Unterhaltung

Muss man gehört haben: Kate Bush: Hohepriesterin der Exzentrik

Von Anja Kleinelanghorst

Als Kate Bush vor einigen Monaten ihre erste Konzertreihe nach 35 Jahren ankündigte, musste man nur blinzeln und die Karten waren ausverkauft. Zu Recht, denn die Britin hat im Laufe ihrer Karriere geniale Werke abgeliefert.

Mochten andere Teenager in den 1970er-Jahren noch auf ihrem Klavier klimpern, da komponiert Kate Bush schon exzellente Songs. Durch Freunde der Familie landen sie bei David Gilmour von Pink Floyd, der das Talent gleich erkennt und ihr zu einem schicken Demo-Tape verhilft, das ihr wiederum mit 16 Jahren einen Plattenvertrag einbringt.

Kate Bush im Aerobic-Look 1978: Ihr Debütalbum erscheint.
Kate Bush im Aerobic-Look 1978: Ihr Debütalbum erscheint.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Es dauert aber noch zwei Jahre, bis das Debüt 'The Kick Inside" 1978 erscheint, denn die Verantwortlichen wollten dem jungen Mädchen Zeit geben, erwachsen zu werden und sich dem Druck einer Musikkarriere zu stellen. In dieser Zeit lernt das Ausnahmetalent Ausdruckstanz und tourt unter anderem mit seinem Bruder auf den kleineren Bühnen Großbritanniens.

Sie weiß, was sie will

Dann lässt Kate "Wuthering Heights" auf die Menschheit los, die sich erstmal die Augen reibt, denn so etwas hatte man noch nicht gehört. Da ist vor allem die hohe Stimme der Britin, die man entweder mag oder nicht - ein Dazwischen gibt es nicht. Der Text zeugt von Belesenheit - sie bezieht sich hier auf den Klassiker "Sturmhöhe" von Emily Bronté. Alles eingepackt in schönstem Barock-Pop, den sie selbst komponiert hat - im Teenageralter! Bush weiß, was sie will und besteht darauf, dass das eher sperrige "Wuthering Heights" als Single ausgekoppelt wird - der Erfolg gibt ihr recht, denn das Lied wird zu einem internationalen Hit und kurbelt den Verkauf der dazugehörigen LP "The Kick Inside" an.

Die Plattenbosse wollen den Erfolg so schnell wie möglich wiederholen und im selben Jahr erscheint "Lion Heart", das aber von der Qualität nicht an das Debüt heranreicht. Es ist das so oft zitierte "schwierige zweite Album" und auch Bush ist enttäuscht - sie hätte sich mehr Zeit gewünscht und hält einzig die Single "Wow" für gelungen. 1979 geht der neue Chart-Star auf Tournee und präsentiert, wie es sich gehört, eine aufwändige Bühnenshow. Aber der dazugehörige Rummel gefällt der jungen Frau gar nicht - erst 35 Jahre später traut sie sich wieder an eine Tour, auch wenn es 22 Konzerte am selben Ort sind.

Von wegen "Eijajaja Babooshka"

Verwuschelt, ernster Blick: Kate Bush 1980.
Verwuschelt, ernster Blick: Kate Bush 1980.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Musikalisch entwickelt sich Kate Bush damals weiter. Sie produziert 1980 ihr nächstes Album "Never For Ever" selbst - mit Hilfe des Toningenieurs Jon Kelly. Zu dem Zeitpunkt ist sie gerade mal 22 Jahre alt und schreibt Geschichte, denn ihr Werk erobert die Spitze der britischen Charts - es ist das erste Mal, dass dies einer Frau mit selbst geschriebenen Liedern gelingt. Auf "Never For Ever" findet sich auch einer ihrer größten Hits - "Babooshka", der nicht von einer russischen Großmutter handelt, wie die Autorin dieser Zeilen lange Zeit dachte. Selbige Autorin wurde auch von ihrem britischen Gatten leicht genervt darauf hingewiesen, dass es nicht "Eijajaja Babooshka" im Refrain heißt, sondern "All Yours Babooshka".

