sehr lebendig: Jean Michel Jarre hat eine Vision. Und eine Mission.(Foto: REUTERS)

Höchster Alarm für die Erde!: Jean Michel Jarre beschallt das Tote Meer

Von Sabine Oelmann, Masada

Eine Reise ans Tote Meer ist eine Reise an den tiefsten Punkt auf der Erde. Eine Reise zu sich selbst. Eine Reise ins Salz, in den Sand, den Wind, die Sonne, das Meer. Eine Reise in die Geschichte. Eine Reise zu Jean Michel Jarre, der sagt: "Rettet das Tote Meer! Jetzt!"

Vor eineinhalb Jahren hat Jean Michel Jarre das Tote Meer besucht, da war noch etwas "mehr Meer" als heute. Genauer gesagt war es ein Meter mehr. Und weil er den Rückgang dieses wichtigen Kultur- und Naturerbes als höchstgradig bedrohlich ansieht, will er zu seiner Rettung beitragen. Und dafür scheint ihm kein Weg zu weit, kein Wind zu heftig, keine Bedingung zu hart zu sein. Deshalb also ein Konzert "in der Wüste".

Show der Superlative dank eines eines unermüdlichen Musikliebhabers.
Show der Superlative dank eines eines unermüdlichen Musikliebhabers.(Foto: REUTERS)

Ein Konzert von Jean Michel Jarre ist immer bombastisch, aber was er jetzt - vor historischer Kulisse zu Füßen der Festung Masada kurz vor Pessach - gestemmt hat, ist überwältigend. "Ich bin wirklich froh, heute hier zu sein, und ich widme dieses Konzert einem der größten und schönsten "Weltwunder" - dem Toten Meer", ruft der agile 68-Jährige den Zehntausend Fans zu, die aus Jerusalem, Tel Aviv, Haifa und von überall auf der Welt gekommen sind, um diesem einmaligen Erlebnis beizuwohnen.

An die 250 Mitarbeiter sorgten eine Woche lang für den reibungslosen Aufbau einer Bühne, die gigantischer nicht sein könnte und die in ihrer Perfektion nur dem Ort Tribut zollt, an dem das Konzert stattfindet: vor den Toren des Weltkulturerbes Masada, am Südwestende des Toten Meeres, an der Grenze zur Negev-Wüste, am Rande des Jordangrabens. Noch mehr Superlative? Masada, dieser Tafelberg und Ort militärischer Bedeutung, ein Ort, der für den Dreh von "Jesus Christ Superstar" Kulisse war, der Ort, an dem die Eröffnung einer McDonalds-Filiale noch für echte Proteste sorgte, dieser Ort ist der Schauplatz für das Konzert eines Ausmaßes, wie es nur der "Godfather der Elektromusik" auf die Beine stellen kann. Allein 25 Laser und 512 Scheinwerfer, gepaart mit 500 Metern LED-Leinwand und dem türkisblauen Licht am Boden, das diesem Monster von Bühne eine Leichtigkeit verpasst, als schwebe sie im Meer.

"Oxygène" - lebensnotwendig!

Drohne Igor hat alles im Blick.
Drohne Igor hat alles im Blick.(Foto: Jean Michel Jarre)

Nachdem der Wind sich gelegt hatte - um es korrekt zu sagen, der Sturm - der fast drohte, alles abbrechen zu müssen, betrat der Maestro pünktlich um 23.05 Uhr, wie angekündigt, die Bühne. Nur ein leichter Wind, Kamera-Drohne "Igor" und Laserstrahlen, die so wirkten, als ob sie andere, weit entfernte Planeten erhellen könnten, unterbrechen den Sound, der selbst ein Totes Meer wieder zum Leben erwecken sollte. Und das ist auch seine Absicht: "Make some noise", ruft Jarre seinen beseelten Fans zu, und die kommen seinem Wunsch nach und sind laut. "Wir sind hier an einem Ort, der den höchsten Sauerstoffgehalt auf der Erde hat", klärt Jarre die alten und nicht ganz so alten Elektro-Jünger auf. Was liegt da näher, als seinen 40 Jahre alten Klassiker "Oxygène" in neuem Gewand zu präsentieren?