Was soll man sagen - die Kompositionen von Kate Bush sind manchmal nicht von dieser Welt, so schön sind sie, aber Himmel: die Frau murmelt sich manchmal einen in ihren nicht vorhandenen Bart! Doch zurück zu "Never For Ever" - waren die ersten beiden Alben noch von orchestralen Klängen geprägt, entdeckt die Künstlerin den Synthesizer und Drum Machines, die sie fortan nicht mehr missen möchte.

Selbst ist die Frau

Der Synthesizer bestimmt auch den Sound von "The Dreaming", das 1982 erscheint und mit dem leicht irre klingenden Stakkato-Wirbel "Sat In Your Lap" beginnt. Dieser schräge Unterton zieht sich durch die gesamte Produktion - das ist wenig Singles-Charts-Material. Die Plattenfirma ist ein wenig verstimmt und Bush zieht ihre Konsequenzen: Sie baut sich ihr eigenes Studio, wo sie nach Lust und Laune schalten und walten kann und ihr keiner über die Schulter schaut. Und wieder gibt ihr der Erfolg recht, denn mit "Hounds of Love" schafft sie 1985 ein kleines Meisterwerk, das mit "Running Up That Hill", "Cloudbusting", "Hounds of Love" und "Big Sky" vier erfolgreiche Singles abliefert - die allesamt von aufwändigen Musikvideos begleitet werden.

Mag Kate Bush die Lust auf Bühnenshows verloren haben - in den Videos geht sie ganz auf, hier kann sie sich durch Tanzkunst ausdrücken und ihre Geschichten in einem anderen Medium neu erzählen. Um Millionen Platten zu verkaufen, muss man ab und zu sein Gesicht zeigen und das kann man eben auch auf künstlerische Art und Weise machen.

1989 veröffentlicht die Musikerin mit "The Sensual World" ihr sechstes Studio-Album und schwärmt in einem Interview, dass sie noch nie so viel "weibliche Energie" in einer Produktion spürte. Vielleicht liegt es an den älteren Damen des Trios Bulgarka, das mit seinen osteuropäischen Stimmen den passenden Background-Gesang liefert und trotzdem prächtig mit den irischen Geigen harmoniert. Bush holt sich große Namen für die Produktion: Ihr früherer Mentor David Gilmour packt seine Gitarre aus und Nigel Kennedy brilliert an der Geige. "The Sensual World" wirkt im Ganzen ruhiger als das Erfolgsalbum "Hounds of Love".

Eine "musikalische Garbo"

Ein Hauch von Melancholie umweht auch "The Red Shoes", das 1993 erscheint. In der Ballade "Moments of Pleasure" erinnert Kate Bush an verstorbene Freunde wie den Gitarristen Alan Murphy. Wie schon bei "The Sensual World" agieren hier Hochkaräter - mit Prince schreibt sie "Why Should I Love You?" und kein Geringerer als Eric Clapton spielt Gitarre bei "The Song of Solomon". "The Red Shoes" gehört trotzdem nicht zu den stärksten Arbeiten, denn es wirkt ein wenig zu gefällig, fast normal - und normal möchte man von einer Kate Bush nicht hören. Es dauert ewig, bis sie sich wieder mit einem neuen Album zurückmeldet. Genauer gesagt - zwölf Jahre, in denen sich die Britin nur sporadisch der Öffentlichkeit zeigt! Die Regenbogenpresse rätselt, macht sie zu einer "musikalischen Garbo" und erfindet abstruse Geschichten über ihr Leben. Ihr alter Freund Peter Gabriel, mit der sie 1985 das zeitlose Duett "Don't Give Up" aufnimmt, löst das Rätsel auf und plaudert aus, dass sie nun Mama sei und sich ganz auf die Erziehung ihres Sohnes Bertie konzentriert.

Kate Bush meldete sich 2005 nach 12 Jahren mit dem Album "Aerial" im Musikgeschäft zurück.
Kate Bush meldete sich 2005 nach 12 Jahren mit dem Album "Aerial" im Musikgeschäft zurück.(Foto: dpa)

Besagter Spross wird 2005 auf dem Doppelalbum "Aerial" in dem Song "Bertie" in höchsten Tönen besungen. Die Produktion teilt sich auf, die zweite Platte "A Sky of Honey" beschreibt einen einzigen Sommertag, man hört echte Vögel, dann wieder Bush, wie sie Vogelstimmen imitiert - sehr exzentrisch und bezaubernd. Da passt es auch, dass sich unter den Liedern der ersten Platte ein Song befindet, bei dem die Engländerin die Zahl π bis zu ihrer 138. Dezimalstelle besingt - und das ist tatsächlich sehr hörenswert. Das ätherische "Aerial" findet Gefallen bei Kritiker und Fans - die lange Wartezeit hat sich also gelohnt.

Für ihr nächstes Werk denkt sich Kate Bush etwas Besonderes aus - für "Director's Cut" besucht sie alte Songs von 'The Sensual World" sowie "The Red Shoes" und poliert sie wieder auf, liefert dazu neue Texte und singt einiges neu ein und zwar wesentlich tiefer als im Original. Die Lieder bekommen einen neuen Mix: Während andere Künstler ihre alten, analog aufgenommenen Alben digital bearbeiten, arbeitet die Sängerin genau umgekehrt. Der digitale Sound der alten Songs habe ihr nie gefallen - sie bevorzugt den warmen analogen Klang. Bei "The Sensual World" darf sie den Text aus "Ulysses" von James Joyce benutzen. Das war ihr beim Original nicht erlaubt worden, aber die Joyce-Erben haben ein Einsehen und so darf Bush endlich ihren Traum erfüllen und den Schriftsteller in voller Länge zitieren - das Lied wird in "Flower of the Mountain" umbenannt.

Obskur, exzentrisch und schräg

2011 ist ein gutes Jahr für ihre Fans, denn im November erscheint mit "50 Words for Snow" weiteres neues Material von Kate Bush. Es ist eine Familienangelegenheit, denn Bertie singt hier mit und seine hohe Jungenstimme bietet den passenden Rahmen für "Snowflake", der Geschichte einer Schneeflocke. Wie bei vielen Kompositionen von Bush gibt es auch Raum für das gesprochene Wort, das in einen erlesenen sphärischen Klangteppich eingebunden wird. Auch wenn der Gegenstand eher Kälte assoziiert, beeindruckt "50 Words for Snow" als ein sehr warmherziges Album, bei dem Geschichten von obskuren Gestalten wie dem Yeti erzählt werden.

Obskur, exzentrisch und schräg konnte Kate Bush schon immer gut und es ist wunderbar, dass sie ab dem 26. August 2014 ihre Kunst in London wieder einem Live-Publikum präsentiert. Die Erwartungen sind hoch - wie man es sich bei einem Bühnen-Comeback nach 35 Jahren vorstellen kann. Es wäre fantastisch, wenn Kate Bush nach den 22 Konzerten im Hammersmith Apollo wieder Gefallen an einer Tour finden und sich auch auf deutschen Bühnen zeigen würde. Wenig wahrscheinlich, aber man darf ja noch träumen dürfen.

Zugabe:

Eine so private Person wie Kate Bush ist schwer zu knacken - selbst wenn sie eines ihrer seltenen Interviews gibt, wird man kaum etwas über den Menschen hinter den Liedern erfahren. Da passt sie sehr auf und entzieht sich aufdringlichen Fragen. Bücher über die Künstlerin müssen also ohne ihren Input auskommen. "Kate Bush: Under The Ivy" von Graeme Thompson greift deshalb auch auf Freunde der Sängerin zurück, um sich dieser sehr scheuen Person zu nähern. Ein überzeugendes Porträt.

Mit ihrer oft experimentellen Musik, den esoterischen Texten und dem unbedingten Willen, die totale Kontrolle über ihr künstlerisches Werk zu haben, könnte man meinen, dass Kate Bush eher zu den humorlosen Gestalten zählt. Dem ist aber nicht so, da muss man sich auf YouTube nur ihr Duett "Do Bears" mit Rowan "Mr Bean" Atkinson anschauen - wunderbar! Auf YouTube finden sich auch die schönen alten Videos aus den 80er-Jahren: "Cloudbusting" mit Donald Sutherland als Regenmacher - immer wieder ein Fest. Es gibt auch neue Filme auf dem offiziellen YouTube-Channel von Kate Bush und sie lohnen sich ebenfalls.

Quelle: n-tv.de

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