Nachmittags darauf angesprochen, warum er sich solche bombastischen Shows noch immer zumutet, erklärt er dem französischen RTL-Kollegen: "Wissen Sie, ich bin aus Lyon, und dorthin kam in meiner Kindheit ein Wanderzirkus, der innerhalb kürzester Zeit auf- und wieder abbaute. Nach heutigem Maßstab denkt man, das lohnt sich nicht, aber es ist eine meiner nachhaltigsten Erinnerungen. Und solche Erinnerungen möchte ich auch schaffen." Man traut diesem Mann alles zu: er hat in weniger als zwei Jahren drei neue Alben herausgebracht, er ist mit Leib und Seele Musiker, der sich junge Kollegen und Wegbegleiter ins Studio holt und auch dem Letzten mit Engelsgeduld nochmal erklärt, was ihn antreibt. "Mein Alter hat überhaupt nichts zu bedeuten. Der Künstler Pierre Soulages ist 97 - und wissen Sie, welche seiner Arbeiten am interessantesten sind? Die der letzten zehn Jahre." Lacht und fährt fort: "Ich spiele hier natürlich Stücke meiner letzten Alben, aber ich habe auch extra Songs für Israel komponiert." Dabei habe er sich von den Geräuschen rund ums das Tote Meer inspirieren lassen.

Gegen Trump, für die Zukunft

Das Tote Meer, einzigartig; die Kulisse - umwerfend.
Das Tote Meer, einzigartig; die Kulisse - umwerfend.(Foto: REUTERS)

Aber nicht nur um die Musik geht es ihm, es geht auch gegen alle Trumps dieser Welt! Gegen alle, die so tun, als gäbe es keine Umweltverschmutzung, als wäre Ökologie ein vernachlässigenswertes Thema, als müssten wir uns nicht um die Zukunft unserer Kinder und Kindeskinder Gedanken machen! Richtig wütend wird er, wenn er über dieses Thema spricht: "Keine Zukunft ohne Vergangenheit, und keine Zukunft für das Tote Meer, wenn wir nicht aufhören, es auszubeuten. Bald werden wir nach Jordanien laufen können", malt er den Teufel an die Wand.

Nicht, dass es schlecht wäre, in Israel ein paar Mauern einzureißen, aber das ist ein anderes Thema. Denn trotz aller Schwierigkeiten ist Israel ein großartiges Reiseland. So grün, vor allem im April, so lebendig, so klar. Tel Aviv, die junge Schöne am Meer; Jerusalem, geschichtsträchtig und ihrer religiösen Vielfalt doch fast einträchtig. Die Luft scheint voller "Ahava" - Liebe zu sein, und voller Salz, Öl, Gras, Sand. Kurz vor Jean Michel Jarres Konzertbeginn sagt eine Frauenstimme aus dem Off: "The weather is looking good" - dass das keine Selbstverständlichkeit ist, haben wir an diesem Abend zwar gemerkt - da der Wind das Konzert fast verhindert hätte - dennoch scheint Israel ein von der Sonne verwöhntes Land zu sein.

"The Show ist about to begin in five minutes" sagt die Lautsprecher-Frauenstimme jetzt, und wir denken daran, dass es quasi fünf vor zwölf ist. Noch ist Zeit, etwas zu verändern, das Tote Meer beispielsweise in die Liste des Unesco-Welterbes aufnehmen zu lassen. Jarre zumindest, der schon Konzerte vor den ägyptischen Pyramiden gegeben hat, auf dem Roten Platz in Moskau und vor dem Eiffelturm in Paris, geht immer noch seinen Weg und auch gerne Risiken ein. "Wir entwickeln uns weiter, und was ich hier am Totem Meer zeige, ist 3D ohne 3D-Brille", lacht er.

Die besondere Zusammensetzung der Luft, die Besonderheit Israels und insbesondere der Gegend am Toten Meer, versetzen den Franzosen anscheinend fast in eine philosophisch-religiöse Stimmung. "Wenn mich übrigens einer fragen sollte, ob ich eine Show auf dem Mond machen würde - ich würde keine Sekunde zögern und ja sagen."

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Quelle: n-tv.de

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